Themabewertung:
  • 0 Bewertung(en) - 0 im Durchschnitt
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
Prozess in Magdeburg
#31
Ticker Prozeßtag 10 (Teil 1/2)

Ticker von Volksstimme und Mitteldeutsche Zeitung
(Wie kann der Leser Volksstimme und Mitteldeutsche Zeitung unterscheiden? Erstens an der Zeitangabe: VS hat xx:yy Zeitformat; MZ xx.yy. MZ hat zudem hinter der Zeitangabe eine Überschrift)

Für die Volksstimme berichtet Martin Weigle, für die MZ Jan Schumann und Hagen Eichler.

https://www.volksstimme.de/sachsen-anhal...cker-tag-4

https://www.mz-web.de/halle-saale/anschl...--37311556


07:19
Am heutigen Prozesstag soll unter anderem Max Privorozki, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde von Halle aussagen. Die Verhandlung beginnt um 9.30 Uhr

8 Uhr: Der Prozess zum Anschlag in Halle geht weiter
Am 10. Prozesstag der Verhandlung gegen Stephan B. sind fünf Zeugen geladen. Die Zeugen sollen sich am 9. Oktober 2019 in der von Stephan B. attackierten Synagoge oder davor befunden haben.

09:10
Die Verteidiger des Angeklagten und die ersten Vertreter der Nebenkläger sind bereits eingetroffen. Richterin Mertens wird die Verhandlung vermutlich in einigen Minuten fortsetzen.
Vier von sechs Reihen im Zuschauerbereich sind schon voll besetzt.

9.15 Uhr: Vorsitzender der jüdischen Gemeinde sagt aus
Im Prozess um den rechtsterroristischen Anschlag setzt das Gericht die Befragung der Überlebenden aus der Synagoge fort. Heute ist unter anderem der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle, Max Privorozki, als Zeuge geladen. Außerdem stehen am zehnten Verhandlungstag unter anderem weitere Mitglieder der Gruppe junger Juden aus Berlin, die die Gemeinde in Halle zu Jom Kippur besucht hatte, auf der Zeugenliste, darunter eine Rabbinerin.
An den vergangenen Prozesstagen hatten bereits mehrere Menschen, die das Attentat in der Synagoge oder in unmittelbarer Umgebung überlebt hatten, vor Gericht ausgesagt. Fast alle berichteten dabei von psychischen Folgen wie Schlafstörungen und Angstattacken, mit denen sie seit dem Anschlag zu kämpfen hätten. Mehrere Gläubige aus der Synagoge hatten zudem beklagt, dass die Polizei sie nach dem Anschlag unsensibel und respektlos behandelt habe.

09:29
Der Zuschauerbereich ist jetzt voll. Es gibt keine freien Plätze mehr. Der Angeklagte wurde vor wenigen Minuten in den Saal gebracht. Die Verhandlung sollte gleich weitergehen.

09:34
Der Angeklagte ist momentan nicht mehr im Saal. Auch die Richterin ist nicht zu sehen. Bekommt der Angeklagte von der Richterin nochmal eine Einweisung, sich im Saal zu benehmen? 

09:39
Richterin Mertens und ihre Beisitzer kommen in den Saal. Die Richterin eröffnet die Sitzung.

09:41
Richterin Mertens nimmt Bezug auf die Beifallsbekundungen der vergangenen Verhandlungstage. Sie bittet darum, von Applaus Abstand zu nehmen, damit die Verhandlung in einer unvoreingenommenen Atmosphäre statt findet. "Unterstützung kann man den Zeugen auch in den Pausen auf persönlichem Weg zukommen lassen."

09:43
Die erste Zeugin wird aufgerufen. Es handelt sich um die Rabbinerin, die am Tag des Anschlages in der Synagoge war.

>>> Lt. Valentin Hacken: Rebecca Blady 

09:45
Die 30-Jährige war mit ihrem Ehemann, dem bereits vernommenen Ehemann Rabbi Borovitz in der Synagoge. Sie stammt aus New York und lebt derzeit in Berlin. Sie stammt aus einer Familie, die die Shoah überstanden hat. Ihre Großeltern überlebten Konzentrationslager in Auschwitz, Lodz, Bergen-Belsen und Deportation.

9.46 Uhr: Richterin Mertens will keinen weiteren Applaus
Noch vor der ersten Zeugin gibt Richterin Ursula Mertens einen grundsätzlichen Hinweis zum Prozess. „Ich bitte Sie, von Applaus abzusehen“, sagte sie – das richtet sich an das Publikum, aber auch an Teile der Nebenklage. In den vergangenen Verhandlungstagen hatte es immer wieder Beifall gegeben, wenn Betroffene des Anschlags ausgesagt hatten. „Wir sind hier als Gericht gehalten, dass die Verhandlung in einer ruhigen und neutralen Atmosphäre abläuft“, sagt Mertens. Nun startet die Zeugenbefragung.

09:49
"Seit ich ein Kind war, weiß ich, dass meine Existenz einem Wunder gleicht."

09:49
"Meine Großeltern haben während meiner Kindheit niemals über ihre Vergangenheit gesprochen." "Eine meiner Großmütter wurde direkt nach der Deportation nach Auschwitz von Dr. Mengele von ihrer Mutter getrennt."

09:51
"Im Mai 2019 habe ich mich mit meinem Mann und meiner Tochter dazu entschieden nach Deutschland zu ziehen. Damit wollte ich mich der Vergangenheit stellen und die jüdische Gemeinschaft unterstützen. Leider musste ich mich dieser Vergangenheit, wegen der Taten des Angeklagten ein wenig zu nahe stellen."

09:53
Die Zeugin gibt jetzt ein paar Zitate ihrer Großmutter wieder, die jetzt 91 Jahre alt ist und die sie wegen des Prozesses angerufen hat.

09:54
"Macht euch keine Sorgen Kinder, es sieht hier doch gar nicht so schlimm aus. Es spielt Musik." "Als wir getrennt wurden, gab mir meine Mutter noch ein Stück Brot, dafür wurde sie von Dr. Mengele auf den Kopf geschlagen. Das war das letzte Mal, dass ich meine Mutter geeshen habe."

09:57
Während die Rabbinerin diese Dinge beschreibt und berichtet, grinst der Angeklagte und beugt sich dicht über die Anklagebank, um dieses zu verstecken.

09:58
"Meine Großmutter musste zur Munitionsproduktion ins Ruhrgebiet bei Krupp, anschließend wurde sie nach Bergen-Belsen gebracht, wo sie dachte, das sie sterben würde."

09:59
Die Zeugin berichtet von den Erlebnissen ihrer Großmutter in Bergen-Belsen. "Schau was ich geschafft habe, ich habe eine tolle Familie und schöne Kinder." 

10:02
"Meine Großmutter ist die Einzige, die versteht, was ich durchgemacht habe", sagt die Zeugin und ihre Stimme bricht dabei.

10:03
"Meine Großmutter hat mir gesagt, dass ich alles erzählen soll, was sie mir berichtet hat und dass ich keine Angst davor haben soll." "Meine Großmutter hatte nie Gelegenheit, vor einem deutsch Gericht darüber berichten zu können, ich werde die Gelegenheit wahrnehmen."

10:04
Jetzt berichtet die Zeugin von den Geschehnissen des 9. Oktober 2019.

10.05 Uhr: Rabbinerin im Zeugenstand
Die erste Zeugin ist eine 30-jährige Rabbinerin, die während des Anschlags in der halleschen Synagoge war. Die New Yorkerin, die derzeit in Berlin lebt,  stammt aus einer Familie von Holocaust-Überlebenden. Gleich zu Beginn schildert sie, welche Traumata ihre jüdischen Vorfahren durch das Terrorregime der Nationalsozialisten erlitten.
Einer ihrer Großväter habe das Ghetto im polnischen Lodz überlebt, ihre Großmutter sei ins Konzentrationslager Auschwitz gebracht worden. „Meine Großmutter ist heute 91 Jahre alt und lebt in New York“, sagt die Zeugin. Nun schildert sie die Auschwitz-Erinnerungen ihrer Großmutter: KZ-Arzt Josef Mengele habe sie im Konzentrationslager von ihrer Mutter getrennt, die Schornsteine hätten Rauch ausgestoßen. „Sie beschrieb den Himmel über Auschwitz als Hölle auf Erden“, sagt die Rabbinerin über die Erinnerungen ihrer Großmutter. Die Zeugin zieht eine Verbindung zum Anschlag in Halle: „Meine Großmutter ist die einzige, die versteht, was ich durchgemacht habe.“

10:06
Sie berichtet, wie sie sich auf den Gottesdienst vorbereitet hat und wie sie gegen 10.30 Uhr ihre Tochter an ihre Babysitterin übergeben hat.

10:08
"Nachdem ich nach mehreren Versuchen die Babysitterin erreicht hatte, sagte ich ihr sie sollte vorerst bleiben wo sie mit meiner Tochter war."

10:11
"Als sich abzeichnete, dass wir evakuiert werden sollten, wollte ich nicht gehen, denn die Synagoge war ein sicherer Ort für mich geworden. Ich wollte, dass man meine Tochter zu mir bringt. Ich wollte den Menschen klar machen, dass ein 15 Monate altes Kind zu seiner Mutter gehört."

10:13
"Der Fokus lag darauf, dass wir die Anweisungen der Polizei befolgen sollten."

10:14
"Ich frage sie, ist es vernünftig, dass ich an diesem Tag so lange von meiner Tochter getrennt sein musste." "Darüberhinaus trage ich das Trauma meiner Familie in mir, weil meine Großmutter an den Toren von Auschwitz von ihrer eigenen Mutter getrennt wurde."

10:17
Der Angklagte nimmt die Ausführungen der Zeugin scheinbar emotionslos auf.

10:18
"Als ich mit meinem Mann und meiner Tochter wiedervereint war, hatte ich noch nicht begriffen, was wir an dem Tag erlebt haben."

10.18 Uhr: Zeugin schildert Tag des Anschlags auf die Synagoge
Nun schildert die 30-Jährige die Ereignisse in Halle am 9. Oktober: Damals kam sie mit ihrem Mann (ebenfalls Rabbiner) und ihrem Kleinkind in die Saalestadt, um Jom Kippur in der jüdischen Gemeinde zu feiern. Als Stephan B. gegen Mittag das Feuer auf die Synagoge eröffnete, sei die Babysitterin gerade mit ihrem Kleinkind außerhalb des Gotteshauses spazieren gegangen. Währenddessen beteten rund 50 Juden in der Synagoge – auch die Zeugin und ihr Mann – als der Anschlag begann. „Wenn ich mich an diesen Moment erinnere, trifft mich mit voller Wucht die Panik“, sagt die 30-Jährige. Sie habe die Babysitterin zunächst nicht auf dem Handy erreicht.

10:21
Die Zeugin berichtet von dem Aufenthalt im Krankenhaus und wie sehr sich das Personal um die Menschen gekümmert hat. Anschließend von ihrer Verlorenheit, da die Behörden der Familie die Rückkehr in die Synagoge untersagte und sie nicht wusste, wo sie übernachten sollte.

10:23
Die Zeugin bedankt sich im Saal öffentlich beim Krankenhauspersonal für die Behandlung.

10:25
"Ich bin Deutschland dankbar, dass wichtige Ressourcen eingesetzt werden für den Kampf gegen Antisemitismus, die Wahrung der Demokratie und dem Schutz der jüdischen Gemeinden. Aber wir können uns alle verbessern."

10:27
"Der Täter hier wird keinen Erfolg haben, ich bin der lebende Beweis. Und andere Täter wie er werden ebenfalls keinen Erfolg haben."

10:28
"Ich hoffe, dass ich mit meiner Aussage die Erinnerung an meine Urgroßmutter, Jana L. und Kevin S. erhöhen kann, die durch die Hand von schrecklichen Menschen ihr Leben verloren haben."

10:30
Die Zeugin berichtet, dass sie sich noch immer in traumatherapeutischer Behandlung befindet. Ihre Tochter habe sich bereits nach wenigen Monaten von dem Vorfall erholt.

10:31
Mit dieser Aussage wird die Zeugin von Richterin Mertens entlassen.

10:32
Der Angeklagte möchte eine Aussage machen, dieses wird ihm aus prozessualer Ordnung untersagt und auf die Fortsetzung nach der Pause verschoben.

Pause
10:33
Die Verhandlung wird bis kurz vor elf Uhr unterbrochen.

10.33 Uhr: Zeugin ist nach der Tat weiter in Behandlung
Nach dem Anschlag waren die Juden der Synagoge zur Betreuung ins hallesche Elisabeth-Krankenhaus gebracht worden – wie bereits andere Zeugen dankt die 30-jährige Rabbinerin ausdrücklich der Krankenhaus-Belegschaft. „Das Personal und die Schwestern waren äußerst freundlich“, sagt sie. „Sie hatten wirklich das Gefühl, dass wir gut umsorgt werden, dass wir ihnen wichtig waren.“ Die Jüdin sagt: „Sie haben sich vorbildhaft verhalten und gezeigt, wie man mit traumatisierten Opfern einer Straftat umgeht.“ Im Gegensatz dazu haben einige Zeugen bereits den unsensiblen Umgang der Polizei mit den Opfern kritisiert.
Nach dem Anschlag habe die 30-Jährige unter Schlafstörungen gelitten. Das habe auch über Monate hinweg für ihr Kind gegolten. „Ich befinde mich immer noch in traumatherapeutischer Behandlung“, so die Zeugin. Sie endet mit einem kämpferischen Statement: „Der Täter hatte keinen Erfolg, ich bin der lebende Beweis dafür.“ Nichts werde sie davon abhalten, das Judentum in Deutschland weiterhin zu unterstützen.

10:57
Die Verhandlung wird fortgesetzt.

10:58
Der Angeklagte gibt eine Erklärung ab. Diese wird von mehreren Nebenklagevertretern beanstandet. Der Angeklagte wollte Geschichtsrevision betreiben und behauptete, dass der Schornstein von Auschwitz von der Sowjetunion gebaut wurde.

"Für die Wahrheit interessiert sich in Deutschland niemand

10:59
Es ergibt sich ein Wortgefecht zwischen der Richterin und dem Angeklagten. Die Richterin bügelt die Einlassung des Angeklagten ab.

11:02
Auch ein Anwalt der Nebenklage erinnert den Angeklagten daran, dass der Prozess sich mit seinen Taten beschäftigt und er dieses besser auch tun sollte.

11:03
Die nächste Zeugin ist im Zeugenstand.

>>> Lt. V. Hacken: Naomi Henkel-Gümbel

11:03
Die Zeugin ist eine 29-jährige Rabbinerstudentin, eine Rabbinerin in Ausbildung.

11:04
"Gott sei Dank ist das nicht der Fall", ist ihre Antwort auf die Frage der Richterin, ob sie mit dem Angeklagten verwandt oder verschwägert ist.

11:06
Sie beginnt die Aussage mit einem Zitat von Heinrich Heine. "Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht."

11:07
Ihre Familie ist seit dem 17 Jahrhundert tief in Deutschland verwurzelt.

11:08
Sie berichtet über ihre Familiengeschichte und wie sich die Familienmitglieder dazu entschieden nach dem Krieg in Deutschland zu bleiben und das Land wieder mit aufzubauen.

11:10
"Ich habe für mich entschieden, dass ich nicht länger in Deutschland, dem Land der Täter, leben konnte und emigrierte nach Israel."

11:11
"2018 erfuhr ich von einem neuen Rabbinerstudiengang in Berlin. Wäre das nicht gewesen, wäre ich nicht nach Deutschland zurückgekommen." "Die Idee, das jüdische Leben wieder in Deutschland aufzubauen hat mich gereizt."

11:14
"Ich wollte helfen eine jüdische Gemeinde zu erneuern, die immer älter wurde und dann geschah der Anschlag."

11:15
Die Zeugin war an beinahe allen Verhandlungstagen anwesend und hat viele Aussagen gehört. 

11:16
"Es gibt immer noch die verdrehte Idee, dass es eine Tür gab, die Schlimmeres verhindert hat." 

11:18
Es sei nicht die Tür gewesen, die die Menschen in der Synagoge gerettet hat. "Die Geschichte über den einen guten Deutschen der Juden rettet, gehört hier nicht hin." 

11:20
Die Zeugin nimmt in ihrer Stellungnahme Bezug auf die Behörden und den deutschen Staat und wie diese die Bürger schützen sollte.

11:22
Jetzt nimmt die Zeugin Bezug auf die bisherigen Verhandlungstage und die bisherigen Untersuchungserkenntnisse und dass diese nicht ausreichend sind und nicht in einen größeren Zusammenhang gebracht wurden. So mit dem Anschlag in Christchurch oder dem Mord an Walter Lübcke.

11:24
"Ich würde gerne an einem Judaismus teilhaben der offener ist, an dem die Gesellschaft teilhaben kann. Ich würde mich gerne in einer Synagoge zu Hause fühlen und frage jeden hier im Saal, wie würden sie sich fühlen, wenn sie in einem Gebäude sind, dass Kugelsichere Fenster benötigt."

11:26
"Je höher die Sicherheitsvorkehrungen sind desto unwohler fühle ich mich, weil der politische Diskurs in die falsche Richtung geht." "Ich möchte Mauern einreißen und Brücken bauen, damit wir in einer besseren Welt leben."

11:27
Auch hier gibt es wieder kurzen Applaus. Die Richterin lässt es wieder zu.

11:28
Die Zeugin ist sich unsicher wohin sie ihr Leben noch zieht, antwortet sie auf die Frage der Richterin ob sie in Deutschland bleiben will. Sie fühlt sich der jüdischen Gemeinde hier sehr eng verbunden, fühlt sich aber in Israel am sichersten.

11:29
Der Angeklagte provoziert erneut mit einer Frage: "Wurden sie von einer Brücke oder einer Mauer beschützt?" Die Nebenklagevertreter beanstanden die Frage und die Richterin lässt diese ebenfalls nicht zu.

11:32
Danach ruft die Richterin eine 10-minütige Pause aus.

11:42
Die Verhandlung wird fortgesetzt.

11:43
Der nächste Zeuge ist im Zeugenstand.

11.43 Uhr: Zeugin kritisierte fehlende Aufklärung durch Behörden
Die zweite Zeugin des Tages ist eine 29-jährige Rabbinerin in Ausbildung, die während des Anschlags in der halleschen Synagoge war. Sie schildert, dass ihre Familie über Jahrhunderte in Deutschland verwurzelt gewesen sei. „Ich wurde in dem Vertrauen aufgezogen, dass Deutschland als Nation aus seiner Vergangenheit gelernt hat“, sagt sie - also dem Antisemitismus, der zum Holocaust führte. „Aber mit der Zeit ging dieses Vertrauen verloren.“ Dazu habe auch dieser Gerichtsprozess beigetragen, sagt die Jüdin. Sie zitiert Heinrich Heine: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht.“
Die 29-Jährige kritisiert die verbreitete Ansicht, dass es die Synagogentür war, die die betenden Juden in Halle gerettet habe. „Das ist faktisch falsch“, sagt die Zeugin. „Der Angeklagte hat Splitterbomben über die Mauer geworfen, die Menschen hätten töten können.“ Sie kritisierte: „Die Notwendigkeit, einen guten Deutschen zu finden, der jüdisches Leben rettet, hat hier keinen Platz.“
Stattdessen sagt die Zeugin, sie würde „gerne eine Bundesregierung sehen, die ihre Minderheiten“ schütze: „Ich verstehe nicht, wie BKA-Beamte sagen können, dass sie ihr Bestes getan haben.“ Weder seien die Internetseiten detailliert untersucht worden, auf denen der Angeklagte häufig surfte, noch seien die Computerspiele ausprobiert worden. Ermittler hätten auch kaum Parallelen zu anderen Anschlägen untersucht, etwa in El Paso, Christchurch oder Utoya. „Der Angeklagte hat uns des Öfteren klargemacht hat, dass er nur ein kleines Rädchen“ in einer größeren Maschinerie sei.


11:43
Der nächste Zeuge ist im Zeugenstand.

11:44
Er ist ein 52-jähriger Mitarbeiter der Stadtwirtschaft Halle.

11:45
Der Zeuge ist seit 20 Jahren Mitglied in der jüdischen Gemeinde in Halle. Er hilft dort immer ber der Tora-Lesung und allgemein beim Gottesdienst.

11:47
Der Zeuge berichtet wie er die Minuten des Anschlages erlebt hat. "Ich habe gesehen, wie sich die Leute in der Synagoge bewegt haben, dass ist ungewöhnlich, weil die Besucher des Gottesdienst sonst ins Gebet vertieft sind."

11:49
Der Zeuge berichtet, wie er auf dem Bildschirm der Überwachungskamera gesehen hat, wie der Angeklagte verkleidet mehrmals auf die Tür geschossen hat. Anschließend habe er mitgeholfen die Tür zur Synagoge verbarrikadiert hat.

11:50
"Es ist schwer zu sagen wie der zeitliche Ablauf war, da ich an Jom Kippur kein Handy und keine Uhr bei mir habe."

11:52
Er habe bis zu diesem Zeitpunkt nie Kontakt zur Polizei gehabt, berichtet er auf Nachfrage der Richterin.

11:54
Er war an dem Tag zusammen mit seiner Tochter in der Synagoge.

11:55
Er habe im weiteren Verlauf mehrere Angebote für psychologische Hilfe vom weißen Ring bekommen und auch von der jüdischen Gemeinde. "Ich habe das nicht wahrgenommen, mir reicht es, wenn ich meine Ruhe habe und das zu Hause alleine verarbeiten kann."

11:55 Uhr: Zeugin fühlt sich in Deutschland nicht mehr sicher
Die 29-jährige Zeugin kritisiert: Das Judentum sei für die meisten Deutschen etwas, das „ausgestorben ist“. Sie würde sich gerne sicher fühlen in Deutschland – das könne sie derzeit allerdings nur in Israel. Die Zeugin fragt die Anwesenden im Saal: Wie wohl würden Sie sich fühlen, wenn Sie hinter schusssicheren Türen und Fenstern leben müssten?

11:56
"Meiner Tochter geht es auch einigermaßen gut. Wir hoffen, es wird alles wieder gut."

11:58
"Das Gemeindeleben hat sich natürlich verändert. Die Sicherheitsvorkehrungen wurden erhöht, aber so ist unser Leben. Besser so als ob jemand auf die Idee kommt, das noch einmal zu versuchen. Ich wohne seit 2000 in Halle, da war es immer ruhig."

12:01
Er wundert sich, dass jetzt täglich Polizei vor der Synagoge steht. Es sei vielleicht besser, wenn das der Fall ist, wenn tatsächlich gebetet wird oder ein Feiertag begangen werde.

12:03
Der Zeuge kennt das aus anderen Gemeinden, dass das in München oder Darmstadt so gehandhabt wird.

12:05
Es gibt einen kurzen Wortwechsel zwischen einer Nebenklagevertreterin und einem Verteidiger. Dieser habe etwas, dass nicht für die Öffentlichkeit gedacht ist, notiert, so der Vorwurf. "Falls das an ihren Mandanten geht, mache ich sie persönlich dafür haftbar." Der Verteidiger versichert, dass das nicht der Fall war und bietet an, dass man in der anschließenden Pause darüber sprechen könne. 

12.07 Uhr: Ständiger Polizeischutz: „Natürlich beeinflusst das das Leben in der Gemeinde“
Der dritte Zeuge, ein 52-Jähriger Jude aus Halle. Richterin Mertens fragt, ob sich das Gemeindeleben seit dem Attentat verändert habe. „Es gibt mehr Sicherheitsmaßnahmen, vor der Synagoge steht jetzt immer die Polizei.“ Das bringe auch „Nervosität“, schildert der Mann, der seit 20 Jahren zur Gemeinde gehört. „Natürlich beeinflusst das das Leben in der Gemeinde.“ Im Rückblick sagt er aber auch: Aus seiner Sicht hätte gerade am Feiertag Jom Kippur ein Polizeiauto vor dem Gotteshaus stehen müssen.

Mittagspause
12:08
Die Richterin ruft eine Mittagspause aus. Es geht um 13.15 Uhr mit dem nächsten Zeugen weiter.
Antworten
#32
Ticker Prozeßtag 10 (Teil 2/2)

Ticker von Volksstimme und Mitteldeutsche Zeitung
(Wie kann der Leser Volksstimme und Mitteldeutsche Zeitung unterscheiden? Erstens an der Zeitangabe: VS hat xx:yy Zeitformat; MZ xx.yy. MZ hat zudem hinter der Zeitangabe eine Überschrift)

Für die Volksstimme berichtet Martin Weigle, für die MZ Jan Schumann und Hagen Eichler.

https://www.volksstimme.de/sachsen-anhal...cker-tag-4

https://www.mz-web.de/halle-saale/anschl...--37311556


13:12
Die Prozessbeteiligten nehmen langsam wieder ihre Plätze ein. Es wird gleich weiter gehen.

13:14
Der nächste Zeuge ist Max Privorozki, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde von Halle. Er hat bereits an der Zeugenbank Platz genommen.

13:18
Richterin Mertens setzt die Verhandlung nach der Unterbrechung wieder fort.

13:19
Die Richterin will etwas prozessuales vortragen, etwas Konfusion entsteht, die Verteidiger haben davon kein Exemplar erhalten haben.
Es ist eine Stellungnahme der Leiterin der JVA Burg. Es geht um das Verhalten des Angeklagten in der JVA. Es gebe keine Auffälligkeiten, teilt die Anstaltsleiterin mit. Zu dem Ausbruchsversuch am 30. Mai 2020 liegen der Anstalt allerdings keine Akten vor.

13:23
Die angekommenen Schriftstücke werden allen Beteiligten zur Verfügung gestellt und zur Verfahrensakte genommen.

13:25
Zwei Gefängnisaufseher werden als Zeugen geladen und Stellungnahmen des psychologischen Dienstes näher betrachtet.

13:26
Es gibt momentan Unstimmigkeiten unter den Anwälten, wer zuerst die Akte einsehen darf. 
"So einen Fall hatte ich noch nie", sagt Richterin Mertens und lacht kurz auf.

13:18
Ein Anwalt der Nebenklage kann erst um 14 Uhr an der Verhandlung teilnehmen. Richterin Mertens richtet den Beteiligten aus, dass der Kollege darum bittet, mit der Zeugenvernehmung von Herrn Privorozki zu warten.
Nach kurzer Beratung stimmen die Beteiligten der erneuten Unterbrechung zu.

13:28
Richterin Mertens unterbricht die Verhandlung bis 14 Uhr.

13.32 Uhr: Nach Fluchtversuch: Gericht will JVA-Beamte vernehmen
Organisatorisches zum weiteren Prozessverlauf: Richterin Ursula Mertens will am 30. September nicht nur den Psychologen Norbert Leygraf laden, um eine Einschätzung über den Angeklagten einzuholen. Sie will auch zwei Mitarbeiter der JVA in Burg (Jerichower Land) laden, die den Angeklagten aus dessen aktueller Untersuchungshaft kennen. Auch sie sollen ihren Eindrücke zum Angeklagten schildern.
Stephan B. hatte Ende Mai einen Ausbruchsversuch aus dem Gefängnis unternommen, damals noch in Halle. Daraufhin war er ins Hochsicherheitsgefängnis Burg verlegt worden. Bekannt ist, dass JVA-Mitarbeiter den U-Häftling zunächst als durchaus kooperativ und höflich eingeschätzt hatten – als er während eines Hofgangs unbeobachtet war, hatte er allerdings eine Flucht versucht.
Nach einer kurzen Pause werden weitere Zeugen gehört, darunter der hallesche Gemeindevorsitzende Max Privorozki.

14:00
Die Verhandlung wird fortgesetzt.

14:02
Der Zeuge ist Max Privorozki, er ist der Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde zu Halle und ist 57 Jahre alt. Er steht der Gemeinde seit 199 vor und ist seit 2002 deren Geschäftsführer.

14:04
"Bei der Polizei gab es spezielle Kontaktpersonen zu denen wir immer Kontakt hielten. Es gab keine bestimmten Termine mit den Beamten."

14:05
"Es gab regelmäßig eine Prüfung der Sicherheitslage von der Polizei, danach wurden polizeiliche Sicherheitsmaßnahmen entschieden. Wir wurden nur darüber informiert, aber nicht in die Entscheidungen mit einbezogen."

14:06
"Wir hatten ein eigenes Sicherheitskonzept, das wir ohne die Polizei umgesetzt hatten. Dazu gehörte, dass wir die Türen zum Grundstück bei Veranstaltungen wie zum Beispiel Gottesdiensten immer abgeschlossen haben."

14:07
"Uns wurde gesagt, dass die Sicherheitslage so ist, dass es ausreicht, dass eine Streife unregelmäßig an der Synagoge vorbeifährt und die Lage kontrolliert."

14:09
Das Sicherheitskonzept war genau so wie bei anderen Schabbat-Tagen. Die Türen zum Grundstück waren verschlossen und Besucher mussten sich für die Teilnahme am Gottesdienst anmelden."

14:11
"Der Kontakt zu der Reisegruppe aus Berlin, kam über unseren Kantor zustande, der ebenfalls in Berlin lebt."

14:12
"Ich war sehr froh, dass Jom Kippur in dem Jahr ein wenig anders werden sollte als sonst. Es hat mich gefreut, dass ein paar junge Leute mit uns Jom Kippur feiern wollten."

14.13 Uhr: Gemeinde-Vorsitzender Max Privorozki im Zeugenstand
Der hallesche Gemeinde-Vorsitzende Max Privorozki kommt in den Zeugenstand – nun geht es auch um die Sicherheit der Synagoge. Am Tag des Anschlags hatte die Polizei das Gotteshaus nicht durchgehend bewacht, das hatte für viel Kritik gesorgt. „Kontakt zur Polizei gab es immer“, sagt der 57-Jährige. „Nicht so wie jetzt, aber Kontakt war immer da.“ Über nötige Sicherheitsmaßnahmen habe allein die Polizei entschieden. Offenbar habe es die Polizei damals für ausreichend befunden, dass eine unregelmäßige Polizeistreife die Synagoge schütze, so Privorozki.

14:15
Privorozki beschreibt, wie der Gottesdienst ablief, bis der Anschlag begann. Es geht um traditionelle Tora-Lesungen.

14:16
"Ich wurde zur Lesung gerufen und auf einmal hat mir unser Sicherheitsmann ausrichten lassen, ich müsse zu ihm kommen. Dann habe ich auf dem Bildschirm gesehen, wie ein Mensch angeschossen beziehungsweise erschossen wurde. Heute wissen wir dass das Jana L. war."

14:18
"Als der Mann auf die Tür geschossen hat, habe ich sofort die Polizei gerufen, das war sehr schwierig, weil ich am ganzen Körper gezittert habe. Zuerst habe ich aus Versehen zuerst die 112 gewählt. Aber nach etwa 10 Minuten, die mir wie eine Ewigkeit vorkam, war dann die Polizei vor Ort."

14:21
"Alle drei Eingänge zur Synagoge haben wir verbarrikadiert und versucht alle älteren Menschen im Gebäude zu verstecken. Dann haben wir nur noch auf die Polizei gewartet. Als wir die Polizei gesehen haben war das eine große Erleichterung."

14.21 Uhr: Ausländische Gäste zum Jom Kippur waren eine Besonderheit
Dass die hallesche Gemeinde am 9. Oktober 2019 zahlreiche ausländische Gäste hatte, sei etwas Besonderes gewesen, sagt Gemeindechef Privorozki. „Ich habe mich gefreut, dass Jom Kippur diesmal etwas anders wird.“ Neben Deutschen und Ukrainern waren auch US-Amerikaner in der halleschen Synagoge.
Nun schildert Privorozki den Moment des Angriffs. „Ich werden das niemals vergessen.“ Als Stephan B. auf die Tür schoss, habe er gewusst, „das ist brandgefährlich“. Mit zitternden Händen („Das passiert nicht oft.“) habe er sein Handy angeschaltet und den Notruf gerufen. Zehn Minuten später hatte der erste Streifenwagen dann das Gotteshaus erreicht. „Es kam mir ewig vor“, sagt Privorozki.

14:22
"Als ich die Polizei informiert hatte, habe ich den Zentralrat der Juden informiert, damit alle jüdischen Gemeinden Bescheid wussten. Danach habe ich meine Frau angerufen, damit sie unsere Töchter informiert. Dann habe ich alle Gemeindemitglieder angerufen, die nicht in der Synagoge waren. Da habe ich erfahren, dass an anderen Orten in Halle ebenfalls geschossen wurde."

14:24
"Unser Kontaktmann bei der Polizei hat mir berichtet, dass alle Polizeibeamten in Halle an dem Fall dran waren. Er konnte nicht lange mit mir sprechen, weil er ebenfalls im Einsatz war. Er sagte mir aber, dass wir in der Synagoge bleiben sollten. Danach klingelte im Minutentakt das Telefon, das amerikanische Konsulat,die Presse, jüdische Institutionen."

14:27
"Die Gemeindemitglieder habe ich nur informiert, wenn es Anweisungen der Polizei gab."

14:28
"Eine Flasche lag wenige Meter von der Eingangstür entfernt. Die war kaputt und man konnte einen bestimmten Geruch wahrnehmen. An dieser Stelle wächst kein Gras mehr. Gott sei dank hat sich die Flüssigkeit nicht entzündet."

14:29
"Wir haben auch andere Flaschen die unbeschädigt waren, gesehen. Die haben wir mit Eimern abgedeckt, weil wir Angst hatten, die könnten explodieren." "Ich gehe davon aus, dass die anderen darüber Bescheid wussten." "Ich habe nur den Kontakt mit der Aussenwelt gehalten, die Information der Gemeindemitglieder haben andere übernommen."

14:32
Der Angeklagte hört den Ausführungen von Privorozki genau zu. Er zeigt keine Regung, sieht den Zeugen aber die ganze Zeit an.

14:33
"Wir sind keine Roboter", sagt Privorozki. Alle seien sehr aufgeregt gewesen. Vor allem die älteren Gemeindemitglieder seien betroffen gewesen.

14.33 Uhr: Gemeindechef informierte sofort jüdische Organisationen
Sofort barrikadierten Gemeindemitglieder die drei Türen der Synagoge von innen, schildert Privorozki. „Es war eine Erleichterung“, als er die Polizei über die Überwachungskamera erblickt habe. Zügig habe der Gemeindechef auch dafür gesorgt, dass alle jüdischen Organisationen in Deutschland über den Angriff in Halle informiert werden – für den Fall, dass es eine konzertierte Aktion sei. „Die Mitglieder haben dann selber entschieden, dass sie den Gottesdienst fortsetzen. Das war eine gute Entscheidung.“
Dann habe „ununterbrochen“ sein Handy geklingelt, sagt Privorozki. Das US-Konsulat, die israelische Regierung, die Presse. Konkrete Anweisungen von der Polizei habe er ebenfalls per Telefon bekommen, allerdings erst „wesentlich später“. Indes lagen funktionsunfähige Molotov-Cocktails auf dem Hof der Synagoge, die Attentäter Stephan B. über die Mauer geschleudert hatte.

14:35
"Ich wurde mit ein paar anderen zum Polizeipräsidium gebracht, die anderen ins Elisabethkrankenhaus. Ich habe keine Ahnung nach welchen Kriterien da ausgesucht wurde."

14:37
"Ich habe damals gar nicht wahrgenommen, dass wir fotografiert wurden. Es war wichtiger, dass wir in Sicherheit waren. Da es verschiedene Meldungen gab, dass an mehreren Orten geschossen wurde."

14:39
"Ich hatte keine Zeit, dass selber zu verstehen, was da passiert ist, da es immer wieder verschiedene Kontakte zu Medien und Behörden und Staatsmännern gab. Ich habe immer wieder telefoniert und hatte gar keine Möglichkeit zu begreifen."

14:41
"Erst am Abend, als ich auf dem Marktplatz war und auf einer spontanen Mahnwache, eine Kerze angezündet habe, hatte ich einen Moment Ruhe. Richtig begriffen habe ich es aber erst am nächsten Morgen."

14:42
"Mir hat geholfen, dass ich die ganze Zeit mit der Presse und Politikern beschäftigt war."

14:44
"Die Menschenkette an dem Freitag nach dem Anschlag hat mir gezeigt, dass die große Mehrheit der Menschen nicht so denkt wie der Täter. Das ist ein großer Unterschied zu der Nazizeit."

14:45
"Ich habe psychologische Hilfe in Anspruch genommen und ich nehme sie weiterhin in Anspruch. Zum Beispiel an der Silvesternacht war für mich sehr unangenehm, dass Geknalle der Böller. Da habe ich begriffen, dass ich Hilfe brauche."

14.45 Uhr: Privorozki: Ältere Gemeindemitglieder haben den Anschlag besser verarbeitet
Zur Trauma-Verarbeitung sagt Privorozki: Die ältere Menschen in der Synagoge hätten das Attentat psychisch besser bewältigt als die Jüngeren. Womöglich hätten vor allem die Juden aus der Sowjetunion bereits in der Vergangenheit „Sachen gesehen, die im Gedächtnis bleiben“. Eine Umschreibung für: Früheres Leid hat sie hart gemacht.
Wie habee er all das verkraftet, fragt Richterin Mertens nun. „Am 9. Oktober war ich die ganze Zeit aktiv – aber ich hatte keine Zeit, das zu verarbeiten“, sagt der Gemeindechef. Immer wieder habe er telefoniert – mit Vertretern aus Israel, der Bundesregierung, mit dem Ministerpräsidenten, dem Oberbürgermeister. Mit Regierungschef Reiner Haseloff (CDU) habe er noch am Abend gesprochen. „Als ich dann zum Marktplatz kam, gab es dort schon eine Solidaritätskundgebung“, so Privorozki. „Da habe ich langsam verstanden, was los ist. Dass zwei Menschen gestorben sind. Das ist das Schlimmste.“

14:47
Die Richterin möchte jetzt mit dem Zeugen einige Fotografien anschauen und über die Begebenheiten an der Synagoge sprechen. Zur Klärung, da es in den vergangenen Verhandlungstagen  Unstimmigkeiten darüber gab, wie sie sagt.

14.49 Uhr: Privorozki dankt Hallensern für Beistand
Privorozki bringt seinen Dank zum Ausbruch für die Solidarität nach dem Anschlag. „Die Mehrheit sind gute Menschen“, sagt er im Zeugenstand. „Das ist der Unterschied zu 1938, als unsere Synagoge auch angegriffen wurde.“ Menschen wie der angeklagte Attentäter seien die Minderheit, so der Gemeindechef.

14:51
Der Zeuge berichtet, dass an dem Tor zum Friedhof durch eine Sprengvorrichtung Schäden entstanden sind. "Das Tor hatte vorher keinen Spalt."

14:54
Den Angeklagten scheint die Aussage zu ermüden. Ergähnt und reibt sich die Augen.

14:55
Der Gemeindevorsitzende berichtet bei der Ansicht der Bilder, wo auf dem Friedhof Beschädigungen von Explosionen gefunden wurden.

14:59
Zu den Aufnahmen der Nachbargrundstücke kann der Zeuge nichts sagen. "Da war ich nie", so Privorozki.

15:00
Hinter dem Haupteingang zum Grundstück gibt es eine vierstufige Treppe, erst danach gelangt man auf direktem Weg zum Haupteingang der Synagoge, erklärt der Zeuge.

15:02
Privorozki beschreibt weiter die Beschaffenheit der Türen und Tore zu den verschiedenen Örtlichkeiten und Gebäude auf dem Gelände.

15:05
"Wir waren sehr überrascht, als wir gesehen haben, dass eine Spezialeinheit der Polizei über die Friedhofsmauer zur Paracelsusstraße geklettert ist. Warum die das gemacht haben, weiß ich nicht, aber am nächsten Tag haben wir davon auch ein Bild in der Zeitung gesehen."

15:09
Die Richterin geht weiter die Fotografien, mit allen Detailaufnahmen des Tatortes mit dem Zeugen durch.

15:13
Auf Nachfrage des Verteidigers erklärt der Zeuge, dass die Tür zur Synagoge unverschlossen war und die Tür zum Gelände verschlossen war.

15:16
"Der Kalender auf der Internetseite der Gemeinde wurde seit dem Anschlag nicht mehr aktualisiert. Veranstaltungen werden dort nicht mehr eingetragen."

15:17
Ein Verteidiger liest den Eintrag auf der Kalenderseite vom 9. Oktober 2019 vor. "Jom Kippur; 9.30 - 20.30 Uhr; Dauer 11 Stunden; Max Privorozki."
Hintergrund ist, dass der Angeklagte in seiner Aussage gesagt hat, er wusste nicht ob die Synagoge aktiv oder ein Museum ist.

15.18 Uhr: Sprengsatz durchschlug Fenster eines Nachbarhauses
Richterin Mertens geht mit Gemeindechef Privorozki Fotos vom Tatort durch. Darunter auch Bilder der gefundenen Sprengsätze und deren Krater. Ein Sprengsatz des Attentäters war so kraftvoll, dass ein Teil aus dem Synagogenhof bis zum Fenster eines benachbarten Wohnhauses flog und dieses durchschlug.

15:19
Der Zeuge richtet abschließend sein Wort direkt an die Bundesanwaltschaft: "Ich kann mir als Vater nicht vorstellen, dass jemand Jahre lang mit seinen Eltern zusammen lebt, so etwas vor seinen Eltern verheimlichen kann. Er war vollständig von seinen Eltern abhängig, er hat keine Arbeit gehabt. Es ist für mich absolut unverständlich, dass die Eltern das  nicht gewusst haben."

15:25
"Es gibt viele Antisemiten auf der Welt. Es war mir immer ein Rätsel wie Menschen dazu kommen, Juden zu hassen. Mir ist wichtig zu erfahren, wie ein Mensch von einem Antisemiten zu einem Mörder werden kann. Es ist wichtig herauszufinden, wie es zu dieser Entwicklung kommt."

15:27
Es gibt wieder Applaus im Saal, nach der Stellungnahme. Der Angeklagte zeigt keine Regung.

15:28
Auf Nachfrage einer Nebenklagevertreterin kann Privorozki den finanziellen Schaden nicht benennen. "Der größte Schaden ist, dass zwei Menschen ihr Leben verloren haben."
Über die neuen Sicherheitsmaßnahmen und deren Kosten möchte er nichts sagen.

15:30
"Zum Schabbat nach dem Anschlag kamen viele junge Menschen und viele andere Menschen, die ihre Solidarität mit uns zeigen wollten."

15:31
Ob jetzt mehr oder weniger Leute in die Synagoge kommen, kann er nicht beantworten, da wegen der Corona-Maßnahmen sowieso wenige Menschen in der Synagoge aufhalten dürfen. "Aber wir haben keine einzige Veranstaltung abgesagt, das Leben geht weiter."


15.32 Uhr: Privorozki: Eltern des Attentäters müssen Pläne geahnt haben
Privorozki legt nun dar, wieso er in diesem Prozess Nebenkläger ist. „Für mich war das nicht selbstverständlich. Ich habe überlegt, ob ich das möchte oder nicht.“ Aber er habe sich dafür entschieden – denn er wolle eine gründliche Aufklärung. Es geht ihm vor allem um die Eltern des 28-jährigen Attentäters aus Benndorf (Mansfeld-Südharz).
„Ich kann mir kaum vorstellen, dass jemand jahrelang zusammen bei seiner Mutter lebt, so etwas heimlich vorbereitet, und Mutter und Vater wissen nicht Bescheid“, sagt Privorozki. Er glaubt, die Eltern des antisemitischen Attentäters „wollten nicht wissen, was ihr Sohn vorbereitet hat“.
Privorozki fragt: „Wir kann es sein, dass man so eine Operation vorbereitet, ohne dass sich die Eltern auch nur Gedanken darüber machen.“ Das erinnere ihn daran, dass Menschen in der Vergangenheit „zwei, drei Kilometer von einem Konzentrationslager entfernt lebten und von nichts wissen wollten“. Privorozki appelliert an die Bundesanwaltschaft, dies aufzuklären.

15:36
Der Zeuge berichtet, dass es im Nachhinein keine Fragen zum Attentat gab, sehr wohl aber zur zukünftigen Sicherheit und wie die Gemeinde den Anschlag aufgenommen hat. 

15:38
Auch über die Häufigkeit der Gefährdungsanalysen kann er keine Angaben machen. "Ich weiß nicht, wer das macht und wie oft das analysiert wird."
Er habe nach dem Attentat auf dem Breitscheitplatz in Berlin habe er offiziell um Unterstützung gebeten, diese sei ihm aber wegen der damals aktuellen Gefährdungsanalyse versagt worden.

15.38 Uhr: Privorozki: Solidarität nach dem Anschlag gibt ihm Hoffnung
Eine Nebenklage-Anwältin fragt Privorozki nach den finanziellen Schäden durch den Anschlag. Beziffern könne er das nicht, sagt er. „Das wäre auch falsch“ angesichts zweier Todesopfer. Dem Gemeindechef ist aber wichtig zu betonen: „Wir haben nicht eine Veranstaltung seitdem abgesagt, die jüdischen Kulturtage waren sehr gut besucht.“ Er sagt: „Das Leben geht weiter.“ Die große Solidarität nach dem Anschlag habe ihm Hoffnung gegeben, erklärt er.

15:41
"Ich fühle mich nach dem 9. Oktober 2020 hier mehr zu Hause, als anderswo. Weil die überwiegende Mehrheit der Menschen gegen Mord, Hass und Nazis sind."

15:42
Der Zeuge wird entlassen. Danach will der Angeklagte eine Erklärung abgeben.

15:44
Es gibt jetzt eine 15-minütige Pause.

15.47 Uhr: Befragung von Privorozki endet versöhnlich
Privorozki mit versöhnlichem Ton. „Ich kann für mich sagen: Nach dem 9. Oktober fühle ich mich hier mehr zu Hause.“ Die Solidarität nach dem Anschlag habe ihm gezeigt: Die Mehrheit der Menschen sei „gegen Hass, gegen Mord, gegen Nazis“. Es folgt eine viertelstündige Pause.

16:02
Die Verhandlung wird fortgesetzt.

16:03
Der Angeklagte: "Ich hatte das in meiner Aussage schon gesagt, ich habe das nicht gewusst, dass die Synagoge benutzt wird. Es gibt in Deutschland viele die als historische Stätten benutzt werden. "
Waren sie denn schon mal in einer anderen Synagoge, fragt die Richterin.
"Nein."

16:06
Bezogen auf die Reisebewegungen des Angeklagten fragt ein Nebenklagevertreter ob er schon einmal im Ausland war.
"Nein. Ich glaube wir waren mal in Frankreich, aber das weiß ich nicht mehr genau. Ansonsten war ich als Kind mal an der Ostsee, kann ich mich dunkel erinnern."

16:07
Jetzt zeigt die Richterin Fotografien des Wohnorts des Angeklagten und verliest die erklärenden Bildunterschriften.
Dazu gibt es Bilder vom Zimmer des Angeklagten.

16:10
Es werden Detailfotos gezeigt. Unter anderem ist ein Stahlhelm zu sehen. "Den habe ich mal gegen vier Flaschen Bier eingetauscht. Das ist nur ein Deko-Artikel."
Richterin: "Die Deko liegt aber im Schrank"
Angeklagter: "Es ist ja nicht jeder Tag Fasching."

16:12
Zu einer Militärjacke sagt der Angeklagte auf die Frage ob er diese oft getragen hat: "Nein, die hing da nur im Schrank."

16:13
Zudem werden Fotos aus dem Keller und der Gartenlaube in Bendorf gezeigt.

16:16
Auf die Frage ob er die Gartenlaube benutzt hat antwortet der Angeklagte: "Für meine Zwecke nein. Ich war ab und zu mal da, wenn meine Mutter da war. Aber sonst nein. Ich mag Gartenarbeit nicht."

16:18
Auch Grundrisse vom Wohnhaus des Vaters des Angeklagten in Helbra werden begutachtet.

16.20 Uhr: Hausdurchsuchung: Angeklagter versteckte „Niete“-Zettel für Polizeiermittler
Das Gericht begutachtet nun Fotos von der Hausdurchsuchung in Benndorf, dem Wohnort des Angeklagten. Sein Zimmer ist klein und spärlich eingerichtet. Bilder zeigen ein halbleeres Regal, darin eine Packung Chinaböller, ein Buch über Handwaffen und Unterlagen seines Mietfahrzeugs. Zwei Stahlhelme hatte er als „Deko“ im Zimmer, bestätigt Stephan B. – einen davon habe er „gegen vier Flaschen Bier eingetauscht“.
Bei der Wohnungsdurchsuchung fanden Polizisten am Abend des 9. Oktober mehrere Zettel mit der Aufschrift „Niete“ – eine Art Witz des Angeklagten, der die Ankunft der Ermittler nach dem Anschlag erwartete.

16:22
Wenn es um die Details geht, was der Angeklagte an bestimmten Orten gemacht und gefertigt hat, wird er sehr auskunftsfreudig.
Bereitwillig beantwortet er Fragen zu den Räumen, die auf den Bildern gezeigt werden.

16:24
Unterschiede stellt die Richterin zwischen der Ordnungsliebe des Angeklagten und dessen Vater fest.
Der Angeklagte: "Wenn ich irgendwo arbeite muss das ordentlich sein."
Sein Vater sei da weniger penibel.

16:32
"Ich habe meine Werkstatt hin und wieder abgeschlossen, zum Beispiel wenn mein Neffe da war. Den Schlüssel hatte ich entweder dabei, habe ihn aber meistens in mein Zimmer gelegt."

16.33 Uhr: Waffenbau: Gericht sichtet Fotos der Werkstatt in Helbra 
Das Gericht begutachtet Fotos der Metall- und Holzwerkstatt des Vaters des Angeklagten in Helbra. Dort soll Stephan B. seine Schusswaffen für den Anschlag zusammengebaut haben. „Sehr akkurat, haben Sie das so hingelegt?“, fragt Richterin Mertens bei der Sichtung der Arbeitsräume. „Ich denke, ja“, sagt der Angeklagte.
Zu sehen sind Werkbänke, Werkzeuge. Teile seiner Waffen hatte der Angeklagte mit einem 3D-Drucker hergestellt. Wie gefährlich die Waffen tatsächlich waren, hatte das Bundeskriminalamt (BKA) bei aufwendigen Schusstests nachgewiesen.

16:34
Auf Nachfrage der Nebenklage: "Ich habe nach jedem Arbeitstag die Werkstatt aufgeräumt, aber nicht immer so gründlich."

Ende der Sitzung
16:35
Richterin Mertens beendet den Verhandlungstag und unterbricht den Prozess bis zum morgigen Tag. Dann geht es um 9.30 Uhr weiter.

16:36
Ich verabschiede mich und wünsche noch einen schönen Abend.
Martin Weigle

16.40 Uhr: Der Prozesstag endet
Damit endet dieser Prozesstag. Ab Mittwoch bearbeitet das Gericht einen neuen Komplex: den tödlichen Angriff des Angeklagten auf den Kiez-Döner in Halle. Überlebende dieses Angriffs sollen aussagen. In dem Imbiss hatte Stephan B. den 20-jährigen Kevin S. erschossen, nachdem sein Anschlag auf die Synagoge in der Humboldtstraße gescheitert war.
Antworten
#33
Ticker Prozeßtag 11 (Teil 1/2)

Ticker von Volksstimme und Mitteldeutsche Zeitung
(Wie kann der Leser Volksstimme und Mitteldeutsche Zeitung unterscheiden? Erstens an der Zeitangabe: VS hat xx:yy Zeitformat; MZ xx.yy. MZ hat zudem hinter der Zeitangabe eine Überschrift)

Für die Volksstimme berichtet Martin Weigle, für die MZ berichten Jan Schumann und Julius Lukas.

https://www.volksstimme.de/sachsen-anhal...cker-tag-4

https://www.mz-web.de/halle-saale/anschl...n-37316086

Darüber hinaus habe ich den Twitter-Kanal von Valentin Hacken (für Radio Corax in Magdeburg) eingepflegt. 

Hervorhebungen (blau) von mir.

Kommentare von mir kennzeichne ich mit >>> am Anfang!

Ich habe diesmal versucht, die Angaben in den Tickern so zu synchronisieren, das sachlich Zusammenhängendes im Text dicht beieinander kommt (… und dabei auf die Zeitangaben gepfiffen).

Vom mdr habe ich folgendes übernommen:
»Er hatte zunächst eine Art Sprengsatz in den Laden geworfen.«

»Imbiss-Besitzer sagen noch nicht aus
Die Inhaber des Kiez-Döner-Imbisses, Ismet und Rifat Tekin, sollten bereits am zehnten Prozesstag aussagen. Ihre Zeugenauftritte wurden jedoch wegen Problemen bei der Organisation des Dolmetschers nach hinten verschoben.«

https://www.mdr.de/sachsen-anhalt/halle/...r-100.html

>>> Die erste Aussage ist falsch. Richtig ist: Er, also Stephan Balliet, wollte … doch der Sprengsatz … besser: die Granate explodierte vor der Tür!

                                                                                                    

06:51
Am heutigen Verhandlungstag kommen zum ersten Mal im Prozess Überlebende aus dem Kiez-Döner zu Wort.
Das Verfahren wird um 9.30 Uhr fortgesetzt.

8 Uhr: Gericht will Angriff auf Kiez-Döner beleuchten
Nachdem es in den vergangenen drei Verhandlungstagen um den Anschlag auf die Synagoge ging, soll am heutigen Mittwoch der Angriff auf den Kiez-Döner an der Ludwig-Wucherer-Straße beleuchtet werden.
Nachdem Stephan B. an der Synagoge scheiterte und Jana L. tötete, fuhr er mit seinem Mietwagen zu dem Döner-Imbiss, wo er Kevin S. erschoss.

8.45 Uhr: Überlebender aus dem Döner-Imbiss soll aussagen
Heute soll unter anderem ein Überlebender aus dem angegriffenen Döner-Imbiss aussagen. Weiter soll eine Frau zu Wort kommen, die durch ein Teil einer Granate verletzt wurde, die der Attentäter auf das Geschäft geworfen hatte. Der ursprüngliche Besitzer, der während des Attentats nicht dort gewesen war, hatte den Imbiss den Mitarbeitern geschenkt, die den Anschlag dort erleben mussten.
Die neuen Besitzer hatten zu Beginn des Jahres von schleppenden Geschäften berichtet, zwischenzeitlich war der Laden eigenen Angaben zufolge geschlossen. In sozialen Netzwerken wird unterdessen zu Spenden für den Laden aufgerufen. Ein Rabbi etwa, der während des Anschlags in der Synagoge war, teilte den Spendenaufruf bei Twitter und bat darum, dem Laden zu helfen.

09:24
Die Tür zum Warteraum, in dem sich der Angeklagte befindet ist bereits geöffnet. Die Verhandlung sollte in den nächsten Minuten fortgesetzt werden.

09:28
Die Richterin betritt den Saal und eröffnet den Verhandlungstag.

09:31
Die erste Zeugin ist eine 78 jährige Rentnerin aus Halle.

09:32
Die Zeugin hatte am 9. Oktober 2019 einen Arzttermin in der Ludwig-Wucherer-Straße. Die Praxis befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Kiez-Döner.

09:33
"Der Mann hatte ein ganz glattes Gesicht, er stand vielleicht nur drei Meter von mir weg."

09:34
"Es gab einen Riesenknall und dann flog etwas an mir vorbei, prallt an der Wand hinter mir ab und dann spürte ich einen Schmerz in meinem Fuß."

09:35
"Ich bin die Straße weiter runter gegangen, dann habe ich aus dem Dönerladen wieder einen Knall gehört und dann habe ich gedacht wieso ruft denn da niemand die Polizei."

09:37
"Ich war erstmal platt, dass das wirklich echt war."

09:37
"Er hat nichts gesagt, ich habe nichts gesagt und das war sicherlich mein großes Glück, denn sonst wäre es mir vielleicht so gegangen, wie der 40-jährigen Frau."

09:38
"In meinem Schuh steckte ein Nagel, der meinen kleinen Zeh verletzt hat, den habe ich unterwegs raus gezogen, aber zu Hause habe ich festgestellt, dass in der Lasche ein weiterer Nagel steckte. Der hat mich aber nicht verletzt. Ich habe dann die 112 angerufen und wurde dann später zur Behandlung ins Bergmannstrost gebracht."

09:41
"Mir wurde bei der Ankunft eine Psychologin gestellt, bevor mich die Chirurgin untersucht hat. Die wollten wohl sicher gehen, dass ich mich aussprechen konnte, falls ich das wollte." "Ich habe seit dem Tag nicht einmal davon geträumt, das wundert mich selber."

09:43
"Ich habe keinen psychologischen Beistand gebraucht. Meine Familie hat sich sehr um mich gekümmert."

9.43 Uhr: Angriff auf Kiez-Döner: 78-Jährige wurde von Sprengsatzteilen getroffen.
Der elfte Prozesstag startet. Erstmals sind Zeugen geladen, die den Angriff auf den Kiez-Döner beleuchten sollen. Als erstes sagt eine 78-jährige Hallenserin aus, die leicht verletzt wurde. Sie war über die Ludwig-Wucherer-Straße gegangen, nahe dem Kiez-Döner, als Stephan B. seinen Angriff startete. „Plötzlich kam ein Mann zwischen den parkenden Autos durch, mit einem gewehrähnlichen Gegenstand“, schildert sie. „Er stand nur drei Meter von mir entfernt.“ Plötzlich sei ein Gegenstand an ihr vorbeigeflogen, dann habe sie einen Schmerz am Fuß gespürt.
Später stellt sich heraus, dass sie von Nägeln eines Sprengsatzes getroffen wurde, den B. auf den Imbiss schleuderte. „Ich habe mich gewundert, dass niemand die Polizei ruft.“ Schnell habe sie sich entfernt, sei in eine Apotheke gegangen. Dort wussten Mitarbeiter bereits, dass zwei Menschen im Stadtgebiet getötet worden waren – darunter auch Kevin S. im Döner-Imbiss.

09:44
"Was genau da passiert ist, habe ich erst aus den Nachrichten erfahren."

09:45
Auf Nachfrage einer Anwältin schätzt die Zeugion die Länge der Nägel auf etwa vier Zentimeter.

09:46
Danach wird die Zeugin von Richterin Mertens entlassen.

9.49 Uhr: Selbstgebauter Sprengsatz: Nägel waren laut Zeugin drei-vier Zentimeter lang
Sie sei leicht verletzt worden, sagt die Seniorin – kein Zehenbruch, keine offene Wunde. Der Sprengsatz, von dem sie getroffen wurde, gehörte zu Stephan B.s selbstgebautem Arsenal. Was die Seniorin zum Zeit des Zusammentreffens nicht weiß: Der antisemitische Attentäter hat gerade erfolglos versucht, die hallesche Synagoge zu stürmen und suchte sich im Frust ein neues Ziel. Im Kiez-Döner wird Stephan B. Momente später einen Menschen töten.
Die Zeugin sagt, die Nägel seien drei bis vier Zentimeter lang gewesen. Einer steckte noch im Schuh, als sie bereits zu Hause war. Zur Bewältigung des Angriffs sagt sie: „Ich habe seither nicht einmal davon geträumt.“

(Twitter V. Hacken)
Heute ist Tag 11 im #HalleProzess. Das Gericht befasst sich heute mit dem Angriff auf den Kiez Döner in Halle und die Taten des Angeklagten davor. Zunächst sagte eine Zeugin aus, die auf der Ludwig-Wucherer-Straße zu Fuß unterwegs war, der Angeklagte lief wie sie sagt kaum drei Meter entfernt bewaffnet in "Montur" an ihr vorbei. Das Gewehr hielt sie erst für ein Gewehr für Kinder, dann hörte sie einen Knall und spürte wie etwas an ihrem Fuß abprallte, schildert sie habe dann starke Schmerzen dort verspürt.
"Ich hab immer gedacht wenn der jetzt schießt, hab mich nicht umgedreht.", sagte die 76 Jahre alte Zeugin über ihre damalige Situation, in der sie auch über ihre farblich auffällige Jacke nachdachte. Sie ging alleine weiter bis zum Reileck in eine Apotheke. 
In ihrem Schuh fanden sich zwei Nägel, einen zog sie noch unterwegs raus. Der Angeklagte hatte eine Nagelbombe Richtung Eingangstür des Kiez Döners geworden, jedoch nicht getroffen. Sie schildert sehr bedacht korrekt zu sein ihre spätere Aussage, Krankenhaus, wie ihr Mann und ihre Familie sich um sie gekümmert haben. Erst später habe sie mitbekommen und verstanden, dass andere an diesem Tag getötet wurden. Sie sagt über diesen Tag, an dem sie "nur" verletzt wurde, "...habe gedacht, das ist dein zweiter Geburtstag." 5/
https://mobile.twitter.com/valentinhacke...736896?p=v #1-5

>>> Die Apotheke(n) am Reileck ist vom Döner wenigstens 500 Meter entfernt.

09:47
Es geht direkt mit dem nächsten Zeugen weiter.

09:48
Der Zeuge ist ein 74-jähriger Ruheständler.

09:49
Er ist ein ehemaliger Professor an der Universität Göttingen.

Richterin. "Doktor oder Professor, Professor, oder?
Zeuge: "Professor, wenn es der Wahrheitsfindung dient."

09:51
"Ich habe einen Kurzzeitparkplatz vor dem Döner gefunden und bin dann in den Laden rein."

10.11 Uhr: War im Kiez-Döner: Hochschulprofessor sagt aus
Zweiter Zeuge ist ein Hochschulprofessor, der während des Attentats im Döner-Imbiss war. Der 74-Jährige befand sich in Halle, weil er an einer Konferenz in der Naturforscherakademie Leopoldina teilnahm. Vor diesem Treffen wollte er noch schnell einen Imbiss nehmen. Er parkte in der Ludwig-Wucherer-Straße und ging in den Kiez-Döner. Dort musste er etwas auf sein Essen warten, weswegen er erst einmal die Toilette benutzte. „Das sollte mir später noch nutzen“, so der Mann.

09:51
"Ich habe die Wartezeit genutzt und bin auf die Toilette des Ladens gegangen. Ich bekam danach mein Essen und setzte mich." 

09:53
"Es gab dann einen Knall und ich dachte 'Welcher Idiot zündet denn jetzt hier einen Polenböller'."

10.20 Uhr: Zweiter Zeuge: „Ich dachte, Halloween wurde vorgezogen.“
Der pensionierte Hochschullehrer erzählt nun sehr anschaulich von seinem Erleben des Attentats: Nachdem er sein Essen bekommen hatte, seien noch zwei Männer in den Imbiss gekommen, die er als Maler erkannte. „Dann hörte ich plötzlich eine Knall und ich dachte nur: Welcher Idiot zündet denn jetzt einen Polenböller“, berichtet der Hochschulprofessor. „Ich sah nach dem Knall hoch, dann flog schon der erste Schuss durch die Fensterscheibe. Ich war völlig fasziniert von dem zerspringenden Glas.“
Er habe das Geschehen erst nicht als Bedrohung wahrgenommen, sagt der Naturwissenschaftler. Auch noch nicht, als dann der Attentäter durch die Tür kam. „Ich dachte, Halloween wurde vorgezogen. Er hielt in der Hand einen Gegenstand, den ich für ein Paintball-Gewehr hielt. Ich stellte keinen Zusammenhang zwischen dem Schuss durch die Scheibe und den Mann her.“

>>> Es wurde nur die äußere Scheibe des Mehrscheibenfensters zerstört.

09:54
"Es gab einen Schuss und die rechte Fensterscheibe des Ladens zersplitterte wie in den bekannten Zeitlupen. Als Naturwissenschaftler war ich davon völlig fasziniert."

09:55
"Merkwürdig an dem Tätergesicht war, dass er einen schnutigen Mund hatte. Ich würde es als einen Ausdruck wilder Entschlossenheit bezeichnen. Einer der anwesenden Kunden, ein Maler brüllte dann 'Alles raus hier, der wird uns alle umbringen'."

10.29 Uhr: „Ich wusste, dass das eine Mausefalle ist“
Den Attentäter konnte der Hochschullehrer nicht genau erkenne. Woran er sich erinnert, ist ein „schnutiges“ Gesicht. Die Unterlippe von Stephan B. sei nach vorne gezogen gewesen. „Es war ein Ausdruck großer Entschlossenheit“, so der 74-Jährige. Aus seiner „Faszination für die Situation“ wurde der Professor durch den älteren der beiden Maler gerissen.
„Der rief plötzlich: ‚Raus hier, der erschießt uns sonst‘ – dafür bin ich ihm bis heute zutiefst dankbar, weil er mich aus meiner staunenden Fassungslosigkeit befreite.“ Er habe sich dann aus seinem Sitzplatz „geschält“ und nicht mehr mitbekommen, was im Imbiss passierte.
Denn er lief aus dem Verkaufsraum raus in den hinteren Teil des Ladens – dort wo auch die Toiletten sind. „Die vermied ich aber, denn ich wusste ja, dass das eine Mausefalle ist. Und wer, wie der Attentäter, wild entschlossen ist, Menschen zu töten, der schießt auch durch eine Toilettentür durch.“

09:58
"Ich hörte dann im laufen dann noch die Schüsse, diese klangen für mich alle gleich. Ich floh dann in die hinteren Räume und vermied dabei die Toilette, denn das war für mich eine Mausefalle, dort gab es kein rauskommen. Ich wurde von einem anderen Mann überholt und der Mann öffnete eine Tür, die zu einem Innenhof führte."

10.47 Uhr: Zeuge hörte Opfer um sein Leben flehen
Auf seiner Flucht aus dem Verkaufsraum des Imbiss begegnete dem Hochschulprofessor dann einer der beiden Maler. Diesem folgte er in eine große Kammer, in der es ein Fenster zum Hinterhof gab. „Der Maler sprang auf eine Mülltonne, die dort stand, flüchtete durch das Fenster und war weg. Ich konnte ihn nicht mehr sehen und entschied mich, ihm zu folgen.“
Beim Sprung auf die Tonne rutschte der 74-Jährige jedoch ab und zog sich eine heftige Prellung an der Seite zu. „Ich konnte zunächst erst einmal nicht atmen und von diesem Moment an weiß ich, dass ich eine furchtbare Angst hatte, dass der Attentäter hinterher kommt. Ich hatte zuvor auch jemanden rufen gehört: ‚Bitte nicht schießen‘. Und ich glaube, ich hörte auch: ‚Aber ich habe doch Kinder‘.“

10:00
Ich sprang durch die Tür auf eine unten stehende Mülltonne und fiel dann aber von der Mülltonne auf die Seite und zog mir dabei eine schmerzhafte Prellung zu."

10:01
"Ich hörte bei der Flucht noch jemanden rufen 'Nein, bitte nicht schießen'."

10:02
"Das weitere Schüsse zu hören waren, hat mich vermuten lassen, der Täter könnte hinterher kommen. Ich hatte eine furchtbare Angst."

10:03
"Eine Dame in einem Auto auf dem Innenhof hat beruhigend auf mich eingeredet, ich habe das überhaupt nicht verstanden."

11.12 Uhr: Kollege machte sich Vorwürfe nach dem Tod von Kevin S.
Während er noch im Abstellraum im hinteren Teil des Imbiss war, hörte der pensionierte Hochschullehrer mehrere Schüsse. Er habe sich nach seinem Sturz schnell aufgerappelt und sei über die Tonne in den Hof gelangt. „Ich wollte die 110 mit meinem Telefon anrufen, aber das gelang mir nicht. In einem Auto auf dem Hinterhof sah ich eine Frau sitzen, die dann die Polizei informierte.“
Bis die Schüsse aufhörten, hielt der 74-Jährige sich mit der Frau auf dem Hinterhof auf. „Dann schauten wir durch das Tor und sahen draußen Polizisten.“ Sie gingen auf die Straße, wo ein großes „Gewusel“ geherrscht habe. „Dort traf ich dann auch den Maler wieder. Dessen Chef war auch da, der sagte: ‚Das ist ja entsetzlich, der Junge hat doch gerade erst angefangen, ich weiß noch nicht einmal, wo seine Mutter wohnt‘.“
Bei dem Gespräch sei es um den Malerlehrling Kevin S. gegangen, der im Döner-Imbiss erschossen worden war. Der Hochschullehrer im Zeugenstand erinnert sich zudem, dass der Maler, dem er in den Abstellraum gefolgt war, sagte: „Wenn ich nur meine Bemmen dabei gehabt hätte, dann wären wir nicht in den Döner gegangen.“

10:05
"Für mich waren die Schüsse der Polizei nicht von denen des Attentäters zu unterscheiden."

10:05
"Die Polizei hat die Situation versucht zu ordnen, dass hat sie teilweise in einem sehr barschen Ton getan. Ich habe dafür Verständnis."

10:07
"Wir wurden dann gebeten uns in ein gegenüberliegendes Asia-Restaurant zu begeben. Dort wurden wir versorgt."

10:08
Der Zeuge berichtet, dass sich der andere Mann bittere Vorwürfe machte, weil er mit Kevin S. nur in dem Döner-Imbiss war, weil er seine Pausenbrote nicht dabei hatte.

10:10
"Eine Frau zeigte mir dann ein Handyfoto, als ich fragte, ob der junge Mann tatsächlich gestorben war. Das fand ich unglaublich, dass man vor der Polizei Tatortfotos machen konnte."

10:13
"Eine ziemlich lange Zeit habe ich sehr schreckhaft auf laute Geräusche aus dem Hintergrund reagiert."

10:13
Der Angeklagte nimmt die Ausführungen regungslos hin.
Martin Weigle

11.16 Uhr: Zeuge brauchte lange, um die Tat zu verarbeiten
Wegen seiner Erlebnisse habe er Beruhigungsmittel bekommen, berichtet der 74-jährige Professor im Zeugenstand. Er berichtet, dass er die Geschehnisse auch mit viel Arbeit verarbeitet habe. Zeitweise sei er sehr empfindlich bei lauten Geräuschen gewesen. Mittlerweile gehe es ihm aber wieder gut. Professionelle therapeutische Hilfe habe er nicht in Anspruch genommen. „Als erzogener Preuße wird das alles bewältigt, man macht da nicht so viel Aufhebens um sich.“

10:14
Zeuge: "Das sind opiumhaltige Schmerzmittel, kann ich nur empfehlen, dass nennt man glaube ich eine gute Dröhnung."
Richterin. "Das vertrage ich nicht."

10:17
Der Zeuge berichtet, am Sonntag nach dem Attentat in Halle vom BKA vernommen worden zu sein. Bereits am Sonnabendabend habe ihn jemand von der Presse an seiner Privatadresse aufgesucht.

10:15
"Über die Presse habe ich mich geärgert." "Die Unverfrohrenheit jemanden ungefragt zeitlich so nah ohne Voranmeldung zu behelligen."
"Wie konnte es möglich gewesen sein, dass meine Privatadresse herausgekommen ist?"

>>> Die zuvor stehenden drei Zeitangaben sind exakt in der Reihenfolge wie der Volksstimme-Ticker sie anzeigt. 


(Der mdr dazu)
Zeuge kritisiert die Presse
Der Professor erzählte und kritisierte, dass ein Journalist eines überregionalen Mediums ihn wenige Tage nach dem Anschlag abends an seiner Privatadresse aufgesucht habe.
Er vermute, dass es einen Zugang zur Ermittlungsakte oder zu seiner polizeilichen Aussage gegeben haben müsse. Er habe mehrmals bei der Polizei ausgesagt, zweimal am Tag des Anschlags. Noch vor der dritten Aussage am Sonntag sei der Journalist am Samstagabend bei ihm aufgetaucht.
(/mdr)

10:21
Der Zeuge erklärt anhand einer Skizze die örtlichen Begebenheiten in dem Döner-Imbiss. Er kann sich sehr gut an die Einzelheiten erinnern und beschreibt die Situation sehr lebensnah.

10:23
"Ich kann zu der Scheisserei im Laden wenig sagen, da ich mit der Flucht beschäftigt war. Ich habe auch keine Ahnung, ob der Täter mich erschiessen wollte."

10:26
"Ich bin insgesamt drei Mal zu der Sache befragt worden."

10:29
Die Aussage des Zeugen, ist sehr sachlich und fundiert. Er weiß zu jeder Zeit, die Handlungen der Polizei und Rettungskräfte einzuschätzen und zieht richtige Schlussfolgerungen daraus.

>>> Das scheint ein wichtiger Unterschied zwischen den Beobachtungen eines Naturwissenschaftlers und denen von Journalisten zu sein: Die einen »beleuchten« und die anderen sind »sachlich und fundiert«!

10:34
Der Verteidiger fragt den Zeugen, ob er wahrgenommen habe, dass der Angeklagte auf ihn versucht habe zu schiessen. "Nein, ich konnte ja nicht sehen, was hinter mir passiert", so die Antwort.

10:36
"Ich erwarte von dem Prozess, dass am Ende klargemacht wird, dass hier ein zutiefst verabscheungswürdiges Verbrechen vorliegt, dass aus der Mitte der Gesellschaft hervorgebracht wurde."

10:39
"Ich möchte gerne, dass dem Täter deutlich gemacht wird, dass er sich auf einen völlig abwegigen Entwicklungsweg begeben hat und dass das nichts mit unserem Empfinden von Recht zu tun hat."

10:42
"Diese Anmaßung jemanden wegen seines Glaubens, jemanden wegen seiner Herkunft das Lebensrecht abzusprechen, geht gar nicht. Deshalb habe ich beschlossen mich der Nebenklage anzuschliessen."

10:43
Danach wird der Zeuge von der Richterin entlassen. Es gibt wieder Applaus, dieses Mal unterbindet die Richterin dies mit den Worten: " Ich hatte schon gesagt, dass ich Applaus hier nicht wünsche."

11.34 Uhr: Zeuge zweifelt: Wusste wirklich niemand von den Anschlagsplänen?
Nach der Befragung des Hochschullehrers durch die Richterin will der Verteidiger von Stephan B. wissen, ob der Zeuge wahrgenommen habe, dass auf ihn geschossen wurde. „Nein, das habe ich nicht wahrgenommen, aber mittlerweile weiß ich, dass wohl zwei Mal auf mich geschossen wurde.“
Anschließend fragt ein Nebenklageanwalt noch, wie der Hochschullehrer den Prozess bisher empfunden habe und was er sich vom Verfahren erhoffe. „Mir steht ein Urteil über ein Gerichtsverfahren nicht zu. Das ist auch das erste Strafverfahren, an dem ich überhaupt teilnehme“, sagt der 74-jährige Professor.
Zur Frage, was er sich vom Verfahren erwarte, nimmt er dann länger Stellung. Er erhoffe sich, dass der Gesellschaft klargemacht werde, „dass hier ein zutiefst verabscheuungswürdiges Verbrechen vorliegt. Und dass dieses Verbrechen aus der Mitte der Gesellschaft, einer vielleicht etwas schlafmützige Gesellschaft heraus, geschehen ist.“ Es sei für ihn schlecht vorstellbar, sagt der Zeuge, „dass über die Dauer der Zeit der Angeklagte mit seinen Vorbereitungen und Hirngespinsten, seiner Gefangenheit in einer völlig irrigen Denkweise, dass er in eine solche Entwicklung ohne Wahrnehmung seiner direkten Umwelt reingekommen sein soll.“
Zudem erhoffe er sich, meint der Zeuge, dass dem Täter klar wird, dass er sich er sich auf einen in unserer Gesellschaft völlig abwegigen Weg begeben hat, die mit unserer Rechtsordnung und den moralischen Vorstellungen nichts zu tun hat.“ Eine friedliche und prosperierende Gesellschaft könne es nur geben, wenn sich Menschen gegenseitig achten.

(Twitter V. Hacken # 6-15)
Der zweite Zeuge war wegen einer Redaktionskonferenz für eine wissenschaftliche Veröffentlichung in Halle, der Professor im Ruhestand besuchte den Kiez Döner zufällig, weil davor ein Parkplatz frei war. Er berichtete, wie zunächst zwei Menschen in Arbeitskleidung den Kiez Döner betraten, die er als Maler erkannte. Einer von ihnen war der später getötete Kevin Schwarze. Dann hörte der Zeuge einen Knall, dachte erst an einen Böller. Danach sah er einen Schuss durch die Schaufensterscheibe, war erst fasziniert vom Splittern der Scheibe, ohne schon zu realisieren, was geschah. Dann betrat der Angeklagte bewaffnet den Kiez Döner, auch da stellte der Zeuge noch keinen Zusammenhang mit dem Schuss durch die Scheibe her. Erst, als einer der Maler rief "Raus hier, der erschießt uns alle". Bis heute sei er dem Mann dankbar, der ihn mit diesen Ruf dazu brachte aufzustehen, zwischen den Tischen durchzugehen und dem Maler in einen Abstellraum zu folgen. Der Maler öffnete ein Fenster und sprang heraus, auf eine unter dem Fenster stehende Mülltonne. Der Zeuge folgte ihm, verletzte sich jedoch bei dem Sprung und hatte daher erhebliche Schmerzen. 
Aus dem Hinterhof hörte er die Schüsse im Kiez Döner, erinnert sich an Rufe. Später als die Polizei schon vor Ort war, habe er mehr über Kevin Schwarze von dessen Chef erfahren, dass er erst seit wenigen Tagen die Stelle hatte, dass sein Chef sich Vorwürfe mache, dass sie überhaupt Essen geholt hätten. 
Der Zeuge zeigt sich verärgert, dass kurz nach dem Anschlagstag @SPIEGELTV bei ihm zuhause aufgetaucht sei um ihm Fragen zu stellen, vermutet seine Adresse sei von der Polizei weitergegeben worden. 
Was er nicht beobachten konnte, da er in der Situation dem Angeklagten den Rücken zuwandte, dass dieser ansetzte um auf ihn zu schießen. 
Zum Ende seiner Aussage formuliert er seine Erwartung, "...dass am Ende des Verfahrens klar gemacht wird, dass hier ein zutiefst verabscheuungswürdiges Verbrechen vorliegt. Dass hier etwas aus der Mitte der Gesellschaft heraus geschehen konnte".  
Der Zeuge bezweifelt, dass das Umfeld des Angeklagten keine Wahrnehmung davon gehabt haben könne, was der über lange Zeit vorbereitet hatte. Er verweist zum Ende noch auf die Werte des Grundgesetzes, Art. 1-20, sagt, er wolle dem Angeklagten als Teil der Zivilgesellschaft entgegentreten. 
Derzeit nimmt das Gericht ein Video in Augenschein, dass der Angeklagte mit einer Bodycam aufgenommen hatte, die er zusätzlich zur Helmkamera trugt, mit der er seine Taten live streamte. 
(/Twitter)

10:44
Die Richterin ruft anschließend eine viertelstündige Pause aus.

11:10
Der Angeklagte ist wieder im Saal , die Verhandlung wird bald fortgesetzt.

11:16
Die Verhandlung wird fortgesetzt

11.39 Uhr: Gericht zeigt Aufnahmen der Bodycam von Stephan B.
Nachdem die Vernehmung des zweiten Zeugens beendet ist und es eine kurze Pause gab, wird nun ein Video des Attentats gezeigt. Es stammt von einer Kamera, die Rechtsterrorist Stephan B. am Oberkörper trug. Zuvor war an einem der ersten Prozesstage nur das Video der Helmkamera gezeigt worden. Im Gerichtsaal ist es sehr ruhig, auf mehreren Bildschirmen ist das Video zu sehen. Eine der Nebenklägerinnen verlässt den Saal, nachdem Stephan B. im Kiez-Döner auf Kevin S. geschossen und ihn damit getötet hat.

11:17
Es wird jetzt ein Video gezeigt, das von der Kamera stammt, die an der Jacke des Angeklagten angebracht war.

11:18
Es beginnt mit einem Bild auf ein Laptop. Im Off ist die Stimme des Angeklagten zu hören. Er ist ungeduldig, weil die Technik nicht schnell genug reagiert. Der Sprecher in dem Video spricht eine Mischung aus englisch und deutsch.

11:20
Man sieht, wie der Angeklagte Vorbereitungen für seinen Angriff vornimmt. Er sitzt in einem Auto und sortiert seine Sachen und Waffen.

11:22
Er steht an einer roten Ampel unweit des Wasserturms in Halle und fährt dann los. "Bitte lass die Tür offen stehen" ist zu hören und dann "Zu. Fuck. Scheiß druff."

11:23
Ein erster Knall ist zu hören.

11:25
Man sieht, wie versucht wird das Tor zum Friedhof aufzusprengen. Dann hört man den Knall der Explosion. Dann ist ein Satz aus dem Hintergrund zu hören. "Muss das sein wenn ich hier lang gehe. Mann ey." Dann sind Schüsse aus einem Maschiengewehr zu hören.

11:27
Die Kamera liefert nur Nahaufnahmen des Oberkörpers des Täters. Immer wieder sind Schüsse zu hören.

11:28
Jetzt war zu sehen, wie der Täter einen Sprengsatz zündet und über die Mauer wirft. Eine Explosion ist nicht zu hören.

11:29
"Verkackt, na was willste erwarten. Naja fahren rüber zu den Kanacken." Diese Wortfetzen hört man bevor der Täter ins Auto steigt und losfährt. Dann ist noch "Versager, mann" zu hören. Dann gibt es eine Entschuldigung auf englisch an sein "Publikum".

11:31
Beim Eintreffen am Döner-Imbiss sagt der Täter: " Döner. Nehmen wir."

11:32
Im Döner-Imbiss sind die Schreie der Menschen zu hören. Die Kamera zeigt, dass die Waffe des Täters einige Ladehemmungen hatte. Beim Anlegen auf die fliehenden Menschen versagt sie mehrfach. Trotzdem fällt noch ein Schuss. Dann verstummen die Schreie.

11:34
Jetzt ist nur ein schwarzes Bild zu sehen. Im Hintergrund läuft poppige Musik. "Shit, mann", ruft der Täter.

11.44 Uhr: Anschlagsvideo wird in voller Länge gezeigt
Phasenweise ist auf dem Video nur ein schwarzes Bild zu sehen – etwa wenn Stephan B. sich im Auto befindet. Dass das Video trotzdem in voller Länge gezeigt wird und auch die Taten damit noch einmal in ihrer ganzen Brutalität sichtbar werden, hängt damit zusammen, dass das Video ein Beweismittel ist und deswegen in den Prozess eingeführt werden muss. Nur so kann sich bei Anträgen, Plädoyers und schließlich auch beim Urteil auf dieses Video bezogen werden.

11:38
Die Kamera zeigt weiter kein erkennbares Bild im Hintergund sind jetzt Schussähnliche Geräusche zu hören. Die Musik spielt weiter.

11:41
Im Saal ist es vollkommen still. Es sind nur die Geräusche des Videos zu hören. Der Angeklagte zeigt keine Regung, während das Video abgespielt wird.

11:42
Es sind Fahrgeräusche zu hören. Offensichtlich ist das schon während der Flucht des Täters. Bilder liefert die Kamera nicht.

11:46
Es sind schwach Stimmen zu hören, die aber von der Musik sowie von ebenfalls zu hörenden Radionachrichten übertönt werden. Es ist weiter nur Schwarzbild zu sehen.

11:51
Jetzt ist der Angeklagte zu sehen. Er spricht zu seinem "Publikum" und berichtet aud englisch, dass seine Waffen versagt haben und seine Sprengstoffe nicht funktioniert haben. er sagt noch, dass er ein "Loser" ist, aber Menschen zu töten gar nicht schwer sei. Er fühle sich nicht anders als vorher. Während er mit dem Auto flüchtet sprciht er weiter in die Kamera.

11:54
Der Angeklagt sieht sich im Saal die Aufnahmen aufmerksam an. Er kaut auf seinem Kiefer herum und stützt das Kinn auf seine Faust.

11:55
"Ich habe auf so vielen Ebenen versagt" klagt er im Video weiter und versucht Erklärungen für sein "Versagen" zu finden.

12:01
In einem weiteren Mitschnitt regt sich der Angeklagte über Menschen auf, die ihn bei seiner Tat und Flucht behindert haben. "Warum müssen die immer so einen Aufriss machen?"

12.10 Uhr: Video zeigt Attentäter weinerlich und hadernd
Nachdem das Bild lange schwarz war, dreht Stephan B. die Kamera, sodass er zu sehen ist. Man kann den Attentäter bei der Fahrt beobachten. Es sind Szenen, die auf dem ersten Video nicht enthalten sind, da der Rechtsterrorist die Helmkamera zu diesem Zeitpunkt schon abgesetzt hat. Allerdings sind diese Autofahr-Sequenzen wenig inhaltsreich.
Stephan B. zeigt sich weinerlich und hadert damit, dass er seinen Plan, in die Synagoge zu gelangen, nicht ausführen konnte. Noch bevor Stephan B. festgenommen wird, stoppt das Video. Damit geht die Verhandlung in die Mittagspause. Gegen 13.30 Uhr wird mit dem dritten Zeugen des Tages fortgesetzt.

12:03
Damit ist die Sichtung der Videos beendet. Die Richterin unterbricht die Sitzung bis 13.15 Uhr. 

(Twitter V. Hacken # 16)
Die Sitzung ist nun bis 13:15 Uhr unterbrochen.
(/Twitter)
Antworten
#34
Ticker Prozeßtag 11 (Teil 2/2)

Ticker von Volksstimme und Mitteldeutsche Zeitung
(Wie kann der Leser Volksstimme und Mitteldeutsche Zeitung unterscheiden? Erstens an der Zeitangabe: VS hat xx:yy Zeitformat; MZ xx.yy. MZ hat zudem hinter der Zeitangabe eine Überschrift)

Für die Volksstimme berichtet Martin Weigle, für die MZ berichten Jan Schumann und Julius Lukas.

https://www.volksstimme.de/sachsen-anhal...cker-tag-4

https://www.mz-web.de/halle-saale/anschl...n-37316086

Darüber hinaus habe ich den Twitter-Kanal von Valentin Hacken (für Radio Corax in Magdeburg) eingepflegt. 

Hervorhebungen (blau) von mir.

Kommentare von mir kennzeichne ich mit >>> am Anfang!

Ich habe diesmal versucht, die Angaben in den Tickern so zu synchronisieren, das sachlich Zusammenhängendes im Text dicht beieinander kommt (… und dabei auf die Zeitangaben gepfiffen).

                                                                                                    


13:06
Die Zuschauerreihen füllen sich langsam wieder. Die Verteidiger und die Vertreter der Bundesanwaltschaft sind bereits im Saal. Der Angeklagte wird gerade wieder hereingeführt. Die Verhandlung wird in wenigen Minuten fortgesetzt.

13:16
Die Richterin und ihre Beisitzer betreten den Saal. Die Sitzung wird jetzt fortgesetzt.

13:16
Der nächste Zeuge ist ein 37-jähriger Kriminalkommissar des Landeskriminalamtes.

13.29 Uhr: Spurensicherung berichtet über Arbeit auf der LuWu
Nach der Mittagspause nimmt ein Beamter des Landeskriminalamts im Zeugenstand Platz. Er soll über die kriminalistische Arbeit am Tatort in der Ludwig-Wucherer-Straße berichten. Am 9. Oktober sei die Priorität zuerst gewesen, Spuren und Beweise im Bereich der Straße zu sichern. „Da Regen und ein Gewitter aufzogen, waren wir ein bisschen unter zeitlichem Druck.“ Auf einer Strecke von 180,5 Meter wurden auf der Straße Asservate – also Beweismittel – gefunden. Luftbilder wurden angefertigt sowie jedes sichtbare Einschussloch notiert.

13:19
Der Zeuge hat Fotografien im Bereich des Tatortes an der Ludwig-Wucherer-Straße in Halle angefertigt. Er war am 9. Oktober 2019 gegen 16.15 Uhr am Tatort an. Und hatte am 15. Oktober eine zweite Tatortbegehung.

13:20
"Wir hatten Zeitdruck, da wir wussten, dass es regnen und gewittern sollte. Priorität hatte also die Sicherung der Beweise auf der Straße«.

13:22
"Die letzten Asservate, die wir finden konnten lagen im Bereich der Ludwig-Wucherer-Straße 13 und 14."

13:23
Der Zeuge beschreibt das Vorgehen der Spurensicherung an dem Tag. Es kamen unter anderem Laserscanner und eine Drohne zum Einsatz.

13:26
Es werden Luftaufnahmen der Ludwig-Wucherer-Straße gezeigt. Diese wurden mit einer Drohne aufgenommen, um anschließend besser die Fundorte der einzelnen Spuren verzeichnen zu können.

13:30
Zuerst werden die Spuren markiert und anschließend werden Luftaufnahmen für die Übersichtskarte gefertigt, erklärt der Beamte das Vorgehen der Spurensicherung.

13:32
Jetzt werden Detailaufnahmen der Spuren betrachtet. Der Zeuge erklärt, dass es sich hauptsächlich um Muntionsrückstände und Metallkugeln- und Splitter handelte.

13:33
Bei der Spurensicherung begann es zu regnen und es wurde dunkel. Aus diesem Grund sind die Fotos zur Beweissicherung etwas undeutlich.

13:36
In einigen Detailaufnahmen sind in Einschusslöchern noch Projektile zu erkennen, die darin stecken geblieben sind.

13:39
Bei Nachfragen zu bestimmten Spuren, verweist der Zeuge auf die detaillierte Liste. Darin seien die Spuren genau vermerkt und beschrieben.

13:42
Der Angeklagte berichtet, dass durch eine Spezialeinheit für Sprengstoffe die Lage und Position des Leichnams in dem Imbiss verändert wurde, da nicht ausgeschlossen  werden konnte, dass sich dort noch Sprengvorrichtungen befanden.

13:44
Die Vorsitzende schaltet jetzt die Bildschirme für die Öffentlichkeit aus Pietätsgründen aus. Die jetzt besprochenen Bilder zeigen Bilder des Leichnams.

13:48
Der Zeuge beschreibt detailliert den Tatort und die Spuren die im Imbiss genommen wurden.

13:49
Insgesamt haben sechs Beamte den Tatort untersucht und die Spuren gesichert.

13:50
Auf Nachfrage sagt der Zeuge, dass er sich erinnert, dass das Einschussloch in der Scheibe am Imbiss in etwa Brusthöhe befand.

13.56 Uhr: Gericht sichtet jede Spur rund um den Kiez-Döner
Jede einzelne Spur, die die Tatortgruppe gesichert hat, wird jetzt auf den Bildschirmen im Gerichtssaal in Augenschein genommen. Bei den Innenaufnahmen aus dem Dönerimbiss werden die Bildschirme, die im Besucherraum hängen, ausgeschaltet. Hintergrund ist, dass die Fotos auch den Leichnam von Kevin S. zeigen.
Dessen Position sei verändert worden, bevor die Tatortgruppe ihre Arbeit aufnahm. Das geschah, weil nicht sicher war, ob der Attentäter im Laden noch Sprengkörper deponiert hatte. Erst nachdem das ausgeschlossen war, konnte die Tatortgruppe ihre Arbeit aufnehmen. Nach etwa 25 Minuten wird der Beamte aus dem Zeugenstand entlassen. Die Verhandlung wird abermals unterbrochen, da Zeugen kurzfristig abgesagt hatten und der nächste erst um 15 Uhr geladen ist.

13:51
Der Zeuge ist danach entlassen. Da der letzte geladene Zeuge noch nicht da ist, unterbricht die Richterin bis 14.30 Uhr. Der Zeuge soll laut Ladung um 15 Uhr vor Gericht erscheinen.

13:54
In der Verhandlungspause betrachtet die Richterin nochmals einige Videosequenzen. Schussgeräusche sind noch über die Lautsprecheranlage im Gerichtssaal zu hören.

14:32
Die Fortsetzung der Verhandlung verzögert sich noch etwas. Der Zeuge ist noch nciht eingetroffen.

14:42
Der Zeuge ist eingetroffen und hat auf der Zeugenbank Platz genommen. Die Sitzung wird vermutlich gleich fortgesetzt.

14:46
Richterin Mertens ist zurück und setzt die Verhandlung fort.

14:47
Der Zeuge ist ein 26-jähriger Student aus Halle.

14.56 Uhr: 26 Jahre alter Anwohner im Zeugenstand
Ein 26-jähriger Student ist jetzt im Zeugenstand. Er wohnt unweit des Döner-Imbiss. „Ich wollte nach Merseburg fahren, wo ich studiere.“ Dann habe er den Angeklagten gesehen und gemerkt, dass dieser eine Waffe bei sich trage. „Ich hatte nur kurzen Augenkontakt mit ihm und wollte dann sofort weg“, sagt der Student. Er wisse, dass auf ihn geschossen wurde. Er drehte sich aber nicht wieder um und lief bis zum Hauptbahnhof, wo er Polizisten über den Vorfall informierte. „Hatten Sie Todesangst“, fragt die Richterin. „Ja“, sagt der Zeuge.

>>> Es sind übrigens 2,1 Kilometer zum Hbf! 

14:48
"Ich war auf dem Weg nach Merseburg, weil ich dort studiere und dann habe ich ihn gesehen und ich glaube er hat auf mich geschossen. Dann bin ich nur noch weggelaufen bis zum Steintor und dann habe ich die Polizei gerufen."

14:50
"Ich hatte nur einmal Augenkontakt und dann bin ich weggelaufen. Ich habe auch Schüsse gehört."

14:51
"Ich bin dann direkt zur Polizei im Bahnhof gelaufen. Ich wusste dass da immer ein Polizist ist."

14:52
"Ich weiß nicht, was er in den Händen hatte, ich kann mich nicht erinnern."

14:53
"Als ich dann später in den Nachrichten gehört habe, das jemand gestorben ist, habe ich mir gedacht, dass das eine Waffe war."

14:54
"Manchmal habe ich Albträume", sagt der Zeuge.

>>> Faszinierend die journalistischen Zeugen! Der eine hört »Ich glaube«, der andere »Er wisse«, daß auf ihn geschossen wurde. Usw.

14:55
Die Anwälte haben keine Nachfragen an den Zeugen. Die Richterin entlässt ihn deshalb.

14:56
Die Richterin schließt die Verhandlung und erklärt mit Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag am kommenden Dienstag, dass dann unter anderem der Vater des getöteten Kevin S. aussagen wird.

14:57
Ich verabschiede mich und wünsche noch einen schönen Nachmittag beziehungsweise Abend. 
Martin Weigle

14.59 Uhr: Der elfte Prozesstag endet
Damit endet der 11. Prozesstag, der etwas kürzer als die vorherigen ausgefallen ist. Am kommenden Dienstag geht es weiter. Dann wird unter anderem der Vater des im Imbiss getöteten Kevin S. vernommen.
Antworten
#35
Zitat:
"14:51
Der Zeuge [Privorozki] berichtet, dass an dem Tor zum Friedhof durch eine Sprengvorrichtung Schäden entstanden sind. "Das Tor hatte vorher keinen Spalt.""

Das ist falsch. Im Tätervideo ist klar zu erkennen, daß sich das Friedhofstor bereits vor der "Explosion" einen beachtlichen Spalt öffnen ließ, als Balliet versucht, das Tor zu öffnen. Sollte dem auf Sicherheit bedachten Gemeindeleiter der Bewegungsfreiaum der Verriegelung wirklich unbekannt gewesen sein?

Für die Videoanalyse ist wichtig, daß Balliet nicht nach oben schaut, um den Grund für diese Spaltöffnung zu untersuchen und ggf. dort seine "Sprengvorrichtung" anzubringen oder das Tor in anderer Form aufzubekommen. Der Blick dahin, "wo es klemmt", wäre in so einer Situation natürlich und reflexhaft.
Antworten
#36
(11.09.2020, 09:09)kalter hornung schrieb: Zitat:
"14:51
Der Zeuge [Privorozki] berichtet, dass an dem Tor zum Friedhof durch eine Sprengvorrichtung Schäden entstanden sind. "Das Tor hatte vorher keinen Spalt.""

Das ist falsch. Im Tätervideo ist klar zu erkennen, daß sich das Friedhofstor bereits vor der "Explosion" einen beachtlichen Spalt öffnen ließ, als Balliet versucht, das Tor zu öffnen. Sollte dem auf Sicherheit bedachten Gemeindeleiter der Bewegungsfreiaum der Verriegelung wirklich unbekannt gewesen sein?

Für die Videoanalyse ist wichtig, daß Balliet nicht nach oben schaut, um den Grund für diese Spaltöffnung zu untersuchen und ggf. dort seine "Sprengvorrichtung" anzubringen oder das Tor in anderer Form aufzubekommen. Der Blick dahin, "wo es klemmt", wäre in so einer Situation natürlich und reflexhaft.

Stimmt. 07:41 versucht Balliet die Tür mit der Hand aufzudrücken. Sie gibt nach. Warum er sich nicht mit dem ganzen Körper dagegen wirft oder wenigstens nachschaut, wo es klemmt ... ist unverständlich.

[Bild: attachment.php?aid=2916]

Die beiden Fotos im Anhang sind vom 18.11.2019 (11:51 Uhr). Sie zeigen die Tür wieder spaltlos verschlossen!


Angehängte Dateien Thumbnail(s)
       
Antworten
#37
(11.09.2020, 11:02)Boris B schrieb: Stimmt. 07:41 versucht Balliet die Tür mit der Hand aufzudrücken. Sie gibt nach. Warum er sich nicht mit dem ganzen Körper dagegen wirft oder wenigstens nachschaut, wo es klemmt ... ist unverständlich.
[...]

Zum einen wäre da zu klären, warum Privorozki das als Zeuge falsch darstellt.

Das kann zwar "taktische" Gründe haben, denn es stellt das angebliche Sicherheitskonzept der Gemeinde infrage und bringt Privorozki in einige Erklärungsnot den Synagogenbesuchern gegenüber, wenn gleichzeitig die Polizei kritisiert wird.

Aber dieser im Prozeß nun falsch dargestellte wichtige Umstand, daß die Verriegelung des Friedhofstors schon vorher ein Bewegungsspiel hatte, hätte vermutl. in der Konsequenz Zweifel an der Ernsthaftigkeit von Balliets Vorsatz und seinem zentralen Plan aufkommen lassen, die Synagoge stürmen und Juden ermorden zu wollen.

Das hat Privorozki mit seiner Falschaussage jedenfalls erfolgreich verhindert.

Das gesamte multiple Versagen schon bei der Planung und beim Versuch, in die Synagoge einzudringen trotz vorhandener Möglichkeiten läßt ja Balliets Vorsatz fragwürdig erscheinen und das ist natürlich auch relevant in Bezug auf die Anklage und umso seltsamer, daß diese Frage nicht ernsthaft thematisiert wird.
Antworten
#38
(11.09.2020, 11:23)kalter hornung schrieb:
(11.09.2020, 11:02)Boris B schrieb: Stimmt. 07:41 versucht Balliet die Tür mit der Hand aufzudrücken. Sie gibt nach. Warum er sich nicht mit dem ganzen Körper dagegen wirft oder wenigstens nachschaut, wo es klemmt ... ist unverständlich.
[...]

Zum einen wäre da zu klären, warum Privorozki das als Zeuge falsch darstellt.

Das kann zwar "taktische" Gründe haben, denn es stellt das angebliche Sicherheitskonzept der Gemeinde infrage und bringt Privorozki in einige Erklärungsnot den Synagogenbesuchern gegenüber, wenn gleichzeitig die Polizei kritisiert wird.

Aber dieser im Prozeß nun falsch dargestellte wichtige Umstand, daß die Verriegelung des Friedhofstors schon vorher ein Bewegungsspiel hatte, hätte vermutl. in der Konsequenz Zweifel an der Ernsthaftigkeit von Balliets Vorsatz und seinem zentralen Plan aufkommen lassen, die Synagoge stürmen und Juden ermorden zu wollen.

Das hat Privorozki mit seiner Falschaussage jedenfalls erfolgreich verhindert.

Das gesamte multiple Versagen schon bei der Planung und beim Versuch, in die Synagoge einzudringen trotz vorhandener Möglichkeiten läßt ja Balliets Vorsatz fragwürdig erscheinen und das ist natürlich auch relevant in Bezug auf die Anklage und umso seltsamer, daß diese Frage nicht ernsthaft thematisiert wird.

Das Tor ist genau genommen offen gewesen! 

[Bild: attachment.php?aid=2917]

Das Schloß war jedenfalls nicht das Hindernis. Das scheint nämlich keins am Tor gewesen zu sein!
Warum sich der Flügel nicht aufdrücken ließ, steht auf einem anderen Blatt. (Möglicherweise ist da ja eine Sicherungskette dahinter!)

[Bild: attachment.php?aid=2918]

Beide Bilder sind von ungefähr 07:51

Die Ernsthaftigkeit hinsichtlich des Vorsatzes das Hindernis zu überwinden stand doch schon mehr als einmal in Frage.

Das Ärgerliche und zugleich Seltsame ist tatsächlich, daß darüber im Prozeß nicht ernsthaft gesprochen wird.


Angehängte Dateien Thumbnail(s)
       
Antworten
#39
(11.09.2020, 11:41)Boris B schrieb: Das Tor ist genau genommen offen gewesen! Das Schloß war jedenfalls nicht das Hindernis. Warum sich der Flügel nicht aufdrücken ließ, steht auf einem anderen Blatt. (Möglicherweise ist da ja eine Sicherungskette dahinter!)

[Bild: attachment.php?aid=2917]

Die Ernsthaftigkeit hinsichtlich des Vorsatzes das Hindernis zu überwinden stand doch schon mehr als einmal in Frage.

Das Ärgerliche und zugleich Seltsame ist tatsächlich, daß darüber im Prozeß nicht ernsthaft gesprochen wird.

Ja, das Tor war jedenfalls nicht mit einem normalen Türschloß verschlossen. Eine Kette ist in Höhe Klinke auch nicht zu erkennen. Wie es oberhalb aussieht, erfahren wir nicht und interessiert Balliet nicht, wie die Kameraführung beweist. Wenn das Tor normalerweise durch eine Kette verriegelt wurde, dann ist Privorozkis Aussage, es habe erst nach dem Sprengversuch einen Spalt gegeben, noch abstruser.
Antworten
#40
(11.09.2020, 11:51)kalter hornung schrieb:
(11.09.2020, 11:41)Boris B schrieb: [...]

Ja, das Tor war jedenfalls nicht mit einem normalen Türschloß verschlossen. Eine Kette ist in Höhe Klinke auch nicht zu erkennen. Wie es oberhalb aussieht, erfahren wir nicht und interessiert Balliet nicht, wie die Kameraführung beweist. Wenn das Tor normalerweise durch eine Kette verriegelt wurde, dann ist Privorozkis Aussage, es habe erst nach dem Sprengversuch einen Spalt gegeben, noch abstruser.

Meine Fotos vom 18. November zeigen, wie das Tor seinerzeit ausgesehen hat. Von ein paar "Pulverresten" abgesehen habe ich keine (sichtbaren) Schäden registriert! Was Privorozki mit seiner Aussage bezweckt hat, kann man nur vermuten; denn gefragt hat ihn ja niemand.
Antworten


Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste