Themabewertung:
  • 0 Bewertung(en) - 0 im Durchschnitt
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
Prozeßdoku von democ.de
#61
@ Torsten Ogertschnig

Real Geschädigten will ich nicht zu nahe getreten sein.
Nur sehe ich hier plausibel zu über 99,99% nur eine Schmiere von Theater. 

Oma hätte echt sein können und als unbeteiligte Zuschauerin in die Aktion hineingezogen worden sein.
Es reicht getreten worden zu sein oder sich zu stoßen, man hat bei diesem kurzen Schreck / Schmerzen  sein Gesicht nicht unter Kontrolle.

Die zwei Omas im Bus hingegen halte ich durchaus für authentisch. Diese würde ich daher niemals in der Nähe von despektierlich kommen lassen.

Was zur Truppe der Schauspieler, da bewegen wir uns im Frostbereich.

Ps: Zwei Nägeli im Schuh? Herr Insider ???
Antworten
#62
(11.09.2020, 09:30)Torsten Ogertschnig schrieb: @ Hallo
aber mal so was von „Insider“ Cool
Ich könnte ja jetzt auf ganz wichtig machen Big Grin , aber die Auflösung ist im Grunde ganz einfach. Rolleyes
Lese mal da nach:

Prozess in Magdeburg
#34
09:38
"In meinem Schuh steckte ein Nagel, der meinen kleinen Zeh verletzt hat, den habe ich unterwegs raus gezogen, aber zu Hause habe ich festgestellt, dass in der Lasche ein weiterer Nagel steckte. Der hat mich aber nicht verletzt. Ich habe dann die 112 angerufen und wurde dann später zur Behandlung ins Bergmannstrost gebracht."

Ja man sollte halt nicht nur bei MDR und MZ vorbeischauen auch die sogenannte "volksstimme" ...
Ob die Nägel und der Schuh bei den Asservaten?
Und statt 20 Meter zurück zur Neue Apotheke, Ludwig-Wucherer-Straße 10, 06108 Halle (Saale) humpelt die Tapfere einen Kilometer zur Reil-Apotheke, Reilstraße 129A, 06114 Halle (Saale) ... das sind SIE die Super-Omis gääägen Rääächts.

Die zwei einzigen Nägel, oder fand die Polizei noch etwas und auch  was die Scheibe zerstört?
Bei Christchurch hat das Internet sich ja über die Patronenhülsen der ("Splett'schen"??)-Videoproduktion lustig gemacht darum gab es in Halle viele Hülsen doch wo sind die Nägel.
Denke die Nägel die bekommen wir beim nächstenmal auch zu sehen.

Zitat:https://archive.vn/eZQ5N#selection-6479.1-6481.13
14:51
08.09.2020
Der Zeuge berichtet, dass an dem Tor zum Friedhof durch eine Sprengvorrichtung Schäden entstanden sind. "Das Tor hatte vorher keinen Spalt."
Martin Weigle
Da kommt wohl der Appetit beim Essen?
Warum sollte Herr Max Privorozki davor gefeit sein?

[Bild: c079ef8a-ea9d-11e9-95a4-97ab5b87165f.jpg]
Quelle: Foto: Screenshot: ATV-Halle über
https://www.morgenpost.de/politik/inland...endet.html
Warum ohne Flucht und Verfolgung? War bei ATV-Halle  die Filmrolle alle?
Antworten
#63
(11.09.2020, 10:27)ossi schrieb: Ja man sollte halt nicht nur bei MDR und MZ vorbeischauen auch die sogenannte "volksstimme" ...
Ob die Nägel und der Schuh bei den Asservaten?
Und statt 20 Meter zurück zur Neue Apotheke, Ludwig-Wucherer-Straße 10, 06108 Halle (Saale) humpelt die Tapfere einen Kilometer zur Reil-Apotheke, Reilstraße 129A, 06114 Halle (Saale) ... das sind SIE die Super-Omis gääägen Rääächts.

Die zwei einzigen Nägel, oder fand die Polizei noch etwas und auch  was die Scheibe zerstört?
Bei Christchurch hat das Internet sich ja über die Patronenhülsen der ("Splett'schen"??)-Videoproduktion lustig gemacht darum gab es in Halle viele Hülsen doch wo sind die Nägel.
Denke die Nägel die bekommen wir beim nächstenmal auch zu sehen.
[...]

Das sind die Aussagen:

Plötzlich sei ein Gegenstand an ihr vorbeigeflogen, dann habe sie einen Schmerz am Fuß gespürt.


9.49 Uhr: Selbstgebauter Sprengsatz: Nägel waren laut Zeugin drei-vier Zentimeter lang
Sie sei leicht verletzt worden, sagt die Seniorin – kein Zehenbruch, keine offene Wunde.

Schnell habe sie sich entfernt, sei in eine Apotheke gegangen.

"In meinem Schuh steckte ein Nagel, der meinen kleinen Zeh verletzt hat, den habe ich unterwegs raus gezogen"

Die Zeugin sagt, die Nägel seien drei bis vier Zentimeter lang gewesen. Einer steckte noch im Schuh, als sie bereits zu Hause war.

https://geomatiko.eu/forum/showthread.ph...2#pid65172

Ein 3-4 Zentimeter (!) langer Nagel, der die kleine Zehe nur leicht verletzt haben soll - wie soll man sich das vorstellen? Hat der Nagel das Obermaterial des Schuhs durchdrungen oder nicht, denn wenn ja und der Nagel steckte in der Zehe, dann wäre das sicher ziemlich schmerzhaft, sich damit "schnell zu entfernen" und in eine weiter entfernte Apotheke zu humpeln.

Und wie will eine Seniorin den Nagel, ohne sich hinzusetzen, "unterwegs" entfernen, was selbst im Sitzen nicht ganz einfach sein dürfte (Begutachtung der Wunde)? Hat sie den Schuh ausgezogen? Dem widerspricht, daß ein zweiter Nagel "noch im Schuh steckte, als sie bereits zu Hause war". Dieser zweite Nagel kann also nicht nur oberflächlich ins Material eingedrungen sein, was die "leichte Verletzung" durch den angeblich unterwegs herausgezogenen Nagel nicht unbedingt glaubhafter macht.
Antworten
#64
6. Verhandlungstag: Prozessprotokoll

Hauptverhandlung gegen Stephan B. vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgericht Naumburg
6. Verhandlungstag (25. August 2020)

CN: Das nachfolgende Protokoll enthält explizit gewaltverherrlichende, rassistische, antisemitische und menschenverachtende Aussagen und Ausdrücke.
Wir protokollieren die vollständige Hauptverhandlung gegen den mutmaßlichen Attentäter von Halle. Wir versuchen dabei, so nah wie möglich am Wortlaut der Verhandlung zu bleiben, direkte Zitate sind durch Anführungszeichen gekennzeichnet. Da es nicht zulässig ist, die Verhandlung mitzuschneiden, entsteht unser Protokoll auf Basis unserer Mitschriften aus dem Gericht. 
Einige Passagen haben wir bewusst gekürzt. So werden etwa Inhalte, die die Persönlichkeitsrechte von Prozessbeteiligten oder Dritten verletzen könnten, nicht veröffentlicht. Zudem streichen wir in der öffentlich zugänglichen Fassung des Protokolls jene Passagen, die Details der Tat und Tatplanung beinhalten und deren Veröffentlichung eine Gefahr, etwa durch Nachahmer, darstellen könnte. Die entsprechenden Abschnitte werden mit “[XXX]” gekennzeichnet. In begründeten Ausnahmefällen können etwa Wissenschaftler*innen oder Journalist*innen die gestrichenen Passagen bei uns anfragen. 
Nachnamen werden ggf. abgekürzt. An Stellen, an denen uns unser Protokoll nicht präzise genug war, etwa weil Wortbeiträge unverständlich vorgetragen wurden, haben wir Auslassungen auf die gängige Weise “[…]” angegeben.

Die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens setzt die Hauptverhandlung gegen Stephan B. nach einer rund dreiwöchigen Pause um 10:04 Uhr fort und stellt die Anwesenden fest. Für Bundesanwalt Kai Lohse ist heute Staatsanwalt Birkholz anwesend. Die Bundesanwaltschaft wird außerdem erneut von Oberstaatsanwalt Stefan Schmidt vertreten. RA Tobias Böhmke wird von Erkan Görgülü vertreten. Bei den übrigen Nebenklagevertreter*innen und den Verteidigern gibt es keine Änderungen zu der normalen Besetzung.
Die Vorsitzende fragt, ob es Erklärungen zum Selbstleseverfahren gibt. Dies ist nicht der Fall.
Verteidiger RA Hans-Dieter Weber weist auf die Erklärung des anderen Verteidigers, RA Thomas Rutkowski, hin. Die Vorsitzende lässt diese verlesen.
Mit dem Schreiben, das RA Rutkowski beim Verlesen auf den 13. August 2020 datiert, regt die Verteidigung an, den Diplom-Physiker Bernd Salziger als Sachverständigen zu laden. Salziger habe das Gutachten vom 20.05.2020 geschrieben, in welchem er Feststellungen zur Schrotgeschwindigkeit und dessen Verteilung treffe. [XXX, Details zu Waffen und dem genannten Gutachten über diese. Die Verteidigung meint, der Gutachter sei auf relevante Fragen zum tödlichen Potenzial der Waffen nicht eingegangen, er solle daher noch einmal angehört werden, Anm. democ.]
OStA Stefan Schmidt erklärt dazu, dass das Gutachten zum tatsächlichen Tötungspotenzial  der Waffen nur eines von vielen Indizien sei und für sich genommen gar keine Aussagekraft habe. Relevant sei die Vorstellung, die der Angeklagte in der Situation bezüglich der Wirkung seiner Waffe gehabt habe. […] Der Sachverständige sei deshalb nicht notwendigerweise anzuhören. Man könne ihn aber aus Sicht der Bundesanwaltschaft gern anhören, da sich daraus keine wesentliche Verfahrensverzögerung ergeben würde.
RA Alexander Hoffmann weist darauf hin, dass der Angeklagte vor Gericht gesagt habe, er habe durch die Akten gelernt, was für eine Wucht die von ihm gebauten Waffen und die Munition gehabt hätten. Was durch die Befragung des Sachverständigen objektiv herauskommen könne, sei dem Angeklagten also laut dessen Aussage neu. Die Frage nach seinem Vorsatz sei daher aus anderen Punkten herzuleiten. Er habe nach eigenem Bekunden die Vorstellung gehabt, dass man mit den von ihm gebauten Waffen töten könne.
RA Jan Siebenhüner sagt, er sei nicht ganz der Meinung der Bundesanwaltschaft und des Kollegen. Der Angeklagte habe sich zwar eingelassen und gesagt, dass er über die Wirkung der Schusswaffen etwas gelernt habe. Das Gericht müsse später aber auch bewerten, ob es sich bei der Tat um eine versuchte Tötung oder einen untauglichen Tötungsversuch gehandelt habe. RA Siebenhüner regt daher an, den verlesenen Beweisermittlungsantrag zurückzustellen. Es sei schade, dass dieser nicht als Beweisantrag gestellt worden sei, da man so das Ziel der Verteidigung besser hätte erkennen können.
Der Verteidiger RA Weber stellt daraufhin einen Beweisantrag, “der dazu passt”. Er beantragt ein erweitertes Gutachten des Sachverständigen Physikers Bernd Salziger. [XXX, Details zum Gutachten über die Waffen. Die Verteidigung meint, der Gutachter sei auf relevante Fragen zum tödlichen Potenzial der Waffen nicht eingegangen, es sei daher ein erweitertes Gutachten geboten, Anm. democ.]
Den Antrag habe RA Weber wegen seines Urlaubs auf dem Weg zum Gericht handschriftlich fertiggestellt. Er könne ihn daher nicht als Kopie einreichen.
Die Vorsitzende kündigt an, dass Abschriften des Antrags in der Pause verteilt werden und es für die Verfahrensbeteiligten bis morgen Gelegenheit zur Stellungnahme gebe.
Sie erinnert dann daran, dass RA Juri Goldstein einen Antrag gestellt habe, dass die Zeugenaussagen seiner MandantInnen verlesen werden können. Die Vertreter des GBA hätten signalisiert, dass sie damit einverstanden wären. Die Vorsitzende will nun wissen, wie die Verteidigung und die anderen Nebenkläger das sehen würden.
RAin Dr. Lang sagt, sie und einige andere Kolleg*innen hätten den genannten Antrag nicht erhalten. Die Vorsitzende nimmt das zur Kenntnis und will auch diesen noch verteilen lassen.

Befragung des Zeugen Raimond H. (Kriminalhauptkommissar beim BKA in Meckenheim)
Die Vorsitzende belehrt den Polizeibeamten über seine Pflichten als Zeuge und befragt ihn zu seinen Personalien.
Raimond H. ist 42 Jahre alt und Kriminalhauptkommissar beim BKA in Meckenheim.
Die Vorsitzende fragt H. nach seinem umfassenden Vermerk zu USBVs vom 29. Januar 2020. Hinter der Abkürzung verberge sich ihres Wissens nach der Ausdruck “Unkonventionellen Sprengvorrichtungen”, wofür das “B” in der Abkürzung stehe wisse sie im Moment nicht mehr. Raimond H. sagt, dass USBV für “Unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen” stehe. Er habe für den Vermerk die Auswertungen der Gegenstände, die am Tatort, im Auto und in den Wohnräumen des Angeklagten gefunden worden seien, vorgenommen. Selbst habe er die Gegenstände nicht vorliegen gehabt, sondern andere Berichte lediglich ausgewertet und zusammengefasst.
Die Vorsitzende erwidert, sie gehe aber doch davon aus aus, dass sich H. die “Sachen” auch noch einmal angesehen haben. Dem widerspricht H. Er habe die fraglichen Gegenstände nicht vorliegen gehabt.
Die Vorsitzende sagt, dass sich Stephan B. bereits umfassend zu den Waffen und Sprengvorrichtungen eingelassen habe. Sie wolle deshalb auf diese zunächst nicht eingehen, um B.s Aussagen nicht unnötig Raum zu geben. Sie will wissen, ob sich H. im Rahmen seiner Ermittlungen auch mit dem “Pre-Action-Report” befasst habe und ob ersichtlich sei, woher B. seine Erkenntnisse über Waffen gehabt habe.
H. antwortet, dass die Punkte 1 bis 4, unter denen es unter anderem um den “Pre-Action-Report” gehe, in seinem Bericht von einem anderen Kollegen geschrieben worden seien. Er habe sich das angesehen, die Schriftform stamme aber von besagtem Kollegen.
Die Vorsitzende lässt ein Bild, auf dem augenscheinlich selbstgebaute Sprengsätze zu sehen sind, für alle Anwesenden auf den Bildschirmen aufrufen. Sie will wissen, was darauf zu sehen sei. H. antwortet, das Bild entstamme dem “Pre-Action-Report”. Dies sei ihr Arbeitstitel für eines der Dokumente gewesen, das B. online veröffentlicht hatte.
RA Alexander Hoffmann unterbricht die Befragung H.s durch die Vorsitzende. Er wolle die Vorsitzende darauf aufmerksam machen, dass im Publikum in der ersten Reihe eine ihm bekannte Rechtsextreme ohne Mund-Nasen-Schutz sitze. Die Frau [die Rechtsextreme Katja Kaiser, Anm. democ.] winkt mit einem Papier und ruft, sie habe ein Attest. RA Hoffmann bittet die Vorsitzende darum, dieses Attest zu prüfen, da seines Wissens nach mehr Fälschungen als Originale solcher Atteste [die vom Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes befreien sollen, Anm. democ.] im Umlauf seien. Die Vorsitzende Mertens kommt dieser Bitte nach. Sie lässt sich das mutmaßliche Attest bringen und liest vor, dass Kaiser in diesem empfohlen werde, bei Anstrengung aus gesundheitlichen Gründen auf einen Mund-Nasen-Schutz zu verzichten. Da Kaiser hier ruhig sitze, solle sie den Schutz tragen, sagt die Vorsitzende. Kaiser kommt dieser Aufforderung nach. RA David Herrmann weist RA Hoffmann darauf hin, dass Kaiser ihm den “Scheibenwischer” gezeigt habe, als er nicht hingeschaut habe. Er erwähne dies für den Fall, dass RA Hoffmann dagegen vorgehen wolle. RA Hoffmann sagt, er sei da nicht so empfindlich.
Die Vorsitzende liest weiter aus dem “Pre-Action-Report” vor und stellt Fragen zu diesem. [XXX, Details zum “Pre-Action-Report” und den dort beschriebenen Waffen, Anm. democ.]
H. sagt, dass an einer Glasflasche, die zum Bau eines Brandsatzes verwendet worden war, DNA-Spuren der Mutter des Angeklagten gefunden worden seien. Die Vorsitzende fragt nach unbekannten DNA-Spuren. H. sagt, unter einem Klebeband habe es Mischspuren gegeben, von denen nicht alle zuzuordnen gewesen seien. […]
Die Vorsitzende fragt nach einer Übersicht von Bestellungen, die der Angeklagte getätigt haben soll. Dieser sei als ältester Punkt eine Bestellung von [XXX, Stoff, der zur Herstellung von Sprengstoff verwendet werden könnte, Anm. democ.] im Mai 2012 zu entnehmen. Auch 2014 seien noch verdächtige Bestellungen getätigt worden. Sie will wissen, woher diese Daten kommen würden. H. sagt, es seien durch Finanzermittler alle Transaktionen der letzten Jahre ausgewertet worden. Er habe aus deren Berichten die Bestandteile, die für die Fertigung der USBVs genutzt worden seien, herausgezogen. 
Die Vorsitzende sagt, H. habe in seinem Bericht ein kleines Resümee gezogen, dass sich auf die Darstellung B.s beziehe, derzufolge er erst wenige Monate vor der Tat mit dem Bau der USBVs begonnen habe. H. sagt, diese Darstellung habe sich weitestgehend mit ihren Ermittlungsergebnissen gedeckt, allerdings habe es eben relevante Bestellungen in den Jahren 2012 und 2014 gegeben.
RA Sebastian Scharmer fragt, ob H. sagen könne, wie viele DNA-Spuren es gegeben habe, die nicht dem damals Beschuldigten oder seiner Mutter zugeordnet werden konnten. H. sagt, da müsste er raten. 
RAin Kristin Pietrzyk fragt, ob H. die Übersicht der Detonationsorte angefertigt habe. H. verneint das. Er habe die Orte aus verschiedenen Tatortberichten übernommen und auch eine Übersichtsgrafik stamme nicht von ihm, sondern von seiner Kollegin Frau R. Er habe diese einfach übernommen, so wie er es auch kenntlich gemacht habe.
Die Vorsitzende fragt H. nach einer späteren Tatortbegehung. Bei dieser sei ein Detonationskrater untersucht worden. H. sagt, seines Wissens nach sei der Krater schon direkt nach der Tat gesichtet worden. Bei der späteren Tatortbegehung seien noch Metallkugeln und zwei Molotovcocktails gefunden worden. Die Vorsitzende sagt, dass diese Begehung am 30. Dezember stattgefunden habe [später ist mehrfach die Rede davon, dass sie tatsächlich am 30. Oktober, also drei Wochen nach der Tat stattfand, Anm. democ.].
RA Scharmer fragt, ob es Feststellungen gegeben habe, wie weit die eingesetzte USBV am jüdischen Friedhof gestreut habe. H. sagt, in einem Bericht sei festgestellt worden, dass man an einem gegenüberliegenden Haus Beschädigungen im zweiten Obergeschoss festgestellt habe. RA Scharmer sagt, dass sich weitere Fragen an den Zeugen erübrigen würden, da dieser nur Ermittlungsergebnisse zusammengefasst habe. Die Vorsitzende stimmt dem zu. Dieses Vorgehen mache man normalerweise deutlich kenntlich, sagt sie zu H. Dieser erwidert, er habe das in der Befragung gerade stets eingeräumt. Die Vorsitzende sagt, das stimme, sein Vorgehen sei aber vor der Ladung als Zeuge nicht ersichtlich gewesen. Der Zeuge wird unvereidigt entlassen.
RAin Pietrzyk regt an, die Ermittler, auf die sich H. in seinem Bericht bezogen habe, zu laden. Dies gelte insbesondere EKHK S. [Erster Kriminalhauptkommissar, Anm. democ.], der einen Vermerk bezüglich der Detonationen an Synagoge und Friedhof verfasst habe. 
Die Vorsitzende sagt, EKHK S. habe sich telefonisch bei ihr gemeldet. Er sei im Ruhestand und habe sich nach dem Verfahren erkundigt. Er habe ihr gesagt, dass statt seiner KOK G. [Kriminaloberkommissar, Anm. democ.] geladen werden könne. Dieser habe seinen Vermerk mitverfasst und sei auskunftsfähig.
RAin Pietrzyk bittet darum, noch einmal zu prüfen, ob G., anders als H., wirklich auskunftsfähig sei.
Die Rechtsextreme Katja Kaiser verlässt den Saal.

Befragung des Zeugen Oliver D. (Kriminalhauptkommissar beim BKA in Meckenheim)
Der Zeuge wird über seine Pflichten als Zeuge belehrt und zu seinen Personalien befragt. Oliver D. ist 49 Jahre alt und Kriminalhauptkommissar beim BKA in Meckenheim. 
Die Vorsitzende fragt ihn nach seinem Bericht vom 15. Juni 2020, in dem er sich mit den Waffen B.s beschäftigt habe und dafür Gutachten und Berichte ausgewertet und in einem Zusammenhang gebracht habe. Der Bericht sei 300 Seiten lang, er müsse das nicht alles aufzählen. Sie wolle zunächst über die Übersicht über die Waffen B.s sprechen, die am Anfang des Berichts stünde. 

D. schildert, dass er die Waffen, die gefunden worden seien, in einer Übersichtstabelle dargestellt habe. Er habe dort die Asservatennummer, den Fundort, die Bezeichnung der Waffe durch die Ermittler beim ersten Fund, den Namen der Waffe in B.s Dokumenten, die Bezeichnung des Einsatzzweckes durch B., die Frage, ob sie selbst oder industriell hergestellt worden sei und das Kaliber der Waffe aufgeführt.

[XXX, Details zu den Waffen und deren Verwendung, die Vorsitzende geht die Liste der Waffen durch und stellt teils Fragen zu diesen. Fotos werden auch für die Zuschauer gezeigt, Anm. democ.]
Die Vorsitzende fragt nach einem Foto aus dem August 2019, auf dem B. mit einer Kappe zu sehen ist. D. sagt, es habe mehrere Fotos gegebene, auf denen B. mit oder ohne Waffe posiert habe. Die Vorsitzende lässt ein Bild zeigen, auf dem B. in Kampfausrüstung zu sehen ist und salutiert. D. sagt, hier sehe man die volle Montur, die B. auch bei der Tat getragen habe. Das Foto sei entstanden, kurz bevor B. aufgebrochen sei. Es sei im Haus des Vaters aufgenommen worden. Die Vorsitzende sagt, in den Akten stehe, es sei am 9. Oktober 2020 um 12:55 Uhr aufgenommen worden.
[XXX, Details zu den Waffen und deren Herstellung. Fotos werden auch für die Zuschauer gezeigt, Anm. democ.]
Die Vorsitzende sagt, D. habe ja auch ermittelt, wie B. an das Baumaterial für seine Waffen gelangt sei. D. antwortet, er habe das nur zusammengefasst. Er habe alle Gegenstände aus den Bestellungen aufgelistet, die bei der Tat auch tatsächlich genutzt worden seien. 
[XXX, Details zu den Waffen. Bestellungen begannen 2015, intensivierten sich ab 2017. Die Bestellung von Werkzeugteilen habe einmal auch die Mutter des Angeklagten, Claudia B., übernommen, Anm. democ.]
Die Vorsitzende zeigt Screenshots aus dem Livestream der Tat, an dem Markierungen an der sichtbaren Waffe vorgenommen worden sind. D. sagt, bei diesen Bildern sei es darum gegangen, anhand der Bilder zu klären, ob B. in der fraglichen Situation eine weitere Schussabgabe versucht habe. Nachdem er sein erstes Opfer erschossen habe und ein Sprengsatz umgesetzt habe, sei im Video zu sehen, wie B. Richtung Wasserturm ziele, wo sich zwei Frauen befinden, die flüchten. Bei den Bildern sei es um die Frage gegangen, ob er auf diese gezielt oder abgedrückt habe. Sie hätten dafür den Ladehebel auf den Bildern untersucht. [XXX, Details zur Waffe, Anm. democ.] Ob B. abgedrückt habe, sei schwierig zu sagen. B. habe in der Vernehmung gesagt, er könne sich nicht daran erinnern, gezielt und abgedrückt zu haben.
[XXX, Details zu den Waffen und deren Herstellung. Fotos werden auch für die Zuschauer gezeigt, Anm. democ.]
Verteidiger RA Weber fragt, ob es in der geschilderten Untersuchung des Ladehebels auf Bildern des Tatvideos um die Situation gegangen sei, in der Mandy R. betroffen gewesen sei. D. bejaht das.
RAin Pietrzyk fragt, ob D. auch mit der Rezeption der hochgeladenen Dokumenten im Internet befasst gewesen sei. D. verneint das. Auch zu Erkenntnissen zu 4chan habe er nicht beigetragen. Die Vorsitzende sagt, es gebe in den Akten insgesamt drei Personen mit dem Nachnamen D.s. Sie vermutet, RAin Pietrzyks Fragen betreffen den Ermittler D., der für den morgigen Verhandlungstag geladen ist. RAin Pietrzyk sagt, das sei er eben nicht. 
RAin Katrin Kalweit bezieht sich auf eine vorherige Aussage D.s, derzufolge B. angegeben habe, Werkzeuge, die er für die Herstellung der Waffen benötigt habe, über einen Aushang im Supermarkt verkauft zu haben. RAin Kalweit fragt, ob es dazu Ermittlungen gegeben habe. D. sagt, ihm seien jedenfalls keine Ermittlungsergebnisse bekannt.
RA Goldstein stellt eine Frage zur Herstellung der Waffen. [XXX, Details zu den Waffen und deren Herstellung, Anm. democ.]
RA Scharmer stellt mit Vornamen und Dienstgraden dar, welche der drei Ermittler D. für welche Ermittlungen und Berichte zuständig gewesen seien. 
Er fragt D., was dieser zu den Brüdern W. sagen könne. D. sagt, diese seien als diejenigen festgestellt worden, welche die Dateien B.s im Internet weiterverbreitet hätten. Das habe für die Ermittlungen “dann nicht mehr so die Rolle gespielt.” Eine direkte Verbindung zu B. hätten sie nicht ermitteln können.
RA Scharmer fragt, wer die Ermittlungen in diesem Bereich schwerpunktmäßig geführt habe. D. sagt, das müsse er noch einmal nachschauen. Sie hätten verschiedene Ermittlungsteams gehabe. Er meine, für die Ermittlungen zu den Brüdern W. sei das Team 2 zuständig gewesen. Er selbst sei mit den Ermittlungen nur am Rande befasst gewesen. 
RA Scharmer sagt, es falle auf, dass er, D., den Vermerk gemacht habe, dass W. keinen Bezug zur rechtsextremen Szene habe, dieser in seiner Vernehmung aber selbst gesagt habe, dass er bereits wegen Volksverhetzung verurteilt worden sei. D. sagt, ihm falle ein, dass er diesen Satz spät abends schnell für die Kollegen in NRW zusammengeschrieben habe. Er habe diese über ihre Erkenntnisse informieren wollen. Es sei spät gewesen und von den Zuständigen sei sonst vermutlich niemand mehr im Büro gewesen. Daher habe es das übernommen. RA Scharmer sagt, laut Aktenlage müsste dafür eigentlich Herr Sch. zuständig gewesen sein. D. sagt, das könne sein. RA Scharmer fragt, ob D. wisse, ob Christian W. vernommen worden sei. D. antwortet, seiner Erinnerung nach seien zwei Brüder vernommen worden.
RA Andreas Schulz fragt, ob D. bekannt gewesen sei, dass es eine Europol-Warnung zur Verwendung von 3D-Druckern durch Rechtsterroristen gegeben habe. D. sagt, das sei ihm nicht bekannt gewesen. Es habe aber während der Ermittlungen Diskussionen über vergleichbare Vorfälle gegeben.
RAin Pietrzyk fragt, ob D. die Brüder W. in den Verbunddateien des BKA abgefragt habe. D. sagt, das sei sicher gemacht worden. Ob er das gemacht habe, hakt RAin Pietrzyk nach. D. sagt, das wisse er nicht mehr. Auch ob das Ergebnis in den Akten stünde, könne er nicht sagen. RAin Pietrzyk erwidert, sie habe es jedenfalls nicht vorliegen. D. sagt, er habe diese Ermittlungen “auf die Schnelle” gemacht. 
RAin Pietrzyk bezieht sich auf seine vorherige Aussage, die Brüder W. seien nicht weiter relevant für die Ermittlungen gewesen. Sie fasst zusammen, dass da jemand Anleitungen und Aufrufe zum Mord bei der bekannten Seite 4chan wieder hochgeladen habe und will wissen, wie D. dazu komme, zu sagen, das sei nicht relevant. D. antwortet, er habe natürlich nicht sagen wollen, dass man da nicht ermitteln müsste. Das “nicht relevant” habe sich auf die Frage bezogen, wo B. seine Dateien selbst bezogen habe. Es habe sich gezeigt, dass die Dateien von B. kamen und die Brüder W. sie weiterverbreitet hätten, nicht etwa umgekehrt. Die Ermittlungen zu den Brüdern W. seien dann so etwas wie ein ein Nebenschauplatz gewesen. 
RAin Pietrzyk fragt, ob D. wisse, wie die Ermittlungen zu den Brüdern W. weitergegangen seien. D. sagt, er wisse, dass diese sinngemäß gesagt hätten, sie hätten nicht gewusst, dass ihr Vorgehen strafbar gewesen sei. Mehr wisse er nicht. RAin Pietrzyk will wissen, ob D. wisse, ob die Brüder etwas zu ihrer Motivation gesagt hätten. D. sagt, dazu könne er nichts mehr sagen.

Der Zeuge wird unvereidigt entlassen. Er entschuldigt sich für die Verwirrungen mit den unterschiedlichen D.s.
Die Vorsitzende ordnet eine Pause an. Diese geht von 12:05 Uhr bis 13:15 Uhr. Die Verhandlung wird pünktlich fortgesetzt.

Befragung der Sachverständigen Dr. Silke Cox (Leiterin des Fachbereichs “Brand und Raumexplosion beim BKA)
Die Sachverständige wird über ihre Pflichten als Sachverständige belehrt. So habe sie Angaben nach ihrem besten Wissen und Gewissen und dem aktuellen Stand der Wissenschaft zu machen. Sie wird zu ihren Personalien befragt. Dr. Silke Cox ist 61 Jahre alt, Diplom-Chemikerin und leitet beim BKA den Fachbereich “Brand und Raumexplosion”.
Sie hat ein Gutachten vom 3. Januar 2020 erstellt. Der GBA habe von ihr wissen wollen, ob der Angriff mit Brandsätzen auf die Synagoge eine potentiell tödliche Gefahr für die Besucher hätte darstellen können. Für Bundesanwalt Kai Lohse hätten sich diesbezüglich Fragen ergeben, nachdem er selbst den Tatort angesehen hatte. Dr. Cox war am 30. Oktober 2019 in Halle, um den Tatort zu begutachten. 
[XXX, Details zu den örtlichen Gegebenheiten und den eingesetzten Brandsätzen, Anm. democ.]
Dr. Cox hat einen USB-Stick mitgebracht. Sie zeigt Videos von mehreren Versuchen, für die sie die mögliche Brandsituation nachgestellt hatte. 
[XXX, Details zu den örtlichen Gegebenheiten und den eingesetzten Brandsätzen. Eine Gefahr für die Synagogenbesucher hätte in der konkreten Situation durch die Kombination aus Brandsatz und dem von diesen getroffenen Material nicht bestanden, resümiert Dr. Cox, Anm. democ.]
Die Sachverständige wird unvereidigt entlassen.
Verteidiger RA Weber bezieht sich auf den am Beginn des Verhandlungstages erwähnten Antrag RA Goldsteins und stimmt zu, dass dieser die Aussagen seiner Mandanten verlesen darf. Die förmliche Zustimmung werde noch geklärt, sagt die Vorsitzende.

Befragung des Sachverständigen Thomas F. (BKA in Wiesbaden) 
Die Vorsitzende belehrt F. über seine Pflichten als Sachverständiger und befragt ihn zu seinen Personalien. Thomas Forster ist 57 Jahre alt und Sachverständiger für Wirkungsuntersuchung beim BKA in Wiesbaden.
Er hat zu seinen Untersuchungen eine PowerPoint-Präsentation vorbereitet.
RA Scharmer fragt, ob diese zu den Akten komme. Die Vorsitzende sagt, sie kenne sie noch nicht, aber würde das dann so handhaben, dass eine Kopie zu den Akten komme.
F. hat die USBV geprüft und Versuche mit sogenannten Vergleichsvorrichtungen durchgeführt. Für diese sei teils ein anderer Sprengstoff verwendet worden, da die von B. eingesetzten Materialien teilweise nicht handhabungssicher seien.
[XXX, Details zu den Waffen. Laut dem Gutachten sei bei den verwendeten USBVs durch Splitter in einem Radius bis zu 157 Metern nach NATO-Definition von tödlichen Verletzungen auszugehen. Gerichtsmediziner würden sagen, dass auch eine Energie, die weit unterhalb der NATO-Definition liegt, tödlich sein könne. Durch den Luftdruck der verwendeten USBVs könnte das Trommelfell bis zu einer Entfernung von 5 Metern, die Lunge bis zu einer Entfernung von 3 Metern zum Sprengsatz verletzt werden. Die Richtung, in der Splitter fliegen, sei bei einer USBV nicht kontrollierbar. Teile der Sprengsätze seien in einem 26 Meter entfernt liegenden Fenster im zweiten oder dritten Stock eines gegenüberliegenden Fensters eingeschlagen, hätten den Raum durchquert und seien rund 3 Zentimeter tief in einen Türrahmen eingedrungen. Während der Befragung des Sachverständigen durch Strafsenat, Verteidigung und Nebenklage schaltet sich B. mehrfach direkt ein und stellt Detailfragen, etwa zum verwendeten Sprengstoff oder dem Versuchsaufbau mit den Vergleichsvorrichtungen, Anm. democ.]
Der Sachverständige F. wird unvereidigt entlassen.
RA Hoffmann merkt an,  dass protokolliert werden soll, dass der Angeklagte im Rahmen der Befragung eine Erklärung abgegeben habe. Die Vorsitzende sagt, das werde gemacht. 
Sie ordnet eine zwanzigminütige Pause von 14:25 Uhr bis 14:45 Uhr an.
RA Andreas Schulz ist nach der Pause für heute nicht mehr dabei.

Befragung des Zeugen Darius K. (Kriminaloberkommissar beim BKA in Wiesbaden)
Der Zeuge wird über seine Pflichten belehrt und zu seinen Personalien befragt. Darius K. ist 30 Jahre alt und Kriminaloberkommissar beim BKA in Wiesbaden.
Er schrieb einen Vermerk zur sogenannten Nachsuche am 30. Oktober 2019 in der Nähe der Synagoge, die er gemeinsam mit seinem Kollegen S. durchführte. Bei dieser Suche seien Brandsätze und Teile eines Sprengsatzes gefunden worden. [XXX, Details zu den Waffen, Anm. democ.]
Die Verhandlung wird für 15 Minuten unterbrochen, weil etwas aufgebaut werden muss. Die Vorsitzende sagt, sie wolle vermeiden, dass der Angeklagte bei diesem Aufbau dabei sei.
Die Verhandlung wird um 15:08 Uhr fortgesetzt.
Auf einem Tisch vorm Zeugentisch sind die Waffen B.s aufgebaut. Sie sind in Folien und Papiere eingewickelt, die Formen sind aber größtenteils zu erkennen.

Befragung des Sachverständigen Michael Benstein (Erster Kriminalhauptkommissar beim BKA)
Die Vorsitzende belehrt den Sachverständigen zu seinen Pflichten und befragt ihn zu seinen Personalien. Michael Benstein ist 60 Jahre alt und Erster Kriminalhauptkommissar beim BKA. Er hatte sich für sein Gutachten mit den Schusswaffen B.s und Schusswaffenspuren befasst und will dieses in einem mündlichen Vortrag zusammenfassen. Er nimmt eine der Schusswaffen in die Hand und demonstriert, dass diese leer ist. 
[XXX, Details zu den Waffen, Benstein erläutert die Funktionsweise und Geschichte der Waffe. B. lacht dabei, “Da gibt es nichts zu lachen”, sagt die Vorsitzende zu ihm, Anm. democ.]
RA Jan Siebenhüner fragt, ob es sich um eine Nahkampfwaffe handele. Benstein antwortet, bei Maschinenpistolen handele es sich an sich um Nahkampfwaffen. Sie seien für den Zweck gedacht: “Einmal rein in den Feind, Magazin leer schießen, wieder raus.” Während er das sagt deutet er, ohne die Waffe in der Hand zu haben, eine entsprechende Körperhaltung und Bewegung an und dreht sich bei den Worten “Magazin leer schießen” einmal im Halbkreis in Richtung der Nebenklage-Vertreter*innen. RA Siebenhüner lacht und bestätigt, dass er diesen Verwendungszweck auch so gelernt habe. Auch Benstein lacht.
[XXX, Details zu Waffen, Benstein fährt mit anderer Waffe fort. Diese habe nicht funktioniere. B. unterbricht ihn: Sie habe “nachweislich funktioniert”, sagt er. Benstein antwortet: “Wir haben damit geschossen, wir haben Sie nicht zum Schießen gebracht. Wenn Sie sagen, damit wurde geschossen, nehme ich das zur Kenntnis.” Auch bei einer weiteren Waffe unterbricht B. in ähnlicher Weise und verteidigt seine Waffen. Er habe diese selbst getestet und sie hätten funktioniert. Später formuliert er selbst Fragen nach der Effizienz der Waffen und richtet diese an den Sachverständigen. Benstein antwortet auf Fragen zur Zielgenauigkeit der Waffen, diese hänge davon ab, wie viel jemand “drauf habe”. Fragen des RA Siebenhüner, ob bestimmte Schüsse beherrschbar gewesen seien, beantwortet er wiederholt ungenau und spekuliert unzutreffend über den juristischen Hintergrund der Frage. Erst als RA Siebenhüner ausdrücklich offenlegt, was der Hintergrund seiner Frage sei, beantwortet Benstein diese, Anm. democ.]
Benstein berichtet von Munition, in die Hakenkreuze und SS-Runen eingeritzt gewesen seien. [XXX, Details zu Munition, Anm. democ.]
Die Vorsitzende will Benstein entlassen. RA Siebenhüner unterbricht und bittet, ihn noch kurz als Sachverständigen im Saal zu lassen.
RA Siebenhüner richtet eine Frage an B.: Er habe am ersten Verhandlungstag erklärt, dass er die Waffen nicht getestet haben. Er sei explizit gefragt worden, ob er zum Schießen in den Wald gegangen sei und habe das verneint. RA Siebenhüner will wissen, wie sich B. diesen Widerspruch erkläre. 
[XXX, Details zu den Waffen, B. erklärt, er habe deren Funktionstüchtigkeit getestet, aber nicht das Schießen, etwa auf Scheiben. Zum Testen, bei dem er auch scharf geschossen habe, habe er den Schuppen seines Vaters genutzt, Anm. democ.]
RA David Herrmann fragt Benstein, ob es in einem Wohngebiet nicht zu hören sei, wenn scharf geschossen werde. Benstein bestätigt das, sagt aber, dass der Schall durch Schuppen oder Gebäude gedämpft gewesen sein könnte. Außerdem würde heutzutage ständig etwas knallen, man würde daher abstumpfen und sich bei dem Knall vielleicht nichts denken.
Der Sachverständige Benstein wird unvereidigt entlassen.
RA Alexander Hoffmann bittet darum, dass im Protokoll vermerkt wird, dass B. sich zur Sache eingelassen hat. 
Die Vorsitzende kündigt an, dass die nächste Sitzung am 26. August erst um 10 Uhr, statt wie angekündigt um 9:30 Uhr beginnt. 

Veröffentlicht am 14. September 2020.

https://democ.de/6-verhandlungstag-prozessprotokoll/


Angehängte Dateien
.pdf   06_Protokoll_HalleProzess_democ.pdf (Größe: 173,24 KB / Downloads: 0)
Antworten
#65
Democ hat die Protokolle für Tag 7 und 8 angekündigt:

7. VT: voraussichtlich am 18. September 2020.

8. VT: Das Protokoll des achten Verhandlungstages erscheint voraussichtlich am 25. September 2020.
Antworten
#66
9. Verhandlungstag: Prozessprotokoll | democ.

Hauptverhandlung gegen Stephan B. vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgericht Naumburg

9. Verhandlungstag (2. September 2020)

CN: Das nachfolgende Protokoll enthält explizit gewaltverherrlichende, rassistische, antisemitische und menschenverachtende Aussagen und Ausdrücke.
Wir protokollieren die vollständige Hauptverhandlung gegen den mutmaßlichen Attentäter von Halle. Wir versuchen dabei, so nah wie möglich am Wortlaut der Verhandlung zu bleiben, direkte Zitate sind durch Anführungszeichen gekennzeichnet. Da es nicht zulässig ist, die Verhandlung mitzuschneiden, entsteht unser Protokoll auf Basis unserer Mitschriften aus dem Gericht. 
Einige Passagen haben wir bewusst gekürzt. So werden etwa Inhalte, die die Persönlichkeitsrechte von Prozessbeteiligten oder Dritten verletzen könnten, nicht veröffentlicht. Zudem streichen wir in der öffentlich zugänglichen Fassung des Protokolls jene Passagen, die Details der Tat und Tatplanung beinhalten und deren Veröffentlichung eine Gefahr, etwa durch Nachahmer, darstellen könnte. Die entsprechenden Abschnitte werden mit “[XXX]” gekennzeichnet. In begründeten Ausnahmefällen können etwa Wissenschaftler*innen oder Journalist*innen die gestrichenen Passagen bei uns anfragen. 
Nachnamen werden ggf. abgekürzt. An Stellen, an denen uns unser Protokoll nicht präzise genug war, etwa weil Wortbeiträge unverständlich vorgetragen wurden, haben wir Auslassungen auf die gängige Weise “[…]” angegeben.

Aussage des Zeugen Vladislav R. 
Um 9:32 Uhr eröffnet die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens die Sitzung und stellt die Anwesenden fest. 
Als erstes wird der Zeuge Vlasdislav R. befragt. Die Vorsitzende belehrt ihn über seine Zeugenpflichten. Dann fragt sie seine persönlichen Daten ab. [XXX, persönliche Daten, Anm. democ.]. Die Vorsitzende sagt, sie habe schon von ihm gehört, dass er als Sicherheitsbeauftragter in der Synagoge Halle tätig sei. Aus den Akten wisse sie, dass er auch am 9. Oktober 2019 in der Synagoge gewesen sei. Der Zeuge bejaht dies. Die Vorsitzende bittet ihn, zu schildern, wie der Tag für ihn abgelaufen sei.
Der Zeuge spricht auf Russisch, seine Aussagen werden übersetzt. 
Er berichtet, dass er an diesem Tag um 8:30 Uhr zur Arbeit gekommen sei und schon viele Leute vor Ort gewesen seien – es sei ja Jom Kippur gewesen. Zunächst sei der Gottesdienst wie gewöhnlich gewesen. Gegen 12 Uhr habe er gesehen, dass ein Auto in der Höhe des Friedhofs angehalten habe. Aus dem Auto sei ein Mann gestiegen, der dunkel gekleidet gewesen sei. Er habe eine Waffe in der Hand gehabt, die ihn, R., dunkel an eine Pumpgun erinnert habe, aber er habe gewusst, dass so eine Waffe weder bei der Armee noch bei der Polizei verwendet werde. Er habe keine Panik auslösen wollen und sei deshalb zum Vorsitzenden der Gemeinde gegangen und habe leise zu ihm gesagt, dass da ein bewaffneter Mann sei. Als er die eindeutige Gefahr erkannt habe, habe er zu den Menschen in der Synagoge gesagt, dass sie bitte nach oben gehen sollen, um sich in Sicherheit zu bringen. Dann habe er noch die Türen abschließen müssen. Dadurch, dass ein freundschaftliches Verhältnis zu den Anwohnern in der Straße bestanden habe, habe er niemals die Türen abgeschlossen, sondern nur nur die Nebentür am Tor und dort habe der Schlüssel noch gesteckt. Deshalb sei er aus der Synagoge rausgegangen und habe die Schlüssel rausgezogen. Sie hätten dann beide Türen abgeschlossen, die Türen mit Stühlen verbarrikadiert und auf die Ankunft der Polizei gewartet. Er habe wahrgenommen, wie der Angeklagte etwas auf das Gelände der Synagoge geworfen habe und wie er auf die Tür und auf einen Menschen, der vorbeilief, geschossen habe. Da habe er noch nicht gewusst, dass das eine Frau gewesen sei. Er habe außerdem gesehen, dass ein Auto neben dem Menschen auf dem Boden angehalten habe, der Fahrer den Angeklagten angesprochen habe und dann ganz schnell wieder weggefahren sei. Nachdem der Attentäter erfolglos abgezogen sei, sei einige Minuten später die Polizei gekommen. Er, R., habe das Gelände abgesucht und dabei festgestellt, [XXX, Details zu Waffen, Brandsätze waren auf dem Gelände zu finden, Anm. democ.]. Als die Polizei ankam, seien sie alle gebeten worden, in der Synagoge zu bleiben, aber sie seien dort etwa 45 oder 50 Menschen gewesen und alle hätten frische Luft schnappen wollen, insbesondere die, die oben gewesen seien. Da seien die Räumlichkeiten sehr klein und die Luft sei schon sehr abgestanden gewesen. Sie hätten bis 17 Uhr in der Synagoge bleiben und warten müssen, bis die Polizei fertig war. Die Menschen seien noch in der Synagoge geblieben und später weggebracht worden. Er und die anderen vier Personen, die am Monitor waren, seien zur Polizei gebracht worden. Sie seien dann von der Polizei befragt worden. Nach der Vernehmung habe er endlich nach Hause gehen können, es sei sehr spät gewesen.
Die Vorsitzende Mertens fragt ihn, wie lange er schon als Sicherheitsbeauftragter in der Synagoge tätig sei. Der Zeuge R. antwortet, er sei seit 2016 dort beschäftigt. Mertens fragt, ob es dort ein Sicherheitskonzept gebe. R. antwortet, er sei zum ersten Mal nach diesem Attentat zu so einer Schulung gegangen, wo die Teilnehmer unterricht worden seien, wie sie sich bei solchen Angriffen verhalten sollten. Die Vorsitzende fragt, wer der Veranstalter dieser Fortbildung sei. Der Zeuge sagt, er sei sich nicht sicher, eventuell die ZWST [Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, Anm. democ.]. Die Vorsitzende hakt nach, ob es also von der jüdischen Gemeinde organisiert gewesen sei. Der Zeuge sagt, er möchte keine Falschaussage machen, er denke, es sei von der ZWST organisiert gewesen. Die Vorsitzende sagt, sie kenne sich ja nicht aus, aber er habe doch alles richtig gemacht, auch ohne Schulung. Er habe dafür gesorgt, dass die Leute Ruhe bewahrt und nicht in Panik geraten und auf die Straße gelaufen seien. Das sei schon schwer genug. Es höre sich so an, dass er die Leute sehr gut geschützt habe. Sie fragt den Zeugen, ob die Türen normalerweise auf seien. [XXX, Angaben zum Sicherheitskonzept, Anm. democ.] Sie fragt ihn, wie es denn im Oktober 2019 gewesen sei. R. antwortet, an dem Tag sei alles wie immer gewesen. Er sei informiert worden, das Studenten aus Berlin ankommen sollten. Er habe gewusst, dass diese aus England kämen, aber in Berlin leben und studieren würden. Eingelassen habe er sie aber nicht, das habe jemand anderes getan. Jom Kippur sei ein besonderer Feiertag. Die überwiegende Zahl der Personen, die kommen, möchten an ihre Verstorbenen denken und würden Kerzen anzünden. Der größte Teil der Besucher komme erst gegen 10 Uhr zum ersten Gebet, da sei die größte Ansammlung. Die Vorsitzende fragt, ob man im Herbst 2019 ohne Anmeldung zum Gottesdienst kommen konnte. Der Zeuge bejaht das, das sei bis zu diesem Tag kein Problem gewesen. [XXX, Angaben zum Synagogengelände, Anm. democ.] Die Vorsitzende sagt, sie hätten gestern von einer Zeugin gehört, dass diese irgendwann vor 12 Uhr, also gegen 11:45 Uhr, die Synagoge verlassen habe. Sie fragt, ob er das mitbekommen habe, dass eine Dame die Synagoge verlassen habe. R. antwortet, an diesem Tag seien sehr viele Personen rein und raus gekommen, unter anderem ein Student mit seiner Ehefrau und einem kleinen Kind. Er könne sich erinnern, dass eine Frau ungefähr um die Zeit rausgegangen sei. Die Kommilitonen hätten später besorgt gefragt, wer da auf der Straße liege und hätten Angst gehabt, dass sie getroffen worden sei. Die Vorsitzende fragt, ob er mitgegangen sei, wenn jemand die Synagoge verließ und dann geguckt habe, ob die Tür wieder abgeschlossen sei. Er antwortet, es gehöre zu seinen Aufgaben, nachdem jemand die Synagoge verlassen hat, rauszuschauen und zu gucken, ob alles in Ordnung sei. Er sei aber andererseits verpflichtet, immer am Monitor zu bleiben. Er habe das am Monitor beobachtet. Auf der Straße gebe es ein Verkehrszeichen, das das Parken verbiete, aber ab und zu parke da trotzdem jemand. Vor einem Jahr habe es auch so einen Vorfall gegeben. Er sei zur Arbeit gekommen und habe gesehen, dass vor dieser Tür, auf die später geschossen wurde, ein Bus geparkt habe. Neben dem Bus habe ein Koffer gestanden. Er sei zur Seiteneingangstür gegangen und habe sich umgezogen. Er habe der Gemeinde Bescheid geben und es sei die Polizei gerufen worden. Als diese kam, sei der Bus schon weg gewesen und nur noch der Koffer stehen geblieben. Letztendlich habe es sich als harmlos herausgestellt. Er wisse bis heute nicht, ob es ein Scherz war, oder ob jemand wissen wollte, wie sicher die Synagoge sei. Die Vorsitzende klärt ihn auf, dass man herausgefunden habe, dass das gegenüber ein Umzug war und jemand etwas vergessen habe. Das habe also als harmlos aufgeklärt werden können. Der Zeuge antwortet, das könne sein, aber er würde niemals an so einen Gegenstand gehen und den ohne Gummihandschuhe aufmachen, es gäbe so viele Meldungen, wie solche Sachen dann explodierten. Die Vorsitzende kommt darauf zurück, dass R. sagte, er sei verpflichtet am Monitor zu bleiben und gesehen habe, dass ein Auto dort hält. Bis jetzt sei noch nicht zur Sprache gekommen, dass der Angeklagte wohl auch geklingelt habe. Der Zeuge antwortet, der Attentäter habe zwar seine Hand ausgestreckt, während des Gottesdienstes seien aber alle Vorrichtungen abgeschaltet – Klingel, Handys, man dürfe nicht mal Straßenbahn fahren am Schabbat. Die Vorsitzende fragt, ab wann ihm klar gewesen sei, dass es jetzt gefährlich werden könne. Er antwortet, das sei zu dem Zeitpunkt, als er eine unbekannte Waffe in den Händen dieses Mannes gesehen habe. Die Richterin fragt nach seiner Aussage, dass es wie eine Pumpgun ausgesehen habe. Er sagt, es habe so ähnlich ausgesehen. 
[XXX, Angaben zum Synagogengelände, Anm. demo.] Die Vorsitzende fragt R., wie es ihm nach den schlimmen Ereignissen gegangen sei. Er antwortet, als das alles losging, habe er eigentlich keine Angst um sich gehabt. Er habe Angst um die Menschen gehabt die darin waren, darunter sei auch seine Mutter gewesen. “Ich hatte Angst um die Menschen und ich wollte sie beschützen.”
Die Richterin fragt den Zeugen, wie es ihm nach der Tat gegangen sei. R. sagt, erst nach ein bis zwei Monaten habe er Probleme mit dem Einschlafen gehabt. Dass er das alles verkraftet habe, habe er seiner Lebenserfahrung zu verdanken. [XXX, persönliche Angaben, Anm. democ.] Die Vorsitzende Mertens sagt, er habe ja eine sehr große Verantwortung gehabt und habe sie auch heute, sie könne sich denken, dass das belaste. Aber er sei ja seiner Verantwortung sehr gerecht geworden. […] Sie sagt, sie hoffe, dass es ihm bald wieder besser gehe und bedankt sich. 
Verteidiger RA Weber fragt das Gericht nach dem Vorhalt, dass der Angeklagte geklingelt habe und fragt die Vorsitzende, woher sie das haben. Die Vorsitzende erklärt, sie habe das der Vernehmung des Zeugen vom 9. Oktober entnommen. Als nächstes bezieht sich RA Weber auf eine Skizze des Synagogengeländes, die im Gerichtssaal über Monitore gezeigt wird. Er fragt nach dem Haupttor. Der Zeuge habe gesagt, dass es immer verschlossen sei und fragt, welche Sicherungsvorkehrungen da getroffen wurden. Der Zeuge sagt, das Tor sei immer abgeschlossen. […] Der RA fragt, wie genau das Tor abgesichert sei, ob das nur ein normales, handelsübliches Schloss sei. Die Anwältin des Herrn R. sagt, sie würden diese Frage aus sicherheitsrechtlichen Gründen nicht beantworten. Die Vorsitzende merkt an, man habe ja Fotos aus der Akte von dem Tor gesehen, wo man erkennen könne, wie es geschlossen war. RA Weber erwidert, er habe da nicht erkannt, was den Verschluss herbeigeführt habe. Die Vorsitzende schlägt vor, da Herr R. nur Angestellter der Synagoge sei, den Gemeindevorsitzenden zu fragen. […] Weber formuliert noch einmal seine konkrete Frage: Er möchte wissen, welche Art von Verschluss beim Haupttor gewesen sei. Die Vorsitzende sagt, das würden sie zur Kenntnis nehmen. […]
RA Hoffmann erhält das Wort. Er merkt an, dass die Frage, so wie sie gestellt war, unzulässig sei. Wenn dann müsse man fragen, wie die Türe damals gesichert war – heute spiele keine Rolle. RA Weber erwidert, genau so sei seine Frage gemeint gewesen. [XXX, Details zum Synagogengelände, Anm. democ.] 
RA Weber fragt nach der Skizze des Geländes und will wissen ob eine bestimmte Linie einen Zaun darstelle. RAin Lang, Vertreterin der Nebenklage, beanstandet die Frage, da der Zeuge die Skizze nicht angefertigt habe. RA Weber fällt ihr ins Wort und wird laut. Die RAin sagt, er solle aufhören, ihr ins Wort zu fallen – sie möge es nicht, wenn Männer ihr ins Wort fallen. RA Weber sagt, sie solle aufhören ihn anzuschreien, das sei sein Fragerecht. RAin Lang widerspricht: er sei ihr ins Wort gefallen.
Die Vorsitzende schlägt vor, nochmal die Lichtbilder anzusehen. [XXX, Details zum Synagogengelände, Anm. democ.]
Der Nebenklagevertreter RA Böhmke fragt, ob es dem Zeugen bekannt sei, ob die Tür zur Straße vor und am Anfang des Gottesdienstes verschlossen gewesen sei. Der Zeuge antwortet, die Tür auf das Synagogengelände sei immer abgeschlossen. Die Vorsitzende fragt, ob die Tür zum Synagogengebäude normalerweise offen sei. Er antwortet, dass sie früher immer offen gewesen sei. Auf die Frage, wie seine Mutter den Vorfall verkraftet habe, antwortet der Zeuge, sie habe es sehr schlecht verkraftet. Sie sei sehr besorgt gewesen, da er sozusagen an vorderster Stelle war. Ihr gehe es immer noch schlecht, aber sie möchte sich nicht an Ärzte wenden – sie sage, er sei bei ihr und das sei ausreichend. Die Vorsitzende fragt, wie alt seine Mutter sei. Er sagt, sie sei 83. Sie fragt zurück, ob er sie nicht überredet bekomme, dass sie vielleicht doch einmal zum Arzt gehe. […] Sie sagt, seine Mutter habe wahrscheinlich auch viel erlebt in ihrem Leben. Der Zeuge bejaht das, sie habe einiges erlebt in ihrem Leben. Während des Krieges sei die Familie von seinem Opa in den fernen Osten zwangsumgesiedelt worden, da sei dann ein autonomes Gebiet für Juden organisiert worden. Erst nach dem Krieg sei die Familie dann in die Ukraine gesiedelt. Richterin Mertens fragt, wann sie nach Deutschland gekommen seien. Herr R. antwortet, das sei ‘96 gewesen. [XXX, Angaben zum Synagogengelände, Anm. democ.]
Die Vorsitzende bedankt sie sich beim Zeugen und erklärt, er könne seine Auslagen geltend machen. Sie wünsche ihm alles Gute und bittet ihn, er solle seiner Mutter gute Besserung bestellen.
Die Verhandlung wird für 15 Minuten unterbrochen.

Aussage der Zeugin Agatha M. 
Anschließend wird die Zeugin Agatha M. begrüßt, über ihre Zeugenpflichten belehrt und zu ihren Personalien befragt. [XXX, persönliche Daten, Anm. democ.] Die Aussagen der Zeugin werden übersetzt. 
Die Vorsitzende sagt, die Zeugin sei in Halle gewesen und sie gehe davon aus, dass sie mit der Gruppe von jungen Leuten unter Organisation von Rabbiner Jeremy B. und Rabbinerin Rebecca B. nach Halle gekommen sei. Sie fordert die Zeugin auf, den Tag aus ihrer Sicht zu schildern. 
Frau M. erzählt, sie sei bereits am 8. Oktober angereist, weil der Feiertag am vorherigen Abend beginne. Sie sei mit dem Zug angereist und habe sich mit den anderen Leuten aus der Gruppe erst im Hotel getroffen. Als sie sich auf den Weg zur Synagoge begeben haben, sei ihr aufgefallen, dass dort keinerlei Polizei war, was sie verwundert habe. Der Leiter der Gemeinde habe sie dann in Empfang genommen und durch die Synagoge begleitet. Sie hätten dann am Abend miteinander gebetet. Sie sei sehr gerührt gewesen von der Atmosphäre. Die Gruppe hätte sich gedacht, dass es gut wäre den Feiertag in einer kleineren Stadt zu verbringen und in der Gemeinschaft anderer Menschen des selben Glaubens diesen Tag zu begehen. Nach dem Gebet seien sie in die Stadt gegangen und hätten sich dort auf einen Spaziergang begeben. Es sei sehr nett gewesen und eine gute Gelegenheit, um sich besser kennenzulernen: “Ich kannte nur wenige Leute aus der Gruppe und heute sind alle diese Menschen meine Freunde”. Am nächsten Tag habe sie sich früh zu einer Meditation begeben, noch bevor die Gebete angefangen hätten. Sie habe sich an der Situation sehr erfreut und habe sich dort in Gänze der Atmosphäre hingeben wollen. Sie habe mit ihrer ganzen Seele und ihrem ganzen Körper daran teilhaben wollen. Die Gebete seien sehr ruhig gewesen. Sie sei sehr emotional involviert gewesen, ihre Emotionen seien hochgekocht und sie habe ihre Gedanken auf diesen Feiertag ausgerichtet. Sie hätten dann begonnen, die Tora zu lesen. Dann habe sie eine Art Knall gehört und zunächst geglaubt, dass die Tora heruntergefallen sei. Sie habe dann als nächstes den Vorbeter gesehen, wie er in eine bestimmte Richtung in der Synagoge gelaufen sei. Sie habe bemerkt, dass unter den Anwesenden eine Art Panik ausbrach. Sie habe sich in der Synagoge im oberen Teil, auf dem Balkon, der für die Frauen bestimmt ist, um dort die Gebete zu verrichten, befunden. Sie sei die Treppe herunter- und auf die Ecke zugelaufen, in der der Monitor gewesen sei. Sie habe aber nichts erkennen können und sei dann in den zweiten Raum gelaufen. In dieser Zeit hätten einige aus der Gruppe begonnen, die Tür zu verbarrikadieren. Als nächstes hätten sie ein Zeichen bekommen, sich in die oberen Räumlichkeiten zu begeben. Sie erinnere sich daran, dass viele der älteren Leute Schwierigkeiten gehabt hätten, die Treppe nach oben zu kommen. Ihr sei aufgefallen, dass allgemein Panik herrschte, dass es sehr eng war auf dem Flur und dass es sich um eine Stresssituation gehandelt habe. Sie alle hätten einfach nicht gewusst, wie lange die Situation andauern würde. Sie hätten nicht gewusst, ob etwas passiert sei und wann sie wieder runter in den Gebetsraum gehen könnten. Nach einiger Zeit seien sie dann wieder nach unten gegangen und hätten ihre Gebete fortgesetzt, sie könne aber nicht sagen in welchem Zeitraum. Sie erinnere sich an diesen Tag wie durch einen Nebel.
Sie habe auch einen Anruf von einer Freundin erhalten und habe dann an ihre Eltern und Freunde geschrieben, dass ihr gut gehe und ihr nichts passiert sei, da sie bemerkt habe, dass sie über Facebook viele Nachrichten erhalten hatte. Während der Zeit, in der sie auf die Evakuierung gewartet hätten, sei sie sehr aufgeregt gewesen. Aber sie müsse auch sagen, solange sie sich in der Synagoge befunden habe, habe sie sich sicher gefühlt. Später seien sie dann in Gruppen von zwei bis drei Personen aufgeteilt worden. […] Zum damaligen Zeitpunkt habe sie noch überhaupt kein Deutsch gesprochen und es habe ihr sehr viel daran gelegen mit einer Person zusammenzukommen, die Deutsch kann. Sie erinnere sich daran, dass die Polizeibeamten die Tüten mit dem Essen wegnehmen wollten, aber sie habe nicht verstanden, was sie zu ihr sagten. 
Sie wisse, dass das eine Frage sei, wie bestimmte Dinge gehandhabt werden und wie die Regeln dafür seien – sie hätten ja auch keine Ausweise dabei gehabt. Sie hätten ein Schild mit ihrem Namen bekommen. Sie habe sich gefühlt, wie jemand, der sich im Krieg befindet, insbesondere weil sie als Person mit einer Nummer versehen worden sei.
Dann hätten sie im Bus gesessen. Es sei ihr vorgekommen, als ob sie sehr lang im Bus hätten sein müssen. Einige Leute im Bus seien eher ruhig gewesen, andere seien sehr beunruhigt gewesen und hätten sich unter Stress gefühlt. Als nächstes seien sie dann ins Krankenhaus gefahren worden. Von den Schildern, die sie hatten, seien die Nummern abgelesen und an einen Scanner weitergeleitet worden. “Ich entschuldige mich, dass ich das immer wieder hervor hebe, aber für mich hat es eine sehr große Bedeutung gehabt, weil ich an die Zeit aus dem Zweiten Weltkrieg erinnert wurde.” Aus dem Krankenhaus erinnere sie sich, dass sie dort sehr herzlich empfangen worden seien. Sie hätten dort ihre Gebete beenden können und es sei möglich gewesen, dort gemeinsam zu singen und zu tanzen. Sie habe sich gefreut, dass ihnen – in Anführungsstrichen – nichts Schlimmeres passiert sei. Sie erinnere sich auch noch an das Fastenbrechen und daran, wie sie nach dem ganzen Adrenalinschub und dem Stress das erste gemeinsame Essen zu sich genommen hättem. In das Hotel seien sie später gebracht worden, von einer Polizei-Armada eskortiert. Sie habe noch ca. 24 Stunden danach unter Adrenalin gestanden. Sie habe nicht realisieren können, was vorgefallen ist – das sei ihr dann erst langsam möglich gewesen, als sie mit dem Zug Richtung Berlin gefahren sei. Sie erinnere sich, dass jeder Klang einer Sirene oder jeder Rettungswagen bei ihr ein Gefühl der Angst hervorgerufen habe.  […] “Die Tatsache, dass wir uns dort als Gruppe befunden haben und gemeinsam dort waren, hat mir sehr viel Kraft gegeben. Ich möchte euch allen danken, die ihr dort gewesen seid. Dank euch habe ich mich damals stärker gefühlt und fühle mich auch heute stärker.” Obwohl sie danach an den Symptomen einer PTBS gelitten habe, könne sie zum heutigen Tag sagen, dass sie sich stärker und kräftiger fühle. “Das Leben wird mit Sicherheit nicht mehr das gleiche sein und so, wie ich durch dieses Ereignis gereift bin, hoffe ich und denke, dass auch nachfolgende Generationen und die Gesellschaft durch dieses Ereignis an Reife gewinnen werden.” Sie stelle sich aber immer die Frage, ob es wirklich notwendig gewesen sei, dass es zu einer solchen Tragödie kommt. “Ist es wirklich notwendig gewesen, dass zwei Personen ums Leben kommen und andere verletzt werden? Möge die Gesellschaft sehen, dass Antisemitismus nach wie vor besteht”. Zum heutigen Tag glaube sie, sagen zu können, dass der Angeklagte mit Sicherheit seine Aufgaben im Geschichtsunterricht nicht erfüllt habe. Und was sie traurig stimme sei, was sie über sein Umfeld gehört habe. “Hat meine Familie nicht genug gelitten während des Krieges? Muss ich hier tatsächlich hervorheben, dass ich am Leben bin dank meiner Großelterngeneration, die durch verschieden Lager gehen mussten?” Sie habe die erste Generation sein wollen, die in Freiheit leben könne. Ihre Eltern seien unter dem Sowjetischen Regime groß geworden und erst seit den 90er Jahren könne man tatsächlich über ein freies Polen sprechen. Jedoch sei es nicht frei von Antisemitismus. Als sie den Entschluss gefasst habe, zum Studium nach Deutschland zu kommen, habe ihr Großvater sie gebeten, nicht in die Synagoge zu gehen. Er habe es für wirklich gefährlich gehalten. “Mein Herz läuft über vor Trauer, wenn ich sehe, das Antisemitismus immer noch nicht beendet ist.” Als Historikerin habe sie sich mit anderen Epochen befasst, in denen Antisemitismus geherrscht habe, unter anderem im Mittelalter. […] Heute ist es notwendig zu sagen: “Stop! Es reicht!”. 
Die Vorsitzende bedankt sich: “Das haben Sie uns wirklich gut erläutert und erklärt und ich denke, dass uns das alle sehr beeindruckt hat”. Sie fragt Frau M., wie lange sie schon in Deutschland sei. Die Zeugin antwortet, seit 1,5 Jahren. Sie sagt, dass dieses terroristische Attentat mit Sicherheit nicht ihrem Traum entgegenstehen wird, ihr Studium hier in diesem Land zu beenden. Sie wolle ihr Studium hier beenden und hier leben. “Und dieses Attentat wird mich mit Sicherheit nicht daran hindern, dass ich die Synagoge aufsuche oder von meinem Glauben abweiche. Ganz im Gegenteil, ich bin heute ein viel stärkerer Mensch geworden und ich kann sagen, dass mich dieses Erlebnis bestärkt hat, in meinem Glauben und in meiner religiösen Überzeugung. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Gott sein Volk Israel nicht vergessen wird.” Und sie glaube fest daran, was im Psalm 121,4 zu lesen sei. […]
Die Vorsitzende sagt, es sei nicht notwendig gewesen, dass die Opfer Zeugin eines Attentats wurde, damit sie Stärke hat. Sie fragt Frau M., ob die PTBS bei ihr auch erst ein paar Monate später eingesetzt habe. Die Zeugin sagt, das habe sich eigentlich sehr schnell gezeigt. Sie habe aufhören müssen zu arbeiten und habe nicht alle Lehrveranstaltungen besuchen können. Die Vorsitzende bedankt sich nochmals. Die Zeugin erhält ein Formular für die Auslagen. 
Die Verhandlung wird kurz unterbrochen.

Aussage der Zeugin Christina F.
Als nächste Zeugin ist Christina F. geladen. Sie wird von der Vorsitzenden über ihre Zeugenpflichten belehrt und zu ihren persönlichen Daten befragt. [XXX, persönliche Daten, Anm. democ.]

Auf die Frage, ob sie über ihre Anwälte zu laden sei, bittet die Zeugin darum, dass das auch wirklich so gemacht werde – es habe auch schon Briefe an ihre private Adresse gegeben. RAin Lang bittet für ihre Mandantin darum, dass diese erst einen Freivortrag halten kann, bevor sie befragt wird. Die Vorsitzende bejaht das, sie gehe davon aus, dass die Zeugin berichten werde, was sie erlebt habe.
Christina F. möchte vorausschicken, dass sie im März 2019 für einen ursprünglich einjährigen Studienaufenthalt nach Paris gezogen sei. Zum Tatzeitpunkt habe sie bereits in Paris gelebt. Sie sei nicht sicher gewesen, wo sie Jom Kippur verbringe, weil sie am Tag danach in Berlin sein wollte, wo ihr Studienwerk 10-jähriges Bestehen gefeiert habe. Sie habe den Feiertag einhalten wollen, und da man an Jom Kippur nicht reise, sei klar gewesen, dass sie bereits vorher anreisen müsse. Rabbiner B. und Rabbinerin B. hätten ihr von ihren Plänen erzählt, mit einer kleinen Gruppe nach Halle zu fahren – das sei ihr als gute Kompromisslösung erschienen. Am Morgen des 8. Oktober sei sie aus Paris nach Berlin geflogen und nach Halle gefahren, wo sie eine der ersten gewesen sei, die im Hotel ankam. Den Nachmittag habe sie recht entspannt verbracht, bis sich die Gruppe traf. Eins sei ihr gleich aufgefallen – sie kenne das aus Berlin, das vor jeder Synagoge mindestens zwei Polizisten stehen. Sie habe also gedacht, sie laufe auf dem Weg zur Synagoge einfach so lange die Straße entlang, bis sie die Polizisten sehe. Sie sei an der Synagoge vorbeigelaufen und habe noch mal nachgucken müssen.Sie sei etwas verwundert gewesen, vor allem auch weil an der Mauer ein Schild mit der Aufschrift “Synagoge” hing. Sie habe kurz gedacht, Halle sei ja klein, vielleicht brauche man das hier nicht. In der Gemeinde habe sie dann nachgefragt. Dort habe man ihr erzählt, dass sie sich schon lange ohne Erfolg um Polizeischutz bemüht hätten. Darüber habe sie sich sehr gewundert. 
Am 9. Oktober sei sie früh aufgestanden und habe noch einen Spaziergang gemacht, bevor sie dann gegen 8:30 Uhr als eine der ersten in der Synagoge angekommen sei. Da es eine orthodoxe Synagoge sei, gebe es eine Frauenempore – sie sei aber bewusst im unteren Bereich geblieben geblieben. Auch dort gebe es einen hinter einem Vorhang abgetrennten Frauenbereich. Dort habe sie direkt hinter Rabbinerin B. Platz genommen. Dann habe das Gebet begonnen. Beim Toralesen habe sie zwei laute Knallgeräusche gehört. Ihr erster Gedanke sei gewesen, dass es ein Terroranschlag sei und sie alle sich ducken müssten. Sie habe den Gedanken aber wieder verworfen, weil es doch absurd wirkte und erstmal keine Panik ausgebrochen sei. Sie habe versucht Richtung Eingangsbereich zu sehen und zu verstehen, was passierte. Sie habe dann gemerkt, dass die Stimmung in der Synagoge gekippt war und das Gebet unterbrochen worden sei. Sie habe gesehen, dass sich der Gemeindevorsitzende und der Sicherheitsmann im Eingangsbereich unterhielten. Sie habe nichts verstanden, aber es sei klar gewesen, dass die Lage ernst war. 
Schräg links vor ihr sei ein Freund plötzlich aufgesprungen und zum Hintereingang gelaufen. Sie habe zu dem Zeitpunkt schon verstanden, dass die Lage ernst sei und draußen eine Person in Kampfmontur versuche einzudringen. Unklar sei gewesen, wo sich der Angreifer genau befand und ob er auf der Straße oder bereits auf dem Gelände war. Ihr einziger Gedanke sei gewesen: “Der Freund von mir stirbt jetzt nicht alleine.” Sie sei ihm hinterhergerannt und habe gesehen, dass er die Hintertüre verbarrikadierte. Sie hätten dann eine weitere Tür mit Tischen verbarrikadiert. Als sie ihn fragte, was gerade passiere, habe er gesagt, dass er keine Ahnung habe. 
Die anderen BeterInnen seien ihnen entgegen gekommen und sie habe sich bewusst entschieden, nochmal in den Gebetsraum zurückzugehen. Dort habe sie ihre Jacke und ihren Schal gelassen, beides Kleidungsstücke von unglaublich großem emotionalen Wert. Es seien Erbstücke von ihrer verstorbenen Großmutter und ihrem verstorbenen Vater. Also sei sie nochmal zurück in den Gebetsraum gegangen und sei dann den anderen Betern in den hinteren Raum gefolgt. Dort habe sie auch gestanden, als der Gemeindevorsitzende die Polizei angerufen habe. Sie habe ihn sagen hören, dass es ein Terroranschlag sei. Das sei das erste Mal gewesen, dass sie verstanden habe, wie ernst und gefährlich die Lage ist. So richtig verstanden habe sie das erst viel später und auch heute noch habe sie immer wieder Schwierigkeiten, es zuzulassen, dass dieses Attentat wirklich passiert ist. Das Trauma sei sehr groß. Sie erinnere sich auch an den Adrenalinstoß, der tagelang angehalten habe. Sie habe dann den Tag damit verbracht, nachzusehen, wie es den anderen geht. Der Vorbeter habe ihr gesagt, sie könne hochgehen und den älteren Menschen helfen. Als sie ihn gefragt habe, was sie als nächstes tun könnte, habe er gesagt, dass alle weg von den Fenstern müssten. Sie sei dann wieder nach oben gegangen und habe allen gesagt, dass sie sich ducken sollten. Der Kantor habe dann mit dem Gemeindevorsitzenden und dem Sicherheitsbeauftragten im Eingangsbereich vor dem Überwachungsbildschirm gestanden. Sie habe den Kantor gefragt, ob er okay sei und was eigentlich los sei. Er habe verneint und ihr gesagt, dass da ein Mensch auf der Straße liege. Ihr erster Impuls sei gewesen, dass sie da raus müsse, um Erste Hilfe zu leisten, aber es sei gleichzeitig vollkommen klar gewesen, dass sie niemals hinaus gelassen würde. Sie habe erst ein paar Tage später verstanden, dass die Person auf der Straße tatsächlich tot und dass es Jana gewesen sei. Der Gemeindevorsitzende habe dann gesagt, dass die Polizei jetzt da sei und ihr das Auto auf dem Bildschirm gezeigt. Sie habe gefragt, warum die denn nichts machen, denn es sei zu sehen gewesen, dass sich niemand um die am Boden liegende Jana gekümmert habe. Es sei eine Katastrophe gewesen. “Es war eine Katastrophe, zu sehen, wie ein Mensch am Boden liegt und sich niemand dafür interessiert.” Sie hätten dann eine erste Entwarnung bekommen und es habe geheißen, dass sie irgendwann evakuiert würden. Ihr sei es in dem Moment unglaublich wichtig gewesen, weiter zu beten. Sie habe die Kontinuität gebraucht und es habe ihr viel Stärke gegeben, dass die, die wollten, gemeinsam weiter beteten. Dann seien sie in Kleingruppen evakuiert worden. Sie sei in der vorletzten Gruppe gewesen. Sie seien herausgebracht worden. Dort habe eine Art Korridor zwischen Polizei und Feuerwehr zum Bus geführt. Sie habe sich gewundert, dass es ein ganz normaler Bus war – ohne Sicherheitsglas oder besondere Sicherheitsvorkehrungen – und sie im Sichtfeld der Medien auf der anderen Straßenseite warten mussten. Es habe sie auch verstört, dass der Gemeindevorsitzende und der Kantor nicht in den Bus gebracht worden seien, sondern direkt von der Polizei mitgenommen wurden. Sie habe keine Ahnung gehabt, was eigentlich passiert war. Es habe keinerlei Kommunikation oder Informationen gegeben. 
Die einzige positive Erinnerung, die sie an diesen Tag habe, sei das Krankenhaus. Es sei heute noch sehr emotional. Dort hätte ein Team aus Ärzten und Pflegern Spalier gestanden. Die erste Person, die sie ansprach, sei der stellvertretende ärztliche Leiter gewesen. Er habe sie herzlich Willkommen geheißen und gesagt, dass sie dort keine Patienten, sondern Gäste seien. Das sei das Allerwichtigste gewesen: “Da habe ich das erste mal verstanden, dass ich in Sicherheit bin, dass ich kein Störfaktor bin und dass es okay ist, dass ich jetzt hier bin”. Sie hätten dann weiter gebetet und gemeinsam das Fasten gebrochen. Sie habe sich bewusst dafür entschieden, ihre Mutter erst anzurufen, wenn Jom Kippur vorbei ist. Unmittelbar nach dem Ende des Gebets habe sie dann eine Mitarbeiterin des Krankenhauses nach einem Telefon gefragt. Da das Festnetz des Krankenhauses nicht funktionierte, habe diese ihr ohne zu zögern ihr Privathandy gegeben. Sie habe ihre Mutter dann erreicht. Da habe sie das erste mal ausgesprochen, dass sie okay sei. 
Wegen des Telefonats habe sie anscheinend eine Ansage der Polizei verpasst und habe deshalb nicht gewusst, dass sie alle aussagen mussten, bevor sie das Krankenhaus verlassen konnten. Sie wisse noch, dass plötzlich schräg hinter ihr ein Mann aufgetaucht sei, den sie noch nie vorher gesehen habe – anscheinend ein Polizist in Zivil. Der habe “Na, wollen Sie jetzt?” zu ihr gesagt und sie habe sich irrsinnig erschrocken und ihn gefragt, wer er sei und worum es gehe. Er sei dann patzig und genervt geworden und habe gesagt, wenn sie das Krankenhaus verlassen wolle, müsse sie aussagen. Sie habe ihm gesagt, dass sie das nicht wusste. Er habe nur genervt gesagt: “Kommen Sie jetzt mit oder was?” Sie seien dann in einen Nebenraum gegangen. Es sei unglaublich angsterfüllend gewesen, mit einem fremden Menschen die Cafeteria zu verlassen. Der Polizeibeamte habe sie nach ihrem Ausweis gefragt. Sie habe geantwortet, dass sie keine dabei habe, weil Jom Kippur ist und sie nichts bei sich tragen dürfe. Der Polizist habe dann zu ihr gesagt: “Das ist aber komisch.” Sie habe erwidert: “Das ist nicht komisch, das ist Judentum und so fangen wir gar nicht erst an.” Er sei genervt von ihr gewesen und sie habe nicht das Gefühl gehabt, dass er sich dafür interessierte, was sie zu sagen hatte. Sie habe eher den Eindruck gehabt, eine nervige Belastung für ihn zu sein. Am Ende des Gesprächs habe sie ihm ihre Kontaktdaten regelrecht aufdrängen müssen. Er habe nicht danach gefragt, sie sei aber davon ausgegangen, dass sie nochmal kontaktiert würde um als Zeugin aufzutreten. Sie habe nach dem weiteren Prozedere gefragt und der Beamte habe genervt gesagt: “Ja, ich nehme ihre Adresse schon.” Es sei ihr sehr unangenehm gewesen, ihre Adresse herauszugeben, aber sie habe gewusst, dass es wichtig sei. Sie habe den Beamten noch gefragt, ob er ihr sagen könne, was genau passiert wäre und was der Stand der Dinge sei. Der Polizeibeamte habe ihr gesagt, da müsse sie seine Kollegen fragen, die den Mann gefasst hätten. Sie habe überhaupt kein Sicherheitsgefühl vermittelt bekommen. 
In der Cafeteria habe sie dann gesehen, wie Jeremy B. mit einem weiteren Polizisten diskutierte. Sie habe gehört, dass Jeremy B. und Rebecca B. mit ihrer Tochter in der Synagoge hätten übernachten sollen und die Babynahrung in der Synagoge war, zu der kein Zugang möglich gewesen sei. Daraufhin habe sie eine Mitarbeiterin des Krankenhauses gebeten, die Versorgung des Baby herzustellen, was diese auch sofort getan hätte. Es sei nicht klar gewesen, wo die Notschlafstelle für die Familie sein würde, und wann sie dorthin könnten. […] Sie habe dann im Hotel angerufen und nach einem Schlafplatz gefragt. Der Rezeptionist habe gesagt, dass alle Zimmer belegt seien. Sie habe noch einmal nachgehakt, und gesagt dass sie einen Schlafplatz für einen Überlebenden aus der Synagoge und seine Familie bräuchte. Der Rezeptionist habe ihr daraufhin mitgeteilt, dass gerade die letzten drei Zimmer von der Polizei reserviert worden seien – sie, F., vermute, für die zusätzlichen Einsatzkräfte. “Ich meinte dann: Gut, dann sind die wohl für uns und eins davon hätte ich gern.” Somit habe es dann auch ein Zimmer für Rabbi B. und Rabbinerin B. gegeben. Am Ende des Tages seien sie dann mit dem Bus zum Hotel gebracht worden. Ihr sei klar gewesen, dass sie den Polizisten nicht vertrauen könne und dass diese nicht wüssten, was sie tun. Sie habe einem Polizeibeamten gesagt, sie steige erst in den Bus ein, wenn sie einen Namen und eine Telefonnummer von einer zuständigen Ansprechperson am nächsten Tag habe. In dieser Zeit seien die anderen bereits im Bus gewesen und hätten dort gesungen, unter anderem ein Lied mit dem Text: “Am Israel Chai”. Sie sei von dem Polizisten gefragt worden, ob sie wisse, was “die da drin” singen. Sie habe angefangen den Text zu übersetzen, da sei er ihr ins Wort gefallen und habe gesagt “Ja, also Israelis”. Sie sei dann in die Position gekommen, den Unterschied zwischen Israelis und nicht-israelischen Juden zu erklären. Den Polizisten habe das nicht interessiert, er habe sich eher über ihre Erklärung amüsiert. Die Zeugin sagt, sie finde es unglaublich, dass die Polizei für ihre Verstärkung Hotelzimmer reserviert habe, gleichzeitig aber eine traumatisierte Kleinfamilie an eine Notschlafstelle verwiesen habe, von der nicht einmal klar war, wann und wo es sie geben würde. Und sie finde es unfassbar, dass der Angeklagte mehr über Juden und das Judentum wisse, als die Polizei.
Sie habe in den Tagen danach mit RIAS in Berlin telefoniert. Sie habe von denen gehört, dass sie in ihren Erfahrungen mit der Polizei noch glimpflich davon gekommen sei und es andere Betroffene gebe, die durch die Vernehmung der Polizei ein sekundäres Trauma davongetragen hätten.
Sie habe noch unter Schock gestanden, aber sich am Freitag [Schabbat, Anm. democ.] mit Müh und Not gezwungen, ohne Handy in die Synagoge in Berlin zu gehen. Sie habe dort eine Auseinandersetzung mit dem Sicherheitspersonal gehabt, die dazu geführt habe, dass sie das erste Mal geweint habe. Das sei wichtig gewesen, habe ihren Schockzustand beendet und langfristig dazu geführt, dass die Traumasymptomatik einsetzte. Sie habe kaum mehr geschlafen. Als sie dann wieder nach Paris gefahren sei, habe sich das angefühlt wie eine Flucht. In Paris sei sie von ihrer Gemeinde und ihrem Rabbiner unglaublich großartig aufgefangen worden. Er habe ihr schon eine Therapeutin gesucht, die auf Trauma spezialisiert sei. Dieses Angebot habe sie aber erst nach vier Wochen in Anspruch genommen, so lange habe es gebraucht, um zu merken, dass es wirklich nicht allein gehe. Es habe die Reaktion anderer gebraucht, so habe zum Beispiel ihr Rabbiner zu ihr gesagt: “Du bist ganz grau.” Ein Freund von ihr habe gemeint: “Wenn ich dir in die Augen sehe, dann ist da niemand.”
Zu ihrer Traumasymptomatik hätten Ein- und Durchschlafstörungen, Panikattacken an Orten mit vielen Menschen, Gedächtnisprobleme, Alpträume und Blackouts gehört. Manchmal habe sie plötzlich an einem Ort gestanden, ohne zu wissen, wie sie dort hingekommen war. Sie habe wochenlang versucht, ihren Alltag zu organisieren, indem sie sich alles aufgeschrieben habe, was sie tat. Sie sei überhaupt nicht fähig gewesen, in ihren Alltag zurückzukehren oder ein normales Leben zu führen. Sie habe auch psychosomatische Symptome gehabt, wie Hautreaktionen und Haarausfall. An ihrer Dissertation habe sie monatelang nicht gearbeitet. Es sei schon schwer genug gewesen, durch den Tag zu kommen, einzukaufen und sich zu ernähren. Die Symptome hätte sie vor allem bis Januar gehabt, sie würde sie aber bis heute begleiten. Während des Lockdowns oder nun zum Prozessbeginn seien sie abgeschwächt wiedergekommen. Sie habe seit zwei Wochen kaum geschlafen. 
Was sie gerettet habe, sei – abgesehen von ihrer Psychotherapeutin – das Boxtraining gewesen. Es habe sehr viele Tage gegeben, an denen gar nichts gegangen sei und sie nicht mal aus dem Bett gekommen sei. Sie habe es aber trotzdem noch zum Sport geschafft. Das sei es gewesen, was ihr Resilienz gegeben habe. 
Es habe sich langfristig viel für sie verändert. Sie lebe immer noch in Paris, auch wenn der Aufenthalt ursprünglich nur für ein Jahr geplant gewesen sei. Sie habe im Verlauf des letzten Jahres festgestellt, dass sie nicht nach Deutschland ziehen könne. Das sei zu einem Teil diesem Anschlag, aber auch zu einem großen Teil der Polizei und ihrem unsensiblen Umgang mit den frisch Traumatisierten geschuldet. 
Sie habe überhaupt kein Vertrauen mehr in deutsche Autoritäten. Sie lebe hier in Angst und Misstrauen: “So kann kein Mensch leben. Eine Zukunft in Deutschland kann ich mir nicht vorstellen”. Abschließend wolle sie den Bogen zu heute spannen. Sie sei erschöpft. “Ich bin vor allem emotional erschöpft, weil ich unglaubliche Angst habe, dass wir schon wieder nicht gehört werden und schon wieder nicht ernst genommen werden.” Sie fühle sich in Deutschland nicht ernst genommen. Sie sehe das an der Inaktivität der Politiker und an der Gesellschaft, die nicht sehe, dass es ein historisch gewachsenes Problem des Antisemitismus gebe, das ernst genommen werden müsse. Und sie sehe es auch an diesem Prozess. Sie als NebenklägerInnen müssten als Bittsteller beim Bundesministerium für Justiz anfragen, damit sie teilnehmen könnten – sie hätten eine Pauschalzahlung erhalten, aber das reiche bei Weitem nicht. Zudem kritisierte die Zeugin eine nicht vorhandene sprachliche Sensibilisierung des Gerichts, das seit dem ersten Tag inhaltlich unreflektiert die Sprache des Täters reproduziere.
Die Vorsitzende bedankt sich und fragt Frau F., seit wann sie in Deutschland sei. Sie antwortet, dass sie seit Februar 2017 hier sei. Auf die Frage, ob sie vorher in Österreich gelebt habe, antwortet sie: “Größtenteils, aber nicht durchgängig.” Die Frage, ob sie jetzt noch in psychotherapeutischer Behandlung sei, bejaht sie. 
Die Vorsitzende Mertens bedankt sich bei der Zeugin und überreicht das Formular zur Reisekostenerstattung. Die Vorsitzende kündigt eine Unterbrechung an, man habe sich eine kleine Pause verdient. Der Angeklagte lacht. Die Vorsitzende maßregelt ihn, dass er sich aus Respekt vor allen Personen zusammen nehmen solle. Jeder Mensch habe Respekt verdient, das müsse er doch eigentlich wissen. 
Es folgt eine Unterbrechung.

Aussage der Zeugin Mandy R.
Anschließend wird Frau Mandy R. als Zeugin befragt. Die Vorsitzende belehrt sie über ihre Zeugenpflichten und befragt sie zu ihren Personalien. [XXX, persönliche Daten, Anm. democ.]

Die Vorsitzende Mertens sagt, am 9. Oktober 2019 seien schlimme Ereignisse passiert. Frau R. habe an diesem Tag die Straßenbahn benutzt. Sie bittet die Zeugin, aus ihrer Sicht zu schildern, wie alles abgelaufen sei. 
Die Zeugin sagt, sie sei an jenem Tag gegen 12 Uhr aus der Straßenbahn ausgestiegen. Beim Aussteigen habe es eine laute Detonation gegeben. Sie habe die Schienen überquert, an der Kreuzung sei es rot gewesen, sodass sie warten mussten. Zwei andere Frauen seien über die Straße gegangen, sie sei um die Ecke gegangen. Dort habe jemand mit Helm und Gewehr gestanden. Es sei eine komische Situation gewesen und sie habe die Straßenseite gewechselt. Dann habe der Attentäter eine Frau umgeschossen und ihr Kopf habe in dem Moment nur gesagt: “Renn!”. Sie sei in die nächste Parkeinfahrt gelaufen und habe sich hinter einem Auto versteckt. […]
Die Vorsitzende fragt, warum sie die Straßenseite gewechselt habe. Die Zeugin antwortet, da habe ein Auto gestanden und da sei diese Person gewesen, das sei alles ein bisschen komisch gewesen und sie hätte sowieso die Straße überqueren wollen. Die Vorsitzende Mertens fragt, ob sie wusste, dass dort die Synagoge war, was die Zeugin bejaht. Die Frage, ob sie wusste, dass an dem Tag ein hoher jüdischer Feiertag war, verneint sie. Die Vorsitzende fragt, ob sonst noch Leute auf der Straße gewesen seien. Die Zeugin antwortet, sie sei nur mit einer Frau aus der Straßenbahn in die Straße eingebogen. Mertens fragt nach den Schüssen auf Frau L. […] Die Vorsitzende fragt, ob die Zeugin das Gesicht des Attentäters sehen konnte. Diese antwortet, sie habe den Helm und die Kampfmontur von der Bundeswehr sehen können. […] Die Vorsitzende fragt, ob sie eine Waffe gesehen habe. Die Zeugin antwortet, das habe sie schon als sie um die Ecke gekommen sei – zu dem Zeitpunkt habe sie aber gedacht, dass es sich um Bundeswehr oder Ähnliches handeln müsse. 
Die Vorsitzende sagt, das müsse man erstmal realisieren, was da passiert, auf einer Straße, auf der man immer langgeht. Sie bittet die Zeugin noch einmal, die Situation zu schildern, bevor sie sich geduckt habe. R. sagt, das seien ja nur Sekunden gewesen. Ihr Kopf habe gesagt, sie solle wegrennen und sich abducken, dann habe es minutenlang nur geknallt. Die Vorsitzende fragt, ob sich das auf Jana L. bezöge. Die Zeugin sagt, es habe auch danach noch geknallt. Sie sei in eine Parkeinfahrt gelaufen, habe sich hinter ein Auto geworfen und versucht die Polizei zu rufen. Aber Geknall habe sie immer noch gehört. Mertens fragt, ob der Attentäter die Waffe auf sie gerichtet habe. […] Die Zeugin sagt, sie wisse nicht ob er auf sie geschossen habe, aber sie nehme es an. Sie wisse, dass er sie registriert habe, weil er auch in ihre Richtung geguckt habe. […] Die Schüsse seien ohrenbetäubend gewesen. Sie habe gegen 12:05 Uhr versucht, die Polizei zu rufen, doch dort sei besetzt gewesen. Danach habe sie ihren Mann angerufen und ihm gesagt, er solle bitte kommen. Ihr Mann sei eine viertel Stunde später da gewesen. Solange habe sie noch ausharren müssen. Irgendwann sei es still gewesen und dann habe es wieder Schüsse gegeben, aber sie habe gehört, dass die Schüsse weiter weg gewesen seien. Die Vorsitzende sagt, in der Vernehmung vom 14. Oktober würden auch Uhrzeiten der Anrufe auftauchen. Sie fragt, ob die Zeugin diese auf ihrem Handy gespeichert hatte. Die Zeugin bejaht. […]
Frau R. habe dann einen Beamten gefragt, ob sie noch eine Zeugin bräuchten, aber der Beamte habe nur gesagt, sie solle schnell ins Auto gehen, wegfahren und sich in Sicherheit bringen. Die Vorsitzende fragt, wie es dann zu ihrer Vernehmung gekommen sei. Die Zeugin antwortet, sie habe von zu Hause noch einmal die Polizei angerufen und die Beamten hätten sie dann kontaktiert. […] Die Vorsitzende fragt, ob die Zeugin sich danach in ärztliche Behandlung begeben habe. Sie antwortet, sie sei vier Wochen krank gewesen und mit PTBS diagnostiziert worden. [XXX, persönliche Angaben, Anm. democ.] Es sei erstmal gar nichts gegangen. In der Woche darauf habe sie mit einer Pfarrerin gesprochen und innerhalb ihrer Familie und ihres engen Freundeskreis die Geschichte behandelt. [XXX, persönliche Angaben, Anm. democ.] Die Zeugin sagt, der Kontakt zur Pfarrerin habe ihr schon sehr geholfen. Sie habe erkannt, dass sie sich Zeit lassen müsse, das zu bearbeiten. Ihr Umfeld habe ihr dabei geholfen. Die Frage, ob sie nach vier Wochen wieder arbeiten gegangen sei, bejaht sie. Die Vorsitzende sagt, sie habe gehört, es sei eine Aufregung für die Zeugung gewesen, hier ins Gericht zu kommen. Diese bejaht, es gehe ihr wieder schlechter. 
Die Vorsitzende Mertens fragt R., ob sie seitdem über die Situation gesprochen habe. Die Zeugin antwortet, das habe ihr im Vorfeld nichts ausgemacht. Es habe sie keiner direkt darauf angesprochen, aber sie hätte gewusst wen sie anrufen könne, wenn sie reden wolle. Die Vorsitzende sagt, manche Betroffenen würden öffentlich sprechen wollen und andere würden das nicht wollen. “Ich nicht”, antwortet Frau R. […]
Die Vorsitzende bedankt sich bei der Zeugin.
Der Angeklagte ergreift das Wort. Er wolle noch sagen, dass es ihm leid täte, was er ihr angetan habe. Die Zeugin sagt, sie habe dazu nichts weiter zu sagen. “Freiheit ist das höchste Gut des Menschen. Ich bin frei und ich hoffe, dass dieser Mensch nie wieder einen Tag in Freiheit verbringt”. 

Aussage des Zeugen Stanislaw G.
Als letzter Zeuge wird Herr Stanislaw G. begrüßt, über seine Zeugenpflichten belehrt und zu seinen Personalien befragt. [XXX, persönliche Daten, Anm. democ.] 

Die Vorsitzende sagt, Herr G. sei am 9. Oktober 2019 in der Humboldtstraße unterwegs gewesen und bittet ihn, zu schildern, was er erlebt habe. 
Der Zeuge erzählt, er sei auf dem Weg zur Arbeit gewesen. Er habe einen Job bei einer Firma und erledige Arbeiten im Auftrag vom Landesverwaltungsamt. Er sei auf dem Weg zum Gericht gewesen. Während der Fahrt sei ihm jemand mit einer merkwürdigen  Uniform und Waffen aufgefallen, er habe sich noch gefragt, ob da ein Film gedreht werde. Dann habe er neben einem parkenden Auto jemanden liegen sehen, er habe nicht gewusst, ob es ein Mann oder eine Frau war. Er habe jedenfalls angehalten und sei ausgestiegen – er habe wissen wollen, ob er Hilfe leisten könne. Da habe jemand hinter ihm aus einem oberen Stockwerk “Weg, weg!” gerufen. Er habe niemanden gesehen und dann habe er jemanden erblickt, der mit angelegter Waffe auf ihn gezielt habe. Der Zeuge habe sich dann umgedreht und sei ins Auto gestiegen. Im Spiegel habe er nochmal gesehen, dass derjenige irgendetwas an der Waffe gemacht habe. Er habe an eine Ladehemmung gedacht. Nach dem Einsteigen, habe es erstmal Probleme dabei gegeben, das Auto zu starten. Der Schlüssel habe nicht gleich ins Zündschloss gepasst. Dann sei er losgefahren. Er habe noch erwartet, dass Schüsse in seine Richtung kommen würden. Der Zeuge sagt, er sei dann um die Ecke gefahren, habe angehalten und die Polizei gerufen. Beim zweiten Versuch habe die Polizei sich gemeldet. Ein Beamter habe ihm gesagt, er solle dort warten, die Kollegen würden gleich kommen. In dieser Zeit habe er zwei Detonationen gehört und habe dann die Polizeiautos kommen sehen. Er habe vielleicht 20 Minuten gewartet und sich dann gedacht, dass er weiter zum Gericht müsse. Er sei dann gefahren. 
Die Vorsitzende Mertens fragt, wie die Polizei dann an seine Adresse gekommen sei – schließlich sei er ja am 21. Oktober vernommen worden. Der Zeuge antwortet, er habe nochmal bei der Polizei angerufen. Mertens fragt ihn, wie es ihm seitdem gehe. Er antwortet, er denke, er habe das gut verkraftet. […] Die Vorsitzende fragt, ob er an dem Tag ganz normal seine Arbeit weiter gemacht habe. Er bejaht das – zu Hause habe er dann erzählt was los gewesen sei. Am nächsten Tag habe er einen Anruf von seiner Firma bekommen – sein Chef habe von dem Geschehen aus der Presse erfahren. […] Die Vorsitzende fragt den Zeugen, ob er Kontakt mit der Presse hatte. Dieser antwortet, das habe er nicht gewollt. Sein Chef habe ihm gleich Urlaub angeboten und er sei dann weg gewesen. 
Die Vorsitzende kommt nochmal auf die Situation in der Humboldtstraße zu sprechen. Als er die Person auf dem Boden liegen gesehen habe, habe er helfen wollen. Der Zeuge sagt, jemand habe ihm zugerufen “Weg, schnell weg!” – da habe er gemerkt, dass irgendwas nicht stimmte. Dann habe er den Mann gesehen, der schießen wollte. Die Vorsitzende sagt, sie habe in der Aussage des Zeugen gesehen, dass dieser auch gleich gewusst habe, dass die Kleidung nichts mit Polizei oder Bundeswehr zu tun gehabt habe – er habe es als Fantasieuniform bezeichnet. Der Zeuge bejaht das, so habe er sich ausgedrückt. Er habe gleich gemerkt, dass da etwas faul sei. Die Vorsitzende bittet ihn, die Situation mit der Waffe noch einmal zu schildern. Der Zeuge sagt, er habe schnell ins Auto herein gewollt. Er wisse nicht, ob er dann nochmal geschaut oder in den Spiegel geguckt habe, als er gesehen habe, dass der Mann an seiner Waffe arbeitete. Die Vorsitzende fragt, ob er gemerkt habe, dass geschossen worden sei. Das verneint der Zeuge, da die Waffe nicht funktioniert habe. Richterin Mertens fragt ihn, ob er Klickgeräusche gehört habe. Der Zeuge gibt an, Hörgeräte zu brauchen – die habe er an dem Tag aber nicht drin gehabt. 
RA David Hermann erhält das Wort und richtet sich an den Zeugen: “Wir haben hier viel Schreckliches gehört und dass sie den Mut hatten, in dieser Situation einem Menschen zu helfen, dafür haben Sie meine volle Anerkennung.”
Die Vorsitzende sagt, man habe auf dem Video viele Autos gesehen, die vorbeigefahren seien. Der Zeuge antwortet, er habe auch gesehen, dass ihm jemand entgegengekommen sei. Die Vorsitzende bedankt sich bei Herrn G. und sagt, er könne seine Auslagen geltend machen. Sie sagt, der nächste Verhandlungstag beginne am 8. September um 9:30 Uhr. […] 

Veröffentlicht am 15. September 2020.

https://democ.de/9-verhandlungstag-prozessprotokoll/


Angehängte Dateien
.pdf   09_Protokoll_HalleProzess_democ.pdf (Größe: 248,23 KB / Downloads: 0)
Antworten
#67
Zitat:
"RA Weber erwidert, er habe da nicht erkannt, was den Verschluss herbeigeführt habe. Die Vorsitzende schlägt vor, da Herr R. nur Angestellter der Synagoge sei, den Gemeindevorsitzenden zu fragen. […] Weber formuliert noch einmal seine konkrete Frage: Er möchte wissen, welche Art von Verschluss beim Haupttor gewesen sei. Die Vorsitzende sagt, das würden sie zur Kenntnis nehmen. […]
RA Hoffmann erhält das Wort. Er merkt an, dass die Frage, so wie sie gestellt war, unzulässig sei. Wenn dann müsse man fragen, wie die Türe damals gesichert war – heute spiele keine Rolle. RA Weber erwidert, genau so sei seine Frage gemeint gewesen. [XXX, Details zum Synagogengelände, Anm. democ.]"

Damit scheint das große Friedhofstor gemeint zu sein? Die Frage, wie das arretiert war (Spalt), beschäftigt uns ja auch. Schwierig im Protokoll natürlich diese doppelte Geheimhaltung; einmal der damaligen Sicherheitsmaßnahmen in der Verhandlung selbst und dann zusätzlich durch die teils absurde Selbstzensur durch democ.
Antworten
#68
12. Prozesstag Kurzbericht: "Kevin und Jana vergessen wir nicht." 


Am zwölften Verhandlungstag des Halle-Prozesses wurden am 15. September 2020 vier Überlebende des antisemitischen und rassistischen Anschlags vom 9. Oktober 2019 sowie der Vater des erschossenen Kevin S. als Zeugen angehört.
Zu Beginn skizzierte Karsten L. das Leben seines Sohnes Kevin S.: Dieser habe seit seiner Geburt mit körperlichen und geistigen Einschränkungen zu kämpfen gehabt, habe aber beharrlich darauf hin gearbeitet, auf eigenen Beinen zu stehen. Einen großen Schritt stellte dabei die Lehre als Maler dar, die er im Oktober 2019, nur wenige Tage vor der Tat, begann: Kevin S. habe sich geärgert, dass die Arbeitswoche nur fünf Tage habe, so begeistert war er von der Tätigkeit und dem Betrieb, den er von mehreren Praktika kannte. Besonders wichtig sei es ihm gewesen, seine Leidenschaft für Fußball und den Halleschen FC selbst finanzieren zu können. Beim HFC habe Kevin Freunde gefunden, die ihn so akzeptiert hätten, wie er sei und immer zu ihm gestanden hätten. Der Verein habe ihm Alles bedeutet. Stolz habe Kevin seinem Vater etwa Bilder von Spielen geschickt, wenn dieser sie nicht selbst besuchen konnte. Karsten L., Kevin und dessen Mutter hätten trotz der Trennung der beiden Eltern vor vielen Jahren eine große Nähe zueinander gehabt. Noch um kurz vor 12 Uhr hätten die drei am Tattag telefoniert. Kurz darauf habe Karsten L. Kevin dann nicht mehr erreicht und begonnen, sich Sorgen zu machen. Rund dreißigmal hätten die Eltern über Stunden versucht, Kevin zu erreichen, sein Handy zu orten und Bekannte zu kontaktieren. “Aber nichts, nichts”, schildert L. mit tränenerstickter Stimme. Kurz nachdem er dann eine Vermisstenanzeige bei Facebook online stellte, habe ein Freund ihm das Video von der Tat geschickt. Sofort habe er seinen Sohn erkannt, der im Video aus kurzer Nähe erschossen wird. Schluchzend berichtet L., wie er sofort Kevins Mutter angerufen und ihr den Tod des gemeinsamen Sohnes mitgeteilt habe. Heute seien beide auf umfangreiche professionelle Hilfe angewiesen.
Die Zeugin Karen E. verbrachte den 9. Oktober in der Synagoge der Jüdischen Gemeinde zu Halle. Gemeinsam mit FreundInnen habe die 60-Jährige die kleine Gemeinde unterstützen wollen und sich daher dazu entschieden, erstmals die Stadt zu besuchen, um dort Jom Kippur zu begehen. Wenn sie heute auf den Gottesdienst zurückschaue, bleibe trotz der schrecklichen Ereignisse eine positive Erinnerung an die Stimmung während des Gebets und die tollen Menschen, die sie kennengelernt habe. 
Als sie die ersten Explosionsgeräusche gehört habe, habe sie gleich gewusst, dass etwas nicht stimme. Sie gehöre einer Generation amerikanischer Juden an, die unter deutschen und polnischen Juden aufgewachsen seien, die vor Nationalsozialismus und Shoa in die USA geflohen sind. Die Geschichte der Shoa kenne sie daher gut: “Eigentlich sind diese Bilder immer in schwarz-weiß. Aber hier waren diese Bilder in Farbe.”
Von der Polizei seien die Besucher*innen der Synagoge später wie Täter behandelt worden. Mehrfach hätten sie sich ausweisen müssen und seien ihre Taschen kontrolliert worden, u. a. vor den Augen der Presse: “Da habe ich mich eigentlich als Objekt gefühlt”, sagte E. Die gesellschaftliche Lage in Deutschland mache ihr große Sorgen: Der Täter sei trotz seines eigenständigen Handelns nicht allein: ”Er ist ausgebildet, motiviert, angefeuert und unterstützt worden von White Supremacy Gruppen, die nicht nur in den USA tätig sind, sondern auch in Deutschland.” Wenn man diese Vernetzung nicht ernst nehme, sei das Verfahren gegen den Angeklagten eigentlich bedeutungslos. Es könne doch nicht sein, so E., dass etwa ein Kollektiv von Künstlern und Wissenschaftlern kürzlich gezeigt habe, wie viel mehr es über White Supremacy und das Attentat herausbekommen habe als das BKA. Die Seite „Global White Supremacist Terror: Halle“ zeige wichtige Zusammenhänge auf, die von den Behörden ignoriert würden.
Auch Ezra Waxman war extra für Jom Kippur nach Halle gereist: Noch am Tatabend hatte er begonnen, sich Notizen zum Angriff auf die Synagoge und den folgenden Geschehnissen zu machen, die er vor Gericht detailliert darstellte. In dem Schrecken und der Ungewissheit in der Synagoge, die immer wieder durch Gerüchte und unzureichende Informationen durch die Polizei genährt worden seien, habe ihm der Fokus auf die Gebete, die Gemeinschaft und den Glauben Kraft gegeben. Unter Polizeisirenen und Helikopter-Geräuschen hätten sie in der Synagoge mit einer besonderen Intensität gebetet. Später sei es schwierig gewesen, dieses positive religiöse Erlebnis und die tödliche Realität, die draußen zeitgleich stattgefunden hatte, zusammenzubekommen. “Aber ohne Zweifel war es in diesem Moment das, was ich tun musste.” 
Mit dem Anschlag sei er in eine Rolle geraten, die er nie habe einnehmen wollen: Immer habe er sich bemüht, seine jüdische Identität nicht durch den Antisemitismus, sondern durch positive, kreative Elemente der jüdischen Kultur zu bestimmen: Dazu zähle für ihn jüdische Musik, die Weisheit der Tora oder die hebräische und jiddische Sprache. Nun, da ihm durch den antisemitischen Anschlag aber zugehört werde, wolle er diese Stimme nutzen, um das kulturelle Leben in Deutschland mit noch mehr Farbe und jüdischer Kultur zu bereichern. Die Kernbotschaft des Judentums, die er weiterverbreiten wolle, sei die Wertschätzung des Heiligtums des Lebens. Von dem Pastor der Familie der erschossenen Jana L. habe er die Wendung von “dem Wunder und der Wunde von Halle” gelernt und wolle diese aufgreifen: Kurz nach der Tat hätten sich die Geschehnisse aufgrund ihres Überlebens wie ein Wunder angefühlt, wenn dies auch bereits in krassem Gegensatz zu dem verursachten Leid gestanden hätte. Heute würde er vor allem den Schmerz der Wunde von Halle spüren. Er müsse dabei jedoch an seine 96-jährige Großmutter denken, die den Zweiten Weltkrieg überlebt und viel Leid erfahren habe. Was sie aus ihrem Leid und der Konfrontation mit dem Tod gelernt habe, sei eine Wertschätzung des Lebens an sich.
Als nächster Zeuge schilderte Rıfat Tekin, wie er den Angriff auf den “Kiez Döner”, in dem er am Mittag des 9. Oktober arbeitete, erlebte: Er habe gerade den ersten Döner des Tages zubereitet, als er den Angeklagten in einer Fantasieuniform erblickt habe. Nach dem ersten Schuss habe er sich unter die Theke ducken und dann aus dem Laden fliehen können, als sich der Angeklagte Kevin S. zuwandte. Noch immer leide seine Familie und er psychisch sehr unter der Tat. Seinem Bruder sei es wichtig, den Laden weiterzubetreiben und sich von der Tat nicht einschränken zu lassen. Er könne aber nur noch gelegentlich aushelfen, ertrage die Arbeit in dem Lokal nicht mehr und habe mit Schlafprobleme zu kämpfen.
Wie jeder deutsche Bürger wolle er sich für dieses Land einsetzen, antwortete Rıfat Tekin auf die Frage der Vorsitzenden Richterin Mertens nach seinen Zukunftsplänen. Nur einen Wunsch setzte er ans Ende seiner Aussage: Er hoffe, dass das Gericht zu einem gerechten Urteil komme.
Sein älterer Bruder İsmet Tekin sagte als letzter Zeuge des Tages aus. Er hatte den “Kiez Döner”, der ihm mittlerweile gehört, wenige Minuten vor der Tat verlassen und war nach einem Anruf seines Bruders zurückgekehrt und dem Attentäter auf der Straße begegnet. 
Bewegend schilderte İsmet Tekin, wie er versucht habe, zurück zum Tatort zu rennen, um bei seinem Bruder zu sein. Der Weg sei ihm aber unendlich weit und seine Beine völlig kraftlos vorgekommen. Am Laden sei er auf den Attentäter gestoßen, der sich gerade ein Feuergefecht mit der Polizei lieferte. Nur wenige Meter sei er von diesem entfernt gewesen. Dass es ihm trotzdem bis kurz vor dem Prozess verwehrt bleiben sollte, als Nebenkläger aufzutreten, kritisierte Tekin scharf. Er wäre froh, wenn er nicht betroffen und gefährdet gewesen wäre und mit der Sache nichts zu tun hätte. Aber so sei es nicht. 
Als kontinuierlicher Begleiter des Prozesses habe er der Belastung stets standgehalten. Als er die Aussage von Kevins Vater habe hören müssen, sei das aber nicht mehr gegangen. Für die Tat habe er keine Worte, ganz gleich welche Sprache er bemühe. Der Schmerz einer Mutter oder eines Vaters, die ihr Kind verlieren, sei nicht in Worte zu fassen. Für den Angeklagten aber habe er eines: Dieser sei ein Feigling. 
Scharf kritisierte Tekin, dass es zu ähnlichen Vorfällen wie dem Anschlag in Deutschland immer wieder komme. Das Land sei in vielerlei Hinsicht vorbildhaft. Dieses Probleme müssten aber alle gemeinsam löse. Nach der Tat habe er sich nicht mehr um die deutsche Staatsbürgerschaft bemühen wollen, wie er es eigentlich vorgehabt hätte: “Solange ich dunkle Haare habe, einen dunklen Teint, macht es keinen Unterschied, ob ich in meiner Tasche einen deutschen Pass trage oder nicht.” Tekin betonte aber, wie viele wunderbare Menschen er kennengelernt habe und bedankt sich im Namen seine Familie für die große Unterstützung und Solidarität. 
Als der Verteidiger Weber Tekins Ausführungen unterbrechen will und dabei fälschlich behauptet, dieser sei nicht einmal Nebenkläger, findet dessen Anwalt Onur Özata unter dem Beifall von Nebenkläger*innen und Publikum deutliche Worte: Zum wiederholten Male zeige der Verteidiger seine Unkenntnis bezüglich der Verfahrensakten. Dass er versuche, den Betroffenen Tekin an dieser Stelle zu unterbrechen, während sein Mandant das Verfahren wiederholt mit “antisemitischem und rassistischem Quatsch” störe, sei beschämend.
Zum Schluss seiner Aussage richtete Tekin sich erneut direkt an den Angeklagten, den er “den Feigling” nennt: “Sie haben nicht gewonnen. Sie haben auf ganzer Linie versagt. Mein Bruder lebt und ich lebe. Doch entstanden ist noch mehr Zusammenhalt und Liebe. Wir haben keinen Hass. Wir werden nicht weggehen, wir werden nicht aufgeben, wir werden standhalten. Und wissen Sie was? Ich werde Vater. Ich bekommen bald ein Kind. Ich werde alles dafür tun, dass mein Kind sich für dieses Land einsetzt. Und dass ihr Bösen euch schämt. Kevin und Jana vergessen wir nicht. Im Koran gibt es noch einen Satz: ‘Wer einen Menschen tötet, tötet die ganze Menschheit.’ In diesem Schmerz werden wir gemeinsam leben. Das werden wir gemeinsam tun. Als Türken, Deutsche, Muslime, Christen und Juden.” 
Das Verfahren wird am 16. September 2020 fortgesetzt.

https://democ.de/12-prozesstag-kurzbericht-kevin-und-jana-vergessen-wir-nicht/
Antworten
#69
13. Prozesstag Kurzbericht: "White Supremacy" tötet 

Am 16. September 2020 sagten am 13. Verhandlungstag des Halle-Prozesses zwei Nebenklägerinnen aus, die am 9. Oktober 2019 in der Synagoge in Halle waren. Außerdem wurden vier PolizeibeamtInnen als ZeugInnen gehört, die vor dem “Kiez Döner” vom Angeklagten beschossen worden waren und das Feuer erwidert hatten.
Zu Beginn der Verhandlung drohte die Vorsitzende Richterin Mertens Ordnungsgelder und Saalverweise an, sollte es wie am Vortag nach Zeugenaussagen zu Applaus kommen. Sie könne verstehen, dass man den Zeugen seine Unterstützung signalisieren wolle, dazu gebe es aber auch andere Mittel. Die Nebenklage-AnwältInnen Alexander Hoffmann und Kristin Pietrzyk bezogen Stellung gegen diese Androhungen: Im kurzen Applaus sei keine Störung des Verfahrens, sondern lediglich der Ausdruck von tiefer Verbundenheit zu erkennen. Sollte die Vorsitzende die Strafen tatsächlich verhängen, würde sie sich in die Tradition des würdelosen Umgangs mit Betroffenen rechter Gewalt vor Gerichten einreihen. Rechtsanwalt Hoffmann regte nach den beiden folgenden Zeuginnenaussagen an, die Solidarität durch stilles Aufstehen auszudrücken – eine Geste, der sich zahlreiche Menschen im Saal anschlossen.
Die erste Zeugin des Tages, Jacqueline Lauren F., schilderte, wie das Trauma des Anschlags ihr Leben erschüttert habe. Mit sechs Jahren habe sie erlebt, wie ihr Vater, der im World Trade Center arbeitete und den Anschlag vom 11. September überlebte, durch dieses Ereignis für immer verändert gewesen sei. Was es bedeute, unter einem Trauma zu leiden, habe sie auch durch die intergenerationale Erfahrung der Shoa immer gewusst. Als sie das Attentat des 9. Oktobers 2019 überlebte, in dessen Verlauf sie auch davon ausgegangen sei, dass es sich bei der toten Jana L. vor der Synagoge um ihre Freundin Mollie S. handele, habe sie daher direkt gewusst, dass sie von nun an eine andere Person sein würde.
Die drei Traumata, die ihr Leben prägten, seien alle durch den Antisemitismus verbunden: Seit dem 11. September hätten antisemitische Erzählungen und Verschwörungsphantasien an Bedeutung gewonnen und würden sich übers Internet global verbreiten. Auch der Täter von Halle habe sich in diesen Kreisen bewegt, dürfe nicht als lone wolf betrachtet werden und habe mit seiner Tat Nachahmer motivieren wollen. Die Online-Communities, die sich auf die Ideologie der White Supremacy beziehen, müssten dringend untersucht und beobachtet werden. In ihrer Rolle als Nebenklägerin wolle sie auch darauf hinweisen, dass der Täter keineswegs nur antisemitisch motiviert war, sondern in seinem Weltbild auch Rassismus, Islamophobie und Sexismus miteinander verwoben gewesen seien. Sie habe den Eindruck, dass dies in der Debatte um den Anschlag oft nicht thematisiert würde.
Auch die zweite Zeugin, Sabrina S., betonte, dass sie nicht nur Jüdin, sondern auch Frau, Linke, Migrantin und gay sei und daher im Weltbild des Täters ein umfassendes Ziel darstellen würde. White Supremacy stelle darüber hinaus aber auch eine Gefahr für alle anderen Menschen dar: “Ich sehe mich hier um, und wir alle sehen aus wie Jana oder Kevin oder İsmet.” Das Problem dieses Denkens und des rechten Terrors könne auch durch die schärfsten Sicherheitsmaßnahmen nicht behoben werden. Den ersten Teil der Radikalisierung sei die Gesellschaft, in der es etwa normal sei, zu sagen, dass Migranten oder der Islam nicht zu Deutschland gehören würden, gemeinsam mit dem Angeklagten gegangen. Erst später seien dann seine Online-Kontakte zu seinen Wegbegleitern hin zum rechten Terror geworden. Es käme daher nicht darauf an, lediglich Synagogen zu beschützen oder den Täter für immer ins Gefängnis zu stecken: Die zentrale Frage sei, so Sabrina S., dass wir alle verhindern, dass unsere Kinder zu Rechtsextremen und Neonazis werden. Wer mit der Achtung gegenüber anderen Menschen aufwachse, könne nicht so werden wie der Angeklagte. Auch wenn ihr Vertrauen in den Schutz des Staates, die Justiz und die Polizei gebrochen worden sei, mache ihr Hoffnung, dass sie so viele Betroffene von Rassismus und Antisemitismus erlebe, die stark und mit Freude weiterleben.
Wie Jacqueline Lauren F. berichtete auch S. von den Schwierigkeiten, therapeutische Hilfe zu finden. 
In der zweiten Hälfte des 13. Verhandlungstages wurden zunächst die drei PolizistInnen nacheinander als ZeugInnen gehört, die versucht hatten, den Angeklagten vor dem “Kiez Döner” zu stellen, von diesem unmittelbar beschossen wurden und das Feuer erwidert hatten. Der Attentäter war im Verlauf dieses Schusswechsels am Hals getroffen worden und zu Boden gegangen, hatte aber fliehen können. Laut Anklageschrift soll es sich bei den Schüssen auf die Einsatzkräfte um versuchten Mord gehandelt haben.
Die drei BeamtInnen schilderten weitestgehend übereinstimmend die Geschehnisse des Tattages: Demnach sollten die StreifenpolizistInnen Sarah B. und Dirk F. am Mittag des 9. Oktobers bei einem Routineeinsatz in Halle-Neustadt von ihrem Kollegen Daniel L. unterstützt werden. Auf dem Weg dorthin hätten sie dann die Information bekommen, dass in der Humboldtstraße, in der die Synagoge liegt, Einsatzkräfte benötigt würden. Sie hätten darauf zunächst nicht reagiert, sondern ihre Unterstützung erst angeboten, als andere Kollegen meldeten, dass sie bereits beim Einsatzort in Halle-Neustadt seien. Erst bei der Rückfrage, was genau sie in der Humboldtstraße erwarte, sei dann die Rede von einem bis mehreren Tätern, Schusswaffen, Sprengsätzen und einem möglichen Todesopfer gewesen. Darüber, ob in diesem Funkspruch bereits die Rede von der Synagoge als Anschlagsziel gewesen sei, gingen die Erinnerungen auseinander. Auf dem Weg zur Humboldtstraße hätten Sarah B. und Daniel L. sich mit schwerer Schutzausrüstung ausgestattet, L. habe sich zudem mit einer Maschinenpistole bewaffnet. Ihnen sei dann, bei noch immer dünner Informationslage, mitgeteilt worden, dass mittlerweile ein Angreifer in einem Dönerimbiss in der Ludwig-Wucherer-Straße gemeldet worden sei. Als sie an diesem neuen Einsatzort eintrafen, habe der Angeklagte unmittelbar das Feuer auf sie eröffnet. Er traf dabei mehrfach den Einsatzwagen. Aus der Deckung des Polizeiwagens habe L. mit der Maschinenpistole zurückgeschossen. Nach den ersten beiden Schüssen auf den Angeklagten sei “eine Weile gar nichts passiert”, schilderte L. vor Gericht. Bilder von der Tat zeigen, dass der Angeklagte von einer Kugel am Hals getroffen worden war und zu Boden ging, dann aber mit seinem Auto flüchten konnte. Während der Befragung wurde von Nebenkläger*innen die Frage angeschnitten, warum die PolizistInnen in dieser Situation nicht vorgerückt seien, um den Täter zu stellen. Die Einsatzkräfte sowie ein weiterer Polizist, der später in einem zivilen Fahrzeug zu der Situation dazustieß, versicherten, dass ihnen völlig unklar gewesen sei, dass sie den Täter getroffen hatten und sie auf seine Reaktion gewartet hätten. Außerdem hätten sie sich vor möglichen weiteren Tätern absichern wollen. Den flüchtenden Attentäter hätten sie schnell aus den Augen verloren und seien danach in unterschiedlichen Funktionen bis zum Abend im Einsatz gewesen. Getrieben worden seien sie dabei vom Ziel, den Täter noch zu stellen. Alle vier PolizistInnen berichteten von den gravierenden psychischen Folgen der Tat, von Schlaflosigkeit, Angst- und Trauerzuständen. Keiner von ihnen ist heute noch im Streifendienst tätig. 

Die Verhandlung wird am 22. September 2020 fortgesetzt.

https://democ.de/13-prozesstag-kurzbericht-white-supremacy-toetet/
Antworten
#70
Zitat:
Zitat:Karsten L., Kevin und dessen Mutter hätten trotz der Trennung der beiden Eltern vor vielen Jahren eine große Nähe zueinander gehabt. Noch um kurz vor 12 Uhr hätten die drei am Tattag telefoniert. Kurz darauf habe Karsten L. Kevin dann nicht mehr erreicht und begonnen, sich Sorgen zu machen. Rund dreißigmal hätten die Eltern über Stunden versucht, Kevin zu erreichen, sein Handy zu orten und Bekannte zu kontaktieren. “Aber nichts, nichts”, schildert L. mit tränenerstickter Stimme.

Kurz nachdem er dann eine Vermisstenanzeige bei Facebook online stellte, habe ein Freund ihm das Video von der Tat geschickt. Sofort habe er seinen Sohn erkannt, der im Video aus kurzer Nähe erschossen wird. Schluchzend berichtet L., wie er sofort Kevins Mutter angerufen und ihr den Tod des gemeinsamen Sohnes mitgeteilt habe.

Die Aussage des Vaters erscheint mir zweifelhaft aus folgenden Gründen: Wenn "alle drei noch kurz vor 12 Uhr" telefoniert haben wollen, was ja schon ungewöhnlich genug ist an einem normalen Arbeitstag, selbst wenn man eine geistige Einschränkung von Kevin einbezieht, warum aber wollte der Vater den Sohn "kurz darauf" schon wieder erreichen und geriet sofort in Sorge, als der Sohn, der Mittagspause hatte und dann weiterarbeiten sollte, nicht ans Telefon ging? Warum stellt er gleich eine "Vermisstenanzeige" bei Facebook ein? Was soll das?

Seit frühem Nachmittag war über die Medien bundesweit eine Amoklage bekannt geworden:
https://www.tagesschau.de/inland/schiess...e-103.html

Wenn es so ein enges Verhältnis zur Exfrau gab, warum informierte er nicht zuerst die, damit sie vor Ort bei der Polizei Klarheit sucht?

Links zu Balliets Livestream waren m.W. erst am Abend bekannt geworden. Aber was für mich besonders schwer glaubhaft ist, daß der Vater sich sogleich diese Hinrichtung seines Sohnes angeschaut haben will, deren Link ihm jemand über Facebook schickt. Ist das normal?

Auch die Mutter sah Balliets Tatvideo, wartete aber auf die Ankunft der Polizei 22.30 Uhr, damit sie Gewißheit bekommt, daß ihr Sohn unter den Opfern ist, statt selbst aktiv zu werden?
"Das Video des Attentats hätten ihre Freunde, die im gleichen Haus wohnen, gezeigt, erklärt die 43-Jährige. Doch sie habe gar nicht realisiert, was da zu sehen sei."
https://www.rtl.de/cms/anschlag-in-halle...18173.html?

Nicht realisiert? Das Video war ja nicht nur relativ schwer zu finden, und plötzlich will es alle Welt gesehen haben, aber welche Eltern schauen sich beide unabhängig voneinander so etwas an, wenn es noch gar keine gesicherten Informationen gibt und man bis zuletzt Hoffnungen hat, die man sich nicht nehmen lassen will? Welche "Freunde" zeigen einer Mutter so was am Tattag?
Antworten


Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste