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#LinkeMeToo
#1
Zitat:»Entweder wir brechen das jetzt, oder die Partei bricht«

#METOO
Bei der hessischen Linken soll es über Jahre zu sexuellen Übergriffen gekommen sein. Nun äußern sich Betroffene und erheben schwere Vorwürfe – auch die Bundesvorsitzende Janine Wissler muss sich unbequemen Fragen stellen.


Sie posiert auf einem langen Konferenztisch, enges T-Shirt, kurzer Rock, graue Kniestrümpfe. Auf einem der Fotos spreizt sie die Beine. Die Frau lächelt nicht. Das Gebäude, in dem die Aufnahmen entstehen, ist der Sitz des Hessischen Landtags. Der Mann, der die Fotos mutmaßlich schießt, ist ein einflussreiches Mitglied der Wiesbadener Linkspartei. Die Frau ist minderjährig.

Später wird sie den Politiker unter anderem wegen Nötigung und Beleidigung anzeigen und sich aus allen politischen Kreisen zurückziehen. Sie wird dafür kämpfen, dass die Linkspartei etwas ändern muss. Und sie ist nicht die Einzige.

Der SPIEGEL hat mit zehn Frauen und Männern gesprochen, die vor allem Vorwürfe gegen Mitglieder der hessischen Linken erheben. Nicht alle der mutmaßlich Betrof-fenen kennen sich, aber fast alle sind ausder Linkspartei und deren Jugendorganisation ’solid ausgetreten. Politische Interessenoder eine Agenda weisen sie von sich.

In Fällen sexualisierter Gewalt steht meistAussage gegen Aussage. Doch es gibt Chat-verläufe, Fotos, E-Mails, eidesstattliche Ver-sicherungen der Betroffenen und weitereDokumente, die Hinweise auf mutmaßlicheGrenzüberschreitungen, Machtmissbrauchund eine toxische Machokultur liefern. Siezeichnen das Bild einer Partei, die Betroffenezu selten unterstützt und möglichen Täternkaum Einhalt geboten hat. Fraktionsvorsit-zende der Linken in Hessen war zu der ZeitJanine Wissler, heute eine von zwei Bundesvorsitzenden. Die Betroffenen erheben nunihre Stimmen im Netz, der Hashtag dazu lautet: #LinkeMeToo.

Die Minderjährige, die auf den Fotos posiert, ist heute 22 Jahre alt, Hannah Maas*. Sie studiert Jura und arbeitet nebenher in einer Kanzlei. Im Spätsommer 2017 habe sie den 24 Jahre älteren Bundestagskandidaten Adrian G. bei einer Podiumsdiskussion kennengelernt, erzählt sie. Aus Wiesbadener Parteikreisen heißt es, der Mann sei 2015 geholt worden, um einen »zerrütteten Kreisverband zu retten«. Er sei energiegeladen, ein guter Netzwerker, eine Art »Idol«. Wegbegleiter beschreiben ihn jedoch auch als jemanden mitausgeprägtem Kontrollbedürfnis und »Pulverfassmentalität«.

Als Hannah Maas ihn kennenlernt, arbeitet er für die Fraktion der Linken im Hessischen Landtag. G. ist Mitglied im Wiesbadener Kreis- und im hessischen Landesvorstand. Und er ist damals offenbar der Partner von Janine Wissler. Öffentlich sprechen die beiden nicht über ihre Beziehung, aus Parteikreisen heißt es jedoch, sie sei »ein offenes Geheimnis« gewesen.

Maas sagt, G. sei am Anfang charmant und einnehmend gewesen. »Es hat mir geschmeichelt, dass er sich für mich interessierte.« Kurz darauf schlafen sie miteinander. Für Hannah Maas ist es das erste Mal. Sie und G. beginnen eine Affäre.

Anfang 2018 fängt Maas ein Praktikum in der linken Stadtfraktion in Wiesbaden an, G. habe es ihr vorgeschlagen, sagt sie. Er habe einen Karriereplan für sie aufgestellt: Politikwissenschaftsstudium mit 17, danach ein Platz auf einer kommunalen Wahlliste und Bewerbung für den Kreisvorstand. »Adrian sagte sinngemäß: ›Du bist schwarz, du bist jung, du bist eine Frau, du wirst es in dieser Partei weit bringen.‹« G. bestreitet diese Darstellung.

Maas sagt, kurze Zeit später habe G. mit einer auf sein Bett gerichteten Kamera auf sie gewartet. Sie habe nicht gewollt, dass er sie beim Sex filmte. Doch aus Angst habe sie mitgemacht. G. soll ihr zugesichert haben, dass sie die Speicherkarte der Kamera danach mit nach Hause nehmen dürfe. »Aber zwischendrin nahm er das Handy vom Nachttisch und begann, mich auch damit zu filmen.« Zu diesem Zeitpunkt ist Maas noch immer minderjährig.

Im Chat mit einem Bekannten prahlt G. damit, eine Affäre mit einer solch jungen Frau zu haben: »Dem Typ nach Mitte-Ende 20, mit ihr sprechen und ins Gesicht schauen etwa 20, real wird sie im April 18. Sag nix, es ist irre«, schreibt er. Sein Chatpartner feiert ihn: »Du Hengst! Du Sugardaddy! Du Roman Polanski!«

Ein paar Monate später endet das Verhältnis, Hannah Maas wollte eine Beziehung, Adrian G. nicht. Danach, so Maas, habe er sie bei einer Feier im Landtag auf die Toilette verfolgt und versucht, sie zu küssen, was G. in Abrede stellt. Sie habe an diesem Abend das Gespräch mit Janine Wissler gesucht, sagt Maas, doch G. sei dazwischengeplatzt. Zu Hause habe sie einen Screenshot aus einer Chatkommunikation zwischen ihr und G., der das Verhältnis belegen soll, an Wissler geschickt. Eine Antwort habe sie nicht bekommen.

An einem Abend im August 2018 schreibt Maas per Mail: »Neues Kapitel, Adrian. Du hast genug gemacht, um mich von Dir wegzuziehen.« In der Nacht sei G. unangekündigt über den Balkon in ihre Wohnung eingestiegen, sagt Maas. G. erklärt, sie habe ihn hineingelassen. Danach sollen sie lange diskutiert haben, auch darüber, ob G. mit Maas schlafen dürfe. Sie habe nachgegeben. »Ich wusste, wenn ich das mache, geht er wieder.«

Am nächsten Tag schreibt G.: »Mir hat es krass gutgetan, ich fand es crazy, romantisch, prickelnd (...) Natürlich ist Janine durchgedreht, hatte seit 1:30 Uhr 10 Mal angerufen und bei Rückkehr mein Handy gescannt.« Hannah Maas leitet die E-Mail an Wissler weiter. Dazu schreibt sie: »Entschuldige das hier bitte, Janine, aber ich drehe endgültig durch, wenn Adrian nochmal nachts plötzlich auf meinem Balkon steht und das romantisch nennt.« Daraufhin habe sie zweimal mit Wissler telefoniert, sagt Maas. Die Politikerin habe zugehört, aber »versucht, vom Thema abzulenken«.

Warum hat Wissler parteiintern niemandem gemeldet, dass G. nachts auf den Balkon einer Genossin gestiegen sein soll? Hat sie die junge Frau nicht ernst genommen? Hat sie ihren Partner etwa geschützt?

Wissler äußert sich auf Anfrage nicht konkret zu Maas’ Mail und den Telefonaten. Sie erklärt, dass Maas ihr gegenüber nicht von einem »Machtmissbrauch« oder »sexuellen Übergriffen« gesprochen und sie nicht aufgefordert habe einzugreifen. Der Altersunterschied zwischen Adrian G. und Maas sei ihr aber »aufgefallen«.

Eine sehr junge Parteinovizin informiert also die Fraktionschefin darüber, dass ein Mitglied des Landesvorstands nachts auf ihrem Balkon stand, das Ganze »crazy, romantisch, prickelnd« nannte, und die Politikerin tut: nichts?

Hannah Maas trifft sich noch ein halbes Jahr nach dem Balkonvorfall mit G. Die beiden streiten häufig und heftig, einmal habe sie die Polizei gerufen, die Beamten ermitteln wegen Körperverletzung. Das Verfahren wird mangels hinreichenden Tatverdachts eingestellt, so wie auch Maas’ spätere Anzeigen wegen Nötigung und Beleidigung. Im Frühsommer 2019 trennen sich Hannah Maas und Adrian G. endgültig, Maas zieht sich aus der linken Szene zurück.

G.s Antworten auf Fragen des SPIEGEL deuten darauf hin, dass sich der ehemalige Bundestagskandidat keines Fehlverhaltens bewusst ist. Er erklärt, es gehe den SPIEGEL nichts an, »mit wem ich sexuellen Kontakt hatte und habe«, die Vorwürfe von Hannah Maas »entbehren jeder Grundlage«. Auf Fragen zu den Foto- und Videoaufnahmen, die er von der minderjährigen Maas angefertigt haben soll, geht er nicht ein, nennt die Darstellung der 24 Jahre jüngeren Frau schlicht »falsch«.

Im November 2021 drängen Gerüchte über G. erstmals an die Öffentlichkeit. Die Studentin Michelle Rau*, die selbst angibt, von Parteimitgliedern sexuell belästigt worden zu sein, erhebt schwere Vorwürfe gegen Wiesbadener Genossen. In einem Instagram-Post schreibt sie unter anderem: »Der geheime Freund von Janine Wissler, Adrian G., hatte während deren Beziehung Sex mit einer minderjährigen Person.« Hannah Maas entscheidet, sich ebenfalls auf Instagram zu äußern. Und ruft andere Betroffene auf, sich zu melden.

Eine von ihnen ist Antonia Coen*. Sie ist 17, als sie 2019 der Linksjugend beitritt. In dieser Zeit lernt sie einen Politiker in Wiesbaden kennen. Der Mann ludhäufig zu Partys in seiner Wohnung ein, zu den Gästen zählten neben Freunden und Coen auch weitere Mitglieder der Linksjugend. An diesen Abenden wurde auch ein Trinkspiel gespielt, eine Art »Wahrheit oder Pflicht« für das Smartphone. Coen sagt, sie habe mitgemacht, obwohl sie sich furchtbar unwohl gefühlt habe. Eine der Aufgaben, so erzählt sie es heute, habe gelautet: »Die Person, die Antonia als Erstes an die Brüste fasst, darf Schlücke verteilen.« Der Politiker erklärt, solche Aufgaben habe es nie gegeben. Coen sagt, der Mann habe ihr oft die Hand aufs Bein gelegt, sie nach Sex oder einer Freundschaft mit Extras gefragt. Auch das bestreitet er.

Als sich etwa ein Jahr später ihr Freund von ihr trennt, lädt ein Mitglied des Wiesbadener Kreisvorstands sie zum »Frustsaufen« in seine Wohnung ein, erzählt Coen. Zunächst habe der Mann sich verständnisvoll gegeben, sagt Coen. Dann aber habe er angefangen, ihre Brüste anzufassen und sie zu küssen. Es kam zum Sex, von dem Coen heute sagt, dass sie ihn nicht wollte, aber keine Kraft hatte, den Mann zurückzuweisen. Der Politiker erklärt, der Verkehr sei einvernehmlich gewesen. Coen habe sich am Tag darauf bedankt, dass er an dem Abend »fürsorglich und verständnisvoll« gewesen sei.

Doch im November 2021 wendet sich Coen an die linke Vorsitzende des Ausschusses für Frauen und Gleichstellung in der Wiesbadener Stadtfraktion und bittet um ein Gespräch. Die Genossin lehnt ab, »da die Vorwürfe bereits Gegenstand juristischer Prüfung« seien. Sie bezieht sich damit auf Raus Anschuldigungen, gegen die Beschuldigte später Unterlassungsansprüche erwirken. Nach Coens Erlebnissen fragt die Sprecherin nicht. Eine Anfrage des SPIEGEL lässt sie unbeantwortet.

Das einstige Linksjugendmitglied Alexander Stück wendet sich ebenfalls hilfesuchend an die Partei. Stück wirft dem damaligen linken Bundestagsabgeordneten Achim K. aus Hessen vor, ihn bei einem Termin im Oktober 2018 bedrängt zu haben. Der damals 54-Jährige sei dem 19-Jährigen immer näher gerückt, habe seine Hand erst auf dessen Oberschenkel und dann in dessen Schritt gelegt. K. nennt die Darstellung »unzutreffend« und erklärt, es habe »keinerlei Körperkontakt während des gesamten Gesprächs gegeben«. Eine Mitarbeiterin des Abgeordneten, die bei dem Termin dabei war, bestätigt dies.

Im Februar 2019 schildert Stück seine Eindrücke einem Mitglied des geschäftsführenden Landesvorstands. »Sie sagte: Lass es, es schadet der Partei, und es schadet dir. Du wirst dort nichts, wenn du darüber sprichst.« Die ehemalige Vorständin erklärt in einer Mail an die Bundessprecherin der Linksjugend, dass der Landesvorstand und auch die damalige Fraktionsvorsitzende Wissler über die Anschuldigungen insbesondere gegen hessische Parteimitglieder frühzeitig informiert gewesen sei. Sie spricht von einer »Kultur der falschen Solidarität mit den Tätern«. Der Landesvorstand erklärt, die in der Mail zitierten Vorwürfe seien ihm unbekannt. Man habe erstmals im November 2021 über die sozialen Netzwerke von Vorwürfen gegen Mitglieder der Linken in Wiesbaden erfahren.

Als diese Anschuldigungen auf ­Social-Media-Plattformen diskutiert werden, schweigt die Partei zunächst. Erst Ende Januar kontaktiert der Wiesbadener Kreisvorstand Hannah Maas und Michelle Rau per Instagram. »Über Vorwürfe wollte ich vor Jahren reden, als jeder weggeschaut hat«, postet Maas daraufhin. »Jetzt will ich junge Frauen vor linken Mitgliedern, Vorständen, Politikern und Mitarbeitern schützen. #LinkeMeToo.«

Ein vertrauliches Dokument aus dem Kreisvorstand zeigt: Im Hintergrund arbeitet die Partei an einer Verteidigungslinie: »28.01.2022. Adrian (G. –Red.) schlägt vor, schon mal zu sammeln: Was spricht für das Verhalten der Partei in diesem Konflikt. Er sagt, man müsse Beschuldigungen konkret zurückweisen (...).« Der Kreisvorsitzende bezeichnet das Dokument mit dem Titel »Handout Vorwürfe sexualisierter Gewalt« als »Arbeitspapier« zu internen »Dokumentationszwecken«. Er erklärt, die Beschuldigten seien nicht mit der Aufarbeitung betraut worden. Das Papier wirft die Frage auf, weshalb G. Vorschläge zum Umgang mit gegen ihn gerichteten Vorwürfen macht. Laut Vorsitzendem sei G. mittlerweile kein Funktionsträger im Kreisverband mehr.

Der Kreisvorsitzende schickt das Dokument Anfang Februar auch an Wisslers Mitarbeiter. Wissler erklärt auf Anfrage, soweit sie »Kenntnis von Vorgängen erhalten hat, hat sie die betroffenen Parteigliederungen informiert und darum gebeten, die erforderlichen Schritte einzuleiten«. Sie habe sich im November an den Landesverband gewandt und offenbart, »welche persönliche Verknüpfung es zu ihr geben könnte«. Im Januar habe sie die Bundesgeschäftsstelle darum gebeten, dass sich eine rund drei Monate zuvor gegründete »Vertrauensgruppe« innerhalb des Parteivorstands des Falls von Maas annehmen solle. Wissler habe signalisiert, dass sie gesprächsbereit sei, »sollte es Fragen an sie geben«. Ob sie der Partei offengelegt hat, dass sie bereits 2018 erfahren hat, dass sich Maas von G. bedrängt fühlte, lassen sowohl Wissler als auch die Partei offen.

Adrian Beilke-Ramos glaubt den Betroffenen. Er ist Mitglied im hessischen Landesvorstand der Linken und sagt: »Wir als Partei ziehen solche Typen an. Das sind Alphatiere, die viel Arbeit wegschaffen. Und wir sind froh, dass jemand da ist, der es macht.« Jakob Hammes, Bundessprecher der Linksjugend ’solid, will sich nun für Aufklärung einsetzen. »Das sind ungesunde Kreise, die sich gegenseitig decken«, sagt Hammes. Er fordert Opfer sexueller Übergriffe auf, sich bei ihm zu melden. Mittlerweile sind 25 womöglich Betroffene diesem Aufruf gefolgt. Sie beschuldigen deutschlandweit mehr als 30 Männer aus der Linken, unter ­ihnen auch Bundespolitiker. »Entweder wir brechen das jetzt, oder die Partei bricht«, sagt Hammes.

»Leider hatten wir bislang keine Strukturen, an die sich Betroffene wenden können«, erklärt der Kreisverband der Linken in Wiesbaden. »Das ist ein Missstand, der uns schmerzlich bewusst geworden ist.« Man suche nun nach »professionellen Wegen, um einen sensiblen und sachgerechten Umgang« mit dem Thema zu finden. Der Landesverband will dafür Awareness-Strukturen etablieren, auch ein neuer Verhaltenskodex wurde verabschiedet. In Wiesbaden soll zudem ein eintägiger Workshop zum Thema »Sexismus-Sensibilisierung« stattfinden.

Adrian G. arbeitet bis heute für die Linke im Hessischen Landtag.

Rafael Buschmann, Sophie Garbe, Timo Lehmann, Nicola Naber, Sara Wess

* Name geändert.


Quelle: Der Spiegel 16/2022
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