Themabewertung:
  • 0 Bewertung(en) - 0 im Durchschnitt
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
Prozess in Magdeburg
#41
Halle-Prozess: 7. Verhandlungstag – Das BKA gibt dem Täter Grund zum Lachen


Simone Rafael

Einen Rechtsterror-Prozess umweht eine Stimmung des Angespannten. Viel Polizei im Gericht, auch in schwerster Bewaffnung und Schutzmontur. Ausgiebige Sicherheitskontrollen für Presse und Besucher*innen. Das macht etwas mit den Beteiligten, oft auch mit den Angeklagten. Manche sind betroffen, andere wie versteinert, andere schlicht gelangweilt. Stephan B., der Attentäter von Halle, nicht. Er lacht. Er kichert. Er amüsiert sich. Der Prozess ist offenbar der Höhepunkt eines armseligen Lebens. Am gestrigen, siebten Prozesstag, geht es um seine Welt: Das Internet. Imageboards, Gaming, digitale Kontakte, um so relevanter bei einem Mann, der in der Offline-Welt offenkundig recht vollständig isoliert war (vgl. Belltower.News). Dabei wurde nicht B. befragt – das geschah bereits zuvor, und so gern er über seine Waffen sprach, so einsilbig wurde er bei seinen Online-Kontakten, weil er niemand verraten wolle (vgl. democ). Befragt wurden Ermittler*innen des Bundeskriminalamtes (BKA) zu ihren Erkenntnissen.

Hätte jemand der vereinsamten Mutter zuhören können?
Der Beginn des Prozesstages zeigt allerdings, dass B. sich nicht über alles amüsiert, auch wenn es bereits zuvor Prozesstage gab, an denen Richterin Ursula Mertens den kleinen, blassen Mann ermahnen musste, nicht so viel zu lachen (vgl. mdr). Am Anfang des 26.08.2020 geht es nämlich um seine Mutter. Das findet B. nicht lustig, hier sitzt er eher verschlossen-ausdruckslos im Gerichtssaal. Befragt wird die Schulleiterin der Grundschule, an der B.s Mutter ausgerechnet Ethik-Lehrerin war. Es ist offenkundig, dass die Zeugin B.s Mutter keinen weiteren Ärger machen möchte. Immer wieder betont sie die „Verlässlichkeit“ der Lehrerin, lobt Schüler*innen, die glauben, dass Mutter B. „nicht schuld“ sei. Klar wird aber auch, wie einsam B.s Mutter im Kollegenkreis der kleinen Grundschule offenkundig war. Man arbeitete zwar jahrzehntelang zusammen, aber persönliche Kontakte? Nein, es gab nur Gespräche bei der Pausenaufsicht. Nach dem Attentat ist die Mutter krankgeschrieben, quittiert dann den Schuldienst. Hat jemand aus der Schule sie hinterher noch einmal kontaktiert, gefragt, wie es ihr geht? Die Schüler*innen haben eine Postkarte geschrieben. Ansonsten: Nein.
Trotz des offenkundig recht unpersönlichen Verhältnisses im Kolleg*innen-Kreis gibt es aber Aussagen, die verblüffen. So erzählt die Zeugin, wie sehr Frau B. ihren Sohn geliebt hätte, geradezu „vergöttert“, sich um ihn gesorgt, etwa weil er krank war, sich gegen „den Vati“ gewehrt, der wollte, dass der Sohn noch eine Ausbildung machen solle, obwohl er doch noch nicht gesund sei. Im Kolleg*innenkreis hat Frau B. öfter davon erzählt, dass Stephan B. fände, es gäbe „zu viele andere Kulturen in Deutschland“. Kräftiges Kopfnicken der Zeugin, zur Bekräftigung: „Das hat sie öfter erzählt!“ Aber ob Frau B. auch dies Ansichten teile? Nein, das wohl nicht. Leider wurde nicht gefragt, ob eine solche Aussage ein an der Schule übliches Pausenhof-Konversationsthema ist oder doch vielleicht ein Ruf nach Hilfe? Nach den Sommerferien 2019 sei Frau B. plötzlich „sehr dünnhäutig“ gewesen, einer Kollegin gegenüber äußerte sie, sie habe Angst um Stephan B., „dass bald etwas Schlimmes passiert.“ Aber was? Da hat wohl keine*r nachgefragt: „Ich dachte, da ginge es wohl wieder um seine Krankheit.“ Jetzt sehe sie das in einem anderen Licht. Genauso wie andere Information, die die Mutter auf dem Pausenhof berichtete, ihr Sohn lerne jetzt Schweißen, interessiere sich nun für Bitcoins oder er kommuniziere seit Wochen zu Hause nur noch in Englisch, sie müsste manchmal Sachen nachschlagen, weil sie die nicht kennt. „Im Nachhinein kommen einem so die Gedanken. Damals habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht.“ Es entsteht der Eindruck, Frau B. habe durchaus eine Ahnung gehabt, dass ihr Sohn eine Bedrohung sein könne. Aber auch, dass sie offenbar keine Vertrauensperson hatte, mit der sie hätte sprechen können, und dass sie keine Hilfe gesucht hat.
Bis hierhin bleibt Stephan E. ernst. Nur bei der Frage, wie die Schulleiterin es fände, dass ausgerechnet der Sohn einer Ethiklehrerin das macht, grinst er. Es sieht höhnisch aus.

„Catgirls“ und Menschenverachtung amüsieren den Täter
Doch dann geht es um das Internet und B.s Manifeste, und B.s Stimmung steigt. Er freut sich besonders über die Anime-„Catgirls“, die er in sein Dokument eingebaut hat, grinst jedes Mal, wenn er eines sieht auf den Monitoren der Prozessbeteiligten. Tausende Anime-Girls, gern mit NS-Symboliken, Hakenkreuzen und „schwarzen Sonnen“, hat B. auf seinem Computer, seinem Laptop und dem USB-Stick gespeichert, den er bei der Tat bei sich hatte. In einer Vernehmung hat er, so berichtet ein Kriminalkommissar im Prozess, dann auch gefragt: „Ich bekomme die Daten nicht wieder, oder? Mir liegen einige der Daten am Herzen, die 3.000 Anime-Bilder, die Musik [rassistischen und antisemitischen Rap von „Moon Man“ aus der amerikanischen „Alt-Right“-Bewegung], das hätte ich ganz gerne wieder.“ Ebenfalls auf dem USB-Stick, den der Täter zur Tat bei sich trug: ein Video des Christchurch-Attentäters. Daneben fand die Polizei zwei Videos der neonazistischen „Atomwaffen Division“, die auch mehr Menschen zu rechtsterroristischen Attentaten motivieren will.
Aber B. freut sich nicht nur über seinen Fetisch, er freut sich genauso, wenn seine rassistischen oder antisemitischen Texte und Memes Gegenstand des Prozesses sind. Er freut sich, wenn sie verlesen werden, er freut sich aber fast noch mehr, wenn sich Gericht, Nebenklage-Anwält*innen und Zeug*innen bemühen, sie nur zu umschreiben, sie zusammenzufassen, statt sie abzubilden, sich dabei auch gegenseitig ermahnen müssen. Im Attentats-Prozess in Christchurch in Neuseeland – gerade mit einer lebenslangen Haft beendet, vgl. Spiegel – war das Verdikt souverän umgesetzt worden, dem Täter so wenig Plattform wie möglich zu geben. Im Landgericht Magdeburg bemüht man sich auch, aber Normalität ist es noch nicht. B. amüsiert sich auch, wenn Begriffe aus der Internet-Welt falsch ausgesprochen werden, wenn das Gericht rassistische englische Chiffren nicht versteht und sie sich übersetzen lässt. Der international agierende Online-Rechtsterrorismus, man ahnte es schon und es zeigt sich in diesem Gerichtssaal überdeutlich, ist für die deutschen Strafverfolgungsbehörden, für die Justiz und für die Polizei noch viel mehr „Neuland“ als geahnt. Jeder am 26.08.2020 geladene Zeuge oder Zeugin belegt das.

Ermitteln im Neuland
Nach dem Attentat von Halle hieß es, dass Bundeskriminalamt solle seine Internetkompetenzen stärken, 5.000 neue Beamt*innen wurden in Aussicht gestellt (vgl. Süddeutsche Zeitung). Wie dringend sie benötigt werden, zeigt dieser Prozess überdeutlich. Immerhin ist das Verfahren gegen den Attentäter von Halle neben dem Prozess gegen den Mörder von Walter Lübcke der wichtigste rechtsterroristische Prozess des Jahres. Und die Ermittlungen dazu führen? Junge Polizeikommissar*innen, größtenteils direkt von der Universität, möglicherweise durch ihre Jugend auserkoren, „diesem Internet“ Informationen zu entlocken. Sie sind als Zeug*innen vor das Landgericht geladen. Jede*r Einzelne hat sich ohne Zweifel so viel Mühe gegeben, wie er oder sie konnte. Und doch wird die Befragung ein Desaster.
Offenkundig wurde für die Ermittlungen von B.s Online-Umfeld nur wenig Zeit gegeben. Das ist schon erstaunlich angesichts der Tatsache, dass dieser Täter ja vor allem ein Online-Umfeld hatte. Die Beamt*innen haben alle Informationen zusammengetragen, die sich in der Fachliteratur und im Fachjournalismus zum Thema so finden lassen, und ab und zu eine Email an ein Netzwerk geschrieben, und wenn das sagte, es gibt keine Daten, dann war es das mit der Ermittlung. Dies ist zumindest der Eindruck, der in der Befragung entsteht (niemand wäre glücklicher als die Autorin, wenn er nicht stimmt). Mal eines der Chan-Netzwerke besucht, 4Chan, Nanochan, Meguca oder Julay.world, die der Täter frequentierte? Geguckt, wie dort kommuniziert wird, welche Inhalte geteilt werden, ob der Täter oder andere Vorgänger-Täter glorifiziert werden? Nein. Versucht, an Kontaktdaten zu kommen, an Verbindungsdaten zu Chats des Täters? Nein. Man erinnert sich: Das Tatvideo war auf dem „Meguca“-Forum eingestellt worden. Journalist*innen hatten dies rund eine Woche nach der Tat recherchiert. Zwei Wochen nach der Tat löschte das Imageboard alle Daten. Die Anfrage der Polizei traf erst später ein. Offenbar war niemand auf die Idee gekommen, dass hier die Zeit drängen könnte. Wurden seine verschlüsselten Dateien geknackt? Nein. Ob das noch versucht werde? Unklar. B. grinst. Einen Bericht mehr gibt es noch: Eine Bitcoin-Spende, von der B. selbst berichtet hat, kann über die den Ermittlern vorliegenden Emailadressen des Täters nicht ermittelt werden. Schade.

Wenn Fragen peinlich werden
Als die Rede auf das Gaming-Verhalten des Täters kommt, wird es noch skurriler: „Hat man versucht die Spielstände auf den Gaming-Plattformen zu ermitteln, die der Täter besucht hat?“, fragt die Nebenklage. Damit könnte man vielleicht Aufschlüsse darüber gewinnen, ob B. in den Kriegsspielen, die er gern spielte, oft die Deutschen gespielt und damit seine Ideologie auch in der Freizeit ausgelebt hätte. B. spielte auch ein Spiel, bei dem der Spieler Waffen auseinander baut und zusammensetzt, 82 Stunden lang. Interessant wäre doch: Welche Waffen wählte er dabei? Ähnelten sie den späteren Tatwaffen? Die Nebenklage traut sich kaum noch, so etwas Gezieltes zu fragen, denn die Antwort ist nein, nein, nein. Die Plattform „Steam“ habe zwar Daten zur Verfügung gestellt, aber nach Spielständen habe man nicht gefragt. Schließlich kulminiert es auf der Frage aus der Nebenklage: „Sie wurden also beauftragt, das Gaming-Verhalten des Angeklagten zu untersuchen, obwohl Sie keine Ahnung von Gaming haben?“. „Ja.“ Es gäbe aber, wurde sogleich versichert, einen Kollegen im BKA, der kenne sich mit Gaming aus. Das Gericht interessiert sich für seinen Namen. Der ist bis Ende des Prozesstages nicht auffindbar.
Einen ähnlich unguten Eindruck hinterlässt auch der Kriminalkommissar, der die zur Tat hinterlassenen Schriften der Attentäter von Christchurch und von Halle vergleichen sollte. Der sagt immer wieder, dass er viele Ausdrücke und Chiffren in den Schriften gar nicht verstanden hätte, das habe er sich erst mal erarbeiten müssen. Und so habe er mehr mit Formalitäten gearbeitet: Der eine Text sei lang, der andere kurz, im einen ginge es viel um Antisemitismus, im anderen um Waffen. Also gäbe es keinen Zusammenhang zwischen den Taten. Er scheint inzwischen zu ahnen, dass dies keine der Realität entsprechende Einschätzung ist, und quittiert etwa alle Belege der Nebenklage-Anwält*innen zu Antisemitismus in der Schrift des Halle-Attentäters mit, ja, das sähe er jetzt auch als antisemitisch an. Die BKA-Einschätzung der Schriften werde aber trotzdem nicht geändert.
Kein Wunder also, dass am Ende des Prozesstages ein Nebenklage-Anwalt feststellt, er habe den Eindruck, die Ermittlungsbehörden hinkten den online organisierten Tätern mittlerweile meilenweit hinterher. Die offenkundigen Wissenslücken in der Strafverfolgung, das mangelhafte Sichern von Daten und die mangelnden Kenntnisse über Inhalte und Chiffren machen es schwer, Motivationen, Radikalisierung und Tatvorbereitung des Täter nachzuvollziehen, was für die Prävention aber sehr wichtig wäre.

https://www.belltower.news/halle-prozess-das-bka-gibt-dem-taeter-grund-zum-lachen-103023/

Hervorhebungen (bau) iim Text von mir
Antworten
#42
Halle-Prozess: 8. Verhandlungstag – „Ich werde meine Zukunft hier aufbauen – Du hast gar nichts erreicht.“
Rachel Spicker

Am 9. Oktober 2019 versuchte der Attentäter Stephan B., bewaffnet in diese Synagoge in Halle zu stürmen. Er tötete zwei Menschen. Am 21. Juli beginnt der Prozess gegen ihn im Landgericht Magdeburg. (Quelle: Amadeu Antonio Stiftung) 

Am 01. September 2020 fand in Magdeburg der achte Prozesstag gegen den Attentäter von Halle statt. Zum ersten Mal im Verfahren wurden vier Betroffene gehört, die während des Anschlags in der Synagoge waren. Es sind bewegende Schilderungen, die die Betroffenen mit fester Stimme vortragen. Sie berichten über kleine Zufälle, die womöglich Leben gerettet haben, wie die erste Zeugin, die sich kurz die Beine vertreten wollte und wenige Minuten, bevor der Attentäter vorfuhr, das Synagogengelände verlässt und die Schüsse und Explosionen aus einem nahegelegenen Park hört. Sie berichten darüber, wie die Gebete anlässlich Yom Kippur durch die Explosionen unterbrochen und dann doch weitergeführt werden.
Eine Zeugin berichtet von ihrem Großvater, einem Holocaustüberlebenden, dessen gesamte Familie ermordet wurde: „Lange war mein Großvater der einzige Überlebende in unserer Familie. Seit dem 9. Oktober 2019 gehöre ich auch dazu. Ich stehe an seiner Seite. Die Stärke, mit der ich heute hier stehe, entspringt dem Glauben und der Widerstandskraft meiner Familie. Ich stehe hier heute nicht nur für mich. Ich stehe hier für die Generationen von Juden und Jüdinnen, die vor mir da waren und für alle, die noch kommen werden.“
Alle Befragten beschreiben ihren Schock und ihre Trauer über die sinnlose Ermordung von Jana L. und Kevin S.: „Ich komme nicht darüber hinweg, dass zwei Menschen tot sind, weil ich es nicht bin. Mir wäre es persönlich lieber, wenn er auf mich geschossen und nicht zwei andere Menschen ermordet hätte, die einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort waren“, berichtete eine Zeugin.
Jedes Wort der Betroffenen führt dem Täter sein Scheitern vor Augen. Denn immerhin sprechen hier die Menschen, die er ermorden wollte, während er nur noch mit Fußfesseln auf der Anklagebank sitzt. Es ist schließlich der Kantor der jüdischen Gemeinde in Halle, der ihn direkt anspricht und vom ersten Shabat nach dem Attentat berichtet: „Die Straße war voll mit Menschen. Die Straße auf der du warst. Alte, Junge, Menschen aus Halle. Sie haben gesungen und sie haben gesagt, wir werden diesen Ort nicht verlassen, wir werden die Menschen in dieser Synagoge mit unserem Leben beschützen. Ich werde hier bleiben. Ich habe hier meine Familie. Ich werde meine Zukunft hier aufbauen. Du musst den Rest deines Lebens damit leben, was du getan hast. Du hast gar nichts erreicht. Es hat nichts gebracht.“
Erschütternd sind an diesem Tag aber auch die Aussagen über das Verhalten der Behörden und ihrer Vertreter*innen. Rabbiner Jeremy Borovitz betont in seiner Aussage mehrmals, dass es ihm nicht darum geht, einzelne Beamte anzugreifen oder die Polizei als Institution zu kritisieren: „Ich erzähle das nicht, weil ich die Polizei beschuldige, aber ich glaube sie hätte ein paar Dinge besser machen können“. Hört man die Schilderungen der Zeug*innen, dann sind es tatsächlich mehr als nur ein „paar“ Dinge, die ein in Teilen katastrophales Bild der Hallenser Polizei zeichnen. 
Zum Beispiel werden die Menschen aus der Synagoge von der Polizei mit einem Bus vom Anschlagsort in ein Krankenhaus gebracht. Der Bus steht in der Straße vor der Synagoge, die Scheiben sind nicht verdunkelt und auch sonst gibt es keinen Sichtschutz. Direkt gegenüber stehen Fotograf*innen und fotografieren die wartenden Menschen im Bus. Im Bus wurden die Juden und Jüdinnen von einer katholischen Nonne erwartet, die als Seelsorgerin fungieren sollte. Rabbi Borovitz: „Ich glaube, das war gut gemeint. Man dachte, hier sind religiöse Menschen, dann bietet man ihnen religiöse Hilfe an. Aber aus jüdischer Perspektive – mit Blick auf die lange Geschichte der Zwangskonversion – war das für einige Betroffene sehr schwierig.“ 
Yom Kippur, also der Feiertag an dem der Anschlag stattfand, ist ein Tag des Fastens. Erst abends gibt es ein Fastenbrechen, dafür hatten die Besucher koscheres Essen mit in die Synagoge gebracht. Die deutsche Gründlichkeit der Beamt*innen verlangte allerdings offenbar, dass nichts die Synagoge verlassen durfte, was möglicherweise ein Beweismittel sein könnte. Auch nicht das Essen. Nach längerer Diskussion dürfen die Betroffenen es schließlich doch mitnehmen. Aber nicht in einem Koffer. Der wäre nämlich zu groß, also musste alles in Plastiktüten gepackt werden.
Aber nicht nur das Essen sollte nicht mit in den Bus kommen, sondern auch die 15 Monate alte Tochter von Rabbi Borovitz und seiner Frau, Rabbinerin Rebecca Blady. Denn in den Bus durften nur Personen, die auch vorher in der Synagoge waren. Die Tochter hatte allerdings den Vormittag mit ihrer Babysitterin verbracht. Die beiden waren während des Anschlags in der Stadt unterwegs. Erst nachdem sich der Rabbi weigerte, ohne seine Tochter einzusteigen, ließen die zuständigen Beamt*innen das 15 Monate alte Kleinkind doch noch in den Bus.
Erschütternder als diese Schilderungen der Betroffenen ist an diesem Verhandlungstag aber das Video der Überwachungskamera der Synagoge, auf dem das Verhalten mindestens einer Beamtin zu sehen ist. Von oben gefilmt ist der Bereich auf dem Gehweg direkt vor der Eingangstür zu sehen, die Kamera zeigt aber auch Teile der Straße, bis hin zu der Stelle vor dem Eingang des Jüdischen Friedhofs, wo der Täter zunächst parkt und schließlich Jana L. ermordet. Der Leichnam ist auf dem Überwachungsvideo am oberen Bildrand zu sehen. Nachdem der Täter es nicht schafft, die Tür, die aufs Gelände der Synagoge führt, aufzusprengen, geht er zum Auto und fährt los – in Richtung des City Imbiss, wo er Kevin S. ermordet.
Minutenlang ist auf dem Video der Leichnam von Jana L. zu sehen. Einige Passanten sammeln sich. Niemand versucht sie wiederzubeleben. Zehn Minuten dauert es laut dem Protokoll der Polizei, bis Beamt*innen eintreffen. Zehn Minuten liegt der Leichnam von Jana L. auf der Straße vor der Synagoge. Dann hält ein Polizeifahrzeug am oberen Bildrand. Eine Beamtin steigt aus. Sie macht keinen Wiederbelebungsversuch, sie nähert sich nicht einmal dem Leichnam. Stattdessen läuft sie auf der Straße hin und her. Sieben Minuten nach Eintreffen der Beamt*innen fährt der Täter erneut an der Synagoge vorbei. Bis zu diesem Moment zeigt Richterin Ursula Mertens das Video. Es ist jetzt 17 Minuten her, seitdem Jana L. vermutlich gestorben ist. Weiterhin hat sich keiner der Beamt*innen dem Leichnam genähert, nicht versucht wiederzubeleben, nicht den Tod festgestellt. Noch Stunden später liegt der Leichnam der Ermordeten vor der Synagoge, wie es die Zeug*innen schon beschrieben hatten. 
Wieder mal ist es kein gutes Bild, dass deutsche Polizist*innen abgeliefert haben. Wobei die Betroffenen immer wieder Wert darauf zu legen zu betonen, dass sie keine einzelnen Beamt*innen verantwortlich machen wollen. Und trotzdem hinterlässt das Überwachungsvideo eigentlich nur Ratlosigkeit und Erschütterung.
Die Betroffenen versuchen trotzdem, zumindest optimistisch in die Zukunft zu blicken. Rabbi Borovitz: „Ich bin vor 12 Jahren nach Berlin gekommen und dann vier Jahre später wieder. Ich glaube fest an die Zukunft jüdischen Lebens in diesem Land. Vor diesem Erlebnis wussten wir nicht genau, wie lange wir bleiben würden, jetzt weiß ich, dass jüdisches Leben weitergehen, blühen und wachsen wird und ich bin glücklich, dass ich Anteil daran habe. Wir verstecken uns nicht, wir sind laut und wir werden gehört.“

https://www.belltower.news/halle-prozess-ich-werde-meine-zukunft-hier-aufbauen-du-hast-gar-nichts-erreicht-103645/

Hervorhebungen (blau) von mir.
Antworten
#43
Halle-Prozess: 11. Verhandlungstag – Kein Beifall, kein Beileid

Simone Rafael

[Bild: HalleProzessZeugenstuhl.jpg]

Im Zentrum des Saals: Der Zeugenstuhl. Am 11. Prozesstag sagten drei Betroffenen aus, die sich während des Anschlags vor oder in dem Imbiss „Kiez Döner“ befanden. (Quelle: Nicholas Potter)


Es darf nicht mehr applaudiert werden. Das kündigte die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens schon am Vortag an im Prozess gegen den rechtsextremen Halle-Attentäter. Nach den berührenden Aussagen von Überlebenden des Anschlags, die sich zum Tatzeitpunkt in der Synagoge aufhielten, wurde immer wieder in den Reihen der Nebenkläger*innen und Besucher*innen geklatscht. Die Statements wiesen auf die Kontinuitäten der Shoah hin und machten die gesellschaftliche Dimension von Antisemitismus deutlich. Aber Ordnung müsse sein: „Wir sind hier als Gericht gehalten, dass die Verhandlung in einer ruhigen und neutralen Atmosphäre abläuft“, belehrte Richterin Mertens. Am elften Verhandlungstag wird es trotzdem noch einmal zum Beifall kommen, bevor Mertens einschreiten kann. Und dieser Applaus ist wohlverdient.
Am 09. September 2020 werden drei Zeug*innen befragt, die den Anschlag vor und in dem Imbiss „Kiez Döner“ erlebten. Als erste sagt die 78-jährige Hallenserin Margrit W. aus. Am Tattag ist sie auf dem Weg zu einem Arzttermin – bis sie einen Mann zwischen zwei geparkten Autos sieht. In seinen Händen: „Ein komisches Objekt. Vielleicht etwas Selbstgebautes für Fasching oder so“, erinnert Frau W. vom Zeugenstuhl. Dann kommt plötzlich ein Knall. Der Täter hat eine Nagelbombe vor dem Imbiss angezündet. Zwei Nägel, ungefähr 3 bis 4 cm lang, wie Frau W. mit ihren zarten Fingern zeigt, treffen sie am Fuß. Sie spricht von „jämmerlichen Schmerzen“. Dann rennt der Täter in den Dönerladen hinein. Vom Tod Kevin S.s, den der Täter im Laden erschießt, wird sie erst später in den Nachrichten erfahren. Seit dem Attentat habe sie nicht einmal davon geträumt, sagt sie. Ihre Verletzung sei mittlerweile folgenlos geheilt. Ihr großes Glück: Dem Täter nichts gesagt zu haben. „Sonst wäre es mir so gegangen wie der Frau an der Synagoge“ – und meint damit die 40-jährige Jana L., die der Täter in den Rücken schoss, nachdem sie die Gefahr der Situation nicht erkannte und den lauten Knall seiner Bomben kommentierte.
Danach sagt der pensionierte Hochschullehrer Prof. Dr. Bernd H. aus. Am Tag des Anschlags ist der 74-jährige Mann, der in Göttingen wohnt, in Halle für eine Redaktionskonferenz. Nach einer zweistündigen Autofahrt will er sich etwas zum Mittagessen holen, bevor die Konferenz beginnen soll – und wird mit dem „Kiez Döner“ fündig. Nachdem er seine Bestellung aufgibt, benutzt er die Toilette. Das wird ihm wenige Momente später das Leben retten. Er hört einen Knall: Welcher Idiot zündet hier einen Böller, fragt er sich. Er sieht niemanden. Dann gibt es Schüsse gegen die Fensterscheibe. H. ist von dem zersplitterten Glas fasziniert, ein ästhetisches Muster, das ihn kurz fesselt. Dann betritt der Attentäter den Laden – mit „wilder Entschlossenheit“ und einen „schnutigen Mund“. Herr H. hielt die kleine Waffe in den Händen des Attentäters für ein Paintballgewehr, seine Kampfmontur für ein Halloween-Kostüm. „Raus hier, der erschießt uns sonst“ ruft jemand – und unterbricht damit H.s Schockstarre. Dafür sei er bis heute sehr dankbar. Er flieht in den hinteren Teil des Ladens, vermeidet aber die fensterlose Toilette – eine Mausefalle, wie er sie beschreibt. Er springt aus dem Fenster zum Hinterhof und landet auf einer Mülltonne, rutscht, und erleidet eine heftige Prellung an seinen Rippen. In diesem Moment hatte er furchtbare Angst, sagt er. Angst, dass der Täter hinterher rennt. Angst um sein Leben.
Therapeutische Hilfe habe H. nicht in Anspruch genommen – dafür aber opiumhaltige Beruhigungsmittel, was ihm sehr geholfen habe und er dem Gericht nur empfehlen könne. Knallgeräusche seien ihm aber nach der Tat lange unerträglich gewesen. Heute gehe es ihm aber besser, so weit er das selbst beurteilen kann.
Für die Presse hat H. kritische Worte: Wenige Tage nach dem Attentat besuchten ihn drei Journalist*innen von „Spiegel Online“ zu Hause und baten um ein Interview. Er habe sich sehr über die „Unverfrorenheit“ geärgert, dass Menschen, die damit Geld verdienen, sich erdreisten, ihn so kurz nach dem Erlebten ungefragt zu behelligen. Wie die Journalist*innen an seine Privatadresse gekommen sind, kann auch die Richterin nicht beantworten. Es liegt aber nahe, dass jemand bei der Polizei die Adresse an die Presse weitergegeben haben könnte.
Zum Schluss seiner Aussage darf die Nebenklage ihm eine Frage stellen: Was wünscht er sich vom Prozess? „Ich erwarte, dass allen Beteiligten inklusive dem Angeklagten klar gemacht wird, dass hier ein zutiefst verabscheuungswürdiges Verbrechen vorliegt. Und dass dieses Verbrechen aus der Mitte der Gesellschaft, einer vielleicht etwas schlafmützigen Gesellschaft heraus, geschehen ist.“ Es sei für ihn schlecht vorstellbar, „dass über die Dauer der Zeit der Angeklagte mit seinen Vorbereitungen und Hirngespinsten, seiner Gefangenheit in einer völlig irrigen Denkweise, dass er in eine solche Entwicklung ohne Wahrnehmung seiner direkten Umwelt reingekommen sein soll.“ Und: Der Angeklagte verdiene das Urteil, das das Gericht fällen werde. Der Saal applaudiert, die Richterin greift ein. Es ist der Höhepunkt an diesem Verhandlungstag.
Nach der Pause wird das Video der Tat, gefilmt von einer zweiten Kamera an der Jacke des Angeklagten, in voller Länge abgespielt. Das Video zeigt wenig Neues, was nicht schon im Video seiner Helmkamera vorkommt, das am zweiten Prozesstag gezeigt wurde. Außer: Die weinerliche, selbstbemitleidende Reaktion des Attentäters über das Scheitern seines Plans am Ende seiner Flucht, kurz vor seiner (im Video nicht aufgenommenen) Festnahme. Nur dann fließen einzelne Tränen, nicht aber für seine Opfer: „Killing is not complicated, I’m not feeling different than before“, sagt er kaltblütig auf Englisch.
Nach einer weiteren Pause springt der Kriminalkommissar Nils Petersen ein, nachdem zwei Zeugen kurzfristig ausgefallen sind. Grund sei ein logistisches Dolmetscher-Problem. Petersen beantwortet Fragen zu seinem 107-seitigen Bericht über den Tatort am Dönerladen in murmelndem Sächsisch. Er beschreibt Luftaufnahmen von Drohnen, Schusslöcher in Wänden und Patronenhülsen auf der Straße mit einer distanzierten, beamtentypischen Sachlichkeit. Eine Anwältin der Nebenklage muss die Richterin hier unterbrechen, damit die Bildschirme im Besucherbereich ausgeschaltet werden, wenn Fotos von Kevin S.s Leichnam im „Kiez-Döner“ gezeigt werden sollen.
Zum Schluss sagt der 26-jährige Student Malek B. aus. Er wohnt in Halle, will aber am 9. Oktober 2019 nach Merseburg fahren, wo er studiert. Er sieht den Angeklagten mit einer Waffe in seiner Hand, hat Augenkontakt mit ihm: „Ich wusste nicht, was ich machen soll. Ich musste einfach nur weg.“ Der Angeklagte schießt auf ihn, trifft aber nicht. Malek gelingt es, weiter Richtung Hauptbahnhof zu laufen und die Polizei zu informieren. Ob er Todesangst hatte? Ja, antwortet er. Seit der Tat habe er manchmal Alpträume, leide an Schlafstörungen, fühle sich unsicher. Die Richterin fragt, ob er in Behandlung ist und er verneint. „Da sollten sie darüber nachdenken, oder?“ fragt die Richterin etwas übergriffig. „Haben sie einen Arzt?“ legt sie nach. Und empfiehlt auf einer wohlwollenden aber mütterlichen Weise eine anwesende Ärztin im Gerichtssaal.
Und so kommt der elfte Verhandlungstag im Prozess gegen den rechtsextremen Halle-Attentäter zu seinem Ende – ganz ohne dass der Angeklagte überhaupt zu Wort kommt. Wo er zu Beginn des Verfahrens oft grinste und lachte, wirkt sein Gesicht an diesem Tag versteinert, enttäuscht, gar melancholisch. Für seine Opfer zeigt er aber kein Beileid. Viel präsenter wirkt an diesem Tag stattdessen das junge, alternative Publikum im Gerichtssaal: Die Besucher*innenreihen sind voll mit bunten Frisuren, punkigen Piercings und linken T-Shirts. Auf dem T-Shirt einer Besucherin steht: „Kein Mensch ist illegal“. Ein kleiner Spruch, der in diesem Kontext eine große Wirkung hat: Der rassistische und antisemitische Plan des Täters ist gescheitert, nun ist er der vollen Härte des Gesetzes ausgeliefert. Und das verdient Beifall.
Einige Nebenkläger*innen haben in ihrem Statement zum Prozessbeginn Medienschaffende dazu aufgerufen, den Namen des Attentäters nicht zu nennen, um ihm selbst keine Plattform zu bieten. Dieser Forderung wollen wir hier nachkommen.

https://www.belltower.news/halle-prozess-11-verhandlungstag-kein-beifall-kein-beileid-104033/

Blaue Markierungen von mir; im Falle von Margrit W. aus folgendem Grund: Die Aussagen hier und die im Ticker von MZ/Volksstimme vom 11. Prozeßtag zu lesenden Aussagen sind leicht widersprüchlich.
Antworten
#44
Ticker Prozeßtag 12 

Ticker der Mitteldeutschen Zeitung
Die Volksstimme hat heute offensichtlich keinen Ticker. 

Für MZ berichtet Hagen Eichler.

https://www.mz-web.de/halle-saale/anschlag-in-halle-saale/liveticker-karsten-l--weint-vor-gericht-um-seinen-toten-sohn-37320252

Darüber hinaus habe ich - um eine zweite Stimme einzubringen - den Twitter-Kanal von Valentin Hacken (für Radio Corax in Magdeburg) hinzugenommen. (https://mobile.twitter.com/valentinhacken_)
Den jeweiligen Twitter-Block kennzeichne ich am Anfang mit TW.

                                                                                                    


8.00 Uhr: Gericht hört den Vater von Mordopfer Kevin S.
Am 12. Verhandlungstag soll es weiter um den Angriff auf den Kiez-Döner durch den Attentäter gehen. Unter anderem kündigte das Gericht an, dass der Vater von Kevin S. heute aussagen soll. Sein Sohn war am 9. Oktober 2019 von Stephan B. in dem Imbiss erschossen worden.

8.30 Uhr: Befragung der Zeugen rund um den Kiez-Döner und Synagoge geht weiter
Bereits an den vorangegangenen Verhandlungstagen hatten mehrere Überlebende aus dem Imbiss und der Synagoge über ihre Erlebnisse und teils gravierende gesundheitliche Folgen der Tat berichtet. Die Jüdische Studierenden-Union Deutschland solidarisierte sich zuletzt mit den traumatisierten Besitzern des Döner-Imbisses und startete eine Spendenaktion. Binnen einer Woche kamen tausende Euro zusammen.

9.00 Uhr: Prozess gegen Stephan B. geht weiter
Im Prozess um den rechtsextremen Terroranschlag in Halle kommt erstmals ein Angehöriger eines der beiden Todesopfer zu Wort. Am zwölften Prozesstag wird am Dienstag der Vater des getöteten 20-Jährigen als Zeuge erwartet, wie ein Gerichtssprecher sagte. Zudem sollen die beiden Besitzer des angegriffenen Döner-Imbisses sowie ein Passant und zwei Gläubige aussagen, die beim Anschlag am 9. Oktober 2019 in der Synagoge waren.

9.43 Uhr: Vater des getöteten Kevin S.: „Er hatte seinen Traumberuf erreicht“
Der Vater des getöteten Malerlehrlings Kevin S. betritt den Saal mit einem HFC-Fanschal. Er geht zögerlich, sein Anwalt Görgülü streichelt ihm vor der Aussage aufmunternd den Rücken. Sein Sohn sei geistig behindert gewesen, habe in der Förderschule gekämpft, um den Abschluss zu erreichen. „Er hat es geschafft, als Maler seinen Traumberuf zu bekommen. Er hat sich das allein aufgebaut.“

9.52 Uhr: „Kevin war so stolz auf seine Fußballkarten“
Kevins Vater, Karsten L., berichtet von der Fußball-Leidenschaft seines Sohnes. Die HFC-Tickets hätten ihm viel bedeutet. „Er war richtig stolz drauf, dass er seine Karten selbst gekauft hat. Er hat jede einzelne Karte gesammelt.“ Kevin habe vorgehabt, noch mehr zu arbeiten.

9.58 Uhr: Karsten L. weint vor Gericht um seinen toten Sohn
Die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens fragt nun, wann Kevins Vater erfahren habe, was seinem Sohn passiert ist. Karsten L. war am Tag des Anschlags in Wuppertal. Nach zwölf Uhr konnten weder er noch Kevins Mutter ihn telefonisch erreichen. Karsten L. beginnt zu schluchzen, kann kaum noch sprechen. Die Polizei kann ihm am Tag des Anschlags zunächst nichts sagen. Später an jenem Tag sieht L. dann das Video, auf dem die Tötung seines Sohnes zu sehen ist.
Karsten L. zittert und schluchzt, er kann nicht mehr sprechen.

10.01 Uhr: Tränen auch bei den Nebenklägern
Die Richterin unterbricht die Verhandlung für 15 Minuten. Auch auf den Bänken der Nebenkläger sind Tränen zu sehen.

10:38 Uhr: Eltern des toten Kevin S. brauchen beide Behandlung
Noch einmal nimmt Karsten L., der Vater des getöteten Malerlehrlings Kevin S., am Zeugentisch Platz. Nach der Pause ist er jetzt zunächst gefasster. Das Gericht erkundigt sich, wie die Eltern des Getöteten mit dem Verlust umgehen. Vater und Mutter sind wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung in psychologischer Behandlung. Karsten L. war wegen Suizidgefahr dreimal in einer geschlossenen psychiatrischen Klinik. „Welche Folgen das für Sie hat, ist noch gar nicht absehbar“, sagt die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens mitfühlend, bevor sie den Zeugen entlässt. Auf Fragen an ihn verzichten alle Beteiligten. Erneut schluchzt Karsten L.
Ein Nebenklageanwalt informiert die Richterin, dass der Angeklagte angesichts des weinenden Zeugen zweimal die Augen gerollt habe. Stephan B. bestreitet das auf Nachfrage.

TW:
Heute ist Tag 12 im #HalleProzess. Als ersten Zeugen vernimmt das Gericht Kevin Schwarzes Vater. Kevin Schwarze wurde am 9. Oktober durch den Angeklagten im Kiez Döner Halle erschossen.
Der Vater von Kevin Schwarze berichtet, dass sein Sohn zu 80 % behindert war. Mehrmals konnte er ein Praktikum bei einer Malerfirma machen, er habe sich das was er da geschafft habe "alles selbst aufgebaut". Die Firma habe sich für ihn immer eingesetzt.  
"Die haben ihn auch so genommen wie er war, die haben ihn auch unterstützt. Die haben ihm Aufgaben geben und die hat er dann auch selbst gelöst, da war er sehr stolz drauf.", sagt der Vater über Kevin Schwarze und dessen Arbeit in einer Malerfirma aus Halle. 
Kevin Schwarze wollte unbedingt bei den Spielen des @HallescherFC dabei sein. "Er hat sich da reingekniet, war ja auch sein Traum, dann sind wir Woche für Woche überall hingefahren.", sagt sein Vater. Kevin Schwarze habe sich dort einen Freundeskreis aufgebaut. Über diesen Freundeskreis von Kevin Schwarze beim @HallescherFC sagt der Vater "Die haben den beschützt. Bei den Spielen, haben ihn in Schutz genommen. Ich musste mir nie Gedanken machen, dass irgendwas passiert." Er sei stolz gewesen, was sein Sohn da aufgebaut habe. Kevin Schwarze habe oft angerufen, er sei stolz gewesen, wenn er sich seine Tickets für Fußballspiele selbst gekauft habe. Vater und Muttern lebten getrennt, Kevin Schwarze bei seiner Mutter. Der Vater berichtet von gutem, engem Kontakt.  
"Das war sein größter Wunsch", sagt der Vater auf die Frage der Vorsitzenden Richterin, ob Kevin Schwarze seine Lehre bei der Malerfirma beenden haben wolle. Kevin Schwarze sei stolz gewesen, alleine zur Arbeit gehen zu können.
Kevin Schwarzes Vater berichtet, dass er am Tag des Anschlags noch gegen 13 Uhr mit seinem Sohn telefoniert hatte. Kevin Schwarze habe ihn angerufen um zu fragen, ob er sich einen Döner kaufen dürfe. Das war der letzte Kontakt. Der Vater versuchte später seinen Sohn über das Handy zu erreichen, schildert, wie er 20 bis 30 Mal seinen Sohn angerufen habe. Er habe sein Handy immer dabei gehabt. Er berichtet wie er die Mutter angerufen hatte, wie sie beide Kevin Schwarze nicht erreichen konnten. Kevin Schwarzes Vater rief dann die Freunde seines Sohnes an, schaltete eine Vermisstenanzeige über seinen Facebook-Account. "18 Uhr sagte ein Freund, ich hab was, ich schick dir was rüber". Es war das Video des Angeklagten, das zeigt wie der Kevin tötete.  
Das Gericht hat die Sitzung für 15 Minuten unterbrochen, damit Kevin Schwarzes Vater eine Pause in der Aussage machen kann, sie ggf. auch abbrechen. Er wird durch einen Anwalt und weitere Personen begleitet, weinte während seiner Aussage, sprach aber weiter. 
Die Sitzung wird mit der Vernehmung von Kevin Schwarzes Vater fortgesetzt. Er berichtet, dass sowohl er als auch die Mutter von Kevin Schwarze inzwischen psychologische Hilfe in Anspruch nehmen, er müsse "lernen, dass man Hilfe braucht." 
Die Vernehmung des Vaters von Kevin Schwarze ist damit beendet. Er berichtete, dass er inzwischen aus Wuppertal wieder nach Sachsen-Anhalt gezogen sei. Das Gericht unterbricht die Sitzung nun bis 11 Uhr. 
(Anmerkung von mir: Die Zeitangabe 13 Uhr kann nicht stimmen; 12 Uhr ist wahrscheinlicher!)

                                                                                                    


11.18 Uhr: Jüdische Überlebende fühlte sich an Shoah erinnert
Nach einer längeren Pause sagt jetzt die zweite Zeugin des Tages aus, eine frühere Radiojournalistin, die jetzt in Potsdam jüdische Theologie und Rabbinat studiert. Die 60-Jährige war am Tag des Anschlags in der Synagoge. Sie sei in Amerika unter deutschen und polnischen Juden aufgewachsen, sagt sie. „Ich bin mit der Geschichte der Shoah aufgewachsen. Aber die Bilder waren in schwarz-weiß in meinem Kopf. Plötzlich waren diese Bilder in Farbe. Ich dachte: Was, hier? Das kann nicht sein.“

11.27 Uhr: Jüdische Zeugin fühlte sich von der Polizei „zum Objekt gemacht“
Die Zeugin, Karen E., empfand die Behandlung durch die hallesche Polizei als unangemessen. Statt vor dem Gottesdienst einen Polizisten vor der Synagoge zu postieren, habe man nach dem Anschlag die Betenden aus der Synagoge wie Täter behandelt und durchsucht. „Man hat uns draußen vor dem ganzen Medienzirkus durchsucht. Da habe ich mich als Objekt gefühlt“, sagt die 60-Jährige.

11.34 Uhr: Theologie-Studentin warnt vor Ideologie weißer Überlegenheit
Karen E., die Zeugin aus der Synagoge, sagt, Menschen wie der Angeklagte seien nicht nur eine Gefahr für Juden und Muslime, sondern für die gesamte Gesellschaft. Stephan B. sei „motiviert, ausgebildet, angefeuert und unterstützt“ von Verfechtern der Ideologie weißer Überlegenheit, die es nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland gebe. „Wenn man diese Gefahr nicht erkennt, ist dieser Prozess bedeutungslos.“
Die Verhandlung wird bis 12 Uhr unterbrochen. Danach soll der amerikanische Jude Ezra Waxman aussagen, der ebenfalls in der Synagoge gebetet hatte.

TW:
Nun wird als Zeugin eine Frau vernommen, die ebenfalls mit der Gruppe aus Berlin zur Jom Kippur nach Halle gereist war. "Habe das Gebet in Halle als sehr berührend empfunden, es war ein sehr inniges Gebet.", sagt sie zu Beginn ihrer Aussage. "Es war toll zu sehen, wie jüdisches Leben in Deutschland wächst und wie man dazu beitragen kann.", sagt die Zeugin. Sie sei nach Halle gefahren, um die Jüdische Gemeinde zu unterstützen durch ihre Anwesenheit an Jom Kippur. "Ich bin mit den Bildern der Shoa aufgewachsen, aber diese Bilder sind eigentlich schwarz-weiß im Kopf. Für mich sind diese Bilder in Farbe. Was? Wieder? Das kann nicht sein.", sagt die Zeugin im Zusammenhang mit dem Anschlag auf die Synagoge. 
Auch sie schildert wie sie erlebte, dass es in der Synagoge lange keine genauen Informationen gab, wie die Situation war. "Ich habe nicht verstanden, warum wir als Täter betrachtet wurden", sagt sie über den Einsatz der Polizei. "Da habe ich mich als Objekt gefühlt", sagt sie auch mit Blick auf die Situation vor der Synagoge bei der Evakuierung, als die Presse die Menschen aus der Synagoge abfotografierte. Mehrfach betont sie, dass der Täter nicht alleine war, wenn auch alleine bei der Tat "…aber er ist ausgebildet, angefeuert und unterstützt worden." Die Vernetzung zu White Supremacists habe das BKA nicht ausreichend untersucht, sondern "Desinteresse" gezeigt, auch zu den Parallelen zu Christchurch, Poway (USA).
Die Zeugin nennt in ihrer Aussage die Seite halle.nsu-watch.info @nsuwatch hier habe ein internationales Kollektiv u.a. von Künstler_innen mehr Informationen zur Vernetzung von White Supremacy herausgefunden als das BKA in einem Jahr. "Wieso ist das möglich?" 
"Ich habe Angst, dass wir es nicht ernst nehmen", sagt sie über die Gefahr auch durch die int. Vernetzung von Tätern. Der Prozess sei "bedeutungslos", untersuche er das nicht. "Ist das eine Gesellschaft in der wir alle wohnen wollen?", fragt sie am Ende. 

                                                                                                    


12.22 Uhr: Synagogenbesucher berichtet von der Unsicherheit während des Anschlags
Dritter Zeuge heute ist Ezra Waxman, ein in Deutschland lebender Wissenschaftler aus den USA. Anders als andere hat er am Abend des Terroranschlags vom 9. Oktober 2019 Notizen über das Erlebte angefertigt. Nach den Schüssen auf die Synagoge seien Gerüchte durch die Synagoge geflogen, da niemand Genaueres wusste, berichtet er.
Über den Monitor der Überwachungskamera konnten die Synagogenbesucher sehen, dass draußen eine Person auf der Straße lag. „Da hieß es, draußen liege ein Mann, aber nur verletzt. Der Täter soll mit einem Luftgewehr geschossen haben.“ Beides stimmte nicht: Tot war Jana L., die Schüsse waren aus der Maschinenpistole des Angeklagten gekommen.

12:47 Uhr: Jüdischer Zeuge ist dankbar, am Leben zu sein 
In den Wochen nach der Tat sei sein Körper voll Adrenalin gewesen, oft aber auch müde, berichtet der Zeuge Ezra Waxman. Er habe sich bemüht, die positive Seite zu sehen, das Überleben so vieler Menschen. Mittlerweile aber sehe er weniger das „Wunder von Halle“, als mehr „die Wunde von Halle“.

12.55 Uhr: Zeuge singt im Gerichtssaal ein jiddisches Lied 
Berührender Moment zum Abschluss der Aussage von Ezra Waxman: Der 32-Jährige singt im Gerichtssaal ein Lied in jiddischer Sprache. Seine 96-jährige Großmutter in Boston singe dieses Lied an jedem einzelnen Tag ihres Lebens, erklärt er. Die Großmutter weiß bis heute nichts von dem, was ihr Enkel in Halle erlebt hat. „Sie wird es auch niemals erfahren“, erklärt Waxman.

TW:
Das Gericht vernimmt als Zeugen nun Ezra Waxman, er ist einer der Nebenkläger_innen. Im Vorfeld hat er @Belltower_News ein Interview gegeben. Er schildert, wie er den Anschlag in der Synagoge erlebt hat.
Ich war erstaunt, wie ruhig die Leute waren, das hat sich auf mich übertragen", sagt er und dass er den Menschen in der Synagoge dafür danken wolle und berichtet, wie das Gebet nach dem Angriff auf die Synagoge fortgesetzt wurde und ihm Kraft gegeben habe.  
"Denn ich glaube dass der Antisemitismus sich in seinem Kern mit der kreativen Kunst des Sündebock-Findens beschäftigt.", sagt er – statt selbst Verantwortung zu übernehmen. Zuvor berichtete er über Levitikus 16 [Das Ritual für den Versöhnungstag], Lev 16,3-26.
Der Zeuge berichtet, dass er im Zusammenhang mit dem Prozess die Mutter von Jana Lange kennengelernt habe. "In der jüdische Tradition würden wir sie als eshet hayil bezeichnen", sie sei eine gute, starke, bescheidene und demütige Frau. 
Er schildert auch, dass es eine Reihe von Gerüchten gegeben habe, was genau geschehen sei. Er sei schockiert gewesen über die Situation vor der Synagoge, Sicherheitsleute und Personal. Im Gegensatz dazu seien er und andere gut im Krankenhaus aufgenommen worden. Dorthin waren er & andere Menschen aus der Synagoge evakuiert worden. Er schildert die "Umkehr zu Gott" als Hauptthema an Jom Kippur. Den Prozess bezeichnet er als große Herausforderung.
"Ich bin jemand der immer den Wunsch hatte jüdische Identität durch kreative jüdischen Inhalt auszudrücken, Musik, Weisheit der Thora, die hebräische Sprache, die positiven Dinge.", sagt er. "Antisemitism much more defined my first year in Germany". 
"Ich habe eine Stimme bekommen die ich nutzen möchte", sagt Ezra Waxman. "Für mich ist eine Kernbotschaft des Judentums die Wertschätzung für das Heiligtum des Lebens." Er verweist auch auf seine Großmutter, die den 2. Weltkrieg überlebte. Ezra Waxman berichtet, dass seine Großmutter jeden Tag singe. Er singt selbst einige Zeilen aus Baruch Hashem auf Jiddisch. Der Angeklagte will ihm eine "religiöse" Frage stellen, die Nebenklage-Anwälte Onken und Dr. Lang intervenieren. Unterbrechung bis 13:15

(Möglicherweise ist auch 14:15 gemeint, denn democ twitterte:
Nach der Mittagspause werden gegen 14:15 Uhr die Nebenkläger İsmet und Rıfat Tekin gehört. Sie betreiben den "Kiez Döner", den der Angeklagte am 9. Oktober angriff.)

                                                                                                     


14.30 Uhr: Richterin untersagt dem Angeklagte Frage zum Judentum
Nach der Mittagspause will der Angeklagte Stephan B. eine Frage an den letzten Zeugen Ezra Waxman stellen – es geht darum, für welche Sünden Juden an Jom Kippur Buße tun, ob für vergangene oder zukünftige. Die Nebenklage-Anwältin Kati Lang und Oberstaatsanwalt Stefan Schmidt beanstanden die Frage, weil sie keine Relevanz für das Verfahren habe.
Richterin Ursula Mertens lässt die Frage daraufhin nicht zu. Der Befragte meldet sich von der Nebenklagebank aus. „Das hier ist nicht der richtige Moment, um über jüdische Theologie zu sprechen“, sagt Ezra Waxman. Sollte B. in einigen Jahren noch immer Interesse an der Frage haben, stehe er aber für ein Gespräch bereit.

14.38 Uhr: Döner-Verkäufer rettete sich in unbeobachtetem Moment
Als vierter Zeuge wird jetzt Rifat Tekin befragt, der am Tag des Anschlags von Halle im „Kiez Döner“ serviert hatte. Nach den ersten Schüssen habe er sich hinter die Salattheke geduckt, erzählt er. Dann habe er gehört, wie jemand um Gnade bat: „Bitte nicht, bitte nicht“. Diesen Moment habe er genutzt, um sich aus dem Imbiss zu retten.
Auf Nachfrage der Richterin berichtet Tekin, er habe den Angreifer wegen dessen uniformähnlicher Kleidung erst für einen Soldaten gehalten. „Dann hat er die Bombe geworfen.“

14.53 Uhr: Imbiss-Mitarbeiter will sich nicht vertreiben lassen
Rifat Tekin kann seit dem Anschlag auf den Döner-Imbiss nicht gut schlafen, berichtet er. „Meine Frau ist genauso beeinträchtigt, schließlich war ich vor Ort und es hätte mir etwas zustoßen können.“ Welche Pläne er für die Zukunft habe, will die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens wissen. „Wir wollen standhaft bleiben, hier bleiben und uns wie alle deutschen Bürger für dieses Land einsetzen.“

15.03 Uhr: Döner-Inhaber Ismet Tekin verpasste Attentäter um wenige Minuten
Als fünfter Zeuge sagt Ismet Tekin aus, der Inhaber des „Kiez Döner“, in dem Kevin S. getötet wurde. „Ich habe den Laden drei oder vier Minuten vor dem Anschlag verlassen, um Bestellungen aufzugeben“, sagt der 36-Jährige. Sein Bruder Rifat habe ihn angerufen und informiert. „Ich bin in den Laden gerannt und habe gerufen, ob noch jemand drinnen ist. Dann habe ich ein Wasser genommen und gesehen, dass hinter dem Kühlschrank jemand liegt.“ Der Mann hab jedoch nicht mehr geatmet.

15.06 Uhr: Imbiss-Besitzer Tekin richtet Worte an den Angeklagten
„Ich habe keine Worte gefunden, um die Tat zu beschreiben“, sagt Ismet Tekin und richtet sich nun direkt an den Angeklagten. „Jedes Wort, das man findet, ist zu wenig. Nur für den Wörter habe ich ein Wort: Er ist ein Feigling. Keiner hat das Recht, einem Vater und einer Mutter so einen Schmerz zuzufügen.“ Stephan B. lächelt leicht und murmelt unhörbare Worte.

TW (democ; https://mobile.twitter.com/democ_de/stat...930178?p=v):
"Um diesen Tag zu beschreiben, habe ich keine Worte. Aber für den Mörder habe ich ein Wort: Er ist ein Feigling." Aktuell sagt der Besitzer des "Kiez Döner", İsmet Tekin, als Zeuge aus. Er hatte den Laden wenige Minuten vor dem Anschlag verlassen. 

15.16 Uhr: Döner-Besitzer ruft Staat auf, gegen Fremdenhass vorzugehen
Deutschland sei stark und mache Vieles wunderbar, sagt Ismet Tekin in einer politischen Ansprache zum Schluss seiner Aussage. „Ich frage mich aber, warum solche Vorfälle seit Jahren immer wieder geschehen und nicht verhindert werden. Wenn sich der deutsche Staat dieser Dinge ernsthaft annimmt, kann er sie auch lösen. Dafür muss man gemeinsam arbeiten.“
Tekin berichtet, dass er zwei Monate vor dem Anschlag beschlossen habe, die deutsche Staatsangehörigkeit anzunehmen. Danach habe er darin zeitweise keinen Sinn mehr gesehen. Aber: „Nach dieser feigen Tat habe ich viele wunderbare Menschen kennengelernt.“ Viele Menschen hätten seien Familie und den Imbiss unterstützt.

15.38 Uhr: Verteidiger will Ausführungen des Döner-Betreibers beenden
Der Verteidiger des Angeklagten, Hans-Dieter Weber, will politische und philosophische Aussagen des Imbiss-Betreibers Ismet Tekin unterbinden. Die Ausführungen gingen völlig am Verfahren vorbei, bemängelt er. Richterin Ursula Mertens weist das zurück.  Auch andere Zeugen hätten sich in dieser Form geäußert.
Tekin sagt daraufhin, der Anschlag von Stephan B. habe zu „mehr Zusammenhalt und Liebe“ geführt. „Wir haben keinen Hass auf diesen Mann. Wir werden nicht weggehen und den Laden nicht aufgeben. Und wissen Sie was? Ich werde Vater und werde alles geben, dass meine Kinder Deutschland besser machen. Kevin und Jana vergessen wir nicht.“ Es gibt donnernden Applaus im Gerichtssaal, von Zuschauern und Nebenklägern.

TW (democ; https://mobile.twitter.com/democ_de/stat...560193?p=v)
Die Ausführungen Tekins versucht Verteidiger Weber zu unterbrechen, da Tekin nur Zeuge und nicht Nebenkläger sei. Dass dies falsch ist, stellt Tekins Verteidiger Onur Özata klar: "Herr Weber, ich bitte Sie dringend, die Akten zu lesen. ... Es ist jetzt zum wiederholten Male der Fall, dass Sie hier Ihre Unkenntnis zeigen. Und es ist beschämend, dass Sie hier an dieser Stelle unterbrechen, während Ihr Mandant hier wiederholt antisemitischen und rassistischen Quatsch von sich gibt." 

15.44 Uhr: Zwölfter Verhandlungstag endet
Die Vorsitzende Richterin Ismet Tekin stellt noch einige Fragen zur Umgebung des Imbiss und beendet schließlich den Verhandlungstag. Am Mittwoch wird der Prozess fortgesetzt.

TW:
Das Gericht beginnt nun mit der Vernehmung von Rifat Tekin als Zeuge, er betreibt mit seinem Bruder den Kiez Döner in Halle. Die @JSUDeutschland hat eine Spendenkampagne "Solidarität mit dem Kiez Döner" gestartet. Der Zeuge berichtet, dass er am Tag des Anschlags alleine im Laden gearbeitet hatte. Er sah wie der Angeklagte versuchte eine Bombe in den Laden zu werfen, sich kurz versteckte und dann auf den Laden schoss. Die erste Kugel habe eine Scheibe des Ladens getroffen. Als der Angeklagte den Laden betrat, habe sich der Zeuge hinter die Theke geduckt. Als der Angeklagte ihm den Rücken zuwandte, konnte er den Laden verlassen. 
Er schildert auch, wie sich der Angeklagte und Polizeikräfte gegenseitig beschossen haben. Angeklagte sei dann mit dem Auto an ihm vorbei in Richtung Synagoge gefahren. Eine Polizeibeamtin habe ihn, den Zeugen, gefragt in welche Richtung der Angeklagte gefahren sei und er habe es ihr beschrieben.
Rifat Tekin berichtet, dass es ihm schwer fällt den Kiez Döner zu betreten. Er tue es trotzdem, um seinen Bruder zu unterstützen. Nach dem Anschlag wolle er den Laden nicht aufgeben. Der Laden ist auch bei Facebook zu finden [font=.Apple Color Emoji UI]?facebook.com/KiezDoenerLuWu/ [/font]
Zum Ende seiner Aussage sagt der Zeuge "Wir wollen hier standhaft bleiben, hier bleiben und uns für alle deutschen Bürger hier einsetzen." 

Nun vernimmt das Gericht seinen Bruder Ismet Tekin als Zeugen, er ist Betreiber des Kiez Döner. Ismet Rifat beschreibt, wie er kurz bevor der Angeklagte den Kiez Döner angriff den Laden verlassen hatte um Einkäufe zu erledigen. "Dann bekam ich einen Anruf von meinem Bruder, dass der Anschlag passiert", sagt er. Er habe dann die Polizei angerufen. Zu dem Zeitpunkt habe er noch nicht gewusst, dass die Synagoge angegriffen und ein Mensch getötet worden war. Zwei Maler die er schon kannte hätten ihn gewarnt, nicht zum Laden zu gehen, dort sei ein Mörder und schieße auf alle. 
Der Zeuge schildert, dass er weiter in Richtung des Kiez Döners rannte und zu seinem Bruder und einem Gast wollte, von der er wusste, dass er im Laden war. Auf seinem Weg habe er den Schusswechsel zwischen dem Angeklagten und der Polizei gesehen. Danach suchte er im Laden nach Menschen. Der Zeuge fand Kevin Schwarze erschossen im Kiez Döner. Die Polizei habe ihn dann weggeschickt, die Situation beschreibt er als unangenehm. Er habe sich um die anderen Gäste gekümmert, die nach und nach auf die Straße und in ein nahegelegenes Restaurant kamen.
"Wenn es nach mir geht, werde ich eine Welt ohne Waffen gründen", sagt der Zeuge. Er habe versucht bis heute durchzuhalten, aber die Aussage des Vaters von Kevin Schwarze habe ihn geschmerzt. Niemand habe verdient, was er erlebt habe. 
"Ich bitte darum, dass das Gericht wahrnimmt, dass der Täter jeden umbringen wollte. Auch mich.", sagt Ismet Tekin. Der @GBA_b_BGH hatte ihn als Nebenkläger abgelehnt, inzwischen wurde er zugelassen. Jana und Kevin seien vielleicht körperlich nicht mehr hier, "aber sie werden bis in alle Ewigkeit in unseren Herzen leben. Ich kann mit Sicherheit sagen, dass viele so denken wie wir in dieser Sache.", sagt der Zeuge. Und "Meine Sichtweise auf Deutschland hatte sich für kurze Zeit verändert...
"Ich hatte zwei Monate vor dem Vorfall die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt und auch alle nötigen Unterlagen geholt (...) nach diesem Vorfall war es für mich so 'es macht keinen Unterschied, ob ich die deutsche Staatsbürgerschaft habe oder nicht' ... solange ich dunkle Haare habe und einen dunklen Teint habe, macht es keinen Unterschied ob ich einen deutschen Pass in meiner Tasche trage oder nicht. Ich habe aber nach dieser feigen Tat sehr viele wunderbare Menschen kennengelernt.", sagt der Zeuge. 
Ismet Tekin bedankt sich bei der @opferberatung, der Soli-Gruppe Kiez Döner, Menschen die ihn und seine Familie unterstützt haben und unterstützen. Über den Angeklagten sagt er "Sie haben nicht gewonnen. Sie haben auf ganzer Linie verloren." 
"Wir haben keinen Hass auf diesen Mann. Wir werden nicht weggehen und unseren Laden auch nicht aufgeben. Wir bleiben jetzt in Deutschland. Und wissen Sie was, ich werde Vater. Ich werde alles für mein Kind geben.", sagt Ismet Tekin.

Damit ist die Sitzung für heute, früher als sonst, beendet. 47/
Antworten
#45
Was wissen wir nun durch Tekin?
Haben wir auch nur einen konkreten Anhaltspunkt oder eine Zeitangabe oder irgendetwas Sachdienliches?
Antworten
#46
Ticker Prozeßtag 13 

Ticker der Mitteldeutsche Zeitung

Für die MZ berichten Jan Schumann und Hagen Eichler.

https://www.mz-web.de/halle-saale/anschlag-in-halle-saale/tag-13-im-terrorprozess-polizisten-sagen-zum-terror-einsatz-von-halle-vor-gericht-aus-37344712

Als weitere Stimme aus dem Gerichtssaal verwende ich den Twitter-Kanal von Valentin Hacken (für Radio Corax in Magdeburg). (https://mobile.twitter.com/valentinhacken_)
Den jeweiligen Twitter-Block kennzeichne ich am Anfang mit TW.

                                                                                                    


09.05 Uhr: Polizisten sagen zum Terror-Einsatz von Halle vor Gericht aus
Nachdem der Dienstag vor allem im Zeichen der Aussage von Kevin S.s Vater stand, geht am Mittwoch die Zeugenvernehmung weiter. Auf dem Plan stehen Aussagen von weiteren Überlebenden aus der Synagoge sowie von mehreren Polizisten, die am 9. Oktober 2019 im Einsatz waren.

10.04 Uhr: Richterin Mertens droht applaudierenden Zuschauern mit Ordnungsgeld
Mit 20 Minuten Verspätung beginnt der 13. Verhandlungstag im Prozess gegen den Attentäter von Halle, Stephan B. Die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens eröffnet den Tag mit einer strengen Ermahnung in Richtung Publikum: Applaus nach Zeugenaussagen werde sie nicht länger dulden. Am Vortag hatte es nach der Aussage des Imbissbesitzers Ismet Tekin lauten Beifall gegeben. Mertens sagt, sie habe sich mit der Ahndung des Klatschens zurückgehalten. Ab sofort aber würden die Wachtmeister im Saal klatschende Personen melden, es droht ein Ordnungsgeld.
Die Nebenklage-Anwälte reagieren unterschiedlich: Einige argumentieren, der Applaus sei gar keine Störung. Rechtsanwalt Jan Siebenüner hingegen mahnt: Der Applaus könne die Neutralität des Gerichts beeinträchtigen, zudem könne sich der Angeklagte dadurch „erdrückt“ fühlen, wodurch dem Gericht Beweise entgehen könnten.

TW:
Heute ist Tag 13 im #HalleProzess. Als Zeug_innen werden u.a. zwei Nebenklägerinnen vernommen sowie Polizeibeamt_innen die auf der Ludwig-Wucherer-Straße im Einsatz waren. Das Gericht hat zunächst noch einmal darauf hingewiesen, dass Klatschen im Saal untersagt sei und Ordnungsgelder im Fall der Zuwiderhandlung angedroht. RA Siebenhühner pflichtete dem bei, die StPO sehe das nicht vor. @raahoff und @RPietrzyk widersprachen dem, Rührung, Anteilnahme hätten den Prozess nicht gestört, neutral müsse nur das Gericht sein. /2

                                                                                                    


10.19 Uhr: Jüdin fühlte sich in Halle an den Angriff auf das World Trade Center erinnert
Erste Zeugin ist die 25-jährige Amerikanerin Jacqueline F., die in Berlin lebt und von dort zum Gottesdienst an Jom Kippur nach Halle gereist war. Sie habe sich an den Terroranschlag vom 11. September 2011 erinnert gefühlt, sagt sie. „Mein Vater arbeitete im World Trade Center. Er hat viel Tod gesehen an diesem Tag und kam verändert nach Hause.“ Auch sie selbst habe sich verändert, sie sei nach dem Terroranschlag von Halle allein nach Hause zurückgekehrt und dort zusammengebrochen.

10..27 Uhr: Synagogen-Überlebende kritisiert Vorstellung von einem „einsamen Wolf“
Wie andere Zeugen aus der Synagoge zuvor fordert Jacqueline F. das Gericht auf, die Einflüsse der Online-Community auf den Angeklagten gründlich zu untersuchen. Die Ideologie von der Überlegenheit einer weißen Rasse sei eine enorme Gefahr. „Es gibt keinen einsamen Wolf in einer globalisierten Welt“, sagt sie. Der Angeklagte teile eine Ideologie aus Antisemitismus, Islamphobie, Sexismus, Rassismus, Ausländerhass. Es gebe im Internet ein „Ökosystem“ dieser Anschauungen. Deshalb sei sie als Nebenklägerin beigetreten.

10.36 Uhr: Nebenkläger und Zuschauer erheben sich für jüdische Zeugin
Erneut geht es um das Thema Beifall im Gerichtssaal. Nach der Aussage von Jacqueline F. erheben sich viele Nebenklage-Anwälte und Zuschauer als Zeichen des Respekts. Da die Vorsitzende Richterin Beifall untersagt habe, sei dies eine Form, Unterstützung zu zeigen, sagt der Nebenklage-Anwalt Alexander Hoffmann.
Bis zur nächsten Zeugin gibt es eine kurze Pause.

TW:
Die erste Zeugin berichtet zu Beginn ihrer Aussage darüber, wie sie den Anschlag in der Synagoge erlebt hatte. Sie stellte fest, dass eine Freundin von ihr nicht mehr da war (die Freundin wurde an Tag 8 als Zeugin vernommen). 
Auf dem Bildschirm der Überwachungskamera sah sie die getötete Jana Lange vor der Synagoge und dachte, dort liege ihre Freundin. Die Zeugin bittet das Gericht, sich auch mit Jana Lange zu beschäftigen, mit ihrem Leben. Bisher sei davon sehr wenig vorgekommen.
Die Zeugin berichtet über Trauma in ihrer Familie, die Shoa und 9/11. Ihr Vater arbeitete im World Trade Center, er überlebte den Anschlag 2001. Sie schildert, wie sie nach dem Anschlag alleine vom Krankenhaus zum Bahnhof ging, alleine zurück nach Berlin fuhr. Eine Betreuung gab es zu diesem Zeitpunkt nicht. 
Sie kritisiert die Ermittlungen des Bundeskriminalamts, nennt einen Ermittler der in seiner Vernehmung erkennbar den Antisemitismus in der Verschwörungsideologie des "Großen Austauschs" nicht (er)kannte. Die Zeugin kritisiert, die Ermittler hätten sich nicht ausreichend mit dem Kontext der Taten des Angeklagten befasst. White Supremacy müsse genauer in den Blick. Sie sagt auch "There is no lone wolf in the globalized world. (...) I look to the court to dig deeper in these online communities." Und weiter sagt sie "I think it's the duty of the court to clean up the scene and bring justice." Die Aktivitäten im Darkweb müssten untersucht werden, das "Ökosystem" aus Antisemitismus und Rassismus verstanden.
Im Anschluss an die Aussage der Zeugin erhoben sich Teile der Nebenklage, der Anwält_innen und des Publikums – statt Applaus. Am Rande erwähnt: Die Publikumsplätze sind voll besetzt, von den Presseplätzen im Saal eben nur 15 von 44. 9/

                                                                                                    


10.56 Uhr: Jüdische Zeugin: Jeder hier kann Opfer von Rechtsextremen werden
Auch die zweite Zeugin ist eine in Berlin lebende jüdische Amerikanerin, die den Gottesdienst in der halleschen Synagoge besucht hat. Sabrina S. sagt, sie sei in Philadelphia als Tochter von Emigranten aus der Ukraine aufgewachsen. Sie selbst sei nicht nur Jüdin, sie sei auch Frau, Linke, lebisch und Migrantin, also in vielerlei Hinsicht ein Ziel für Rechtsextremisten. „Jeder hier im Raum kann Opfer einer rechtsgerichteten Angriffs werden, man muss dafür nicht in einer Synagoge sein.“ Sie sei froh, wenn sie den Angeklagten nie wieder sehen müsse. Das aber werde das Problem nicht lösen.

11.09 Uhr: Zeugin erklärt ihre Motivation, Nebenklägerin zu sein
Die Zeugin Sabrina S. aus der Synagoge erinnert daran, dass sie dem früheren Schwager des Angeklagten eine Frage gestellt habe. „Ich wollte wissen: Was tun Sie dafür, dass Ihr eigenes Kind kein Nazi wird, dass es nicht so endet wie der Angeklagte? Die Antwort war: Ich weiß es nicht.“ Dabei sei das doch nicht so schwer. Dieser Dialog sei ihre Motivation, als Nebenklägerin aufzutreten.

TW:
Das Gericht vernimmt nun Sabrina S. als Zeugin. Im Vorfeld hat sie sich u.a. bei @LeftvisionClips zum Anschlag und dem Prozess geäußert. "My mother is jewish, my father is not jewish. But judaism can mean a lot of things.", sagt sie. "And this is important to say for me because we are not just jews, we are people who are also jews." Jeder im Gerichtssaal könne Opfer von rechter Gewalt werden, sehe aus wie Jana, Kevin, Ismet oder die Zeugin selbst. "Everyone in this room can be a target".  
"Security measures don’t solve the problem of radicalization. This one man goes to jail and we protect every Synagogue would not solve the problem.", sagt die Zeugin. Sie weist auf den Anschlag in Hanau hin. Für sie sei es ein Zeichen der Hoffnung, dass sie immer noch Menschen vor Shisha-Bars sehe, dass sie hier leben blieben. Trotz des Anschlags in Hanau, bei dem neun Menschen in und vor Shisha-Bars von einem Rechtsextremen erschossen wurden. Der Anschlag in Halle sei keine Überraschung gewesen. 
Sie erinnert daran, dass sie den Ex-Schwager des Angeklagten gefragt hatte, was er tun werde damit sein Sohn nicht wie der Angeklagte Ende, kein Nazi werde. Er hatte keine Antwort. "No one ends up like the angeklagte over night.", sagt die Zeugin. Die Gesellschaft begleite einen Täter wie ihn einen Stück des Weges und dann läuft er weiter mit seinen Freunden im Internet. Die Zeugin sagt es sei wichtig, dass man das wiederhole. Die Zeugin sagt auch, wenn Politiker sich wohl fühlten zu sagen Geflüchtete seien nicht willkommen in Deutschland, dann seien auch Jüdinnen und Juden nicht willkommen. Wenn Politiker sagten der Islam gehöre nicht zu Deutschland, dann seien auch Jüdinnen und Juden nicht willkommen. 16/ 

11.16 Uhr: Stephan B. beantwortet Frage zu Schuss auf Polizeiauto
Der Nebenklage-Anwalt Erkan Görgülü richtet überraschend eine Frage an den Angeklagten. Er hält diesem eine frühere Aussage vor, wonach er die Polizeiautos auf der Ludwig-Wucherer-Straße beschossen habe, in der Erwartung, „dass wenigstens das Fenster kaputtgeht“. Görgülü will wissen, ob der Angeklagte das so wiederholen würde, was dieser bejaht. Der Rechtsanwalt lässt diese Aussage jetzt zu Protokoll geben.
Dabei geht es um die Frage, ob die selbstgebauten Waffen auch auf längere Strecken potenziell gefährlich waren. Die Verteidiger hatten in früheren Sitzungen bezweifelt, dass die Gewehre über kurze Distanzen hinaus wirksam seien.
Das Gericht geht in eine kurze Pause.

                                                                                                    


11.34 Uhr: Polizeiwagen hatte nur zwei Schutzwesten an Bord
Als dritter Zeuge sagt ein Polizeiobermeister aus, der am Tag des Anschlags im Einsatz war. Am Steintor habe sein Funkwagen gestoppt, um zunächst Schutzwesten anzulegen. Es waren drei Beamte im Wagen, es gab jedoch nur zwei Westen. „Als wir ausgestiegen sind, wurden wir sofort beschossen“, berichtet der Beamte Dirk F. Er habe sich hinter der geöffneten Autotür in Sicherheit gebracht.


11.45 Uhr: Polizeibeamter kann keinen Streifendienst mehr verrichten
Der Zeuge ist seit 1988 Polizist und seit 1994 als Streifenpolizist in Halle eingesetzt. Am Tag nach dem Anschlag erschien er wie üblich zum Dienst. „Ich habe aber gemerkt: Der Dienst auf der Straße wird nicht mehr so sein, wie er es mal war. Ich bin immer mit einem mulmigen Gefühl rausgefahren.“ Er habe Schlafstörungen, Herzrasen, Schweißausbrüche in der Nacht gehabt. Anfang des Jahres sei er in den Innendienst versetzt worden.

TW:
Das Gericht vernimmt nun einen Polizeiobermeister. Er war am Tag des Anschlags mit einem Streifenwagen in die Ludwig-Wucherer-Straße gefahren, zuvor gab es einen Funkspruch, dass auf die Synagoge geschossen wurde, der Täter nun auf der Ludwig-W-Str. sei. Der Streifenwagen wurde auf der Ludwig-Wucherer-Straße beschossen, ein Kollege des Zeugen erwiderte das Feuer auf den Angeklagten. Im Anschluss nahm der Streifenwagen die Verfolgung des Angeklagten auf, als dieser mit dem Auto flüchtete. Sie verloren ihn.
Der Zeuge ist inzwischen auf Grund der psychischen Belastung nicht mehr im Streifendienst tätig. Nach dem Schusswechsel seiner Streifenwagenbesatzung mit dem Angeklagten setzte er noch bis nach 18 Uhr seinen Dienst fort, u.a. Straßensperrung. 19/ 

                                                                                                    


11.59 Uhr: Streifenwagen war eigentlich auf dem Weg nach Halle-Neustadt
Jetzt sagt der zweite Polizist aus jenem Streifenwagen aus, der sich auf der Ludwig-Wucherer-Straße den Schusswechsel mit dem Attentäter geliefert hatte. Polizeimeister Daniel L. erklärt, warum nicht zwei, sondern drei Polizisten im Wagen waren: Der Wagen sollte sich eigentlich in Halle-Neustadt um eine renitente Person kümmern.
Er habe „für 0,5 Sekunden“ vermutet, der mit Helm bekleidete Täter sei ein Polizist. „Als der Schuss fiel, hat ich das erübrigt und wir sind in Deckung gegangen.“

12.07 Uhr: Attackierter Polizeiwagen hatte Einschusslöcher
Als die Streifenpolizisten ihren Wagen nach dem Schusswechsel besichtigten, fanden sie Treffer des Attentäters: Einschusslöcher auf der Beifahrertür, ein Streifschuss am Blaulicht, ein weiterer am Seitenschweller. Eine Kollegin habe dann gesagt: „So könnt ihr eigentlich nicht weiterfahren.“ Daraufhin habe die Streifenbesatzung ein neues Dienstfahrzeug übernommen.
Polizeimeister Daniel L. hat vier Schüsse des Angeklagten wahrgenommen. Eine Kollegin habe ihn angeschrien, zu schießen. „Dann habe ich geschossen.“ Sein Schuss verletzte den Angeklagten am Hals. „Dieser Schuss hat möglicherweise Schlimmeres verhindert“, sagt die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens. „Das hoffe ich“, sagt der Beamte.

12.18 Uhr: Polizist beim Feuergefecht mit dem Attentäter: „Ich war wie im Tunnel“
Die Heckscheibe des Polizeiwagens wurde durch einen versehentlich abgegebenen Schuss des Polizeibeamten Daniel L. zerstört. Das erklärt er auf Nachfrage von Verteidiger Hans-Dieter Weber. „Nach zwei Schüssen auf den Täter bin ich in Deckung gegangen, dabei hat sich ein Schuss versehentlich gelöst.“
Die Einschläge aus der Waffe des Angeklagten habe er überhaupt nicht wahrgenommen, sagt der Polizeimeister weiter. „Ich war wie im Tunnel.“ Er selbst habe vier bis fünf Schüsse aus der Maschinenpistole abgegeben. Er habe auch auf das flüchtende Fahrzeug gefeuert, aber die Flucht nicht verhindern können.

12.30 Uhr: Anwalt verwickelt Polizeibeamten in Frage-Antwort-Spiel
Der Polizeibeamte wird jetzt intensiv befragt, was genau er bei der Schussabgabe gesehen hat und was er anvisierte. „Kurz vor Schussabgabe habe ich die Maschinenpistole entsichert“, sagt Daniel L. „Ich befand mich auf Knien hinter meinem Fahrzeug und habe auf den geeigneten Moment gewartet.“ Der Nebenklage-Anwalt Gerrit Onken fragt immer wieder nach. „Ich weiß, dass ich auf die geöffnete Tür geschossen habe“, antwortet der Polizist. „Der Täter ist dann, wenn man so will, in diesen Schuss reingelaufen.“
Rechtsanwalt Onken will wissen, was genau bei dem Feuergefecht besprochen wurde, was wer gesehen hat, welche Anweisungen es gab.

12.43 Uhr: Polizist weist Kritik an Kollegen zurück
Auf Nachfrage seines eigenen Anwalts äußert sich Polizeimeister Daniel L. zur Kritik am Polizeieinsatz. Dass die Polizei zu langsam am Tatort war, sei nicht zutreffend. „Ich habe meine Kollegin noch nie so schnell fahren sehen.“ Auch die Beamtin, die als Erste die Leiche von Jana L. erreichte, habe keine Fehler gemacht. Bei einer sogenannten „Lebe-Lage“, einer lebensbedrohlichen Einsatzlage, sei es nicht angezeigt, sich einer am Boden liegenden Person zu nähern.  „Wenn man dort ankommt, wissen wir ja nicht, wie viele Täter es gibt. Priorität hat, den Tatort abzusichern. Auch Rettungskräfte werden erst an den Tatort herangeführt, wenn der Tatort gesichert ist. Wir haben auch das Ziel, gesund und munter nach Hause zu kommen, wie jeder andere auch.“

TW:
Auch der nächste Zeuge, ein Polizeimeister, war Teil der Streifenwagenbesatzung. Sie erhielten einen Funkspruch in die Humboldststraße zu fahren, eigentlich hatten sie einen anderen Auftrag. Auf Nachfrage per Funk beim Lage- und Führungszentrum erhielten sie die Auskunft in der Humboldtstraße werde geschossen. Als nächstes wurden sie informiert, es sei dort ein Streifenwagen eingetroffen, eine Person getötet worden, worauf hin sie ihre Ausrüstung für lebensbedrohliche Einsatzlagen am Steintor anlegten. 
Per Funk wurden der Zeuge und seine Kollegen dann informiert, dass auf der Ludwig-W-Str geschossen würde und erste Infos zum Fahrzeug des Angeklagten. Darauf hin fuhren sie im Eiltempo dorthin, hielten an. Der Zeuge sah den Angeklagten, der eröffnete das Feuer. Der Zeuge schoss zwei Mal mit einer Maschinenpistole auf den Angeklagten, wurde von dann einer Kollegin aufgefordert das Feuer einzustellen, da sich ein Fahrzeug genähert habe. Bevor er geschossen habe, habe er fünf Fußgänger gesehen und sich gedacht, er müsse jetzt sehr genau aufpassen, was jetzt passiere. 
Dann habe er gesehen wie der Angeklagte wieder in sein Fahrzeug gestiegen sei, man habe sich kurz gesammelt und den Angeklagten verfolgt, noch einen Hinweis eines Passanten bekommen, ihn aber dann verloren. 
Der Streifenwagen sei dann in Richtung Halle-Neustadt gefahren, man habe gewusst, dass dort das Islamische Kulturzentrum ist. Per Funk seien dazu jedoch keine Hinweise gekommen. Der Zeuge wurde im Verlauf des Tages weiter eingesetzt. 
Der Zeuge sagt aus, dass sich versehentlich ein Schuss aus seiner Maschinenpistole gelöst hatte, als er in Deckung ging. Der Schuss zerstörte die Heckscheibe des Streifenwagens. Als der Angeklagte mit Fahrzeug flüchtete, schoss der Zeuge auf das Fahrzeug. Insgesamt erinnert sich der Zeuge 4-5 Schüsse mit der Maschinenpistole abgegeben zu haben. 
Der Streifenwagen war mit zwei Helmen, zwei Schutzwesten, einer Maschinenpistole ausgerüstet. Nach den ersten beiden Schüssen auf den Angeklagten habe er Deckung gesucht. Etwa 15 Sekunden sei gar nichts passiert, nachdem er zwei Mal auf den Angeklagten geschossen habe, in Deckung ging und der Angeklagte nicht mehr stand, woraus der Zeuge offenbar schloss der Angeklagte habe hinter seinem Fahrzeug/Tür gehockt / gelegen. 
Seine Kollegin habe "Stop" gerufen, siehe oben, da sich ein Fahrzeug von hinten näherte. Später habe sie ihm die Anweisung gegeben / ihn aufgefordert auf den Angeklagten, als der mit dem Auto flüchtete, zu schießen. 
Der Zeuge richtet eine Frage an den Angeklagten, was die Vernehmung des Vaters bei ihm ausgelöst habe. RA Siebenhühner befragt den Zeugen – seinen Mandanten – danach, wie er Kritik am Einsatz der Polizei wahrnehme. Die weist der Zeuge grundlegend zurück.  
Eine Nebenklägerin die den Anschlag auf die Synagoge überlebte wendet sich selbst an den Zeugen, schildert ihm zusammenfassend ihre Kritik und fragt ihn, ob er den Eindruck habe, Prozedere der Polizei könnten verbessert werden. Das Gericht lehnt die Frage ab. 31/ 

12.52 Uhr: Gericht führt Handyvideos von Anwohner vor 
Nach der Aussage des Polizeibeamten lässt die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens drei kurze Handyvideos vorführen, die Anwohner der Ludwig-Wucherer-Straße aus ihren Fenstern heraus aufgenommen hatten. Dort ist der Schusswechsel zwischen dem Angeklagten und der Polizei zu sehen. Der Angeklagte erhielt einen Schuss in den Hals, sprang jedoch nach einem Moment des Innehaltens in den Wagen und entkam.

TW:
Die Sitzung ist nun bis 13:50 Uhr unterbrochen. 32/

                                                                                                    


14.06 Uhr: Polizistin: „Man ist in Gedanken bei den Opfern“
Nach der Mittagspause schildert jetzt die Polizeibeamtin Sarah B., wie sie den Schusswechsel und die Verfolgung des Angeklagten erlebte. Sie ist seit 2017 fertig ausgebildete Polizistin und erlebte das erste Mal Schüsse.  „Das geht natürlich nicht spurlos an einem vorbei. Ich hatte Schlafstörungen. Man macht sich viele Gedanken und ist in Gedanken bei den Opfern.“ Sie war in psychologischer Betreuung. Heute ist sie nicht mehr Streifenpolizistin.

14.25 Uhr: Warum feuerte der Polizist nicht sofort? 
Der Nebenklage-Anwalt Mark Lupschitz befragt die Polizistin Sarah B. jetzt nach Details zum Schusswechsel. Sie war diejenige, die ihrem Kollegen zugerufen hatte, Richtung Täter zu schießen. Warum habe der Kollege erst gefragt und nicht sofort abgedrückt, will Lupschitz wissen. Die Zeugin sagt, hier gehe es um Sekundenbruchteile. „Es war nicht so, als hätten wir dort einen Kaffeeplausch gehabt.“ Es geht auch um den Funkverkehr. Die Zeugin bestätigt, dass es sehr viele Durchsagen gegeben habe.

14.45 Uhr: Polizist ohne Spezialausbildung stand nach dem Einsatz unter Schock
Nur zwei der drei Beamten jenes Streifenwagens, der in den Schusswechsel mit dem Attentäter geriet, hatten die Ausbildung für lebensbedrohliche Einsatzlagen („Lebe“) absolviert. Die aktuelle Zeugin, Sarah B., gehörte dazu. Sie fühlte sich dadurch auch ausreichend auf das vorbereitet, was sie am 9. Oktober 2019 erleben musste. „Das sind solche Situationen, die man durchspielt“, sagt sie über ihre Ausbildung. Der Kollege ohne die abgeschlossene „Lebe“-Ausbildung, Dirk F., war hingegen nach dem Einsatz stark mitgenommen. „Würden Sie sagen, dass er unter Schock stand?“, fragt F.s Rechtsanwalt Jan Siebenhüner. „Ja“, bestätigt die Zeugin.
Sie wird nun entlassen. Nach einer kurzen Pause soll der letzte Zeuge des heutigen Tages aussagen.

TW:
Das Gericht vernimmt nun als Zeugin die Streifeneinsatzführerin des Streifenwagens, von dessen Besatzung heute schon die beiden anderen Beamten vernommen wurden. Sie berichtet auch von Beschuss durch den Angeklagten, den sie per Funk durchgegeben habe. Die Zeugin schildert, wie sie und ihre Kollegen den Angeklagten auf dessen Flucht verloren, als er von der Ludwig-Wucherer-Straße abbog. Ein Passant gab ihnen einen Hinweis, in welche Straße der Angeklagte abgebogen sei.
"Hatten den Auftrag, den Täter handlungsunfähig zu machen.", sagt die Zeugin. Nachdem sie den Angeklagten verloren hatten, fuhren sie in die Dienststelle nach Halle-Neustadt um sich dort weiter aufzurüsten, wechselten das Fahrzeug. Dann zur Kräftesammelstelle.
Auf Vorhalt der Vorsitzenden Richterin aus der Aussage eines Kollegen der Zeugin er habe hinterher erfahren, der Streifenwagen sei 12:16 Uhr an der Ludwig-W-Str. angekommen gibt die Zeugin an, sie habe das auch hinterher erfahren. Aus den Pressekonferenzen des Landes beziehungsweise der Landesregierung. Hier wurde nach dem Anschlag ein Minutenprotokoll mitgeteilt. Anwält_innen der Nebenklage stellen ausführlich Fragen zu dem was die Zeugin selbst wahrgenommen hatte, nachdem auf den Angeklagten geschossen wurde. 37/

                                                                                                    


15.05 Uhr: Polizist verfolgte den Täter im Zivilfahrzeug
Als letztes sagt jetzt der Polizeikommissar Robert D. aus, der am Tag des Anschlags in Uniform, aber einem zivilen Fahrzeug mit einem anderen Auftrag unterwegs war. Als er über Funk vom Angriff auf die Synagoge hörte, brach er den andern Auftrag ab und fuhr zur Ludwig-Wucherer-Straße, wo es bereits einen Schusswechsel zwischen dem Täter und einem Streifenwagen gegeben hatte. Wie bereits die Beamten vor ihm schildert er, dass er den Täter bei der Verfolgung verloren habe. Auch im Laufe des Tages bekam er ihn nicht wieder zu sehen.

15.24 Uhr: Anwälte verlesen ärztliche Gutachten für geschädigte Polizisten
Fragen an den Polizeibeamten gibt es nicht, die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens wünscht ihm für die Zukunft alles Gute und entlässt ihn.
Es werden nun ärztliche Atteste vorgelesen, die Beeinträchtigungen der am Anschlagtag eingesetzten Polizisten belegen. Es geht um Schlaflosigkeit, innere Unruhe, Traurigkeit. Auffällig finden die gutachtenden Psychologen, dass zwei Polizisten nicht bemerkt hatten, dass ihr Auto von Schüssen des Täters getroffen worden war. „Die eigene Bedrohung wurde abgespalten“, heißt es in den Attesten.

15.38 Uhr: Streit um Protokollierung einer Aussage des Angeklagten
Noch einmal geht es um den Antrag des Nebenklage-Anwalts Erkan Görgülü, eine Aussage des Angeklagten Stephan B. zu protokollieren – es geht um die Frage, ob dieser es für möglich gehalten hat, mit seinen Schüssen in Richtung Polizei auch Beamte zu treffen. Oberstaatsanwalt Stefan Schmidt widerspricht der Protokollierung: Es komme nicht auf diesen einzelnen Satz an, sondern auf den Gesamteindruck, den das Gericht von Tat und Täter gewinne. Auch der Verteidiger Hans-Dieter Weber widerspricht. Die von Görgülü angefertigte Mitschrift des Satzes entspreche nicht seiner eigenen Mitschrift.
Die Vorsitzende Richterin vertagt die Entscheidung über die Protokollierung und schließt die Verhandlung für heute. Der Prozess wird am kommenden Dienstag fortgesetzt.

TW:
Der nächste Zeuge war ebenfalls am Tag des Anschlags im Einsatz, zunächst übernahmen er und ein Kollege eine Person im zentralen Polizeigewahrsams, um sie mit einem Funkwagen nach Frankfurt am Main zu "verbringen". Als die Person schon im Wagen saß, soll ein Funkspruch gekommen sein, wonach die Synagoge angegriffen werde. Daraufhin sei er mit dem (zivilen) Funkwagen (aber in Uniform) in diese Richtung gefahren, ein Funkspruch habe informiert der Täter sei inzwischen auf der Ludwig-W-Str.  
Der Zeuge habe das Lage- und Führungszentrum informiert, er werde zunächst ohne Blaulicht versuchen den Täter zu lokalisieren. Auf der L-W-Str. habe er einen Streifenwagen mit zerschossener Heckscheibe wahrgenommen. Zunächst erkannte er das Fahrzeug des Angeklagten, dann habe er Schüsse wahrgenommen, sein Kollege habe das Fahrzeug verlassen und in Deckung gegangen. Er selbst habe das Fahrzeug umgeparkt um auch Deckung zu erhalten, dann wahrgenommen wie etwas in das Fahrzeug einschlug. Der Zeuge habe dann im (zivilen) Funkwagen die Verfolgung des Angeklagten aufgenommen, am Riebeckplatz diese aber abbrechen müssen, da sie den Angeklagten verloren. Nach einem Stop an der Sammelstelle der Einsatzkräfte sei der Zeuge in Richtung [??? - Fehlt im Tweet] im Einsatz gewesen. Dort in der Nähe wurde der Angeklagte, durch andere Einsatzkräfte, gestellt. Nun werden noch ärztliche Befunde zu eingesetzten Beamten/Zeugen verlesen. 

Damit ist die Sitzung für heute beendet. 44/ 
Antworten
#47
Die Kunst der Vermutung

Die MZ zieht nach dem 13. Prozeßtag am 16.09.20 19:26  (online / 17.09. in der gedruckten Ausgabe, Seite 3) »Zwischenbilanz zum Terrorprozess«, versucht sich an »Fragen und Antworten zum aktuellen Verhandlungsstand«. 
(Der Titel heißt auf dem bedruckten Papier anders: »Das lange Leiden der Opfer«; Untertitel: »TERROR. Traumatisierte Juden, Polizisten in Behandlung und ein Schweigen, das den Täter schützt: Nach 13 Prozesstagen im Verfahren gegen Stephan B. zieht die MZ eine Zwischenbilanz.«) 
Online ist der (weitgehend) identische Text unter der URL https://www.mz-web.de/halle-saale/anschl...d-37354248, aber hinter der Zahlschranke verborgen.

[Bild: attachment.php?aid=2934]

Die Journalisten beantworten sechs Fragen, versuchen es zumindest:
  1. Wie tritt der Rechtsterrorist vor Gericht auf?
  2. Wie wurde Stephan B. zum Judenhasser?
  3. Wie hat der Anschlag die Opfer verändert?
  4. Gab es Fehler beim Polizeieinsatz?
  5. Was ist die Strategie der Verteidigung?
  6. Welche Fragen sind noch offen?
Die Antwort auf die erste Frage endet mit der Aussage der Journalisten, hinter Stephan B.s Verhalten vor Gericht »steht die Absicht, Nachahmer zu finden, die Juden und Muslime angreifen«. 

Die Antwort auf die zweite Frage beginnt mit dem Satz »Das hat der Prozess bisher nicht geklärt.« In den folgenden 174 Worten findet sich vor allem eine Beschreibung des Klimas in der Familie des Täters (basierend auf den Zeugenaussagen, die - vor allem - in den bei geomatico archivierten Tickern vom 4. Verhandlungstag wiederzufinden sind) … und ein kurzer Absatz über Indizien dazu auf der Festplatte seines Computers. 

Die Antwort auf die dritte Frage ist eine Reflektion auf die Aussagen von Verhandlungstag 8 - 13. Die Stichworte Trauma und Post-Trauma fallen … und das gelte für »einahe alle«. 42 Worte von 216 sind den Ausnahmen gewidmet; weitere 117 Worte zu den gleichen Stichworten wurden in die Antwort auf die nächste Frage geschmuggelt; zum Beispiel in Gestalt der Aussage, daß die Polizei am Tattag unsensibel gegenüber den Opfern in der Synagoge aufgetreten ist. 
Das andere erwähnte Problem, was »im Gericht offenbar« wurde, kann im Ticker vom 13. Prozeßtag ab »12.43 Uhr: Polizist weist Kritik an Kollegen zurück« nachgelesen werden. 
Aus Journalistensicht behandele die Richterin die Frage, ob es bei der Polizei Fehler gegeben hat, nur am Rande. Erwähnt wird, das diesbezüglich ein Untersuchungsausschuss im Landtag wirkt.

In der Antwort auf die fünfte Frage, die Frage zur Strategie der Verteidigung, lautet der erste Satz: »Die ist kaum erkennbar.« Und der drittletzte Satz: »Dass die Verteidiger Revisionsgründe sammeln […] ist nicht erkennbar.« 
Ich grätsche hier mit meiner Meinung dazwischen: Vielleicht sind all die, die das so sehen, nur zu dumm, die Strategie zu erkennen. Warten wir also auf das Finale. 
Wer ein Beispiel dafür sucht, welcher Geist noch in diesem Teil der journalistischen Zwischenbilanz eine Rolle spielt, sei auf den Ticker vom 12. Tag des Prozesses, »15.38 Uhr: Verteidiger will Ausführungen des Döner-Betreibers beenden« verwiesen (Dieses Beispiel wurde aber nicht erwähnt!)

Die Antwort auf die sechste Frage erlaube ich mir vollständig zu zitieren:

Zitat:Welche Fragen sind noch offen?
Die drängendste: Hätten die Attentatspläne auffliegen können? Zu klären ist das kaum, weil Mutter, Vater und Schwester des Angeklagten schweigen. Dabei könnten sie zur Aufklärung beitragen: B. lebte in der Wohnung seiner Mutter, baut die Waffen im Schuppen seines Vaters. Andere Kontakte pflegte B. nur im Internet - dass er dort im Voraus Hinweise auf seine Anschlagspläne gab, ist zumindest nicht bekannt. Auf dem Schirm der Sicherheitsbehörden war B. nicht.
Terrorexperten sprechen von einem „einsamen Wolf“ - diese Darstellung wird aber von den Nebenklägern energisch bestritten. Sie kritisieren, das BKA habe sich nicht ausreichend bemüht, die Online-Aktivitäten des Angeklagten aufzuklären, darunter Videospiele, die konkrete Bedeutung von Szene-Codes und verwendeter Lieder.
Offen ist daher auch: Können Behörden künftig erkennen, dass Internetnutzer auf dem Weg zur Radikalisierung sind? Im Fall Stephan B. gilt als ungeklärt, ob er online konkrete Kontakte knüpfte, die zur Radikalisierung beitrugen - Netzbekanntschaften konnte das Gericht nicht befragen. Große Teile des Internetverkehrs können nicht mehr rekonstruiert werden, da B. seine Festplatten vor der Tat gründlich löschte. 
 

Ich habe in diesem Zitat zwei (in Ziffern: 2) Fragezeichen gezählt. Und denen will sich das Gericht also die kommenden x Verhandlungstage widmen? Mir deucht, daß die offenen Fragen der Journalisten nicht mit dem Frage-Katalog des Gerichtes identisch sind. 
Ich will mich auch nicht damit aufhalten, daß ich zwischen ›die Festplatten waren gründlich gelöscht‹ und dem Ticker-Text vom 7. Verhandlungstag einen Widerspruch sehe. Da schrieb die MZ (12.16 Uhr): »Endgültig gelöscht wurden nach Erinnerung des Kriminalbeamten lediglich 13 Prozent der Daten.«

Der zentrale Satz, auf den ich mein Augenmerk richten möchte, ist ein anderer: »Terrorexperten sprechen von einem ›einsamen Wolf‹ - diese Darstellung wird aber von den Nebenklägern energisch bestritten.« 
Wer dem Prozeß bisher verfolgt hat, dem ist diese Intervention nicht entgangen. 

Zunächst stellt sich mir die Frage, wer bittschön sind die ›Terrorexperten‹? Und woher stammt der Begriff ›einsamer Wolf‹ / ›lone wolf‹ überhaupt?
Ich beginne mit der zweiten Frage:
Im deutschsprachigen Raum redet der Autor Florian Hartleb vom ›einsamen Wolf‹ - zum Beispiel am 4. November 2019 beim mdr. Bei Spiegel TV hatte er auch einen Auftritt. Überhaupt: Er war bei den Vertretern der Massenmedien nach dem 9. Oktober 2019 gern gesehener Stichwortgeber. Erfunden hat er den Begriff nicht — allenfalls hat er ihn ins Deutsche übertragen!
Wer war’s? Die englische Wikipedia hilft weiter. »The term ›lone wolf‹ was popularized by white supremacists Louis Beam, and Tom Metzger in the 1990s; and then later by Alex Curtis.« Louis Ray Beam, Jr. (geboren 1946) ist ein amerikanischer weißer Nationalist. Thomas Linton Metzger (geboren am 9. April 1938) ist ein amerikanischer weißer Rassist, Skinhead-Führer und ehemaliger Klan-Mann.
Terrorism expert Brian Michael Jenkins of the RAND Corporation prefers the term stray dog to lone wolf. [https://en.wikipedia.org/wiki/Lone_wolf_(terrorism)]
Ich erinnere mich trübe daran, was der journalistische Mainstream für einen Terz macht, wenn auf einer Demo Plakate mit Vokabular aus der Schreibstube von Goebbels auftauchen*. Und hier? Hier haben sie irgendwie geschnarcht.

Hinzu kommt: Wir haben in den letzten Tagen regelmäßig die Begriffe Trauma und/oder posttraumatische Störung zu hören bekommen… Mir sind dabei die ›Psychologenkriege‹ vor und nach 1945 in den Sinn gekommen. 
»In den USA waren die Verfechter des Behaviorismus jahrzehntelang die einflussreichsten Verhaltensforscher an den Universitäten und entschiedene Gegner der gleichzeitig aufkommenden psychoanalytischen Richtungen.« (Wikipedia)
Ein bekannter Psychoanalytiker ist Sigmund Freud. Bekannte Namen des anderen Lagers sind Burrhus Frederic Skinner, Iwan Petrowitsch Pawlow.
Der Behaviorismus betrachtet(e) den Organismus als eine Art Black Box … und wendet in Bezug auf ihn die gleichen Prinzipien wie z.B. die Nachrichtentechniker an. In einfachster Form das Modell 
Input —> Verarbeitung —> Output 
wird im  Behaviorismus zu 
Reiz —> Verarbeitung —> Verhalten.
Gewiß, der Behaviorismus wurde ab den 1960er und 1970er Jahren langsam vom Kognitivismus abgelöst. Doch ein jeder weis, wie gern und oft der Computer als Modell für das menschliche Gehirn angesehen wird…

Wenn die Journalisten nun die Frage formulieren »Können Behörden künftig erkennen, dass Internetnutzer auf dem Weg zur Radikalisierung sind?« dann riecht das irgendwie nach einem behavioristischen (oder Folge-)Konzept. Und ich sehe den ›Terrorexperten‹ bildlich vor mich, wie er als Versuchsleiter einen ›Input/Reiz‹ erzeugt! Gegen einen Terrorexperten wird in Magdeburg gerade verhandelt… 
Ich unterstelle wohlwollend ›Terrorabwehrexperte‹ ist gemeint. Der Terrorabwehrexperte hat das gleiche Ärgernis vor sich, wie ein Systemanalytiker in der Technik. Nehmen wir der Einfachheit halber einen, der mit Computern zu tun hat. Jeder weiß, da gibt es bugs (Fehler), die Computer und/oder Programme zu Absturz bringen können. Herauszufinden, was dazu geführt hat, ist dann schon schwieriger. 
Die ›Bug-Abwehrexperten in IT‹ verwenden gern den Trick, das sie dazu das zu untersuchende System unter kontrollierten Streß setzen, in der Hoffnung, sie können so den Fehler reproduzieren. Streßender Input —> Verarbeitung —> Absturz. Das Überwachen dieses Vorgangs hilft den Fehler zu lokalisieren und zu verstehen … und dann dem Programmierer, die Stelle zu zeigen, an der der Hase im Pfeffer liegt. (Ich kann nur hoffen, daß es keine behavioristischen Versuchsleiter sind, die Stichwortgeber für die Hartlebs dieser Welt sind!)
Das menschliche Denken hat sich inzwischen als viel komplexer erwiesen als viele glaub(t)en; viel komplexer als die IT-Welt … und deren bugs zeigen, nicht einmal da ist uns eine fehlerfreie Schöpfung gelungen. Vielleicht soll die IT-Welt auch gar nicht fehlerfrei sein, denn mit bugs läßt sich gut Geld verdienen…
Wenn ich die Intervention der Nebenklage sehe, dann meine ich erkennen zu können, daß ihre Art von Social Engineering dem stray dog auf andere Weise beikommen möchte. Möglicherweise erfahren wir dazu im Prozeß weiteres.
Ohne Hintergründe (Wer steckt hinter der ›lone wolf‹-Fraktion? Durch wessen Lobbyarbeit kam sie überhaupt in den journalistischen Mainstream? & Gleiche/ähnliche Fragen in Bezug die Konzepte der Nebenklage) haben wir zunächst nur die Mittel der Suche und die Kunst der Vermutung…

Mit einem Satz aus dem Buch »Spüre die Welt. Die Wissenschaft des Bewußtseins« von Tor Nørretranders will ich enden: »Die ›Informationsgesellschaft‹ ist also in Wirklichkeit eine Entropiegesellschaft - eine Gesellschaft der Unwissenheit und Unordnung.«

                                        
* Einen Gedanken zu dem Schreibstubenalarm will ich noch ergänzen. Da ich mich mit derart Gedankengut natürlich nicht infizieren möchte und das auch nicht soll (wir sehen ja gerade, wo das hinführen kann), habe ich hinsichtlich der benutzten Worte in den Originalquellen aus dieser Zeit keinen blassen Schimmer. Woher soll ich also wissen, was da so drin steht … und vor allem, ob ich nicht auf die falschen Signale höre, wenn ich auf Empfang bin? Wobei ich mir zugleich die Frage stelle, wieso sich die Wächter eigentlich nicht mit der braunen Pest anstecken. Die haben doch ständig Kontakt damit…  Huh


Angehängte Dateien Thumbnail(s)
   
Antworten
#48
Ticker Prozeßtag 14 

Ticker der Mitteldeutsche Zeitung: Für die MZ beleuchten das Programm des 14. Verhandlungstages Hagen Eichler und Julius Lukas.

https://www.mz-web.de/halle-saale/anschlag-in-halle-saale/tag-14-im-halle-prozess-flucht-des-attentaeters---gericht-vernimmt-die-naechsten-zeugen-37378800

Als weitere Stimme aus dem Gerichtssaal verwende ich den Twitter-Kanal von Valentin Hacken (für Radio Corax in Magdeburg). (https://mobile.twitter.com/valentinhacken_)
Den jeweiligen Twitter-Block kennzeichne ich am Anfang mit TW.

                                                                                                    


8 Uhr: Darum geht es am 14. Tag der Verhandlung
Im Magdeburger Landgericht steht der 14. Verhandlungstag gegen den Attentäter von Halle auf dem Programm. Am Dienstag will das Gericht laut Plan vor allem die Flucht des Attentäters aus Halle heraus beleuchten. Dafür sind insgesamt fünf Zeugen geladen.

9.38 Uhr: Prozess beginnt mit Gast aus dem Döner-Imbiss
Die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens eröffnet den Verhandlungstag mit der Befragung des Zeugen und Nebenklägers Conrad R. Am 9. Oktober 2019 war er mittags Besucher im „Kiez Döner“. Er stand am Tresen und fand es merkwürdig, einen „verkleideten Mann“ zu sehen – gemeint ist der mit Helm und Kampfanzug ausgestattete Attentäter. Dieser warf etwas, das explodierte. „Ich dachte, was für ein Idiot – warum wirft hier einer Böller?“

9.45 Uhr: „Ich dachte, dass ich in der Toilette sterbe“
Der 29-jährige Zeuge flüchtete im Döner-Imbiss eine Treppe hoch, ohne zu wissen, ob dort ein Ausgang ist. Er berichtet, wie er sich in der Toilette versteckte. „Ich dachte, es ist vorbei. Im Familien-Chat habe ich eine Abschiedsnachricht geschrieben. Ich bin davon ausgegangen, dass ich in dieser Toilette sterbe.“ Zum Zeitpunkt des Angriffs war er überzeugt, dass mehrere Terroristen aktiv sind.

9.59 Uhr: „Die letzte Stimme, die ich jemals höre“
Von der Toilette aus informierte der erste Zeuge die Polizei. Beim ersten Gespräch sagt ihm die Frau am Telefon, dass Einsatzkräfte vor Ort sind und er sich ruhig verhalten solle. „Sie beendete den Satz mit ,Auf Wiederhören‘, was für mich sehr seltsam war, da ich dachte, dass das die letzte Stimme ist, die ich jemals hören werde.“ Er ruft dann noch einmal bei der Polizei an, wobei der Mitarbeiter dort ihn nicht versteht. „Er sagte immer, dass ich lauter sprechen soll, aber das ging ja nicht.“

10.07 Uhr: Empathischer Sanitäter
Nach etwa 20 Minuten auf der Toilette wird der 29-Jährige von der Polizei aus dem Laden geholt. Davor riegelte die Polizei gerade den Bereich ab. „Ich habe mich dann erst einmal auf eine Bank gesetzt und saß dann da.“ Erst habe sich kein Polizist um ihn gekümmert, dann habe es eine kurze Vernehmung gegeben, wo einige Daten aufgenommen wurden. Erst ein Sanitäter habe ihn dann sehr empathisch behandelt. Bis heute, so der Zeuge, beeinflusse ihn das Geschehen von damals. „Wenn ich bewaffnete Polizisten sehe, bin ich gedanklich sofort wieder im Dönerladen auf der Toilette.“

TW:
Heute ist Tag 14 im #HalleProzess. Das Gericht vernimmt als ersten Zeugen Conrad Rößler, er hatte sich am Tag des Anschlags im Kiez-Döner in Halle etwas zu Essen gekauft. @ARamelsberger hat über ihn geschrieben, (Artikel hinter der Bezahlschranke). 
https://www.sueddeutsche.de/politik/anschlag-halle-prozess-zeuge-doenerladen-1.5039401?reduced=true

Der Zeuge berichtet wie er am Tresen gestanden habe und Essen bestellt. In dieser Situation habe er den Attentäter gesehen, "merkwürdig, dass sich jemand verkleidet" habe er gedacht, als er Helm und militärische Kleidung des Attentäters sah.
Dann habe er gesehen, wie der Attentäter etwas mit einer Lunte in Richtung des Eingangs des Kiez Döners geworfen habe. In dieser Situation – laute Detonation – habe er noch an Böller gedacht. Tatsächlich war es eine Nagelbombe, die nicht traf.
Als nächstes erinnert sich der Zeuge daran, wie er aus dem Fenster des Kiez Döners geschaut habe und durch die Scheibe den Attentäter gesehen habe, "Sehe die Waffe die gerichtet ist auf den Laden, es fällt ein Schuss", der die Scheibe trifft, sagt er. Der Zeuge beschreibt, wie er von der Tür des Kiez Döners wegrennt, wie ein älterer Mann der ebenfalls Gast im Kiez Döner war ihn gefragt habe ob er die 110 wählen solle. Ein Mitarbeiter des Kiez Döners habe ihnen signalisiert in ihrem Versteck still zu sein.
"In meinem Kopf waren es mehrere Angreifer, ich habe nur einen gesehen, aber in meinem Kopf waren es mehrere", sagt der Zeuge. "Ich habe gedacht, dass es jetzt mit mir vorbei ist, habe mein Handy aus der Tasche genommen und in unserem Familien-Chat eine Abschiedsnachricht geschrieben.", sagt der Zeuge aus. Er berichtet, wie er dann die 110 anrief, die Beamtin am Telefon die Lage schon kannte, hinwies Einsatzkräfte seien unterwegs, er solle ruhig bleiben. Der Zeuge sei davon ausgegangen, dass nun er, mehrere Betroffene und mehrere Angreifer (wovon er ausging) im Kiez Döner seien und die Einsatzkräfte davor. "In meinem Kopf: Einsatzkräfte draußen, Angreifer drinnen, ich muss also weiter leise bleiben." 
Später habe er Einsatzkräfte gehört "sicher mal das". Da habe er dann auf sich aufmerksam gemacht. Sehe die Wappen der Polizei auf deren Uniform und denke ich sterbe heute nicht mehr", sagt der Zeuge. Nach und nach habe er die anderen Menschen aus dem Kiez Döner draußen wieder gesehen. Erst später habe er verstanden dass es nicht allen die mit ihm im Kiez Döner waren gut ging, sondern eine Person getötet worden war. Auf Nachfrage berichtet er, wie sich bei seinem ersten Anruf bei der 110 die Beamtin mit "Auf Wiederhören" von ihm verabschiedete, in einer Situation von der er dachte er würde sie nicht überleben. Auf Nachfrage erinnert sich der Zeuge an einen zweiten Anruf bei der 110, bei diesem habe die Person mit der er sprach nichts vom Anschlag auf den Kiez Döner gewusst. Er habe, da noch versteckt, geflüstert. Die Polizei habe ihn am Telefon immer wieder aufgefordert lauter zu sprechen, was er in der Situation nicht habe tun können, damit ihn der Attentäter (bzw. die mehreren Attentäter, von denen er in der Situation ausging) nicht hören. Nach dem Einsatz habe er keine Hilfe angeboten bekommen, sondern sei irgendwann alleine nachhause gegangen. Zuvor habe ihn aber ein hilfsbereiter Sanitäter versorgt. Er sei in der Betreuung bei @opferberatung. Der Zeuge berichtet von erheblichen psychischen Folgen, aufbauend auf Vorerkrankung.
Auch @Belltower_News hat mit Nebenkläger Conrad Rößler gesprochen, der heute als Zeuge durch das Gericht vernommen wurde. […] 14/ 

                                                                                                    


10.44 Uhr: Maler kann nicht aussagen
Der erste Zeuge wird aus dem Zeugenstand entlassen. Zu den Geschehnissen im Dönerladen sollte eigentlich auch noch der Mitarbeiter der Malerfirma gehört werden, der zusammen mit dem von Stephan B. im Döner getöteten Kevin S. am Tattag unterwegs war. Die Anwältin des Malers weist jedoch darauf hin, dass ihr Mandant nicht vor Gericht aussagen kann, da ihn die Ereignisse vom 9. Oktober noch immer schwer belasten. Anders als sein Kollege Kevin S. hatte er es geschafft, über ein Fenster in einem Abstellraum aus dem Döner zu flüchten. Wie aus anderen Zeugenberichten bereits deutlich wurde, hatten Kevin S. und der Maler den Imbiss betreten, weil der Maler sein Essen zuhause vergessen hatte.

11.00 Uhr: Kollege von Kevin S. ist schwer traumatisiert
In Abstimmung mit dem Maler werden vor Gericht nun mehrere ärztliche Befunde und Gutachten verlesen, die die gesundheitliche Situation des Malers beschreiben. Daraus wird deutlich, dass er durch die Ereignisse im Dönerimbiss massiv traumatisiert wurde. Es wird von Angstreaktionen, Schuldgefühlen, Antriebslosigkeit und zahlreichen weiteren Folgeerscheinungen berichtet.
Der Maler musste fast drei Monate stationär behandelt werden, allerdings fanden in der Folge immer wieder Re-Traumatisierungen statt – etwa durch den Anschlag in Hanau im Februar 2020. Noch immer ist der Handwerker arbeitsunfähig geschrieben. Selbst den Weg zu seinem nur 500 Meter entfernt wohnenden Sohn müsse er per Auto zurücklegen, weil er sich sonst nicht auf die Straße traue.

11.22 Uhr: „Konnte Kevin nicht beschützen“
Die Anwältin des Malers verliest nach den Gutachten und Befunden noch ein Statement ihres Mandanten. Obwohl er nicht selbst vor Gericht aussagen könne, wolle er beim Prozess behilflich sein. In seinem Statement verdeutlicht er, dass die Ereignisse vom 9. Oktober 2019 sein Leben komplett veränderten.
Jede Konfrontation mit den Ereignissen führe zu einer Re-Traumatisierung. Ihr Mandant, so berichtet es die Anwältin, mache sich Vorwürfe. „Er kannte Kevin gut, hatte ihn jeden Tag grinsen und Lachen gesehen. Er sah es als seine Aufgabe an, Kevin zu helfen. Nun macht er sich Vorwürfe, dass er an diesem Tag sein Mittagessen zuhause vergas und dass er Kevin nicht beschützen konnte.“

TW
Derzeit werden mehrere Atteste verlesen. Psych. Folgen für einen Nebenkläger führen ua dazu, dass er nicht aussagt. Dazu führt Rechtsanwältin Blasig-Vonderlin für ihren Mandaten aus, dass der Anschlag für ihn erhebliche Folgen habe, er sei traumatisiert und derzeit nicht in der Lage, sein Leben normal zu führen. Sie beklagt, dass Teile der Akte an die Presse durchgestochen worden seien, ihr Mandat immer wieder kontaktiert wurde. Sie fordert die Medien auf, den Namen ihres Mandanten nicht zu nennen und ihn nicht aufzusuchen. Seine Aussage wird verlesen werden, er muss nicht persönlich aussagen. 15/ 

                                                                                                    


11.42 Uhr: Flucht von Stephan B. - er kam mit 80 Km/h angefahren
Der nächste Zeuge ist ein 25-Jähriger Berufskraftfahrer aus Halle. Er war am 9. Oktober in Halle mit seinem Lastwagen unterwegs, als er Stephan B. bei dessen Flucht begegnete. Er sah, wie der Attentäter in Halle in der Magdeburger Straße eine dunkelhäutige Person „anfuhr“ – so habe er es empfunden. Dabei soll der Attentäter etwa 80 Kilometer pro Stunde gefahren sein. Ob Stephan B. die Personen absichtlich anfuhr, oder ob es ein Versehen war, ist eine der Fragen des Prozesses. Aus Sicht des Zeugen war die Attacke auf die Person eine gezieltes Manöver.


TW
Das Gericht vernimmt nun nach einer kurzen Pause einen Zeugen, der sich am 9. Oktober 2019 auf der Magdeburger Straße aufgehalten hat. Dort sah er das Auto des Angeklagten, hörte ein Reifenquietschen weswegen er er sich umgedreht habe. Dann habe er gesehen, wie das Auto eine schwarze Person anfuhr, dann links auf der falschen Spur an einer Straßenbahnhaltestelle mit überhöhter Geschwindigkeit vorbei fuhr. Der Zeuge erkannte auch, dass zwei Reifen platt waren – der Angeklagte hatte sie sich versehentlich zerschossen.
Der Zeuge schildert, das Auto des Angeklagten habe direkt auf eine Personengruppe von Schwarzen Menschen "zugehalten", die wohl mit der Straßenbahn gekommen sei. Die Personengruppe sei dann gerannt, habe versucht dem Auto auszuweichen. 19/

                                                                                                    


12.08 Uhr: Angefahrener Mann spricht im Zeugenstand
Nun wird der junge Mann, der von Stephan B. während dessen Flucht angefahren wurde, in den Zeugenstand gerufen. Der 24-jährige Somalier arbeitet als Lagerist. Er schildert, dass er gerade aus der Straßenbahn ausgestiegen war und dann plötzlich das Auto auftauchte. Er konnte nicht mehr ausweichen, wurde vom Pkw getroffen. „Danach war ich kurz bewusstlos.“ Er erlitt Verletzungen an der linken Hand und am linken Knie. Nach etwa einer halben Stunde kamen Krankenwagen und ein Polizeiauto.

12.18 Uhr: Allein mit Gedanken und Gefühlen
Erst im Krankenhaus habe der 24-Jährige Somalier, der von Stephan B. angefahren wurde, von den anderen Geschehnissen erfahren. Ihm sei klar geworden, dass es kein Unfall, sondern eine gezielte Attacke war. Nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, fühlte er sich schlecht. Er ging zum Hausarzt, kam dann in die Betreuung durch die Opferberatung.
Am Anfang sei es sehr schwer gewesen, da er sich mit seinen Problemen und Gedanken alleine gefühlt habe. Er bekam dann eine Therapie vermittelt, was seine Lage bessert. Er geht zwar arbeiten, leide aber noch immer unter Schlaflosigkeit, Vergesslichkeit und Geräuschempfindlichkeit. Außerdem gehe er nur ungern alleine und oft mit einem mulmigen Gefühl aus dem Haus.

12.37 Uhr: Zeuge will nicht in Halle bleiben
Der Zeuge berichtet auf Nachfrage noch, dass er nicht mehr weiter in Halle leben möchte, weil er viele schlechte Erinnerungen habe. Es gehe nicht nur um den 9. Oktober. „Es gibt viele tägliche Beleidigungen und man wird mit der Zeit dünnhäutiger.“ Er habe den Gedanken, dass er, wenn er nicht aus der Stadt wegkommt, irgendwann getötet wird. Deswegen möchte er woanders in Deutschland leben.

TW
Nun vernimmt das Gericht Aftax Ibrahim als Zeugen. Leider ist der Bericht von @faktist nicht mehr online, verlinkt die Pressemitteilung von @MDRAktuell zum damaligen Beitrag. Auch dieser Zeuge ist Nebenkläger im Prozess. 20/ 
https://www.mdr.de/presse/fernsehen/pi-f...r-100.html

Der Zeuge schildert, dass er am Tag des Anschlags zunächst bei einem Arzt war und von ihm für eine Woche krankgeschrieben wurde. Diese Krankschreibung habe er seinem Arbeitgeber abgeben wollen, weswegen er mit der Tram unterwegs gewesen sei. An der Haltestelle in der Magdeburger Str. sei er ausgestiegen. Ein Freund habe zuerst das Auto des Angeklagten bemerkt, "Pass auf" gesagt. Der Zeuge habe sich dann umgedreht und gesehen, wie ein Auto sehr schnell auf ihn zufuhr. Das Auto traf ihn, er sei zu Boden gefallen und kurz ohnmächtig geworden. Andere Menschen riefen die Polizei, er habe geblutet und sei dann in einem Krankenhaus versorgt worden. Erst dort, sagt er, habe er realisiert, "...das ist kein Unfall sondern eine Tat." 
"Ich habe dann erfahren, dass der Täter andere Menschen getötet hat, das Schüsse fielen im Dönerladen. Diese Informationen habe ich vom Arzt im Krankenhaus bekommen, vorher wusste ich gar nichts", sagt der Zeuge. Er berichtet von psychischen Folgen die bis heute andauern. Er sagt auch "Wenn man jeden Tag hört, zB Hanau, dass ein Extremist Leute in einer Shishabar getötet hat – ich war auch früher ab und zu mit Freunden in Shishabars. Das traue ich mich nicht mehr.", nennt weitere Einschränkungen im Alltag. 
Auch Aftax Ibrahim hat @Belltower_News ein Interview gegeben, dort sagte er "Der Attentäter von Halle hat mich aus einem bestimmten Grund angefahren und ich möchte, dass es als rassistischer Angriff anerkannt wird." 26/
https://mobile.twitter.com/RubenGerczi/s...4956726272

Er sagt "Ich will nicht länger in Halle leben (...) weil ich viele schlechte Erinnerungen habe, nicht nur das jetzt [der Anschlag]. Es gibt viele Schwierigkeiten, denen man tagtäglich ausgesetzt ist." Teile Nebenklage & Publikum erheben sich nach Aussage. 27/ 

                                                                                                    


13.58 Uhr: Ich sagte: „Pass auf“
Nach der Mittagspause geht es weiter mit einem Freund des von Stephan B. angefahrenen Somaliers. Die beiden waren am 9. Oktober zusammen unterwegs, als der Halle-Attentäter in der Magdeburger Straße auf sie zusteuerte. Als er das Auto sah, habe er zu seinem Freund gesagt: „Pass auf“. Doch dieser habe nicht schnell genug reagiert und wurde dann angefahren. Der Zeuge sagt, dass er selbst weggelaufen ist und die andere Straßenseite erreichen konnte. Als er sich dann umgedreht habe, sah er noch, wie sein Freund zu Boden fiel. Was die Ursache dafür war, kann er nicht genau sagen.

14.25 Uhr: Beim Überholen Auto beschädigt
An den Zeugen gibt es keine weiteren Fragen, deswegen wird jetzt ein Protokoll über die kriminaltechnische Tatortarbeit in der Magdeburger Straße verlesen. Es gibt Aufschluss darüber, über welchen Weg der Attentäter floh. Vom Kiez-Döner steuerte er sein bereits beschädigtes Fahrzeug zum nahegelegenen Steintor. Beim Überholen beschädigte er dabei ein Auto. Anschließend fuhr er weiter in Richtung Riebeckplatz, wobei er nicht die Fahrbahn sondern die Straßenbahnstrecke nutze.

TW
Das Gericht vernimmt nun – nach einer Pause – einen weiteren Zeugen. Er war mit Aftax Ibrahim in der Magdeburger Straße, beide seien aus der Tram ausgestiegen. Er habe nur bemerkt wie ein Auto falsch über die Schienen der Straßenbahn gefahren sei, weshalb er seinen Freund gewarnt habe. "Renn weg, es kommt ein Auto" habe er gerufen. Sein Freund sei, nachdem er angefahren wurde, direkt vor seine Füße gefallen, schildert der Zeuge. Den Aufprall selbst habe er nicht gesehen.
Nachdem die Vorsitzende Richterin zwei Ermittlungsberichte zu Verkehrsdelikten, die dem Angeklagten vorgeworfen werden, verlesen hat, ist nun Pause bis 14:50 Uhr, dann wird ein weiterer Zeuge vernommen. 30/ 

                                                                                                    


15.14 Uhr: Vernehmung des Malers wird verlesen
Nach einer erneuten Pause wird nun die Aussage des Malers verlesen. Dass er nicht persönlich vernommen wird, liegt an seinem schlechten gesundheitlichen Zustand. Er ist nicht reise- und vernehmungsfähig. Sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung stimmen deswegen zu, dass die Vernehmung verlesen und als Ersatz für eine Aussage im Zeugenstand genommen wird.

15.21 Uhr: Kevin S.: „Zeit für die Mittagspause“
In seiner Vernehmung, die wenige Tage nach dem Attentat durch Polizeibeamte vorgenommen wurde, berichtete der Maler über die Geschehnisse am 9. Oktober. Damals habe er zusammen mit Kevin S. an einem Mehrfamilienhaus gearbeitet. Gegen 12 Uhr habe er im Dachgeschoss gearbeitet, während sein Gehilfe Kevin weiter unten tätig war. Kevin habe ihm eine Nachricht geschickt, dass es Zeit für die Mittagspause ist. Sie gingen zusammen in den wenige Minuten entfernten Kiez-Döner – „weil das Essen dort gut ist“.

15.26 Uhr: Gericht verliest Zeugenaussage
Im Kiez-Döner habe er mit einer Freundin telefoniert, berichtet der Maler in der Vernehmung. Sein Essen war zuerst fertig, weswegen er es sich nahm und sich mit einer Cola aus dem Kühlschrank schon einmal setzte. Kevin musste noch warten. Dann kam der erste Knall, der wie ein Böller geklungen habe. Anschließend klirrte das Fenster des Dönerladens.
„Ich hatte den Eindruck, es hätte jemand etwas gegen die Scheibe geworfen.“ Ihm wurde gleich danach jedoch klar, dass es Schüsse waren. Denn dann kam Stephan B. in den Laden. „Ich bin sofort vom Tisch aufgesprungen und habe mich hinter einem Kühlschrank versteckt.“ Auch Kevin sei von der Theke hinter die Kühlschränke gerannt.

15.34 Uhr: Freundin des Zeugen hörte Tat am Telefon mit
Im Versteck hinter den Kühlschränken bemerkte der Maler, dass Stephan B. Probleme mit seiner Waffe hatte. Er merkte auch, wie er um die Kühlschränke herum, auf sie zu lief: „Ich flehte um Hilfe, sagte, dass ich zwei Kinder habe und wir, also Kevin und ich, ihm nichts getan haben.“ Er habe den Kühlschrank gepackt, um ihn immer zwischen sich und den Angreifer zu halten.
Kurz, so gab der Maler zu Protokoll, habe er auch überlegt, ob er den Kühlschrank auf den Attentäter werfen oder ihn entwaffnen soll. In seiner Erinnerung kippte er den Kühlschrank dann auch um, um diesen Moment zur Flucht zu nutzen. In der Hand hielt er noch immer das Telefon, an dem seine Freundin war. Sie hörte alles mit.

15.40 Uhr: Maler rettete sich über Abstellraum
Der Maler konnte über einen Abstellraum aus dem Döner-Imbiss flüchten. „Ich habe mich um niemanden mehr gekümmert, ich bin einfach nur geflüchtet, ich wollte mein Leben retten“, sagte er in der Vernehmung.
Draußen traf er dann auf eine Gruppe Menschen, mit der er in ein Haus flüchtete. Dann rief er seinen Chef an, sagte, was passiert ist und dass er nicht wisse, was mit Kevin ist. Erst als er sein Versteck wieder verließ, traf er auf der Straße eine Frau, die ihm sagte, dass es Kevin nicht geschafft habe.

TW
Die Vorsitzend Richterin verliest nun die schriftliche Aussage eines weiteren Zeugen, der in Folge der Tat auf unabsehbare Zeit nicht reise- und verhandlungsfähig ist. Er war ein Arbeitskollege von Kevin Schwarze, in seiner Aussage schildert er den Ablauf im Kiez Döner, als dieser von dem Angeklagten angegriffen wurde. Der Zeuge selbst habe zu dieser Zeit mit einer Freundin telefoniert, diese sei "quasi live" während der Taten anwesend gewesen. Der Angeklagte habe auch auf ihn mit der Waffe gezielt. Er habe überlegt einen Kühlschrank auf den Attentäter zu werden oder ihm die Waffe zu entreißen. Gleichzeitig habe er furchtbare Angst gehabt. Der Zeuge selbst konnte fliehen, zunächst aus dem Kiez Döner in eine nahegelegene Wohnung.  
Der Zeuge gehört zu jenen Überlebenden des Anschlags die nicht in der Öffentlichkeit stehen, auch nicht in die Öffentlichkeit wollen und können, deren Leben sich jedoch bis heute dramatisch verändert hat, deren Alltag schwer bis kaum möglich ist. 34/

                                                                                                    


15.54 Uhr: Der nächste Zeuge wird gehört
Nach der Verlesung der Vernehmung des Malers kommt ein selbstständiger Personenbeförderer in den Zeugenstand. Er fuhr das Auto, das von Stephan B. bei dessen Flucht in Halle am Steintor leicht gestreift wurde. Der Mann berichtet, dass er an diesem Tag einen Patienten zu einer OP gefahren hatte.
Als sein Auto vom Fluchtwagen leicht berührt wurde, wollte er erst hinterher fahren. „Aber da sah ich den Wagen schon nicht mehr“, so der Personenbeförderer. Er begutachtete deswegen kurz den Schaden und fuhr seinen Patienten dann erst einmal zur OP.

TW
Als weiteren Zeugen vernahm das Gericht einen Fahrer (Krankentransport). Er und sein Fahrzeug waren von dem Angeklagten mit dessen Auto am Steintor touchiert worden. 35/ 


                                                                                                    


15.58 Uhr: Gericht vernimmt Polizisten
Letzter Zeuge des Tages ist ein Polizeibeamter, der mit einem Kollegen in die Ludwig-Wucherer-Straße gerufen wurde. Dort angekommen erblickten sie den Streifenwagen sowie den Attentäter. „Wir konnten wahrnehmen, dass die Person einen Gegenstand in der Hand hielt und frontal zu uns Stand“, so der Beamte. Dann habe er einen Knall gehört und auch eine kleine Rauchwolke gesehen. „Deswegen war für uns klar, dass der Täter auf uns schießt.“ Er sei dann ausgestiegen und habe sich hinter dem Wagen in Sicherheit gebracht. Auch sein Kollege sei ausgestiegen.

16.05 Uhr: Polizei vermutete mehrere Täter
Der Polizeibeamte sagt weiterhin aus, dass er die Sicherung nach hinten – also nicht zum Attentäter hin – übernommen habe. „Es hieß von Anfang an, dass es mehrere Täter sind, weswegen ich absicherte, dass wir nicht von hinten überrascht werden.“ Sein Kollege habe ihn dann informiert, dass der Attentäter in seinen Wagen eingestiegen und weggefahren ist. Sie folgten Stephan B., wussten jedoch nicht genau, wo er langgefahren ist. Zudem versperrte ihnen ein älterer Herr mit seinem Fahrzeug den Weg.
„Wir entschieden uns in Richtung Riebeckplatz zu fahren“, berichtet der Beamte. Dort trafen sie auf den verletzten Mann, den Stephan B. angefahren hatte. Die umstehenden Personen sagten ihnen, dass der Attentäter in Richtung Riebeckplatz geflüchtet war. Sie nahmen die Verfolgung wieder auf, konnten den Flüchtigen jedoch nicht mehr finden.

TW
Nun wird ein weiterer Polizeibeamter als Zeuge vernommen. Er war in einem zivilen Polizeifahrzeug auf der Ludwig-Wucherer-Straße im Einsatz, den sein Kollege als Zeuge an Tag 13 vor Gericht geschildert hatte. 36/
https://mobile.twitter.com/valentinhacke...8328249346

                                                                                                    


16.09 Uhr: Gericht verliest weitere Aussage
Zuletzt wird noch die Vernehmung einer Zeugin verlesen, die nicht reise- und verhandlungsfähig ist. Es handelt sich um eine Lehrerin, die Stephan B. unterrichtete. Er sei in der siebten Klasse zu ihr gekommen. Sie nahm ihn als Außenseiter wahr und erinnert sich, dass die Trennung der Eltern dem Jungen wohl zu schaffen gemacht habe. Ansonsten beschreibt sie ihn als freundlich und hilfsbereit. „Ich hatte nie Schwierigkeiten mit ihm“, sagte die Lehrerin laut Vernehmungsprotokoll. Damit endet der 14. Verhandlungstag.

TW
Im Eiltempo verliest die Vorsitzende Richterin nun noch die Aussagen einer ehemaligen Lehrerin des Angeklagten aus der polizeilichen Vernehmung. An viel konnte sie sich da offenbar nicht erinnern, beschrieb den Angeklagten als unauffällig. Sitzung endet damit. 37/ 
Antworten
#49
Ticker Prozeßtag 15 

Ticker der Mitteldeutsche Zeitung

Vom Prozess berichten für die MZ Hagen Eichler und Oliver Müller-Lorey.

https://www.mz-web.de/halle-saale/anschlag-in-halle-saale/tag-15-im-prozess-gericht-blickt-auf-schuesse-in-wiedersdorf-37383110

Als weitere Stimme aus dem Gerichtssaal verwende ich den Twitter-Kanal von Valentin Hacken (für Radio Corax in Magdeburg). (https://mobile.twitter.com/valentinhacken_)
Den jeweiligen Twitter-Block kennzeichne ich am Anfang mit TW.

                                                                                                    


9 Uhr: Darum geht es am 15. Tag der Verhandlung
Das Gericht arbeitet sich langsam durch den Ablauf des 9. Oktober 2019. An diesem Mittwoch soll es vor allem um die Geschehnisse in Wiedersdorf bei Landsberg gehen. Hierhin floh Stephan B., nachdem er in Halle zwei Menschen erschossen hatte. In Wiedersdorf wechselte er den Fluchtwagen, verletzte dabei zwei weitere Menschen schwer.

9.20 Uhr: Das Rätsel von Wiedersdorf
Am Mittwoch ist vor dem Oberlandesgericht Naumburg, das in Magdeburg tagt, der Prozess gegen den Attentäter von Halle, Stephan B., fortgesetzt worden. Am 15. Verhandlungstag wird es um die Geschehnisse in Wiedersdorf bei Landsberg (Saalekreis) gehen. Dort war der Angeklagte nach seiner Flucht aus Halle ausgestiegen, um sich ein neues Fluchtauto zu erpressen. Mit vorgehaltener Waffe forderte B. von einem Anwohner ein Auto, doch der weigerte sich, es herauszugeben. Der Mann ist als erste Zeuge geladen. Später sollen auch Mitarbeiter einer Werkstatt gehört werden, aus der B. ein Taxi erbeutete und seine Flucht fortsetzte.

9.46 Uhr: Von Stephan B. niedergeschossen - Opfer sagt aus
Als erster Zeuge sagt Jens Z. aus, der am 9. Oktober dem Angeklagten direkt gegenüberstand, als dieser ein Auto von ihm forderte. Z. fällt es hörbar schwer, über das Geschehen zu berichten. Er schildert, wie es am 9. Oktober an seinem Hoftor geklopft hat. „Da blickte ich in die Pistole. Er hat mir direkt ins Gesicht gezielt und nach dem Autoschlüssel für unser Auto gefragt.“
Doch Z. erklärte ihm damals, dass er keinen Schlüssel für das Auto habe, dann lief er weg, als der Täter am Abzug „herumgespielt“ habe. „Da habe ich schon im Nacken gemerkt, dass ich getroffen wurde.“ Auch seine Frau sei vom Angeklagten in die Hüfte geschossen worden.

9.54 Uhr: Polizei glaubte Jens Z. zunächst nicht
Der 52-Jährige schildert weiter, wie es nach der Attacke weiterging. Wie sich später herausstellte, traf die Kugel ihn im Hals und blieb im Körper stecken. „Wir haben meine Wunde am Hals abgebunden und alle Türen abgeschlossen. Dann haben wir die Polizei gerufen.“ Dort habe man ihm aber nicht geglaubt, dass er und seine Frau angeschossen worden sind. Es habe 20 bis 25 Minuten gedauert, bis ein Streifenwagen gekommen sei. Von den Ereignissen in Halle habe er erst später erfahren.
Z. ist inzwischen arbeitslos, weil sein befristeter Arbeitsvertrag nicht verlängert worden sei. „Einen kranken Menschen übernimmt man nicht“, sagt er. Psychologische Behandlungen hätten ihm bis jetzt nicht wirklich helfen können.

10.01 Uhr: Jens Z. nach Anschlag stark beeinträchtigt
Z. erzählt, wie er seit dem 9. Oktober stark eingeschränkt ist, er spricht von einem „komplett anderen Leben“, das er nun führt. Er meide Menschenmengen und könne es nicht ertragen, wenn sich ein anderer von hinten nähere. „Ich kann nachts nicht mehr schlafen.“ Außerdem habe er Kopfschmerzen und leide unter einem Taubheitsgefühl in der rechten Seite. Auch seine Frau sei eingeschränkt und komme die Treppe im Wohnhaus nicht mehr hinauf.

TW
Heute ist Tag 15 im #HalleProzess. Das Gericht vernimmt als ersten Zeugen einen Mann, von dem (und dessen Frau) der Angeklagte ein Auto verlangte. Zu diesem Zeitpunkt war er auf der Flucht, wollte in Landsberg-Wiedersdorf sein beschädigtes, bekanntes Auto gegen ein Neues tauschen. Der Zeuge berichtet, dass er nach einer Nachtschicht nachhause kam, noch etwas im Garten machen wollte und dort dann den Angeklagten sah, "...blickte in eine Pistole". Der Angeklagte habe den Autoschlüssel für das Auto vor dem Tor verlangt. 
Der Zeuge habe dem Attentäter erklärt, dass er ihm den Schlüssel nicht geben könne, da er ihn nicht habe. Der Angeklagte habe nochmals gefragt, er nochmals erklärt. Dann habe der Angeklagte an seiner Pistole gespielt, in dem Moment sei der Zeuge weggelaufen. Im Weglaufen habe er am Nacken gespürt, dass der Angeklagte ihn angeschossen hatte. 
Der Zeuge berichtet er habe seiner Frau, die im Haus war, zurufen wollen sie solle dort bleiben. Angeklagte sei ihm nachgelaufen, habe dann auch die Frau des Zeugen angeschossen. Die Frau des Zeugen sei aus der Scheune in den Garten gekommen, ohne Vorwarnung habe der Angeklagte ihr in den Rücken geschossen, schildert der Zeuge. Er glaubt sich zu erinnern, dass der Angeklagte auch die Frau nach den Autoschlüsseln gefragt habe. 
Die Polizei habe zunächst nicht geglaubt als sie anriefen, dass sie wirklich angeschossen worden seien, die Nachbarn mussten es bestätigen. Der Zeuge berichtet auch von erheblichen körperlichen und psychischen Folgen, Jobverlust in Folge von Arbeitsunfähigkeit. 6/ 

                                                                                                    


10.23 Uhr: Zweites Opfer von Wiedersdorf sagt aus
Jetzt sagt die am 9. Oktober ebenfalls angeschossene Toni M., die Partnerin von Jens Z. aus. Den Attentäter hatte sie zunächst gar nicht bemerkt. Ihr Mann habe Holz mit der Kettensäge spalten wollen. „Auf einmal habe ich ein komisches Geräusch gehört und dachte, die Kettensäge ist explodiert. Da bin ich runtergelaufen und habe meinen Mann blutüberströmt gesehen.“ Sie habe hinlaufen wollen, sei dann aber plötzlich hingefallen – wohl wegen des Schusses auf ihre Hüfte. „Als ich auf dem Boden lag, habe ich ihm direkt ins Gesicht gesehen.“

10.30 Uhr: Zeugin: Er hat rumgejammert wie ein Weichei!
Die Zeugin erinnert sich noch, wie der Attentäter auch sie nach einem Autoschlüssel gefragt hat. „Er hat herumgejammert, wie ein Weichei, wie ein Muttersöhnchen. Er sagte, er braucht den Schlüssel weil er am Hals verletzt ist.“ Auch diese Zeugin übt harsche Kritik an die Arbeit der Polizei. Sie habe in der Leitstelle 20 Mal ihren Namen sagen müssen. Ein Polizeihubschrauber sei zwar über den Hof geflogen, aber habe ich dann entfernet. In der Leitstelle habe man ihr nicht helfen können. „Irgendwann kam Gott sei Dank unser Nachbar, dem habe ich mein Handy gegeben mit den Worten , sag du denen, was passiert ist, die glauben mir nicht‘“. Erst um kurz vor 2 Uhr sei ein einzelner Polizist in die Garage gekommen. „Der hat ,ach du Scheiße‘ gesagt und über Funk Bescheid gegeben und den Heli wieder bestellt.“

10.38 Uhr: Opfer aus Wiedersdorf kritsieren Polizeieinsatz
Auch nach dem Eintreffen der Polizeiverstärkung sei nicht alles rund gelaufen, sagt die Zeugin. Schon als sie in einem Krankentransporter lag, nicht in einem Rettungswagen, habe ein Polizist die Tür aufgerissen und nach dem Autoschlüssel gefragt – eine Parallele zum Attentäter. „Ich habe gefragt, wozu er den braucht, er meinte nur, dass mich das nichts angeht.“
Auch bei Toni M. zeigt sich, was die Taten von Stephan B. angerichtet haben. Die Zeugin meidet Menschenansammlungen, traut sich kaum mehr aus dem Haus. Sie habe ihre im August geborene Enkelin bis heute nicht gesehen, weil sie die Strecke dorthin nicht fahren könne. Zur Hochzeit der Tochter habe sie auch nicht fahren können. „Man kann keinen Bus mehr fahren, man möchte am liebsten gar nicht mehr rausgehen, obwohl es zu Hause ja auch nicht schön ist, weil man daran erinnert wird, wo es passiert ist.“
M. telefonierte nach eigener Aussage sämtliche Psychologen in der Region ab, bekam aber überall zu hören, dass man nicht zuständig sei. Erst spät bekam sie psychologische Hilfe.

10.44 Uhr: Wurden Verletzte vergessen?
M. erfuhr nach dem Anschlag Hilfe vom Weißen Ring und einem Mitglied der jüdischen Gemeinde, das ihr anonym einen Hotelgutschein schenkte. „Das tut gut, zu wissen, dass doch jemand an uns denkt. Denn die Verletzten sind irgendwie hinten runtergefallen.“ Auf Nachfrage von Richterin Mertens nennt die Zeugin ein Beispiel. Sie und ihr Mann habe eine Einladung für die Gedenkfeier am 9. Oktober erhalten, auf der von zwei Tatorten die Rede gewesen sei. „Aber es gab drei Tatorte. Wir haben dann eine korrigierte Fassung der Einladung bekommen.“

10.52 Uhr: Zeugin will vom Angeklagten nichts hören
Jetzt ist die Verhandlung für 15 Minuten unterbrochen. Der Verteidiger von Stephan B. kündigt vorher noch an, dass sein Mandant etwas sagen will. Doch die Zeugin, die eben noch ausgesagt hat, will vom Angeklagten nichts hören. „Wenn das jetzt nur eine Entschuldigung wird, will meine Mandantin das nicht hören“, sagt ihr Anwalt.

11.16 Uhr: Kein Versuch einer Entschuldigung
B. will sich nicht entschuldigen, sondern – wieder einmal - sein Handeln technisch erklären. Die Zeugin hatte erklärt, dass sie gesehen hatte, wie B. mit seiner Waffe „herumgefuchtelt“ und etwas auf den Boden geworfen habe. Dieses „Herumfuchteln“, sagt B. sei das Nachladen der Waffe gewesen. Auf den Boden seien „natürlich“ Patronenhülsen gefallen.
B. sagt auch, er habe das Ehepaar aus Wiedersdorf nicht erschießen wollen, er wollte nur das Auto haben. Als er das nicht bekommen habe, habe er gefordert, wenigstens ins Gebäude gelassen zu werden. Da Jens Z. den Attentäter aber nicht einließ, drückte der ab. Auf dessen Frau schoss er nach eigener Aussage, weil sie hineinging um die Polizei zu rufen. „Dann wäre ich erledigt gewesen“, so B. Er habe außerdem mal gelesen, dass man, wenn man mit der Waffe auf jemanden zielt, und nicht ernstgenommen wird, schnell entwaffnet werden kann.

11.19 Uhr: Fragen an den Angeklagten
Jetzt werden Fragen an den Angeklagten gestellt. Die Nebenklagevertreter wollen wissen, warum B. von hinten auf die beiden Personen in Wiedersdorf schoss, wenn er sie nicht töten wollte. Er habe nicht gezielt, sondern einfach geschossen, so B. Dass seine Stimme weinerlich gewesen sei, wie die Zeugin es sagte, „kann eventuell zutreffen“.


TW
Nun vernimmt das Gericht die zweite Zeugin, eben wurde ihr Mann vernommen. Auch sie schildert, wie der Angeklagte in Landsberg-Wiedersdorf auf sie geschossen hatte. Er habe den Autoschlüssel für das Auto vor dem Haus haben wollen, aber sie habe diesen Schlüssel in der Situation nicht bei sich getragen, "Ich laufe nicht den ganzen Tag mit dem Autoschlüssel rum". 
Die Zeugin beschreibt der Angeklagte habe gesagt, er sei verletzt, brauche ein Auto. Er habe "rumgejammert, wie so ein Muttersöhnchen, wie so ein Weichei".
Die Zeugin kann das Gespräch mit der Polizei (110) genauer beschreiben. Gefühlt 20 Mal habe sie ihren Namen nennen müssen, habe gesagt, dass ihr Mann verblute. Die Polizei habe sie – die auch angeschossen wurde – aufgefordert rauszugehen und zu schauen, wo der sich der Schütze aufhalte. Dann sei ein Polizeihubschrauber gekommen, sie seien aufgefordert worden rauszugehen, zu winken, dann sei der Hubschrauber erstmal wieder weggeflogen. Dem habe sie gesagt die Polizei glaube ihr nicht, er solle ihr sagen "was Sache ist" 
"Dann kam ein Polizist, einer", sagt die Zeugin. "Ach du Scheisse", habe er gesagt, als er die Verletzungen ihres Mannes gesehen habe, erst später habe er erkannt, dass auch sie verletzt war. Sie habe nur einen Krankentransport erhalten, keinen Krankenwagen. Ihr verletzter Mann sei mit einen Hubschrauber transportiert worden, schilderte die Zeugin. Sie berichtet, dass sie mehrere Tage im Krankenhaus behandelt wurde. 
Erst im Juni 2020 habe sie psychologische Hilfe bekommen, bis dahin habe sich niemand für zuständig erklärt, die Zeugin und ihr Mann hätten große Schwierigkeiten Hilfe zu erhalten und bis heute mit körperlichen, psychologischen Folgen zu tun, ihr Leben habe sich tiefgreifend verändert, trauten sich kaum aus dem Haus, hätten nichtmal ihr Enkelkind sehen können. 
Die Zeugin erklärt sie habe eine Einladung für die Gedenkfeier am 9.10.2020 erhalten, dort sei nur von zwei Tatorten die Rede gewesen. Ihr Anwalt habe angerufen und darauf hingewiesen, es gebe mehr als zwei Tatorte. Die Verletzten seien vergessen worden. Die Zeugin berichtet von Unterstützung durch den Weissen Ring. Zudem habe sie einen Gutschein für einen Besuch im Hotel Adlon von einer Person aus der Synagoge erhalten, die anonym bleiben wolle. Dort habe jemand gemerkt, dass es sie auch gebe, so die Zeugin 15/ 

                                                                                                    


11.27 Uhr: Gericht befragt nächsten Zeugen
Der dritte Zeuge wird nun befragt. Es handelt sich um den Automechaniker Kai H. Er wechselte an einem Taxi einen Reifen, als er einen Knall hörte und vermutete, dass jemand von einer Leiter gefallen ist. Doch dann stand B. vor seinem Werkstatttor. „Ich dachte erst, das ist jemand, der Hilfe braucht. Ich habe ein Stahlrohr in seiner Hand gesehen und wusste, das ist eine Waffe. Ich dachte, das ist ein Jungjäger, der sich beim Waffeputzen verletzt hat.“ Doch als B. anfing zu sprechen, sei ihm der Ernst der Lage klar geworden. „Er sagte, er ist ein gesuchter Schwerverbrecher aus Halle, der gerade zwei Leute erschossen hat, als er auf das Nachbargrundstück zeigte.“

11.33 Uhr: Automechaniker berichtet über Stephan B.
Neben Kai H. war auch der Besitzer des Taxis in der Werkstatt. Zu ihm soll B. gesagt haben: „Gib mir den Schlüssel, ich habe zwei Menschen erschossen, das will ich mit euch nicht auch machen.“
„Ich wusste, dass die Situation ernst ist, weil ich den Knall gehört habe“, so H. Der Taxibesitzer habe den Schlüssel daraufhin abgegeben. B. habe zwei 50-Euro-Scheine aus der Hosentasche gezogen, habe sie auf die Straße geworfen und sei dann mit durchdrehenden Reifen davongefahren. Der Taxibesitzer sei mit einem zweiten Taxi hinterhergefahren, weil er das Fluchtauto orten konnte, während sich H. um seine verletzten Nachbarn kümmerte.

11.42 Uhr: Verhinderte der Zufall ein weiteres Todesopfer?
Möglicherweise hat es nur dank eines Zufalls kein weiteres Todesopfer gegeben. Wie Kai H. sagt, habe er einen dunkelhäutigen Lehrling. „Der war an diesem Tag aber nicht da. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn er da gewesen wäre.“ H. eilte, nachdem der Attentäter geflüchtet war, mit einem Verbandskasten zu seinen schwer verletzten Nachbarn und kümmert sich bis zum Eintreffen des Arztes und der Polizei um sie.
Später seien mehrere Hundertschaften der Polizei auf seinen Werkstatthof gekommen. Erst um halb 10 Uhr abends sei der Trubel vorbei gewesen. In der Zwischenzeit hatte H. unzählige Anrufe auf seinem Handy von Journalisten und Personen, die wissen wollten, was passiert ist.“ Aber ich wollte keine Fake News verbreiten“ Selbst als die New York Times angerufen habe, habe er nicht mit den Journalisten sprechen wollen.

TW
Das Gericht vernimmt nun als weiteren Zeugen einen KfZ-Meister, dessen Werkstatt in Landsberg-Wiedersdorf liegt. Er berichtet wie er Reifen bei zwei Taxen gewechselt habe, wie ein Kollege rein kam und rief, dass da jemand sei. Dann habe er den Angeklagten vor der Werkstatt gesehen, mit einer Wunde am Hals die er mit einem Tuch abgedrückt habe. Der Zeuge habe erst gedacht da sei eine Person die Hilfe brauche, als er die Waffe sah habe er gedacht, der Angeklagte habe sich vielleicht beim Reinigen der Waffe selbst verletzt. Doch dann habe der Angeklagte ihm gesagt, dass er ein gesuchter "Schwerverbrecher" sei und gerade "vorne" zwei Menschen erschossen habe, wobei er auf das Nachbargrundstück gezeigt habe und ein Auto verlangte. 
Dem Angeklagten sei der Schlüssel zu einem der Taxis von einem der anwesenden Taxifahrer (die für einen Reifenwechsel da waren) gegeben worden. Der Angeklagte habe zwei Mal 50 Euro hingeworfen und gebeten, man solle ihm 10 Minuten Zeit geben, bevor man die Polizei rufe. Dann sei er losgefahren.
Der Zeuge schildert, wie er sich danach um die verletzten Nachbar_innen gekümmert habe, dem Hubschrauber eine Fläche zum Landen signalisiert und den Notarzt auf das Grundstück geführt habe. Auch dieser Zeuge berichtet von massiven Presseanfragen. 20/ 

                                                                                                    


11.52 Uhr: Taxibesitzer im Zeugenstand
Jetzt bekommt der Taxibesitzer, der damals bei dem Autoraub in Wiedersdorf in der Werkstatt dabei war, das Wort. Der 41-jährige Unternehmer wollte zusammen mit seinem Bruder seine Reifen in H.s Werkstatt wechseln lassen, als die Männer zwei Knallgeräusche hörten und dem Attentäter gegenüberstanden. Der forderte: „Ich bin ein gesuchter Schwerverbrecher. Ich brauche ein Taxi.“ Doch der Taxibesitzer verstand nicht direkt, was B. meint. „Guck uns doch mal an, von uns kann dich keiner fahren“, sagte er. B. habe dann gesagt, dass es ihm nur um das Fahrzeug gehe. Die Flucht schildert er so wie der Werkstattbesitzer.

12.00 Uhr: Taxibesitzer schildert Verfolgung von Stephan B.
Was der Taxibesitzer jetzt schildert, ist ein echter Krimi. Nach dem Raub verfolgte er in einem zweiten Wagen B.s Fluchtauto, das man orten kann. Dabei kamen die beiden an einem Politzeikontrollpunkt vorbei, der B. einfach passieren lässt. „Ich habe angehalten und dem Polizisten gesagt, dass der da vorne mein Auto geklaut hat. Der Polizist meinte: ,Wir können hier nicht weg, wir sind ein Kontrollposten für Halle‘“.
Offenbar ahnte der Polizist nicht, dass der Straftäter, nachdem im ganzen Land gesucht wird, gerade an ihnen vorbeigekommen war. Doch der Taxiunternehmer ließ nicht locker, wollte sein Auto unbedingt wieder haben. „Also habe ich bei bei einem Mercedes-Vertragshändler angerufen und die gebeten, das Auto zu orten.“ Der Mitarbeiter habe erst gesagt, das der Unternehmer dafür eine Datenschutzerklärung unterschrieben müsse. Als der Zeuge das erzählt, geht Kopfschütteln durch den Gerichtssaal.

12.06 Uhr: Taxibesitzer kritisiert Polizeiarbeit am 9. Oktober
Der Krimi geht weiter, und wieder wird Kritik an die Polizeiarbeit laut. Tatsächlich schaffte es der Taxiunternehmer, nach sieben bis acht Minuten mit Hilfe des Mercedeshändlers seinen gestohlenen Wagen auf der B 91 zu orten. Er schildert, wie er mit diesem Erfolg zum Polizisten ging, von diesem aber sehr schroff behandelt wurde.
„Er hat mich angeschnauzt, dass das Orten seine Aufgabe sei. Als er dann mit dem Mercedesmitarbeiter sprechen wollte und ich sagte, dass ich schon aufgelegt habe, habe ich mir den nächsten Anschauzer abgeholt.“ Auf Nachfrage eines Nebenklägeranwalts, ob sich die Polizei für ihr Verhalten bis heute entschuldigt habe, verneint der Unternehmer. „Das habe ich mir gedacht“, so der Anwalt.

TW
Das Gericht vernimmt als weiteren Zeugen den Taxiunternehmer, von dem der Angeklagte den Autoschlüssel erpresst hatte. Er berichtet den Ablauf wie der Zeuge zuvor, ergänzend der Hinweis, der Angeklagte habe versucht ihm direkt 50 Euro zu geben, der Zeuge habe gesagt "verschwinde" und das Geld nicht angenommen. 
Von seinem Bruder habe sich der Zeuge den Schlüssel für ein weiteres Taxi geben lassen um dem Angeklagten nachzufahren. Er habe das Taxi zwar orten können, sei aber davon ausgegangen, dass der Angeklagte die entsprechende Technik irgendwann aus dem Fenster werfen würde. 
In Wiedemar seien sie an einer Polizeistreife vorbei gekommen, dort habe der Zeuge angehalten und die Polizei aufgefordert, den Angeklagten zu verfolgen. Die Beamten hätten ihm gesagt das ginge nicht, sie seien ein Kontrollposten für Halle. Die Beamten hätten nichts von den Ereignissen in Landsberg-Wiedersdorf gewusst, der Zeuge nichts von Halle. Die Beamten hätten dann per Funk informiert, Kräfte angefordert. 
Dem Zeuge sei eingefallen, dass Mercedes das Fahrzeug orten könne, er habe dann dort angerufen, den Datenschutzbedenken der Mitarbeiter die Situation entgegengehalten und per Rückruf einen Standort mitgeteilt bekommen, den er der Polizei genannt habe. Daraufhin sei er von einem Beamten angeschrieen worden woher er das denn wisse, es sie die Aufgabe der Polizei solche Ortungen durchzuführen. Nach weiteren Telefonaten und Angaben zum Standort sei der Angeklagte wenig später gefasst worden. 
Eine Entschuldigung der Polizei für das Verhalten der Beamten habe er bis heute nicht erhalten. 
Auf Nachfrage berichtet der Zeuge, der Opferbeauftragte der Bundesregierung @FrankeEdgar habe ihm schriftlich angeboten, sich mit dem Zeugen in Berlin oder Halle zu treffen, der Zeuge habe um ein Treffen in Halle gebeten. Bis heute habe ihn der Opferbeauftragte der Bundesregierung nicht getroffen. 
Auf Nachfrage erinnert sich der Zeuge auch, der Angeklagte habe ihm wörtlich gesagt "Ich habe da drüben schon zwei Leute erschossen, das will mit euch nicht machen." 28/

                                                                                                    


12.33 Uhr: Nächster Zeuge berichtet über Vorfälle in Wiedersdorf
Nach einer weiteren Unterbrechung von 15 Minuten geht es jetzt mit dem letzten Zeugen vor der Mittagspause weiter. Es ist ein Taxifahrer und der Bruder des davor gehörten Zeugen. Er schildert, wie er am 9. Oktober in Wiedersdorf vom Attentäter nach einem Taxi gefragt wurde. „Ich wollte ihm erst den Schlüssel nicht geben, weil ich die Situation nicht so ernst genommen habe“, sagt er. Erst sein Bruder übergab den Schlüssel an den Attentäter. „Das alles war wie ein Tunnel für mich.“ Erinnern kann er sich noch an einen Streifenwagen, der schnell gekommen sei und dann wieder in Richtung Fluchtroute von B. weggefahren sei.

12.40 Uhr: Detailfragen an den Zeugen
Im Prozess geht es auch immer wieder um Detailfragen, die einem Laien profan vorkommen, für die Juristen aber von Bedeutung sind. So geht es etwa darum, wohin B. mit seiner Waffe zielte und was er genau sagte. Mehrere Zeugen sagten, B. habe beim Taxiraub gewarnt, dass er schon zwei Menschen erschossen habe. Es gibt Nachfragen, ob der Wortlaut so richtig ist und ob B. damit die Opfer vor der Synagoge und im Döner meinte oder das angeschossene Ehepaar in Wiedersdorf. Die Zeugen sind sich einig: B. habe auf das Grundstück gezeigt, auf dem das Paar verletzt wurde und gesagt, dass er dort zwei Menschen er- nicht angeschossen habe.
Die Verhandlung wird bis 14 Uhr unterbrochen. Dann ist noch die Anhörung eines Polizisten geplant.

TW
Das Gericht hat als weiteren Zeugen den Bruder des Taxiunternehmers vernommen, auch er ist selbst Taxiunternehmer. Er schildert den Ablauf an der KfZ-Werkstatt wie die beiden Zeugen zuvor. Erst spät habe er von seinem Bruder gehört, dass es ihm gut ging. Sein Bruder hatte den Angeklagten verfolgt, konnte aber erst spät anrufen, auch da der Akku des Telefons leer war. Die Verhandlung geht nach einer Mittagspause um 14 Uhr weiter. 30/

                                                                                                    


14.10 Uhr: Berliner LKA-Beamter im Zeugenstand
Nach der Mittagspause beginnt die Vernehmung des Zeugen N. Er ist Polizist beim LKA Berlin und hat eine 3-D-Rekonstruktion der Taten in Wiedersdorf angelegt. Am Tattag waren er und seine Kollegen für die Unterstützung der Spurensicherung erst nach Halle gerufen worden. Noch auf der Anfahrt wurde das Team aber nach Wiedersdorf umgeleitet, weil sich dort eine Schießerei ereignet haben sollte, was sich später als richtig herausstellte.
Der Polizist schildert dem Gericht, welche Aufnahmen er gemacht hat. Mit einem Programm ist ein digitaler Tatortrundgang möglich. So sehen die Prozessteilnehmer das Umfeld des Hofes, auf dem das Ehepaar verletzt wurde. Auch das Auto, das der Attentäter vergeblich zu rauben versuchte, ist zu sehen. Es handelt sich um einen grünen Kleinwagen, vermutlich ein alter VW Polo. Sogar Patronenhülsen, die die Polizisten fanden, sind auf dem Bild zu sehen.

14.16 Uhr: Tatortrekonstruktion zeigt zahlreiche Blutspuren
Jetzt wird ein 360-Grad-Bild aus der Garage des Hofes gezeigt, auf dem das Paar angeschossen wurde. Dort sind zwei Blutflecken zu sehen. Auch auf anderen Bildern, die den Außenbereich des Hofes zeigen, sind Blutspuren zu sehen. „Es handelt sich um Tropfspuren, die sich bis zum Garten hinziehen“, so der Beamte. Mittels der Blutspur können die Polizisten die Wege der verletzten Opfer rekonstruieren. Allerdings setzte vor der Spurensicherung ein heftiger Platzregen ein, der viel Blut weggewaschen habe, so der Polizist. Grund war, dass die Sicherheit auf dem Gelände noch nicht hergestellt war.

14.20 Uhr: Blutspur an Klinke und Gummistiefeln
Die Bilder zeigen immer wieder die Blutspur, die sich von der Garage bis zur Haustür zieht. Auch auf der Türklinke und Gummistiefeln neben der Haustür klebte Blut.

14.28 Uhr: Polizist spricht über Tatfahrzeug
Nun geht es um das Tatfahrzeug, ein Mietwagen, mit dem der Attentäter aus Halle nach Wiedersdorf floh. Der Polizist schildert, wie er und seine Kollegen zunächst nicht näher an das Auto herantreten durften, weil sich explosive Stoffe darin befanden. Im Kofferraum fanden die Ermittler mehrere Eimer, Kanister und Dosen mit Chemikalien, darunter Schwefelsäure, Calziumkarbid und Ammoniumnitrat. Im Fond des Wagens sind ein Eimer mit Sprengkörpern sowie ein Patronengurt und ein Schwert zu sehen. Auch Klebeband, etwas zu Essen und Verbandszeug hatte B. dabei. Die Richterin zeigt Bilder, der Angeklagte erklärt, was darauf zu sehen ist.

14.32 Uhr: Attentäter ließ Ausrüstung im Mietwagen zurück
B. hat so viele Dinge im Auto zurückgelassen, weil ihm die Zeit zum Umladen in sein neues Fluchtauto fehlte, wie er aussagt. Dass er nach Wiedersdorf gefahren ist, sei reiner Zufall gewesen, sagt er. „Ich bin einfach nur geradeaus gefahren. Als mir vor Wiedersdorf auch noch mein zweiter Reifen geplatzt ist, konnte ich nur noch mit Schrittgeschwindigkeit in den Ort fahren, mit 20, 30 Kilometern pro Stunde.“

14.42 Uhr: Richterin schließt die Verhandlung
Es werden weitere Bilder vom beschädigten Mietauto gezeigt. Die Reifen auf der linken Seite sind platt, außerdem gibt es Einschusslöcher in der Fahrertür und Beifahrertür. Zwischen dem Fahrersitz und der Mittelkonsole fanden die Ermittler mehrere Patronen. Sie suchten sehr akribisch, dokumentierten jeden Metallsplitter, auch hinter Verkleidungen des Fahrzeugs.
Die Sitzung ist für heute beendet. Am 16. Verhandlungstag sollen die Polizisten gehört werden, die bei der Verhaftung von B. dabei waren.

TW
Die Verhandlung wird mit der Vernehmung eines Kriminalhauptkommissars des Landeskriminalamts Berlin fortgesetzt, er/seine Behörde unterstützte die Tatortarbeit in Halle & Landsberg-Wiedersdorf. 
Dazu mal kurz zwei Zahlen aus dem Zuschauerbereich, es gibt sowohl für Presse als auch für Zuschauer_innen 44 Plätze. In den letzten Tagen waren die Plätze für Zuschauer_innen häufig nahezu komplett belegt, auch gerade 40 von 44 Plätzen. Presse inzwischen nur noch 9 von 44 Plätzen belegt. 
Der Beamte wurde zu Details der Tatortarbeit in Landsberg-Wiedersdorf vernommen. Inzwischen nimmt das Gericht Lichtbildmappen (Fotos) in Augenschein, gerade aus dem Auto des Angeklagten. Sie zeigen auch, wie viel Waffen & Munition er noch im Auto hatte. Kurz vor Ende des Prozesses weißt Rechtsanwalt Weber, der den Angeklagten verteidigt, noch darauf hin, dass bisher die Schuldfähigkeit seines Mandanten nicht geklärt sei. Es hat auch noch niemand Grund gesehen, sie in Frage zu stellen – außer Weber, offenbar. 
Hier ging was im Thread durcheinander, der hier sollte davor. Nun ist jedenfalls die Sitzung für heute beendet, der nächste Prozesstag ist erst kommenden Mittwoch, da u.a. die Beamten die den Angeklagten verhafteten. /35 
Antworten
#50
24.08.2020 Struktureller Rassismus: Wie die Verwendung rassistischer Schimpfwörter durch das Gericht die rassistische Ideologie aufrechterhält

Mit Beginn des Prozesses gegen den Halle-Attentäter wird nicht nur seine Ideologie der ‘White Supremacy’ zerlegt, sondern auch die gesamte deutsche Gesellschaft sowie der systematische Rassismus im Gerichtssaal. 
Die Antworten des Angeklagten werden umschrieben, um zu vermeiden, dass der Rassismus, den dieser Artikel in Frage stellen will, besteht.

Dienstag, 21. Juli 2020  markiert den ersten Tag des Prozesses gegen den grauenhaften Angriff in Halle, der sich gegen Angehörige von Minderheiten richtete, wie auch viele Menschen gebrandmarkt hat und zwei unschuldigen Menschen das Leben kostete. Das Verfahren beginnt. Der Generalstaatsanwalt liest die Anklage vor, der Angeklagte macht von seinem Recht Gebrauch, eine Erklärung abzugeben. Ein Hin und Her zwischen der Richterin und dem Angeklagten wird in Gang gesetzt – was an diesem Punkt dem freien Sprechen des Angeklagten vorzuziehen ist. Die Befragung durch die Richterin liefert einen Rahmen, der es dem Angeklagten vermutlich nicht erlauben würde, seine Hassideologie vor einem breiteren Publikum zu präsentieren – sowohl gegenüber denen, die physisch im Gerichtssaal anwesend sind, wie auch vor einem Online Publikum.
Richterin M. setzt dem Angeklagten frühzeitig Grenzen, als er abwertende Begriffe verwendete, während er die Jahre vor dem Angriff und seine Entwicklung beschrieb:

Der Angeklagte erklärt, wie er beschlossen hat, nichts für die Gesellschaft zu tun, zu der er gehört, und zeigt seinen Hass gegenüber Minderheiten und verwendet dabei Schimpfwörter.

Richterin M.: „Ich möchte an der Stelle folgendes sagen, ich möchte im Saal keine Beschimpfungen von Menschen und bestimmten Bevölkerungsgruppen hören. 
Und wenn Sie Beschimpfungen machen wollen, das haben Ihre Rechtsanwälte Ihnen sicher erklärt, habe ich die Möglichkeit Sie auszuschließen. Ich will das nicht, aber ich werde das tun.“
Würde man es dabei belassen, könnte man sagen, dass es Richterin Mertens anscheinend gelungen ist mit der Situation umzugehen. Wäre es nur möglich. Aber der Diskurs zwischen der Richterin und dem Angeklagten ging weiter. Und langsam aber sicher gerieten genau die Menschen, die ihrem Beruf gemäß die Gerechtigkeit und Moralität verteidigen sollten, bestenfalls in ein wackelnden Verständnis dieser Mission, wenn nicht sogar in die Rechtfertigung für rassistischen Gedanken.

Der Angeklagte argumentiert, sein Begriff sei dem Thema angemessen.

Richterin M.: „Es  geht nicht darum ein bestimmtes Wort zu verwenden, sondern, ob Wörter in einem beleidigenden  Kontext verwendet werden
Und das ist etwas in einem menschenverachtend Kontext. Diese menschenverachtenden Äußerungen möchte ich die hier nicht hören. Wenn Sie die hier tätigen wollen, dann müssen wir überlegen, ob wir sie von der Verhandlung ausschließen. “

Es geht nicht darum, ein bestimmtes Wort zu verwenden. Während der Begriff, den der Angeklagte für PoCs (people of color) verwendete, im herausragenden deutschen Wörterbuch Duden als „hochdiskriminierender Begriff“ (duden.de) angesehen wird, scheint sich das deutsche Rechtssystem zu widersetzen. Im Laufe der Jahre haben sie Agitator*innen immer wieder entkommen lassen: Ende 2018 verwendete der Chef der AfD-Fraktion im Landtag Mecklenburg-Vorpommern genau denselben Begriff im Landesparlament. Der Agitator versuchte seine Wortwahl zu rechtfertigen und sagte:

„Dann komme ich mal zu einer ganz grundsätzlichen Sache. Das Wort ___ habe ich bewusst gewählt, weil ich mir eben nicht vorschreiben lasse, was hier Schimpfwort sei oder was nicht.”

Nach einer Aufforderung zur Ordnung wurde der Fall dem Verfassungsgericht Mecklenburg-Vorpommern übergeben. Das Gericht entschied, dass die bloße Verwendung des Wortes generell nicht als Verstoß gegen die Würde des Landtages bestraft werden solle. Ob es abwertend gemeint ist, konnte “nur anhand des Kontextes beurteilt werden”. Laut dem Urteil sei dies nicht der Fall, wenn es ironisch oder beim Zitieren verwendet wird oder wenn “das Wort und seine Verwendbarkeit” diskutiert wird. Schließlich entschied das Verfassungsgericht Mecklenburg-Vorpommern, dass dies auch im Fall des AfD-Abgeordneten gelte, der eine parlamentarische Diskussion über materielle Unterstützung für Asylbewerber*innen durch Einwerfen des Schimpfwortes unterbrach.

Ausschluss des Angeklagten. Während Richterin M. tatsächlich gedroht hat, den Angeklagten von der Verhandlung auszuschließen, griff sie nie wieder ein, als er weitere abwertende Begriffe verwendete. Obwohl der Angeklagte, ohne Zweifel, eine bestimmte Terminologie verwendet hat, um sein Boshaftigkeit und seinen Hass gegenüber bestimmten Gruppen von Menschen auszudrücken:

Richterin M.: Sie sagen, sie sind mal dumm angemacht worden?

Der Angeklagte erinnert sich an den Tag vor dem Verbrechen und verwendet erneut einen rassistischen Begriff.

Die Wortwahl des Angeklagten ist von der Richterin nicht unbemerkt geblieben, sie paraphrasiert die Antwort des Angeklagten. Sie verurteilt ihn jedoch nicht wegen seiner Wortwahl. Weder hier noch in folgenden Fällen:

Anwalt P.: Sie könnten Ausländer oder andere Wörter sagen

Der Angeklagte räumt ein, dass nicht alle Menschen aus anderen Ländern als [Schimpfwort] anzusehen sind.

Das oben erwähnte Mecklenburg-Vorpommern-Urteil sowie der Verlauf der Befragung in dem laufenden Prozess sind nur zwei von unzähligen Beispielen, die die Unsensibilität und den zugrunde liegenden Rassismus des deutschen Rechtssystems offenbaren.

Rechts- und wahrheitsgemäße Darstellung. Während die von den Rechtsstrukturen genutzte Argumentation lautet, dass die Beweise und Zeugnisse möglichst rechtmäßig und wahrheitsgemäß vorgelegt werden müssen, um einen Fall anzuhören, gehen sie mit der Sprache des Angeklagten mit. Sie arbeiten seine Sprache ein, anstatt sich bewusst zu distanzieren.
Immerhin geht es in diesem Prozess genau darum. Den Hass, der zur Tötung von zwei unschuldigen Menschen führte, zu der Verletzung und dem Mordversuch an 68 Personen, von denen die meisten Teil von Minderheiten waren, zu offenbaren. 
Bloßlegen, was schief gelaufen ist und was diese Grausamkeit zugelassen hat. Aus diesem Grund hat das Gericht Polizeibeamte und Sachverständige, Grundschullehrer*innen des Angeklagten, einen ehemaligen Bundeswehr-Mitbewohner, Verwandten und Bekannten beiseite gerufen. Das Offenbaren dessen, was zu diesem Schrecken geführt hat, fordert das Gericht auf, sich bewusst um die Wahrung seiner Integrität zu bemühen. Und es fordert die Anwält*innen der Nebenkläger*innen auf, die Überzeugungen des Angeklagten nicht zu begehen.
Wenn man den Diskurs zwischen einigen Anwält*innen der Nebenkläger*innenm sowie zwischen Richterin M. und dem Angeklagten anhört, fragt man sich, ob sie zu eifrig waren (und immer noch sind), in die Gedanken des Angeklagten einzutauchen, oder sogar ob die gewählte Fragestellung einen Einblick in die persönlichen Überzeugungen der Anwält*innen und der Richterin bietet:

Rechtsanwalt H.: Sie haben gestern gesagt,es sei einer der größten Fehler, dass alle Menschen gleich sind.
[…]

Rechtsanwalt H.: Wer ist das, die weiße Rasse?
[…]

Rechtsanwalt H.: Bin ich ein weißer Mann, bin ich ein Jude? Ich habe wahrscheinlich die deutscheste Ahnenreihe in diesem Gerichtssaal.

Rechtsanwalt H.: Sie haben versagt, weil sie Weisse erschossen haben, haben sie nicht  auch ihre Heimat beschädigt?
[…]

Richterin M.: Finden Sie wirklich, dass Sie deutsch aussehen, dass Sie weiß aussehen? 

Der Angeklagte bejaht

Richterin M.: Da gibt es ja eine Wissenschaft dazu, ich würde das bezweifeln. 
Wie kann ein Anwalt, der einen Betroffen eines Hassverbrechens vertritt, welches sich gegen Minderheiten richtete, sich der rassistischen Sprache von (Neo-)Nazis bedienen? Wie kann er äußern, dass der Angeklagte versagt hat, indem er weiße Menschen erschossen hat? Ist das Leben von PoCs, Migrant*innen, Muslim*innen und Jud*innen in seinen Augen etwa weniger wert?
Und wie kann eine vorsitzende Richterin den Angeklagten fragen: „Glauben Sie wirklich, Sie sehen deutsch aus?“ Und auf „die Wissenschaft davon“ verweisen? Ist ihr, Richterin M., bewusst, dass sie sich auf die Rassenkunde bezieht?

Soziale Dynamiken, die die Meinung der Menschen beeinflusst. Der Sozialpsychologe Solomon Asch führte 1951 eines der bekanntesten psychologischen Experimente durch, um festzustellen, inwieweit soziale Kräfte die Meinung der Menschen beeinflussen können. Asch war auch daran interessiert, ob die Größe der Mehrheit und nicht die Einstimmigkeit die eigenen Überzeugungen eher beeinflussen würde. Die Studienergebnisse legen nahe, dass der Konformitätsbedarf umso größer ist, je größer die Gruppe ist. Darüber hinaus wird laut dem Asch-Experiment die Notwendigkeit der Anpassung auch von dem Gefühl getrieben, dass die anderen Anwesenden vermutlich kenntnisreicher oder besser informiert sind.
Ist dies das zugrunde liegende Prinzip, das es der Befragung des Angeklagten ermöglicht hat, so außer Kontrolle zu geraten?

Rechtsanwalt S.: Wir haben ja heute einen Exkurs gemacht durch Ethnien und verschiedene Hautfarben, eine haben wir vergessen, […]Gelb haben sie vergessen, Sie sprachen über Japaner. 

Aufgrund seiner Antwort ist klar, dass der Angeklagte in der getätigten Äußerung keine Frage erkennen kann.
[…]

Bemerkung der Nebenkläger*in H.: Könnte das Gericht darauf achten, dass jegliche Begrifflichkeiten und Beleidigungen (listet die bisher verwendete abwertende Begriffe auf) unterbunden werden können? Weder vom Angeklagten noch von den Anwält*innen?

Richterin M.: Sie können sicher sein, dass kein Organ der Rechtspflege diesen Sprachgebrauch pflegt, aber wir müssen hier Sachaufklärung betreiben und ich bemühe mich, dies nicht zuzulassen
Die Antwort von Richterin M. auf die Bemerkung der Nebenkläger*in zeigt, dass Sie nicht über ihre eigenen Aussagen sowie das, was in ihrem Gerichtssaal geschieht, reflektiert. Hat sie etwa all die von dem Angeklagten Schimpfwörter verpasst? Genauso wie die Terminologie, welche von einigen Vertreter*innen der Nebenkläger*innen genutzt wird? Oder hat sie es absichtlich ignoriert oder – noch schlimmer – es als harmlos abgestempelt? 
Die derzeitige Entwicklung ist erschreckend, da sie die Verwendung von der Terminologie und den Gedanken normalisiert, die mit der Ideologie und den Handlungen des Täters verbunden sind.

Den Angeklagten diskreditieren – die Betroffenen nicht respektieren. Während der Angeklagte wegen seiner Handlungen vor Gericht steht, versuchen einige der Anwält*innen aus der Nebenklage sowie Richterin M., den tief verwurzelten Hass des Täters bloßzustellen. Es bleibt aber unklar welchen Aspekt seines Hasses noch bloßzustellen ist. Was ist da noch bloßzustellen, wenn der Angeklagte seine Pläne einem öffentlichen Publikum mitteilte und das Verbrechen zugab? Offen wiederholt er seine antisemitischen, rassistischen Weltanschauungen, wenn immer er gefragt wird. Richterin M. versucht wiederum aufzudecken, wie sehr der Angeklagte sich nicht nur in seiner Weltanschauung, sondern auch in seiner Selbstwahrnehmung irrt. Und während sie versucht, den Angeklagten von seinem hohen Ross herunterzuhollen, zeigt sie auch einen Mangel an Sensibilität gegenüber den Betroffenen, indem sie den Angeklagten verhöhnt:

Richterin M.: Sie haben also beschlossen, nichts für die Gesellschaft zu tun, aber Sie haben auch beschlossen, nichts für sich selbst zu tun
[…]

Richterin M.: Also ich sage mal, für einen außenstehenden Dritten, der jemanden erzählt, dass ein Mann mit 30 Jahren immer noch bei der Mutter im Kinderzimmer wohnt, würde man sagen, dass der nicht viel wert auf Lebensaualitot legt. Ich schließe immer von mir auf andere. 

Angeklagter lacht
Ein Diskurs zwischen der Richterin und dem Angeklagten zu einem späteren Zeitpunkt: 

Richterin M.: Wissen Sie, dass Startrek den Vorgänger des 3D-Druckers hatte?

Der Angeklagte erkennt diese Tatsache an und betont, dass die Qualität solcher Drucker unterdurchschnittlich war.

Richterin M.: Ja, das gilt auch für Sie.

Der Mann auf der Anklagebank nahm zwei unschuldigen Personen das Leben, während er versuchte, viele weitere zu töten. Er hat das Leben vieler Menschen physisch und emotional beeinträchtigt.

Die Anwält*innen der Nebenkläger*innen sowie das Gericht müssen selbstreflektierter agieren: Vorkommnisse wie die dargelegten beeinträchtigen nicht nur die Moral eines Rechtssystems, sondern auch jeden weiteren Prozess, wie auch Urteilsfindungen. Was sich hier zugetragen hat, ist höchstwahrscheinlich keine Ausnahme. Dies ist nicht der einzige Prozess, in dem rassistische Kommentare sowohl von Anwält*innen, als auch von dem Gericht gemacht werden – der Unterschied zu anderen Fällen besteht nur darin, dass endlich jemand darauf achtet und es beim Namen nennt. In der Hoffnung auf Veränderung und Streben nach wirklicher Gerechtigkeit.

https://www.halle-prozess-report.de/2020/09/01/24-09-2020-struktureller-rassismus-wie-die-verwendung-rassistischer-schimpfwoerter-durch-das-gericht-die-rassistische-ideologie-aufrechterhaelt/
Antworten


Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste