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Wie die Deutschen 1939 an Krieg gewöhnt wurden
#1
Junge Welt

Zitat:Am 1. September 1939 vermied die Nazipropaganda strikt das Wort »Krieg«.
Anders als von Hitler befohlen, schrie »Volkes Stimme« nicht nach ihm


[Bild: 85918.jpg]
Berlin, 8. September 1939: »In der Osnabrücker Straße findet sich dieses vorbildliche Hinweisschild zum nächsten Luftschutzraum« – damalige Bildunterschrift. 2016 redet das deutsche Regierungskonzept für »zivile Verteidigung« nur noch von »Ausweichquartieren« und die Bundesrepublik führt angeblich keine Kriege

Am 18. August starb der Historiker Kurt Pätzold. Am 1. September 2009 veröffentlichte er in jW einen Artikel zum Beginn des Zweiten Weltkrieges 70 Jahre zuvor. Ein Auszug:

Die Leser des Stuttgarter Neuen Tageblattes, einer Zeitung, nicht anders als alle anderen deutschen vom Goebbels-Ministerium »für Volksaufklärung und Propaganda« gelenkt, lasen in der Ausgabe vom 17. September 1939 »Zehn Gebote für die Heimatfront«. Das erste lautete: »Du sollst unter allen Umständen deine Ruhe bewahren.« (…) Was da stand, ordnete sich in die von der Führungsspitze des Reiches vorgegebene und strikt zu befolgende Taktik ein. Sie zielte darauf, den »Volksgenossen« zu vernebeln, was die Entscheidung des 1. September 1939 mit dem Einfall der deutschen Wehrmachtstruppen ins Nachbarland Polen für sie, ihr Leib und Leben, ihr Hab und Gut bedeutete und welche Folgen sich aus dem Kriegsbeginn ergeben könnten. Sie würden, so das Kalkül, das peu à peu schon selbst bemerken und sich an den Alltag des Krieges gewöhnen.

Zu dieser Taktik gehörte, dass von der Propaganda zunächst sogar das Wort Krieg vermieden wurde. Das gab Hitler selbst in seiner Rede am Morgen des 1. September vor, die er den »Männern des Deutschen Reichstags« hielt. Mit der Lüge vom polnischen Angriff auf deutsches Staatsgebiet wurde die »Antwort« verbunden, dass nun »Gewalt gegen Gewalt« gesetzt und das Reich geschützt werde. Die Berichte in den Zeitungen und im Rundfunk sprachen auch in den folgenden Tagen noch von einer »Auseinandersetzung« oder von einem »Kampf«. (…)

Die Wortwahl änderte sich, als der Kriegseintritt Großbritanniens und Frankreichs (3. September 1939) gemeldet und kommentiert wurde. Jetzt lautete die Aufmachung »Die Westmächte brechen den europäischen Frieden«, als hätte sich Deutschlands Überfall auf Polen auf einem anderen Kontinent zugetragen. England sei der »Weltfriedensbrecher«. In diesen Kontexten wurde nun von Krieg und Frieden geschrieben, der »Kriegspartei« auf gegnerischer Seite und deren »brutaler Gewaltpolitik«. (…) Das Bild, das die Propaganda von den Ursachen des Zweiten Weltkriegs zeichnete, stellte England als den einzigen Kriegsinteressenten dar, der, um einen Vorwand für dessen Eröffnung zu erhalten, Polen zu seinem angeblich provokatorischen und aggressiven Kurs angefeuert habe. Die britische Politik, so wurde nun, einen kühnen Geschichtsbogen schlagend, behauptet, sei seit der Reichsgründung 1871 darauf gerichtet gewesen, Deutschland klein und ohnmächtig zu halten. Darauf sei bereits der Weltkrieg von 1914 englischerseits gerichtet gewesen. (…)

Deutschland hingegen müsse nun einen »Verteidigungskampf« führen, der bald auch »Existenzkampf« genannt wurde, denn England sei von einem »Vernichtungswillen« angetrieben. Schon wenig später war das sprachliche Horrorbild mit unübertrefflichem Vokabular ausgemalt: »Deutschland soll ausgerottet werden«. Um den Verdacht eigener Kriegsinteressen vollends zurückzuweisen, wurde beteuert: Das deutsche Volk könne sich darauf verlassen, im eigenen Lande werde niemand an diesem Krieg etwas verdienen. »Ernst und entschlossen«, das waren fortan die am meisten benutzten Wörter, mit denen das gewünschte Verhalten der »Volksgenossen« im Kriege bezeichnet und beschrieben wurde. Am besten täten die Deutschen, wenn sie über den Krieg nicht redeten. (…)

Die Beteuerung deutschen Friedenswillens (…) verband sich indirekt mit dem Eingeständnis der Führung, dass die nahezu vor Jahresfrist von Hitler vor 400 Presseleuten ausgesprochene Forderung sich nicht hatte erfüllen lassen. Die sollten den Deutschen die internationalen Verhältnisse so darstellen, dass sie sich von der Vorstellung lösten, alle Ziele könnten auf friedlichem Wege erreicht werden. Die sollten es dahin bringen, dass die Volksseele schließlich nach Gewalt zu schreien beginne.

Diese Stimmen hatten sich jedoch nicht erhoben. Die Massen wünschten weiter in Frieden zu leben, und bis in die Tage, da die Spitze der Staatsführung und der Streitkräfte kaum noch mit anderem befasst gewesen war als mit der Vorbereitung des Krieges gegen Polen, war ihnen ja auch versichert worden, dass eben dies erstrebt werde. (…)

Am 1. September 1939 war die Bevölkerung überrumpelt worden, aber nicht unverschuldet. Die antinazistische Losung des Jahres 1932 »Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler, und wer Hitler wählt, wählt Krieg« hatte sich im ersten Schritt am 30. Januar 1933 und im zweiten am ersten Septembertag 1939 vollständig bewahrheitet.
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