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Prozess in Magdeburg
#21
Tag 7 im Terrorprozess gegen Stephan B. 
(Teil 1 von 2)


Drei Ticker in einem: 
Magdeburger Volksstimme hat einen Doppelpunkt. M.artin Weigle ist im Gerichtssaal (und war es auch gestern; da ist der Name aber durch Suchen und Ersetzen abhanden gekommen)
Die Mitteldeutsche Zeitung nur einen Punkt in der Zeitangabe. Jan Schumann und Hagen Eichler berichten (so dürfte das auch gestern gewesen sein).
Radio Brocken: Die Zeitangabe beginnt mit +++; Lars Frohmüller berichtet.

https://www.mz-web.de/halle-saale/anschlag-in-halle-saale/liveticker-angeklagter-verbrachte-viel-zeit-mit-ballerspielen-im-netz-37240600
https://www.volksstimme.de/sachsen-anhalt/attentat-von-halle-der-terror-prozess-im-liveticker-tag-4
https://www.radiobrocken.de/nachrichten/...28994.html


Hervorhebungen in blau von mir.

Fortsetzung der Verhandlung
08:24
Am 26. August 2020 wird die Gerichtsverhandlung gegen den Attentäter von Halle fortgesetzt. Die Volksstimme berichtet im Liveticker ab 10 Uhr vom Prozesstag


+++09.23 Uhr: Der siebte Prozesstag+++
Ab 10.00 Uhr startet am Magdeburger Landgericht der siebte Prozesstag. Im Fokus steht heute das Umfeld des Halle-Attentäters. Chatgruppen und soziale Kontakte stehen im Fokus. Es soll geklärt werden, wie sich der Täter radikalisierte und woher seine Verschwörungstheorien kommen. Insgesamt sechs Zeugen sind geladen.

09:48
Die Anwälte des Angeklagten sind bereits im Gerichtssaal. Die Vertreter der Bundesanwaltschaft nehmen gerade Platz. In wenigen Minuten sollte die Verhandlung fortgesetzt werden.

Angeklagter nimmt Platz
09:54
Der Angeklagte wird in den Saal geführt. Wieder wird er von mehreren Justizbeamten bewacht. Er trägt Hand- und Fußfesseln. Er wirkt angespannt und nervös.

09:58
Richterin Mertens und ihre Beisitzer betreten den Saal. Die Vorsitzende eröffnet die Verhandlung.

10:00
Richterin Mertens bittet darum, dass die Fenster im Saal geöffnet werden. Auf den Einwand einer Jusitzbeamtin, dass diese  wegen der Sturmwarnung geschlossen wurden sagt sie: "Noch stürmt es ja nicht, wir können sie dann immer noch schließen."

Erste Zeugin
10:03
Antje Wernicke, die Schulleiterin der Grundschule an der die Mutter des Angeklagten unterrichtete, ist die erste Zeugin. Die 57-Jährige, sagt sie kenne den Angeklagten nicht. Sie habe ihn nur bei zwei Gelegenheiten getroffen.

10:05
"Kennen nein, das wäre zuviel gesagt"


10:05
"Die Mutter hat ihren Sohn sehr geliebt, Sie hat sich große Sorgen gemacht, als er vor Jahren schwer erkrankte."

10:06
"Ich habe eine Veränderung in der Vorbereitungswoche auf das Schuljahr 2019/2020 an Frau B. bemerkt. Sie war dünnhäutig und empfindlich."

+++10.07 Uhr: Direktorin der Grundschule der Mutter sagt aus+++
Antje Wernige ist die erste Zeugin des Tages. Sie ist Lehrerin und Direktorin an der Grundschule in Helbra, an der die Mutter des Täters arbeitet. Sie gab an, den Täter selbst zwei Mal getroffen zu haben. Gegenüber Wernige erzählte die Mutter des Attentäters stets stolz von ihrem Sohn. Gegenüber anderen Kollegen war die Mutter eher verschlossen. Wernige beschreibt die Mutter des Angeklagten als eine sehr erfahrene und zuverlässige Kollegin. Trotzdem sei sie erschüttert, dass der Sohn einer Ethik-Lehrerin eine solche Tat begehen konnte. und im Zweifel selbst Kinder getötet hätte.
Als die Mutter wegen ihres Suizidversuches ins Krankenhaus kam, bastelten ihre Schüler eine Karte. Wernige beschreibt in diesem Zusammenhang, dass sie bereits im Schuljahr 2018/19 einen Stimmungswechsel bei der Mutter des Angeklagten beobachtet hat. Gegenüber einer anderen Lehrerin soll Stephan B.s Mutter eine möglicherweise verräterische Bemerkung gemacht haben: „Ich habe große Sorgen, dass etwas Schlimmes passiert.“ In einem anderen Gespräch habe sie ihren Sohn als „Autisten“ bezeichnet. Die rechte Einstellung des Angeklagten sei ihr aus Gesprächen mit dessen Mutter bekannt gewesen, bestätigt die Zeugin auf Nachfrage. Zudem soll Stephan B. den Koran gelesen haben.
Die Direktorin berichtet weiterhin, dass die Mutter froh, dass ihr Sohn Schweißen lernte. Stephan B. hatte einen großen Teil seiner Waffen selbst hergestellt und unter anderem auch Schweißarbeiten durchgeführt. Zu Hause habe B. mit seiner zeitweise nur in Englisch kommuniziert. Auch beim Streamen seiner Tat sprach der Attentäter nur Englisch, um ein weltweites Publikum zu erreichen.

10.08 Uhr: AfD-Politiker unter den Prozessbeobachtern
Der siebte Prozesstag beginnt. In den Reihen der Prozessbeobachter findet sich heute Robert Farle, der Parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Landtagsfraktion. Seine Fraktion hatte noch unmittelbar nach dem Terroranschlag am 9. Oktober bestritten, dass der Attentäter ein rechtsextremes Motiv hatte. „Es gab in Halle keinen rechten Terrorismus“, sagte AfD-Fraktionschef Oliver Kirchner im Oktober 2019 im Landtag. „Antijüdisch – ja, antisemitisch – ja, rechtsextrem oder gar rechts motiviert – nein.“

10:10
"Ich wurde durch das Landesschulamt informiert, dass es einen Aufhebungsvertrag gegeben hat." "Ich habe sie seit dem 9. Oktober 2019 nicht mehr gesehen." Berichtet die Zeugin.

10:13
Frau B. soll gegenüber der Zeugin Frau Wiese gesagt haben: "Ich habe Angst das bald etwas Schlimmes passiert", so die Zeugin Wernicke.


Keine Reaktion beim Angeklagten
10:14
Der Angeklagte zeigt bei der Vernehmung der Zeugin keine Regung. Er vermeidet jeden Blickkontakt und guckt nur stur geradeaus.


10:17
Die Zeugin berichtet, dass die Mutter des Angeklagten in einem Gespräch gesagt hat, dass sie ganz sicher sei, dass Stephan B. Autist ist.


10:19
"Ich kann nicht sagen, ob die Mutter des Angeklagten wusste welche politische Einstellung der Stephan hat", sagt die Zeugin auf Nachfrage einer Nebenklage-Vertreterin.


10:24
"Die Kinder an unserer Schule hatten Verständnis dafür, dass Frau B. nichts dafür kann, was der Stephan gemacht hat", berichtet Frau Wernicke


10.24 Uhr: Mutter des Attentäters soll Vorahnung geäußert haben
Als erste Zeugin sagt die Leiterin der Grundschule Helbra aus, die neun Jahre mit der Mutter des Attentäters, einer Grundschullehrerin, zusammengearbeitet hat. „Sie hat ihren Sohn sehr geliebt“, berichtet die Direktorin. Bei der Vorbereitung des Schuljahres 2019/20 fiel ihr erstmals eine Veränderung an der Kollegin auf: „Sie war dünnhäutig und empfindsam. Das legte sich dann aber wieder.“ Gegenüber einer anderen Lehrerin soll Stephan B.s Mutter eine möglicherweise verräterische Bemerkung gemacht haben: „Ich habe große Sorgen, dass etwas Schlimmes passiert.“ In einem anderen Gespräch habe sie ihren Sohn als „Autisten“ bezeichnet. Die rechte Einstellung des Angeklagten sei ihr aus Gesprächen mit dessen Mutter bekannt gewesen, bestätigt die Zeugin auf Nachfrage. Gegenüber fremden Kulturen „war er sehr negativ“.
10:28
"Ich habe immer gedacht, dass Frau B. wieder als Lehrerin arbeitet, vielleicht unter anderem Namen an einem anderen Ort, denn sie war gut in dem Job", sagt die Zeugin.


10:31
"Frau B. war immer froh wenn es ihrem Sohn gut ging. Sie hat erzählt: 'Der Stephan lernt schweißen', das hat ihr gefallen, dass er eine Beschäftigung hatte."


10:34
"Mich erschüttert, dass ein Sohn einer Ethik-Lehrerin solche Taten vollbringt. Ich bin aber nicht berechtigt darüber zu spekulieren, wie es dazu kommt. Frau B. hat nicht viel über ihr Privatleben gesprochen."


10:42
Die Zeugin wird von der Richterin entlassen.


Der nächste Zeuge
10:44
Der nächste Zeuge ist der Polizeibeamte G., er ist 24-Jährige Kriminalkommissar beim Bundeskriminalamt.


10:47
Der Zeuge hat sich mit den Dokumenten auf verschiedenen Datenträgern des Angeklagten beschäftigt.


+++10.48 Uhr: Zweiter Zeuge: Polizeibeamter Jonas Götte+++
Der zweite Zeuge des Tages ist Kriminalhauptkommissar Jonas Götte. Dieser soll sich zur Auswertung der elektronischen Datenträger und Dokumente äußern. Auf einer wiederhergestellten Karte wurde unter anderem einer rechtsextremistischen amerikanischen Band gefunden. Auf einem USB Stick wurden Bilder vom "Christchurch Anschlag" gefunden. Diese sollten hochgeladen werden, um seine Ansichten zu verbreiten, falls der Upload des Live-Videos nicht geklappt hätte.
Insgesamt 1.000 Bilder mit antisemitischen und rassistischen Inhalten befanden sich auf dem USB Stick. Zu sehen sind unter anderem KZ-Häftlinge, die in eine Gaskammer geführt werden, oder eine japanische Anime-Figur, die auf einem Leichenberg steht, während im Hintergrund eine brennende israelische Flagge zu sehen ist. Auch Hakenkreuze spielen in den sichergestellten Daten eine Rolle.

10:51
Die Vorsitzende möchte nicht, dass Teile der Dokumente verlesen werden. "Ich habe die Befürchtung, dass dadurch eine gewisse Verbreitung erfolgt."


10.52 Uhr: Mutter des Attentäter freute sich über dessen Schweiß-Übungen
Die Mutter des Angeklagten wusste, dass ihr Sohn Schweißen lernt – das berichtet deren frühere Kollegin, die Grundschulleiterin in Helbra. „Sie war froh, dass er endlich ein Hobby hat.“ Stephan B. hatte einen Großteil seiner Schusswaffen selbst hergestellt und dabei auch Schweißarbeiten ausgeführt. Sie sei erschüttert, dass der Sohn einer Ethiklehrerin solche Taten begangen habe, sagt die Schulleiterin. Sie berichtet zudem, dass Stephan B. mit seiner Mutter zeitweise ausschließlich Englisch gesprochen habe. Offenbar übte er damit – im Video, das Stephan B. vom Attentat selbst aufnahm, sprach er größtenteils Englisch, weil er ein weltweites Publikum erreichen wollte.
10:58
Der Angeklagte hat einen Dateiordner für das BKA auf seinem PC hinterlegt. Diesen Ordner hat er mit einer herabsetzenden Bezeichnung versehen. Ein Dolmetscher musste dies für die Richterin übersetzen. "Da steht die Abkürzung für das BKA und eine englische Verunglimpfung für die dunkelhäutige Bevölkerung." Gelächter vom Angeklagten.


11:02
Es wird im Folgenden darauf verzichtet, den Dolmetscher rassistische und faschistische Begriffe übersetzen zu lassen.


11:03
Den Angeklagten belustigen die Bemühungen des Gerichts, seine teilweise auf englisch geschriebenen Ergüsse zu übersetzen und in das Protokoll aufzunehmen. Immer wieder grinst er bei der Vernehmung des Zeugen.


11:13
Nachdem die Dokumente und deren Erstellungshistorie vom Gericht behandelt wurden, stellen die Vertreter der Nebenklage einige Fragen.



11.13 Uhr: Dolmetscher muss dem Gericht rassistische Wörter übersetzen
Als zweiter Zeuge des Tages berichtet ein Kriminalkommissar des BKA, der die vom Angeklagten hinterlassenen Computerdateien analysiert hat. Darunter befindet sich ein sogenanntes „Manifest“, in dem B. zum Mord an Juden aufrief. Dateinamen und Texte sind gespickt mit rassistischen Bemerkungen. Richterin Ursula Mertens bittet einen Dolmetscher aus seiner Kabine, um die Schimpfwörter ins Deutsche zu übersetzen, darunter auch das N-Wort, die beschimpfende Formulierung für Schwarze.
Nebenklage-Anwälte bitten die Richterin schließlich, auf das Übersetzen rassistischer Formulierungen zu verzichten, was auch so geschieht. Im Manifest bildet B. auch eine weibliche Anime-Figur ab, eine japanische Comic-Zeichnung. Dieses Mädchen werde allen zugeschickt, die wie er selbst zum „Techno-Barbar“ würden, versprach Stephan B.

11:14
Es geht um die Auswertung des Mobiltelefones und einer SD-Karte. Im Mobiltelefon wurden nur zwei Kontakte gefunden. Die Mutter des Angeklagten und ein "Siggi".


11:17
Auf der SD-Karte mussten die Dateien wiederhergestellt werden. Dabei wurden sieben Titel mit rassistischer, antisemitischer Musik gefunden. Unter anderem von dem Interpreten "Moonman". Dieser wird zur amerikanischen Alt-Right-Bewegung gezählt.


11:26
Es wurden Bilder mit verschiedenen Gewaltätigkeiten gefunden. Der Zeuge soll die Bilder beschreiben, weil sie zu drastisch sind, um sie im Saal zu zeigen. 


11:27
Auf einem USB-Stick sind nach Aussage des Zeugen deutliche Hinweise auf den Nationalsozialismus zu finden und auch häufig Bezüge zum Anschlag in Christchurch, Neuseeland.


11:35
Der Angeklagte hatte in einer Vernehmung des BKA gefragt: "Die Bilder und die Musik auf den Datenträgern bekomme ich vermutlich nicht wieder, oder?"


Pause
11:36
Nachdem der Zeuge entlassen wurde, ruft die Vorsitzende eine Pause von 15 Minuten aus.


Zusammenfassung des sechsten Prozesstages
11:40
Am vorherigen Verhandlungstag hat das Gericht vor allem Sachverständige zu den Waffen und Sprengstoffen des Angeklagten gehört.
www.volksstimme.de/sachsen-anhalt/halle-attentat-waffen-aus-dem-hobbyraum


11.44 Uhr: Angeklagter verwendete KZ-Bilder und Hakenkreuz-Abbildungen
Auf einem USB-Stick von Stephan B. sind zahlreiche Bilder zu sehen, die Einblick in dessen Weltbild geben. Auf Nachfrage von Nebenklage-Anwälten berichtet der befragte BKA-Beamte, was er gefunden hat. Zu sehen sind unter anderem KZ-Häftlinge, die in eine Gaskammer geführt werden, oder eine japanische Anime-Figur, die auf einem Leichenberg steht, während im Hintergrund eine brennende israelische Flagge zu sehen ist. Auch Hakenkreuze spielen in den sichergestellten Daten eine Rolle.
Mehrfach geht es bei den abgespeicherten Fotos um den Attentäter von Christchurch, den Stephan B. als sein Vorbild betrachtet. Andere Neonazi-Symbole hat das Bundeskriminalamt offenbar gar nicht erkannt, wie Nebenklage-Anwältin Kristin Pietrzyk feststellt. Dazu zählt ein Handzeichen als Symbol für „White Power“, dem Streben nach weißer Vorherrschaft.
Die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens achtet darauf, dass der Zeuge vom BKA aus den sichergestellten Dokumenten keine Sätze von Stephan B. vorliest, um dessen Ideologie nicht zu verbreiten. Am Vortag hatte eine rechtsradikale Aktivistin aus Dresden den Prozess besucht; auch heute könnten ideologische Unterstützer von Stephan B. im Sitzungssaal sein.

Fortsetzung
11:56
Richterin Mertens ist wieder im Saal und setzt die Verhandlung fort.


Weiterer Zeuge
11:57
Der nächste Zeuge ist ein Beamter des BKA. Der Zeuge hat ebenfalls die Datenträger des Angeklagten ausgewertet.


12:01
Es werden Bilder mit Animefiguren gesichtet, die nationalsozialistisches Gedankengut darstellen. Auch hier verzichtet die Richterin darauf, diese Bilder dem Publikum zu zeigen. Sie möchte damit eine Verbreitung unterbinden.


12:03
Der Zeuge beschreibt den Inhalt der gefunden Musikdateien. Diese haben ebenfalls einen gewaltverherrlichenden, antisemitischen und rassistischen Inhalt.


+++12.04 Uhr: Einige Daten noch verschlüsselt+++
Der dritte Zeuge des Tages, ebenfalls ein Beamter des BKA, sagt aus, dass nicht alle Daten analysiert werden konnten. Die Verschlüsselung sei bis heute nicht geknackt worden und auch Stephan B. habe die Passworter nicht herausgegeben.
Als die Beamten den Rechner im Kinderzimmer vorfanden, lief gerade eine Programm, welches die Daten überschreiben bzw. löschen sollte. Nur rund 13 Prozent der Daten war nicht mehr verwertbar.


12:05
Bei der Durchsuchung der Wohnung des Angeklagten, so berichtet der Zeuge, wurde der Computer des Angeklagten gefunden. Die darauf befundenen Dateien waren teilweise gelöscht und mussten vom BKA wiederhergestellt werden


12:08
Der Zeuge erklärt dem Gericht, wie der Angeklagte Zugriff auf das Darknet bekommen hat und wie dieses funktioniert.


12:10
Die Richterin fragt nach, was es mit Thor und Onion-Links auf sich hat und wie coinpayment funktioniert. "Wir konnten keine Kommunikation mehr nachweisen", so der Zeuge.


12:14
Der Zeuge bestätigt, dass der Angeklagte die Dokumente, wie sein Manifest, am 9. Oktober 2019, also am Tattag, von seinem Computer ins Internet geladen hat.


12.16 Uhr: Einige Daten des Attentäters sind noch immer nicht entschlüsselt
Wie der zweite ist auch der dritte Zeuge des Tages ein Beamter des BKA, der die Daten auf den Speichermedien des Angeklagten ausgewertet hat. Bis heute seien einige Dateien noch nicht entschlüsselt, berichtet der Kriminalhauptkommissar. Stephan B. habe die Passwörter dafür nicht herausgegeben. Die Daten seines PCs im Kinderzimmer in der Wohnung seiner Mutter wollte der Attentäter komplett löschen – das gelang aber nicht.
Als die Beamten den PC auffanden, war ein Löschprogramm damit beschäftigt, alle Daten 35-fach zu überschreiben. Endgültig gelöscht wurden nach Erinnerung des Kriminalbeamten lediglich 13 Prozent der Daten. Die aufgefundenen Daten zeigten „die nationalsozialistische, antisemitische, homophobe und frauenfeindliche Gesinnung“ des Angeklagten, berichtet der BKA-Mann. Immer wieder tauchen in den Daten Anime-Abbildungen auf, auch ein japanisches Videospiel mit antisemitischem Hintergrund.


12:17
Der Zeuge ist unsicher: "Die Dateien wurden mehrfach abgelegt und auf verschiedenen Datenträgern gespeichert, von daher ist es schwierig einzuschätzen, aber es sind mit Sicherheit tausende Bilder auf den Datenträgern." 


12:19
Auf den gefundenen Telefonen wurden keine Kontaktdaten gefunden, die nicht  bestimmten Personen zugeordnet werden konnten, berichtet der Zeuge.


12:22
Eine Vertreterin der Nebenklage fragt beim Zeugen nach bestimmten Videos, die sich auf den Datenträgern gefunden wurden und ob sich der Zeuge an die Inhalte und den Fund der Videos erinnert.


+++12.38 Uhr: 270 Beamte an Aufklärung beteiligt+++
Bis zu 270 Beamte des Bundeskriminalamtes haben zu Beginn an der Aufklärung des Halle-Attentates gearbeitet. Auch Europol war in die Ermittlungen eingebunden.


12:28
Der Zeuge gibt an, in der Abteilung Staatsschutz beim BKA zu arbeiten und sowohl bei Straftaten in der rechten und linken Szene ermittelt. 


12:30
Der Zeuge sagt aus, dass Rechtsradikale aufgrund der Vernetzung vermehrt auf internationalen, einschlägigen Websiten unterwegs sind. 


12:33
Beim Auffinden des Computers waren bereits 13 Prozent der Inhalte gelöscht, sagt der Zeuge. "Das Löschprogramm wurde vermutlich am Abend vor der Tat oder am frühen Morgen gestartet."


12:36
"Europol war in die Asservatenauswertung eingebunden, mehr darf ich aus Ermittlungsgründen nicht sagen." 


12:37
Der Zeuge wird nach der Aussage entlassen. Der Vertreter der Bundesanwaltschaft sagt, dass er bis zum nächsten Termin erfragen wird, wie weit die Entschlüsselung der verschlüsselten Dateien voran geschritten ist.


Pause
12:39
Richterin Mertens vertagt die Verhandlung bis 13.30 Uhr. Dann wird die nächste Zeugin erwartet.
Antworten
#22
Tag 7 im Terrorprozess gegen Stephan B. 
(Teil 2 von 2)

12.44 Uhr: Bis zu 270 Beamte klärten Halle-Attentat auf
Das Bundeskriminalamt hat für die Aufklärung des Halle-Attentats eine sehr große Zahl an Mitarbeitern eingesetzt. Für die Bundesanwaltschaft sagte Oberstaatsanwalt Stefan Schmidt, anfangs hätten bis zu 270 Kollegen am Fall gearbeitet. Nach der Zahl gefragt hatte die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens. Der eben befragte Zeuge, ein Kriminalhauptkommissar aus der Staatsschutz-Abteilung des BKA, sagte, dass für die Auswertung von Asservaten auch Europol eingebunden gewesen sei – mehr wollte er nicht sagen: „Ich bin da schon an der Grenze meiner Aussagegenehmigung.“ Die Nebenklage-Anwältin Kristin Pietrzyk fragt, ob das BKA weiter daran arbeite, die verschlüsselten Datei-Container zu öffnen. „Das kann ich derzeit nicht sagen“, antwortet Oberstaatsanwalt Schmidt.


12.45 Uhr: Gericht geht in die Mittagspause
Für eine Stunde unterbricht das Gericht die Verhandlung. Am Nachmittag sollen weitere Zeugen zum Verhalten des Angeklagten im Internet aussagen.


+++12.45 Uhr: Mittagspause+++
Nach der Mittagspause geht es weiter mit Zeugen, die über das Verhalten des Attentäters im Internet aussagen werden.


13:33
Die Verhandlung wird gleich fortgesetzt. Der Angeklagte wurde eben in den Saal zurückgebracht.

Richterin Mertens ist zurück
13:36
Die Verhandlung wird fortgesetzt.


13:36
Die nächste Zeugin ist eine Beschäftigte beim BKA. Die Zeugin ist 41 Jahre alt und hat einen Bericht auf das Gamingverhalten des Angeklagten angefertigt.


13:39
Die Zeugin ist seit zwei Jahren beim BKA beschäftigt und hat einen Master in Kommunikationswissenschaften und Sozialwissenschaften. Sie ist Sachbearbeiterin im Bereich Rechtextremismus im Internet.


13:42
Der Beschuldigte hatte laut Aussage der Zeugin zwei Konten beim Internetvertrieb "Steam". Er hatte dort über 40 Spiele gekauft. Dabei handelt es sich um Ego-Shooter, sowie Strategie- und Rollenspiele.


13:44
Die Chatdaten aus den Spielen waren nicht mehr vorhanden, diese werden nur 2 Wochen gespeichert und die letzte Aktivität in den Spielen datierte aus dem August 2019.


13:45
Die Spiele waren alle legal, berichtet die Zeugin.


+++13.45 Uhr: Gaming-Verhalten des Attentäters+++
Nach der Mittagspause spricht Viola Thiemann vom BKA über das Gaming-Verhalten des Angeklagten. Die Sachbearbeiterin für Internetkriminalität erläutert, dass der Attentäter online Ego-Shooter, u.a. Counter Strike, spielte. Allein Counter Strike spiele Stephan B. insgesamt 186 Stunden. Außerdem nutzte er den Waffen-Simulator "World of Guns", bei welchem der User Waffen zerlegen und wieder zusammenbauen muss. Chat-Daten konnten nicht untersucht werden, da diese nur zwei Wochen gespeichert werden. Alle Spiele, die B. nutzte waren legal und hatten keinen rechtsextremistischen Hintergrund.


13:47
Die Richterin möchte wissen, ob die Spiele kostenpflichtig gewesen sind und wie viel Geld der Angeklagte dafür ausgegeben hat. "Das hängt vom Spiel ab", sagt die Zeugin. Genaue Angaben hat sie nicht.


13:52
Es gibt bei der Plattform Steam, nach Kenntnis der Zeugin keine antisemitischen, nationalsozialistischen Spiele. Diese Frage stellte einer der Beisitzer.


13.55 Uhr: Angeklagter verbrachte viel Zeit mit Ballerspielen im Netz
Der Nachmittag des siebten Verhandlungstages beginnt mit der Aussage einer Internet-Expertin des BKA. Die Zeugin berichtet, dass der Angeklagte Stephan B. insgesamt 44 Computerspiele genutzt habe, sämtlich legal. Unter den Spielen befindet sich der Simulator „World of Guns“, bei dem der Nutzer Waffen auseinander- und zusammenbaut und abfeuert. „Das zeigt ein Interesse des Angeklagten für diese Themen“, sagt die BKA-Frau.
Bei den meisten Spielen handle es sich um sogenannte Ego-Shooter, also Spiele, bei denen der Spieler mit verschiedenen Waffen gegen andere kämpft. Die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens fragt viel nach. „Gaming ist für mich ein Buch mit sieben Siegeln“, sagt sie. Chat-Daten aus den Spielen konnte das BKA nicht auswerten. Diese würden laut Anbieter Steam nur 14 Tage lang gespeichert. Stephan B. verbrachte mit Computerspielen viel Zeit. Einen rechtsextremen Hintergrund habe keines dieser Spiele, sagte die BKA-Expertin.


13:56
Bei der Auswertung der Internetbrowser-Daten des Angeklagten, fand die Zeugin wieder Hinweise darauf, dass Stephan B. Internetseiten aufsuchte, auf denen rechtsextremistische und antisemitische Inhalte geteilt wurden. Diese Internetseiten wurden anonym mit Inhalten gefüllt.


14:08
Die Zeugin wird zu der Funktionsweise von sogenannten Imageboards befragt. "Bei den Posts wird nur die IP-Adresse der Uploader gespeichert, es gibt aber Möglichkeiten die IP-Adresse zu verschleiern und diese IP-Adressen werden auch nur wenige Tage gespeichert."


14:11
"Es wurde nicht versucht, Uploader bei den Imagdeboards über die IP-Adressen zu ermitteln." Von einem Betreiber eines Boards gab es nur die Mitteilung, dass keine Daten vorliegen, so die Zeugin. 


14:14
Der Angeklagte ist amüsiert und grinst, als die Zeugin von vergeblichen Versuchen berichtet, mit Betreibern von Imageboards in Kontakt zu treten und diese zu Zusammenarbeit mit den Behörden zu bewegen.


14.15 Uhr: Rechtsextreme auf Internetforen für Behörden unsichtbar
Die BKA-Expertin für das Onlineverhalten von Stephan B. wird jetzt von den Nebenklage-Anwälten befragt. Es zeigt sich: Auf den sogenannten Imageboards, anonymen Internetforen, sind die Nutzer von der Polizei nicht zu identifizieren. Stephan B. nutzte drei dieser Plattformen, etwa vch.moe oder Nanochan. Auf allen dreien diskutieren Nutzer laut BKA-Expertin eine große Bandbreite an Themen, doch überall finden sich Untergruppen mit rechtsextremen, antisemitischen und gewaltverherrlichenden Inhalten.
Bei vch.moe etwa hat das BKA im vergangenen Jahr mehr als 160.000 Nutzerbeiträge von 4000 Personen festgestellt. Kein einziger Beitrag könne Stephan B. zugeordnet werden, räumt die BKA-Mitarbeiterin ein. „Das ist also ein Tummelplatz für Rechtsextreme, bei dem die Behörden im Nachhinein nicht feststellen können, wer da was geschrieben hat?“, fragt ein Nebenkläger-Anwalt. „Richtig“, sagt die BKA-Angestellte.


14:21
"Ich bin kein Gamer, nein", sagt die Zeugin auf die Frage, ob sie selbst auf der Plattform Steam gewesen ist.


14:24
Die Zeugin wird entlassen.


+++14.29 Uhr: BKA-Expertin für das Onlineverhalten von Stephan B. wird befragt+++
Der Angeklagte war auf sogenannten Imageboards, anonymen Internetforen, aktiv. Die Nutzer der Foren sind von der Polizei nicht zu identifizieren. Laut BKA-Expertin werden in den dortigen Gruppen verschiedene Themen diskutiert - auch welche mit rechtsextremen, antisemitischen und gewaltverherrlichenden Inhalten.
Nebenklage-Anwälte lassen Zweifel an der Qualifikation der BKA-Expertin erkennen.


14:30
Während auf den nächsten Zeugen gewartet wird. Verliest die Richterin eine E-Mail eines BKA-Beamten, der eine Auflistung über das Bitcoin-Vermögen des Angeklagten aufgestellt hat.



14:32
Der nächste Zeuge ist der Polizeibeamte D.. Er ist 24-jähriger Kriminalkommissar. Er ist seit dem 1. Oktober 2019 Polizist. 



14:35
Dem Zeugen ist durch Eigenrecherche aufgefallen, dass es im Internet eine "eigenständige Rechte" gibt. Er hatte aufgrund seines Vorwissens bei der Aufarbeitung des Anschlags von Halle ermittlungsunterstützend gearbeitet.



14.36 Uhr: BKA-Expertin offenbart Wissenslücken
Nachfragen der Nebenklage-Anwälte lassen Zweifel an der Qualifikation der BKA-Expertin erkennen, die das Spielverhalten des Angeklagten untersucht hat. Die Angestellte räumt ein, das sie keines der begutachteten Onlinespiele selbst ausprobiert hat. „Ich bin keine Gamerin“, sagt die Frau. Auch habe sie bei der von Stephan B. genutzten Spieleplattform Steam nicht nachgefragt, ob dort Spielstände abgespeichert worden seien. Die Nebenklage-Anwältin Kati Lang fragt nach: „Das BKA hat Sie, die keine Ahnung von Gaming und Steam haben, beauftragt, die Auswertung vorzunehmen?“ Die 41-Jährige überlegt eine Weile, bevor sie antwortet: „Ja.“


>>> Nachtrag aus dem Twitter-Feed von Valentin Hacken, der an dieser Stelle paßt (aber teilweise schon vor der Mittagspause gezwitschert wurde):
Vor der Mittagspause wurden noch zwei weitere BKA-Beamte vernommen, welche u.a. Computer und Speichermedien des Angeklagten ausgewertet haben. In den Fragen auch der Vorsitzenden Richterin zeigt sich teilweise ein bemerkenswertes Unverständnis sowohl was das Agieren von extrem Rechten im Internet angeht, als auch Symbole, Memes, Musik der extremen Rechten. Teils jedoch heute gut vorbereitete BKA-Beamte. (#8/9)

UND 

Derzeit wird eine BKA-Beamtin zum Gaming-Verhalten des Angeklagten vernommen. Kurzzusammenfassung: Anwältin: Aber das BKA hat sie, die keine Ahnung von Gaming und Steam haben damit beauftragt das* auszuwerten? Zeugin: Ja *Antwort Stream-Betreiber an GBA Steam, nicht Stream. Der nächste BKA-Beamte sagt nun aus, er bietet vor allem - war nicht meine Aufgabe - weiß ich nicht - ist nicht von meiner Aussagegenehmigung gedeckt - ich weiß nicht wer davon Ahnung hat.
Die Vorsitzende nimmt nochmals nach der Vernehmung des BKA-Zeugen in Schutz, dieser sei ja nur ein Rädchen im Getriebe – warum das Rädchen keine Ahnung hat, offensichtlich auch keine Lust und seine Recherche über Imageboards kaum Erkenntnis bringen, bleibt offen. (#10-12)
<<< https://mobile.twitter.com/valentinhacken_/status/1298583983819825153?p=v)


>>> Ich füge ein paar weitere Tweets an dieser Stellen ein, von democ. Sie passen hier, beziehen sich aber tw. auf später in den Tickern Gemeldetes:
Zu den Online-Ermittlungen ergibt sich im #HalleProzess heute ein bestürzendes Bild: Immer wieder sagen Ermittler*innen, sie selbst hätten von relevanten Fragen keine Ahnung, es gebe beim BKA aber bestimmt jemanden. Namen oder Abteilungen können dann meist nicht genannt werden. 

Bei Nachfragen der Nebenklage-Anwält*innen unterbrach die Vorsitzende Richterin mehrfach, ärgerte sich über die vermeintliche "Inquisition" und beantwortete stellvertretend für die Zeugen, warum sie bestimmte Fragen nicht richtig beantworten könnten.

Auch der letzte Zeuge reiht sich ein: 2 Wochen nach der Tat fertigte er fürs BKA eine Auswertung der Tatankündigung auf dem Imageboard Meguca an. Dazu habe er zunächst googlen müssen, was der Begriff Imageboard bedeute. Selbst besucht habe er ein solches Board nie.

Dazu folgender Reply von
Layla La ??
@schabadabada  
Ausgewogen und unparteiisch ist das nicht. Sie scheint befangen zu sein.
<<< https://mobile.twitter.com/democ_de/stat...548800?p=v


14:37
"Es gibt unendlich viele Imageboards, die man völlig frei besuchen kann."



14:46
Der Zeuge berichtet von sogenannten "InCels", Männern die sich im Internet als unfreiwillig im Zölibat befinden. Diese glorifizieren im Internet die Handlungen von Attentätern wie in Christchurch und Kanada.



14:52
Der Zeuge hat mehrere Imageboards besucht. Hat aber keine Erinnerung mehr daran, welche das gewesen sind und wann er das getan hat.
Bei der Sichtung hat er aber keine Screenshots oder ähnliches gemacht. "Das war nicht meine Aufgabe im Zusammenhang mit dem Vermerk, den ich erstellen sollte."


14:58
Bei den Vertretern der Nebenklage entsteht der Eindruck, dass es bei den Strafverfolgungsbehörden Nachlässigkeiten gibt. Es gibt Fragen, die für die Anwälte wichtig sind, die aber keiner der bisherigen Zeugen beantworten kann. So zum Beispiel warum keine Screenshots der Imageboards erstellt wurden und warum solche Imageboards nicht von den Behörden überwacht werden.


15.00 Uhr: Weiterhin Unzufriedenheit mit BKA-Experten
Als fünfter Zeuge des Tages schildert ein Kriminalkommissar vom BKA das Milieu, das sich über die anonymen Imageboards im Internet austauscht. Beim Angeklagten habe man eine Nähe zur Subkultur der Incels festgestellt – Menschen, die unfreiwillig sexuell inaktiv sind und die Schuld dafür erfolgreichen Männern und auch Verschwörungen geben. Auch seien Imageboards genutzt worden, um Amok-Taten oder Terroranschläge anzukündigen oder live zu übertragen.
„Gab es irgendeine positive Reaktion dieser Szene auf das Attentat von Halle?“, fragt die Nebenklage-Anwältin Kristin Pietrzyk. „Nein. Die Reaktion war eher Häme“, antwortet der Beamte. Nachfragen zeigen, dass das von ihm verfasste Gutachten weitgehend auf journalistischen Texten beruht. Werden diese Imageboards überhaupt von der Polizei überwacht?, wird er gefragt. „Das ist von meiner Aussagegenehmigung nicht gedeckt.“ Auf der Nebenklagebank gibt es Gelächter und Augenrollen.


15:01
"Das ist frustrierend", so ein Vertreter der Nebenklage.


15:07
"Ich habe diese Boards nur gesichtet, aber nicht über einen längeren Zeitraum beobachtet", so der Zeuge


15:08
Die Anwälte der Nebenkläger nehmen den Zeugen sehr in die Mangel und fragen intensiv nach, die Antworten des Zeugen sind häufig "das weiß ich nicht" oder "ich kann mich nicht mehr daran erinnern".


15:09
Den Angeklagten belustigt das sehr. Die Richterin ermahnt ihn, dass er aufhören möge zu lachen.


15:10
Die Richterin ruft anschließend eine 10-minütige Pause aus. Der Zeuge wurde entlassen.

15:25
Die Verhandlung wird fortgesetzt.


15:27
Der nächste Zeuge ist ein 37-jähriger Kriminalbeamter des Bundeskriminalamtes. 


15:32
Die Richterin hat Schwierigkeiten in den Akten den richtigen Beitrag zu finden.


15:35
Im vierten Abschnitt des sogenannten Pre-Action-Reports des Angeklagten, so beschreibt der Zeuge, werde ausführlich beschrieben, wie ein Anschlag auf eine Synagoge vonstatten gehen soll und wie möglichst viele jüdische Gläubige ermordet werden können.


15:38
Auch im fünften Teil des Pre-Action-Reports wird die Tötung von Juden als Ziel dargestellt, so der Zeuge.


15:42
Dem Zeugen sind bei der Aufarbeitung der Dokumente viele Begriffe aufgefallen, die er vorher noch nie gehört hatte. So zum Beispiel den Begriff "Techno-Barbarism".


15:47
"Das Imageboard war eine Werbeplattform um den Usern den Link zum Livestream der Tat anzubieten."


15:49
"In dem Selbstinterview war auffällig, dass Angehörige von anderen Religionen aufs Übelste beschimpft wurden."


15:54
"Der Antisemitismus scheint der Mittelpunkt der Dokumente von Halle zu sein, so hat es sich für mich dargestellt", So der Zeuge.


16:01
"Der gravierendste Unterschied zwischen den Dokumenten von Halle und Christchurch ist der Umfang. Das Dokument von Halle umfasst 11, das von Christchurch 74 Seiten."


16:03
"Hinzu kommt, dass in Christchurch hauptsächlich ideologische Ansichten verbreitet werden, während der Verfasser der Dokumente von Halle hauptsächlich Waffen thematisiert."


15.59 Uhr: Der Attentäter von Christchurch war das große Vorbild
Der sechste und letzte Zeuge für heute ist Kriminalkommissar beim LKA und hat mehrere vom Angeklagten erstellte Dokumente ausgewertet. Deren gemeinsamer Nenner: wüster Hass auf Juden und das Ziel, möglichst viele von ihnen zu töten. In einem Dokument, in dem sich Stephan B. selbst interviewte, geht es um den Zuzug von Flüchtlingen im Jahr 2015 – der Angeklagte konnte sich nicht erklären, dass es dagegen keinen Aufstand gegeben habe.
Nach dem Attentat im neuseeländischen Christchurch habe er dann einen Weg gesehen, selbst aktiv zu werden. Der aus Australien stammende Attentäter hatte 2019 zwei Moscheen angegriffen und 51 Menschen getötet. Im Internet hatte der Christchurch-Attentäter detailliert beschrieben, wie sich ein Anschlag ausführen lässt – der aus Mansfeld-Südharz stammende Angeklagte imitierte das Vorgehen.


+++16.10 Uhr: Christchurch-Attentäter großes Vorbild+++
Der letzte Zeuge des Tages ist ein Kriminalkommissar vom LKA. Er hat Dokumente ausgewertet, die Stephan B. selbst erstellt hatte. Darunter auch ein Dokument, in dem sich der Angeklagte selbst interviewte. Darin ging es um die Flüchtlingswelle von 2015. Er konnte nicht verstehen, dass es keinen Aufstand gegen die Flüchtlinge gab. Nach dem Attentat in Christchurch (Neuseeland) habe Stephan B. dann einen Weg gesehen, selbst aktiv zu werden.


16:11
Es gibt Unstimmigkeiten unter den Vertretern der Nebenklage, inwiefern die Vorkenntnisse des Zeugen zum Rechtsextremismus für das Verfahren relevant sind.


16:12
"Es sollte nach der individuellen Schuld des Angeklagten gesucht werden und nicht nach anderen Nebensächlichkeiten", führt einer der Nebenklagevertreter aus. Richterin Mertens pflichtet ihm bei und verweist darauf, dass der Zeuge kein Historiker ist und sich aber trotzdem ausführlich mit dem Dokument von Halle beschäftigt und ausgeführt hat.


16:16
Es wird laut im Saal, denn das Publikum beklatscht eine Aussage einer Nebenklagevertreterin, die sagt: "Es ist unsere Aufgabe pathologischen Antisemitismus aufzuklären, denn dieser hat in Deutschland zu sechs Millionen getöten Juden geführt."


16:19
Der Angeklagte nimmt die Reaktion auf diesen Ausruf ohne jede Regung auf.


16:20
Der Zeuge wird jetzt entlassen.


16:22
Ein Vertreter der Nebenklage führt aus, das er die Bewertung des Dokumentes teilweise für falsch hält. Dies sei für die Urteilsfindung wichtig.


16.24 Uhr: Uneinigkeit unter den Nebenklage-Anwälten
Die Vertreter der Nebenkläger beginnen einen Disput über das Ziel des Prozesses. Auslöserin ist die Anwältin Kristin Pietrzyk, die den als Zeugen geladenen BKA-Mann sehr kritisch befragt hat. Dieser räumt ein, dass er das rassistische Pamphlet des Christchurch-Attentäters nicht kennt – in seinem Gutachten hatte er diesen Text mit den Dokumenten von Stephan B. verglichen. Andere Nebenkläger wehren sich gegen die ausführliche Thematisierung des Christchurch-Attentäters. „Der deutsche Strafprozess dient zur Ermittlung der individuellen Schuld“, sagt ein Anwalt. „Der einzige, der sich freut, dass diese Theorien ausgebreitet werden, ist der Angeklagte.“

>>> Twitter V. Hacken (Halle gg. Rechts)
Leider auch Realität in der Befragung eines BKA-Zeugen heute, dass Teile der Nebenklage-Anwälte jene Kolleg_innen verbal angreifen, welche ausführlich zur Bewertung der Ideologie des Angeklagten nachfragen. Dabei wird von RA Siebenhüner frontal losgelegt, er meint seinen Kolleg_innen erklären zu müssen und können, wozu ein Prozess da ist. Erstaunlich, dass er dabei nicht verstehen kann und will, dass die handlungsmotivierende Ideologie entscheidend ist, sein Auftritt ihm aber wert heute die Nebenklage zu spalten. 16/ 
<<< https://mobile.twitter.com/valentinhacken_/status/1298583983819825153?p=v) #15-16


Die Verhandlung wird vertagt
16:25
Die Verhandlung wird am nächsten Dienstag um 9.30 Uhr  fortgesetzt.


16:25
Ich verabschiede mich an dieser Stelle und wünsche einen schönen Abend.


16.29 Uhr: Nebenklage-Anwalt protestiert gegen BKA- Einschätzung
Der Streit um die Bedeutung des Christchurch-Attentats für den Anschlag von Halle setzt sich fort. Der Nebenklage-Anwalt Alexander Hoffmann gibt zum Gutachten des BKA-Beamten eine Erklärung ab. Die Bewertung, es gebe „signifikante Unterschiede“ zwischen den Selbstzeugnissen der Attentäter von Christchurch und Halle, sei falsch. Stephan B. habe auf Christchurch erkennbar Bezug genommen. „Und das ist wichtig für die Bewertung der Tat.“
Mit dieser Erklärung endet um 16.25 Uhr der siebte Prozesstag. Die Verhandlung wird am Dienstag der nächsten Woche fortgesetzt.

Aus dem Magdeburger Landgericht berichten Jan Schumann und Hagen Eichler für die MZ; Martin Weigle für die Volksstimme und Lars Frohmüller für Radio Brocken.
Antworten
#23
Wer kann den Sch(w)eiss noch ertragen?

Früher wurden die 60 Minuten der Tat untersucht.
Es gab Fotos vom Tatort, es gab Obduktionsberichte.
Die Tat selbst wurde ggf. rekonstruiert.

Aktuell ist nur noch Gedöns .
Antworten
#24
Rechtsextreme Foren: Welche Rolle Gewalt-Videos und Nazi-Comics bei Stephan B. spielten

[Hervorhebung von mir]

  • 26.08.20, 13:36 Uhr 

Magdeburg -
Der Angeklagte im Prozess um den rechtsterroristischen Anschlag von Halle hat auf seinem Rechner zahlreiche rassistische, faschistische und antisemitische Bilder und Videos gespeichert. Das sagten am Mittwoch mehrere Gutachter des Bundeskriminalamtes (BKA), die in den vergangenen Monaten die elektronischen Beweismittel gegen den Mann ausgewertet haben.
Die Comic-Bilder und die gewaltverherrlichenden Videos sind laut Experten ein typischer Bestandteil rechtsextremer Online-Communitys, die sich oft auf Imageboards austauschen. „Das sind sehr einfach designte Foren, in denen sich Menschen anonym austauschen können“, sagte Extremismus-Forscher Jakob Guhl, der zu Radikalisierung und Extremismus im Internet forscht. „Die Imageboards sehen ziemlich aus der Zeit gefallen aus, die meisten großen sind zu Anfang der 2000er Jahre gegründet worden“, erklärte Guhl.

Experte: Rechtsextreme Imageboards oft unmoderiert
Ursprünglich seien die Foren für den Tausch von Comic-Bildern gegründet worden. Im Unterschied zu anderen Plattformen werde auf solchen Boards kaum moderiert oder sonst irgendwie inhaltlich eingegriffen, da sich die Betreiber stark in der Tradition der amerikanischen Meinungsfreiheit sähen. „Seit Anfang der 2010er Jahre kam auch deshalb immer mehr rechtsextremes Gedankengut auf solchen Seiten auf, weil es dort so ungestört gedeihen konnte“, sagte der Extremismus-Forscher.
Dadurch habe sich auf manchen dieser Plattformen eine bizarre Community gebildet. „Das ist eine ganz kuriose Mischung aus Jugendkultur, Comics, Ironie, Anspielungen auf Videospiele und grenzüberschreitenden Humor, die sich über die Zeit mit rechtsextremem Gedankengut, mit Frauen-, Muslimen- und Judenfeindlichkeit gemischt hat“, sagte Guhl. „Auf diese Online-Kultur hat sich der Attentäter von Halle und auch einige andere rechtsextreme Attentäter der vergangenen Jahre, explizit bezogen.“ Viele hätten ihre Livestreams und ihre sogenannten Manifeste eindeutig auf das Publikum aus den Boards zugeschnitten.

Rechtsextremer Humor als zentrales Element der Szene
Eine zentrale Rolle dabei würden „Witze“ spielen. „Das Thema Humor ist für diese Szene absolut zentral“, sagte der Wissenschaftler. Wenn eine Äußerung den anderen Nutzern mal doch zu extrem sei, könne man immer nicht sagen, es sei nur ein „Witz“ gewesen.
Außerdem würde Humor, etwa in Gestalt von Memes, helfen, extremistische Botschaften und Einstellungen zu normalisieren. Der Humor sei so zum verbindenden Element der Szene geworden, sagte Guhl. So sei der Humor sowohl bei der Radikalisierung als auch bei den Taten, etwa durch Scherze in den von den Tätern verfassten Manifesten, fest verankert. „Das ist völlig abstrus, Al-Kaida hätte niemals Witze in ihre Manifeste geschrieben, dafür war ihnen die Sache viel zu ernst.“
Im Halle-Prozess sorgt der Angeklagte oft für Fassungslosigkeit bei Beteiligten und Beobachtern, weil er an den unangebrachtesten Stellen lacht. Das passe in die Szene der Online-Rechtsextremisten, sagt Experte Guhl, und sei eine der vielen Parallelen des Halle-Attentäters zum Rechtsterroristen von Christchurch. „Das ganze Video des Halle-Attentäters ist ja quasi dem aus Christchurch nachempfunden“, sagte Guhl. „Es bezieht sich auf bestimmte Boards, der Attentäter macht dafür typische Witze“, so der Forscher. „Er ist eindeutig von diesen Boards inspiriert und er „performt“ sehr eindeutig für dieses Publikum.“ (dpa)

https://www.mz-web.de/halle-saale/anschl...n-37246030
Antworten
#25
Ticker Prozeßtag 8 (Teil 1/2)

Ticker von Volksstimme und Mitteldeutsche Zeitung
(Wie kann der Leser Volksstimme und Mitteldeutsche Zeitung unterscheiden? Erstens an der Zeitangabe: VS hat xx:yy Zeitformat; MZ xx.yy. MZ hat zudem hinter der Zeitangabe eine Überschrift)

Für die Volksstimme berichtet Martin Weigle, für die MZ Jan Schumann und Hagen Eichler.

https://www.volksstimme.de/sachsen-anhalt/attentat-von-halle-der-terror-prozess-im-liveticker-tag-4

https://www.mz-web.de/halle-saale/anschl...--37270194




09.00 Uhr: Gericht will Zeugen aus der Synagoge hören
52 Menschen feierten in der Synagoge von Halle Jom Kippur, als der Attentäter am 9. Oktober 2019 Granaten auf das Gotteshaus warf und auf die Tür schoss. Im Gerichtsverfahren um den rechtsterroristischen Anschlag werden heute die ersten drei von ihnen in den Zeugenstand gerufen.
Neben den drei Zeugen aus der Synagoge soll am Dienstag eine weitere Ermittlerin des Bundeskriminalamtes (BKA) befragt werden. Wie in der vorigen Woche soll dabei das Umfeld des Angeklagten im Mittelpunkt stehen. Mehrere Anwälte der Nebenklage hatten vorige Woche vor Gericht kritisiert, dass die bisher geladenen BKA-Ermittler viele ihrer Fragen nicht hatten beantworten können.
Die MZ berichtet wie immer im Liveticker vom Prozess.



09:15
Die Verteidiger des Angeklagten sind bereits im Saal. Es sind mehr Zuschauer als am vergangenen Verhandlungstag da. Auch die Pressefotografen bereiten sich auf die Ankunft von Stephan B. vor. In wenigen Minuten wird die Verhandlung fortgesetzt.


09:35
Der Angeklagte wird in den Saal gebracht und schlagartig verstummen die Gespräche der Prozessbeteiligten. Auch im Zuschauerbereich wird es stiller.


Verhandlungstag beginnt
09:39
Richterin Mertens eröffnet den Prozesstag.


09:42
Die erste Zeugin wird aufgerufen. Eine Dolmetscherin wird die Aussage übersetzen.


09:44
Die Zeugin ist 32 Jahre alt und arbeitet für eine jüdische Nichtregierungsorgansiation.


09:46
Die Richterin ermahnt den Angeklagten die "Contenance" zu halten. "Das hier ist ein Sitzungs- und kein Theatersaal. Ich hatte ihnen schon gesagt, was sonst alles passieren kann."
"Sie können mich des Saales verweisen, das können sie gerne machen."


09:47
Die Zeugin beschreibt ihre Reise zur Synagoge nach Halle. Sie ist eine in Berlin lebende US-Amerikanerin. Es sei für die jüdische Gemeinde ein wichtiger Wert, Jom Kippur gemeinsam zu feiern.


09:50
Es gibt ein lockeres Gespräch zwischen der Richterin und der Zeugin zu den Unterschieden zwischen katholischen und jüdischen Feiertagen und wie sich die Gläubigen da verhalten. 
Schmunzeln gab es beim Thema Pünktlichkeit der Feiernden.


09:51
Die Zeugin: "Normalerweise bin ich an Jom Kippur pünktlich, aber das fiel mir in der Schule schon schwer."


09:54
Die Richterin hat keine Bilder vom Inneren der Synagoge. Auch die Zeugin kann zu den Begebenheiten nicht viel sagen, da sie nur ein Mal in Halle war.


09:55
"Ich bin heute nur hier, weil ich an dem Tag pünktlich war. Wäre ich später gekommen, wie sonst üblich, wäre ich vermutlich nicht hier."


09.55 Uhr: Zeugin aus der Synagoge berichtet über Jom Kippur
Der Verhandlungstag beginnt der Befragung mit einer 32-jährigen US-Amerikanerin, die am 9. Oktober in der Synagoge war. Sie wollte gemeinsam mit der Gemeinde in Halle den jüdischen Feiertag Jom Kippur feiern. „Wir kamen als Gruppe in die Stadt“, schildert die Zeugin, die später das Attentat im Gotteshaus erlebte. Richterin Ursula Mertens möchte wissen, wie die Feierlichkeiten rund um Jom Kippur abliefen. „Sind Sie schon am Vortag angereist?“, fragt Mertens die Zeugin. „Ja“, sagt diese. Die Jüdin habe die Synagoge bereits am Vortag besucht. Mertens zeigt im Gerichtssaal Fotos des Gotteshauses in der halleschen Humboldtstraße.  

09:58
"Ich dachte ich wäre nur ein paar Minuten unterwegs, dann habe ich laute Geräusche aus Richtung der Synagoge gehört."


10:00
Ich hatte kein Geld, kein Telefon bei mir und jeder den ich kannte war in der Synagoge."


10:00
"Als ich von der Parkbank zurück zur Synagoge ging, war schon Polizei vor Ort und ich sah eine tote Person dort liegen."


10:02
"Vor der Synagoge war Chaos. Und mich wollte erst niemand hinein lassen. Der Gemeindepräsident hat mich dann nach einigen Minuten über den Friedhofseingang wieder nach drinnen geholt."


10.03 Uhr: Zeugin hatte riesiges Glück
„Ich verließ die Synagoge ein paar Minuten vor dem Angreifer“, schildert die Zeugin. Nur kurz danach wäre sie vor dem Gotteshaus auf den Attentäter getroffen, sagt sie. Sie sei nach dem morgendlichen Gebet auf einen Spaziergang gegangen. „Ich saß auf einer Bank und hörte plötzlich sehr laute Geräusch aus Richtung der Synagoge.“
Die Jüdin habe zunächst gedacht, vielleicht sei dies ein Defekt an einer Straßenbahn. „Ich war nicht panisch“, schildert die Zeugin. Als sie Minuten später zur Synagoge zurückkehrte, habe sie viele Polizisten vor dem Gotteshaus gesehen und einen leblosen Körper unter einer Plane.


10:04
"Die Synagoge ist für mich ein Ort der Sicherheit und auch in der Gegend habe ich mich sicher gefühlt." Deshalb habe sie keine spezifische Erinnerung daran, wie die Sicherheitsvorkehrungen ausgesehen haben.


10:06
"Es war unklar was passiert war, es gab auch viel Missinformation." Später wurde dann gesagt, dass es einen Schützen gegeben hat.


10:09
"Ich habe am Vorabend angefangen zu fasten, ich hatte also den ganzen Tag nichts gegessen."


10:10
Der Angeklagte lässt die Zeugin während ihrer Aussage nicht aus den Augen. Sein Blick ist scharf.


10:12
Anfangs habe sie sich stark nach dem Vorfall gefühlt. Nach ein paar Monaten änderte sich das. Alltägliche Dinge fielen ihr zunehmend schwer. Ein Posttraumatisches Stresssyndrom wurde bei der Zeugin diagnostiziert.


10.13 Uhr: Jüdische Gemeinde hatte bis zum Abend kaum Informationen
Richterin Mertens fragt: „Als Sie aus der Synagoge auf die Straße gegangen sind, haben Sie nichts gemerkt?“ Nein, sagt die Zeugin. „Die Synagoge ist ein Ort, an dem ich mich sicher fühle.“ Eine genau Uhrzeit kann die US-Amerikanerin für das Geschehen nicht nennen - an Jom Kippur haben Gläubige häufig keine Handys und Wertsachen bei sich.
Auch nach dem Attentat betete die Gemeinde weiter, die Zeugin erzählt nun vom Nachmittagsgebet. Gemeindechef Max Privorozki habe sie während des Polizeieinsatzes wieder in die Synagoge gelassen. Was genau vor der Synagoge passiert war, wussten die Juden bis zum Abend laut Zeugin nicht. „Es gab viele Falschmeldungen.“ Erst am Abend habe sich die Situation für sie aufgeklärt.


10:14
Der Großvater der Zeugin hatte den Holocaust überlebt. Lange Zeit sei er der einzige Überlebende gewesen. Jetzt sei sie ebenfalls Überlebende berichtet die Zeugin.

Der Angeklagte lacht darüber.


10:16
Meine Familie war nicht davon begeistert, dass ich hier lebe. Nach dem Vorfall haben sie eingesehen, dass das die traurige Realität ist.
"Ich gehe hier nicht weg, nicht wegen dieses Vorfalls."


10:18
Die Zeugin spricht hebräisch. Wieder lacht der Angeklagte.


10.18 Uhr: Zeugin spricht über posttraumatische Stresserkrankung
Die Amerikanerin lebt seit anderthalb Jahren in Deutschland, arbeitet mit jüdischen Gemeinden. Ihr Großvater sei ein Holocaust-Überlebender gewesen, sagt sie vor Gericht. Mehr als 100 Verwandte seien im Zweiten Weltkrieg umgebracht worden.
Richterin Mertens fragt die Zeugin, wie sie heute über den Anschlag denkt. „Ich kann das nur persönlich schildern“, sagt sie. „Nach dem Vorfall fühlte ich mich noch stark. Als die Monate dann ins Land gingen, fühlte ich mich aber nicht mehr gut.“ Ein Arzt habe eine posttraumatische Stresserkrankungen diagnostiziert. Mithilfe von Experten und Familie habe sie das Trauma überwunden.


10:19
Die Zeugin berichtet von ihrem Großvater, der ihr an Jom Kippur immer einen Seegen aussprach.
"Der Angeklagte wird mir nicht weiter etwas antun." "Es endet hier und heute."


10:21
Ein Nebenkläger weist das Gericht darauf hin, dass der Angeklagte bei bestimmten Begriffen immer wieder lacht.


10:22
Die Zeugin wird entlassen


10:22
Es gibt eine 15-minütige Pause im Anschluss an die Entlassung der Zeugin.


10.24 Uhr: Zeugin gibt sich kämpferisch gegenüber dem Angeklagten
Ob die Zeugin trotz des antisemitischen Anschlags in Deutschland bleiben wolle, fragt Richterin Mertens. „Wegen dieses Vorfalls gehe ich nicht weg“, sagt die Zeugin. Mertens gibt zurück: „Vorfall: Das ist sehr untertrieben.“
Mertens hat keine Fragen mehr, die Zeugin möchte aber noch etwas gegenüber Stephan B. erklären. „Er hat sich mit der Falschen angelegt, mit der falschen Familie angelegt, mit den falschen Nebenklägern angelegt.“ Und: „Er wird mir keine Qualen mehr beifügen. Es endet hier und heute.“


Fortsetzung
10:43
Die Verhandlung wird fortgesetzt.


10:44
Die nächste Zeugin wird in den Zeugenstand gebeten.


10:45
Die Zeugin ist eine 30-jährige Frau. 


10:46
Auch sie schildert die Beweggründe und die Reise von Berlin mit der jüdischen Gemeinde nach Halle.


10:49
"Es gab einen extrem lauten Knall von draußen," berichtet die Zeugin, die in der Synagoge auf der Frauenempore war.


10:51
"Die Gemeinde ist russisch-sprachig, ich kann das nicht". Es habe Verwirrung und ein ziemliches Durcheinander gegeben.
Der Vorsitzende der Gemeinde übersetzte dann für uns auf Englisch, "lauft, lauft!"


10:53
Die Zeugin berichtet, dass sich die Menschen in einem kleinen Raum am hinteren Ende der Synagoge versteckt haben.


10:54
"Es hat nach Rauch und Feuerwerkskörpern gerochen, das habe ich noch gut in Erinnerung."


10:55
"Vom Fenster des kleinen Raumes habe ich nur den Friedhofsbereich sehen können."


10:56
"Die Idee, dass jemand ausgerechnet in Halle auf die Synagoge schießt, kam mir einfach abstrus vor."

Wieder grinst der Angeklagte.


10.58 Uhr: Zweite Zeugin berichtet von Schwarzpulvergeruch in der Synagoge
Eine zweite Frau aus der Synagoge ist nun im Zeugenstand. „Es war mein erster Besuch in Halle“, sagt die 30-Jährige. „Wir haben schon am Vorabend gemeinsam in der Synagoge gebetet, machten noch einen Stadtrundgang.“ Am 9. Oktober gingen die Gebete dann weiter.
„Am Mittag haben wir einen extrem lauten Knall gehört, kurz darauf einen zweiten.“ Zu dem Zeitpunkt sei die Zeugin davon ausgegangen, „dass draußen ein Unfall passiert ist“. Doch die Männer an der Überwachungskamera der Synagogentür hätten ihr den Ernst der Lage klar gemacht. „Sie sagten: lauft, lauft!“ Nun habe sie auch Schwarzpulver gerochen, sagt die Jüdin. Dann gab es Kommandos in der Synagoge: „Bleibt von den Fenstern weg.“


10:59
"Ich habe einfach darauf gewartet, dass ein Polizist mal in die Synagoge kommt und uns darüber aufklärt was da draußen passiert. Es hat mich extrem gewundert, dass es keine gute Kommunikation mit der Polizei gab. Zumindest nicht mit uns."


11:01
"Es hieß, dass wir die Synagoge erst einmal nicht verlassen dürfen, aber wer da mit der Polizei kommuniziert hat kann ich nicht sagen. Aus meiner Sicht war das aber nicht ausreichend. Die Zeit war sehr lang und wir sind dann wieder zum Gebet übergangen." 


11:04
"Ich habe mich darüber gewundert, warum die Polizei die abgedeckte Leiche nach dem Anschlag noch so lange dort hat liegen lassen."


11:06
"Mir schien diese ganze Situation noch immer so unwirklich." "Ich konnte das nicht glauben." Die Richterin versucht, die Zeugin durch das Gespräch zu führen, die anscheinend noch immer nicht in Worte fassen kann, was sie an dem Tag in Halle erlebt hat.


11.08 Uhr: Polizei ließ Menschen in Synagoge lange im Unklaren
Die Minuten vergingen, doch die Zeugin habe erst nach und nach realisiert, dass tatsächlich ein Terroranschlag auf das Gotteshaus stattfand. „Die Idee, dass ausgerechnet in Halle jemand auf die Synagoge schießt, kam mir einfach abstrus vor“, sagt die 30-Jährige. Sie sei mit den anderen Gläubigen ins Obergeschoss geflüchtet, während Stephan B. mit seiner Maschinenpistole auf die Synagogentür schoss und Sprengsätze auf das Grundstück warf.
In den Stunden nach dem Angriff sei die Gemeinde im Gotteshaus von der Polizei lange im Unklaren gelassen worden, kritisiert die Zeugin. „Es hat mich extrem verwundert, dass es da keine gute Kommunikation mit der Polizei gab“, sagt sie. „Gerüchte gingen draußen rum“ – sie selbst habe aber lange nicht gewusst, was genau an der Synagoge passiert war. Indes zeigte der Überwachungsmonitor bereits einen leblosen Körper auf der Humboldtstraße – die Passantin Jana L., die vom Attentäter erschossen worden war. „Die Situation schien mir nicht real.“


11:09
Von der Ankündigung der Evakuierung bis es dann am Ende passiert ist, hat es nochmal mindestens eine Stunde gedauert. Es gab Schwierigkeiten in was für Gruppen wir rausgehen durften und ob wir unser koscheres Essen mitnehmen dürfen.


11:11
"Als wir auf die Straße kamen habe ich gesehen, dass zur Hauptstraße ein Sichtschutz aufgebaut war. Wir sollten uns ausweisen, aber viele von uns hatten die Ausweise gar nicht dabei."


11:12
"Es war viel Presse da, dass war eine sehr befremdliche Situation."


11:14
Es war so abstrus, dass dort Polizisten im Einsatz waren, die nicht wussten, dass der Einsatz an einer Synagoge war. Auch nicht fünf Stunden nach dem Anschlag. Ich fand das alles sehr befremdlich. Auch dass der Bus nicht innerhalb des Sichtschutzes geparkt war, obwohl es genug Platz gab. Diese Wartezeit immer wieder und dazu die Fotografen, denen wir im Prinzip ausgeliefert war.


11:17
Es gibt Unstimmigkeiten zwischen der Richterin und einer  Nebenklagevertreterin über die Art der Fragestellung der Richterin.
Sie versuche Dinge zu rechtfertigen, die die Zeugin gestört haben, so der Vorwurf.


11:18: Zeugin erinnert sich: Erste Polizisten entsprachen Beschreibung des Attentäters
„Ich habe unsere Rabbinerin gefragt, ob wir ein Gebet sprechen wollen für die zwei Gestorbenen“, schildert die Zeugin die Stunden am Nachmittag. Unwirklich dann der Moment, als Polizei-Spezialkräfte auf das Synagogengelände kamen: Der erste SEK-Polizist mit Waffe und schwarzem Helm habe genauso ausgesehen, wie der Attentäter auf Nachrichtenseiten beschrieben wurde. „Ich bin aber davon ausgegangen, dass es die Polizei war“, sagt die Zeugin.
Dann seien die Gläubigen mit einem Bus vom Gelände gebracht worden. Während des Polizeieinsatzes habe sie den Eindruck gehabt, nicht alle Einsatzkräfte wussten, wo sich die Synagoge in der Humboldtstraße befindet, so die Zeugin.


11:19
"Im Krankenhaus warteten wir dann darauf, dass wir das Fasten brechen konnten. Inzwischen wurden wir von der Polizei vernommen."
"Immer wieder habe ich dabei geholfen, zu übersetzen."
"Die Kommunikation mit der Polizei war an dem Tag sehr schwierig."


11:22
Die Zeugin lacht darüber, dass ihre ursprünglichen Pläne zum Beispiel das Landesmuseum in Halle zu besuchen, durch den Anschlag und die Folgen nicht umgesetzt werden konnten. Sie sei froh darüber gewesen, dass sie ihr Zugticket noch kurzfristig umbuchen konnte.


11:24
"Die ersten Tage danach war ich einfach nur erschöpft. "
"Etwas später habe ich dann psychologische Hilfe in Anspruch genommen. "
"Ich komme einfach nicht darüber hinweg, das zwei Menschen tot sind, weil ich es nicht bin. Mir wäre es persönlich lieber gewesen, er hätte mich getroffen und nicht zwei andere Menschen." 

Bei der Aussage freut sich der Angeklagte erneut.


11:27
"Ich habe mehrmals mit der Mutter von der getöteten Frau gesprochen. Es war sehr einschneidend für mich, mich mit der Familie zu unterhalten. Das hat es aber nur noch schwieriger gemacht, zu wissen, das sie an meiner Stelle tot ist." 


Unterbrechung
11:29
Die Verhandlung wird für 10 Minuten unterbrochen, die Zeugin braucht eine Pause.


11:29 Uhr: Zeugin spricht von „nicht ganz einfacher“ Kommunikation
„Wie ist es Ihnen dann ergangen“, fragt Richterin Mertens. Die Zeugin schildert, dass Gemeindemitglieder sich am Folgetag zum Frühstück getroffen hätten. „Am nächsten Tag ist der Adrenalinpegel natürlich noch hoch“, sagt die 30-Jährige. Sie habe schon am 10. Oktober versucht, Kontakt mit der Familie der erschossenen Passantin aufzunehmen. „Wir selbst haben Hilfe von einer israelischen Psychologin bekommen“, sagt die Zeugin. „Das hat mir sehr geholfen, weil wir so nicht davon abhängig waren, was von der Stadt kommt.“ Die Kommunikation mit staatlichen Stellen sei auch nach dem Anschlag „nicht ganz einfach“ gewesen, sagt sie kritisch.
Infolge des Terrorakts habe die Zeugin starke Stressbelastungen entwickelt. Sie habe nachts wenig schlafen können, sei tagsüber erschöpft gewesen. Mittlerweile habe sich das gebessert, sagt sie. „Das einzige, worüber ich vielleicht nicht hinwegkomme: Dass zwei Menschen an meiner Stelle erschossen worden sind.“


Fortsetzung
11:41
Die Verhandlung wird fortgesetzt.


11:43
"Ich war verwundert, dass es keine Polizeipräsenz vor der Synagoge gab. Das kenne ich aus anderen Städten anders, vor allem an hohen Feiertagen."


11:44
Die Zeugin wird entlassen.


11:46
Der Angeklagte hat laut einer Nebenklagevertreterin bei der Aussage der Zeugin gesagt, ihm wäre es auch lieber gewesen, wenn er sie getroffen hätte.
Der Verteidiger bestreitet eine solche Aussage vernommen zu haben.


11:49
Im Augenblick wird darüber diskutiert, ob diese vermeintliche Einlassung zu Protokoll genommen wird.


11:50
Die Einlassungen und Anträge der Nebenkläger werden protokolliert. Das soll als Kompromiss zu sehen sein, sagt Richterin Mertens, die die Aussage des Angeklagten nicht gehört hat.


11:50 Uhr: Verwunderung über fehlende Polizeipräsenz
Die Zeugin sagt, das Judentum in Deutschland habe schon Schlimmeres als diesen Anschlag überlebt. „Es wird mich künftig nicht davon abhalten, in eine Synagogen zu gehen.“
Richterin Mertens hat noch eine Frage zur fehlenden Polizeipräsenz an der halleschen Synagoge am Feiertag Jom Kippur. „Ich weiß, dass ich am Tag zuvor gefragt habe, wieso keine Polizei vor der Tür steht. Weil ich das aus anderen Städten gewohnt bin.“ Sie zeigt sich aber „weniger kritisch“ in dieser Frage: „So viel Polizeipräsenz erzeugt auch besondere Aufmerksamkeit.“ Am Tag des Anschlags war das Gotteshaus lediglich durch unregelmäßige Polizeistreifen, nicht aber permanent gesichert worden.


11:52
Kurios: Die Aussage hat niemand in der ersten Reihe der Nebenkläger vernommen, aber beinahe alle in der hinteren.


11:54
Als nächster Zeuge wird Jeremy Borovitz aufgerufen.


11:56
Der Zeuge möchte vom Gericht mit Rabbi Borovitz angesprochen werden.


11:58
Der Zeuge und seine Frau arbeiten für das Projekt "Base-Berlin". Dieses Projekt wollte statt in einer überfüllten Synagoge in Berlin zu feiern, in einer kleineren Gemeinde in einer anderen Stadt Jom Kippur zu begehen. So reisten sie mit einer Gruppe von etwa 20 Personen nach Halle.


12:00
Jom Kippur ist der Lieblingsfeiertag und sogar der liebste Tag im Jahr des Zeugen. 



12:01
Die Reisegesellschaft erreichte Halle am 8. Oktober 2019. Man hatte koscheres Essen mitgebracht, da Jom Kippur ein etwa 26-stündiges Fasten voraus geht.


12:04
Der Rabbi gibt einen Einblick über die Geschichte und das Brauchtum rund um Jom Kippur.


12:05
"Jom Kippur ist ein Meilenstein für das kommende Jahr und viele der Emotionen, die man an diesem Tag hat, trägt man  in das folgende Jahr hinein."


12:06
"Jom Kippur ist eine Zeit des Nachdenkens über das vergangene Jahr und eine Zeit des Betens für das neue Jahr."


12:07
"Im jüdischen Leben beginnt der Tag mit Sonnenuntergang, das führt zurück auf das erste Buch Genesis."


12:10
"Bevor der Tag begann, haben wir unser Geld weggelegt und die Telefone ausgeschaltet."


12:11 Uhr: Rabbiner aus Berlin tritt in den Zeugenstand
In den Zeugenstand kommt jetzt Jeremy Borovitz. Der US-amerikanische Rabbiner war während des Anschlags in der Synagoge. Er schildert, wie es dazu kam, dass am 9. Oktober 2019 Juden aus verschiedenen Ländern in Halle feierten.
„Wir dachten uns: Anstelle in einer übervollen Synagoge in Berlin zu feiern, könnten wir dies in einer kleineren Gemeinde tun“, sagt der 33-jährige Wahlberliner. Auch seine Frau ist Rabbinerin. „Wir haben uns entschieden, mit etwa 20 Leuten nach Halle zu fahren.“ Sie mieteten ein Auto und kauften koscheres Essen für den Trip. „Jom Kippur ist mein liebster Feiertag“, sagt Borovitz. Der Rabbiner erklärt auf Nachfrage von Richterin Mertens: Im jüdischen Glauben entscheide sich an Jom Kippur, wie das kommende Jahr verlaufen wird. „Jom Kippur ist eine Zeit des Reflektierens über das vergangene Jahr, aber auch eine Zeit des Nachdenkens über das neue Jahr.“


12:12
"Wir waren in der Mitte der Toralesung, als der Lärm draußen losging." 


12:15
"Nachdem wir die in den hinteren Bereich der Synagoge gebracht wurden, haben Mitglieder der jüdischen Gemeinde von Halle die Türen verbarrikadiert. Dafür bin ich sehr dankbar und halte die Taten dieser Menschen für heldenhaft. Ich habe dann versucht alle in dem kleinen Raum zu beruhigen."


12:17
An einem bestimmten Punkt wurde ich darüber informiert, dass die Polizei angekommen ist. Es hat sich für mich wie eine sehr lange Zeit angefühlt.


12:18
Wir haben dann wieder das Gebet aufgenommen und genau dort weitergemacht, wo wir unterbrochen wurden. Es war das stärkste Gebet, was ich bislang erlebt habe.


12:20
Wir haben dann festgestellt, dass zwei Mitglieder von uns fehlten. Wir haben dann einige Zeit später von beiden erfahren, dass es ihnen gut ging.


12:23
Es wurde zunächst abgelehnt, dass wir unser mitgebrachtes, koscheres Essen mit in den Bus zur Evakuierung zu nehmen.


12:24
Es gab an dem Tag viele Diskussionen um das Essen und ob die Mitglieder der Gemeinde dieses mitnehmen durften.


12:25
"Es war eine surreale und völlig abstruse Situation war, in der wir gezwungen wurden uns an bestimmte Regulierungen zu halten."


12:26
"Ich möchte hier niemanden beschuldigen, aber ich glaube das sich viele Leute verbessern können."


12:26 Uhr: Rabbi nutzte zum ersten Mal sein Handy an Jom Kippur
Borovitz: „Jom Kippur ist aufgeteilt in vier Gottesdienste“ – über Stunden hinweg, vom Morgen bis zum Abend. Mitten in das Gebet hinein habe die Gemeinde Explosionen gehört, es habe „Aufruhr“ an den Sicherheitskameras der Synagogentür gegeben, so der Rabbiner. Zügig seien die Gemeindemitglieder im Gebäude in Sicherheit gebracht worden, während wenige Männer die Eingangstür von innen barrikadiert hätten. „Die Männer haben heldenhaft gehandelt“, sagt Borovitz.
Er schildert die irreal wirkenden Minuten des Angriffs: „Ich kann mich zwar heute noch klar an die Ereignisse erinnern – aber damals war das fast unwirklich.“ Er habe sich gefühlt, als sei er in einer Art „Zwischenwelt“ gewesen. Ähnliche Erfahrungen habe er später in Literatur über Traumata gefunden. „Das Gefühl passte auch zu diesem Feiertag“, sagt Borovitz. Das Gebet, dass die Juden in der halleschen Synagoge direkt nach dem Anschlag sprachen, sei das stärkste, das er je erlebt habe. Dann habe er etwas getan, was er noch nie an Jom Kippur getan habe – er schaltete sein Handy an, um die Nachrichtenlage zu überblicken.


12:27
"Meine Tochter und die Babysitterin durfte nicht durch die Polizeiabsperrung, ich habe dann deutlich gemacht, dass ich die Synagoge nicht verlasse bevor wir nicht wieder mit unserer Tochter vereinigt werden."


12:29
"Es war ein guter Instinkt, eine Nonne zur geistlichen Betreuung zu schicken, aber es war an der Stelle sehr schwierig und bestürzend für einige Mitglieder unserer Gemeinde."


12:30
"In schwierigen Zeiten wollen Juden unter Juden sein."


12:32
"Die Polizisten behandelten uns zu dieser Zeit wie Verdächtige und nicht wie Opfer, zumindest hatte ich das Gefühl."


12:33
"Im Kontrast dazu erlebten wir im Krankenhaus sehr viel Liebe und Zugewandtheit."


12:35
In der Hälfte des Schlussgebetes wurden wir von der Polizei unterbrochen. Nur das Krankenhauspersonal hatte das letztlich unterbunden.


12:36
"Es war unwirklich, wir hatten ein solches traumatisches Erlebenis  durchgestanden und neben uns diskutierten zwei Deutsche über unser weiteres Schicksal"


12:37 Uhr: Rabbi kritisiert Polizei-Einsatz bei Evakuierung
Borovitz schildert den Moment der Evakuierung aus der Synagoge am Nachmittag des 9. Oktobers. Er kritisiert: Obwohl die Juden tagsüber nichts gegessen hätten, habe die Polizei untersagt, dass der Rabbi das koschere Essen für die Gläubigen in den Bus nehmen dürfe. „Irreal und lächerlich“, nennt Borovitz das angesichts der gerade erst erlebten traumatischen Ereignisse. „Ich will die Polizei nicht anklagen, aber ich glaube, dass das besser geht“, sagt er vor Gericht.
Unpassend sei aus seiner Sicht auch gewesen, dass eine Nonne im Bus für spirituelle Unterstützung sorgen sollte. „Man muss wissen, was das bei einigen Juden auslöst“, kritisiert Borovitz, auch mit Verweis auf „Zwangsbekehrungen“ in der Vergangenheit. Zudem habe der Bus für die Evakuierung keinen Sichtschutz gehabt – Journalisten hätten so minutenlang Fotos von den Juden im Fahrzeug geschossen, während sie auf die Abfahrt ins hallesche Elisabeth-Krankenhaus warteten.


12:39
Als wir in das Hotel zurückgebracht wurden, wurde eine große Show abgezogen. Es waren viele Polizeifahrzeuge dabei. Am nächsten Tag dann folgte mir aber niemand. Ich habe dann die Beamten informiert: 'Ihr braucht hier nicht mehr zu stehen, wir sind die Letzten, niemand ist mehr im Gebäude'."


12:42
"Ich sage das nur weil ich der Überzeugung bin, dass es hier noch Raum für Verbesserungen gibt."


12:42
Der Rabbi spricht den Familien der Todesopfer sein Mitgefühl aus.


12:43
"Ich bin vor eineinhalb Jahren mit meiner Familie nach Berlin gezogen. Jetzt kann ich sagen, dass das jüdische Leben in Deutschland wachsen wird und ich bin stolz darauf, ein Teil dieses Wachstums zu sein. Wir werden uns nicht verstecken und wir werden keine Angst haben."


12:46
Wieder grinst der Angeklagte verächtlich.


12:46
Es gibt wieder Applaus im Publikum, als der Rabbi seine Aussage beendet hat. Die Richterin unterbindet das nicht.


12:48
"Außer der Geburt meiner Tochter hat kein Vorfall mehr Einfluss auf mein Leben gehabt. Ich brauchte viel an Therapie und Beratung. Am meisten hilft mir, wenn ich anderen helfen kann eine bessere Welt zu bauen."


12:49
Der Angeklagte hat eine Frage an den Zeugen


12:50
Als er ihn mit "Herr" anspricht. Antwortet der Zeuge "Rabbi"!


12:51
Die Richterin unterbindet die Fragestellung des Angeklagten, der fragte ob der Rabbi es gewohnt sei eine Sonderbehandlung zu erhalten.


12:53
Der Rabbi antwortet trotzdem und sagt, dass er jedem Menschen dem er begegne mit Liebe und Respekt begegne.


12.54 Uhr: Zeugen zeigen tiefes Mitgefühl für Hinterbliebene der Todesopfer
Borovitz schildert nun, dass Behörden ihm sich bis zum Abend des Anschlags nicht sagen konnten, wo er die Nacht verbringen konnte. Als er letztlich zurück ins Hotel gebracht wurde, „haben sie eine große Show daraus gemacht“: Eine große Zahl von Polizeiwagen habe ihn begleitet. Als er aber am nächsten Tag zur Synagoge zurückkehrte, habe kein Beamter gefragt, ob er Hilfe mit seinem Gepäck oder ähnliches brauche. „Nochmal, ich will keine Polizisten persönlich beschuldigen“, sagt er. „Ich mache diese Aussagen heute, weil ich glaube, dass hier Raum für Verbesserung besteht.“
Über die Todesopfer des Anschlags sagt der Rabbi, er habe „tiefstes Mitgefühl“ für die Familien von Jana L. und Kevin S.. „Ich werde auch weiterhin an sie denken bis zum Ende meines Lebens.“ Auch Borovitz ist es wichtig, seine Aussage mit einer stolzen Erklärung zu beenden: „Wir haben keine Angst, wir sind laut, wir stehen zusammen.“


Pause
12:52
Im Anschluss daran verkündet die Richterin eine Pause bis 14 Uhr.


13.01 Uhr: Richterin unterbricht Frage des Angeklagten an den Zeugen
Richterin Mertens beendet Borovitz‘ Befragung. Sie will wissen, ob Prozessbeteiligte noch Fragen haben. Einer will tatsächlich noch etwas wissen: der Angeklagte. „Sie beschreiben ziemlich ausführlich, wie Sie - ich würde sagen - Probleme hatten mit dem Einsatz der Polizei“, sagt Stephan B. Richtung Rabbi. „Sind Sie es gewöhnt, eine Sonderbehandlung zu bekommen?“  Der Begriff Sonderbehandlung gilt als zynischer Nazi-Terminus und meint in diesem Kontext die Tötung von Juden, auch in Gaskammern.
Bevor Borovitz antworten kann, geht Richterin Mertens dazwischen. „Das ist keine Sonderbehandlung, wenn man respektvoll behandelt werden will.“ Der Prozess geht in eine Mittagspause.
Antworten
#26
Ticker Prozeßtag 8 (Teil 2/2)

Ticker von Volksstimme und Mitteldeutsche Zeitung
(Wie kann der Leser Volksstimme und Mitteldeutsche Zeitung unterscheiden? Erstens an der Zeitangabe: VS hat xx:yy Zeitformat; MZ xx.yy. MZ hat zudem hinter der Zeitangabe eine Überschrift)

Für die Volksstimme berichtet Martin Weigle, für die MZ Jan Schumann und Hagen Eichler.

https://www.volksstimme.de/sachsen-anhalt/attentat-von-halle-der-terror-prozess-im-liveticker-tag-4

https://www.mz-web.de/halle-saale/anschl...--37270194

Hervorhebungen (blau) von mir.



13:58
Der Angeklagte ist wieder im Gerichtssaal, die Verhandlung wird also gleich fortgesetzt.


13:59
Es wird wohl doch noch ein wenig dauern. Der Angeklagte wurde wieder aus dem Saal hinaus geführt.


14:13
Die Richterin und ihre Beisitzer betreten den Saal, die Sitzung wird fortgeführt.


14:14
Der nächste Zeuge ist ein 32-jähriger Projektleiter einer jüdischen Jugendorganisation. Er war am Tag des Anschlag der Vorbeter in der Synagoge.


14:16
"Ich kenne die Straße, ich kenne die Gegend und wusste, dass da was ungewöhnlich war."
"Ich sah das Auto des Angeklagten auf dem Bildschirm und etwas, das ich in meinem Leben vergessen werde. Ich sah wie Jana S umgefallen ist. Ich habe noch niemals gesehen, wie ein Mensch gestorben ist."


14:18
"Im Camp bringen wir den Kindern bei: Wenn etwas draußen ist, bleiben wir drin, wenn etwas drinnen ist, gehen wir nach draußen."


14:20
"Es war schwer für mich den teilweise alten Leuten zu sagen, dass sie fliehen sollten. Menschen, die teilweise den Krieg erlebt hatten."


14:21
"Ich kann mich nicht mehr genau an den Ablauf erinnern, aber ich kann mich genau an das erste Mal erinnern, als ich den Angeklagten auf dem Bildschirm gesehen habe, wie er vor der Tür in voller Montour stand."


14:23
"Manche von uns wollten rausgehen und kämpfen und den Angeklagten stoppen."


14:24
"Die schlimmsten Momente waren, als wir den Täter nicht mehr gesehen haben und nicht wussten ob er woanders versucht in die Synagoge einzudringen."


14:25
"Als das erste Einsatzfahrzeug kam, haben wir vorsichtig die Tür geöffnet und nachgesehen."


14.26 Uhr: Der nächste Zeuge aus der Synagoge wird befragt
Weiter geht es mit der Befragung von Zeugen, die während des Anschlags in der halleschen Synagoge waren. Geladen ist ein 32-Jähriger, der am Tag des Attentats Vorbeter war. Er habe am 9. Oktober die Explosionen am Gotteshaus gehört, „da wusste ich, das ist ungewöhnlich in dieser Straße“.
Er sei zum Bildschirm der Sicherheitskamera geeilt – dort sah er, wie Stephan B. vor der Synagoge Jana L. erschoss. „Ich werde dieses Bild nie vergessen.“ Er habe instinktiv gewusst, dass es für die 52 Juden in der Synagoge sicherer war, im Gebäude zu bleiben. „Langsam wurde mir klar, das ist ein Terroranschlag.“
Er habe die Gläubigen aufgefordert, sich im Haus in Sicherheit zu bringen. Dann habe der Zeuge Stephan B. auf dem Monitor gesehen, „mit voller Montur, mit einer Waffe“. Einzelne Juden verbarrikadierten die Tür von innen.
„Jeder Schuss war ein Schuss ins Herz“, schildert der Zeuge den Angriff. Offenbar wollten sich nicht alle Männer in der Synagoge verstecken. „Wir mussten eine Person festhalten, er wollte raus, kämpfen.“


14:27
"Es war totales Chaos, es gab falsche Medienberichte von russischen Medienberichten."


14:29
Auch der Zeuge beschreibt die Unsicherheit wegen fehlender Informationen und mangelndem Mitgefühl der Polizei.


14:31
"Ich wusste nicht, wo meine Freunde und Mitbeter waren und es gab auch keine Information."


14:34
"Ich habe die deutsche Staatsbürgerschaft gemacht, und ich war immer stolz darauf. Im Ausland habe ich das Land immer verteidigt. Ich bin in meinem Land angegriffen worden."


14.35 Uhr: Russische Agenturen meldeten Geiselnahme
Der Vorbeter habe den Gläubigen in der Humboldtstraße erklärt: „Es gab einen versuchten Terroranschlag.“ Erst da habe er den Schock in den Gesichtern gesehen. Er selbst sei im Gesicht „weiß wie eine Wolke“ gewesen, schildert der Jude im Zeugenstand. Dann sei eine lange Zeit der Unsicherheit in der Synagoge gefolgt – was genau war in Halle passiert?
„Russische Nachrichtenagentur meldeten, dass es eine Geiselnahme gab.“ Währenddessen sammelten sich am Nachmittag Polizeiautos vor der Synagoge, „auch mit Kennzeichen aus NRW und anderes“.


14:36
Ich habe mich entschieden, ich muss für meine Gemeinde da sein. Ich bin also drei Tage nach der Tat zur Synagoge gekommen und da haben sich Menschen vor der Synagoge versammelt und die haben gesungen die haben ihre Sympathie bekundet. Das ist das Deutschland was ich kenne."


14:39
Zum Angeklagten sagt der Zeuge: "Du musst mit deiner Tat für den Rest deines Lebens leben, es hat nichts gebracht." 

Wieder Beifall im Saal, wieder wird er geduldet.


14:40
Seine zwischenzeitlichen Pläne Deutschland zu verlassen, wird der Zeuge nicht weiter verfolgen. "Nein, ich bleibe hier."


14:41
Der Zeuge macht sich Vorwürfe, dass sie nicht sicher waren, dass der Angeklagte allein war, ansonsten hätte man eventuell ein Leben retten können.

Der Angeklagte grinst.


14:43
"Nazis sind nicht die Mehrheit, sie sind die Minderheit. Die sind kein Grund das Land zu verlassen."


14:44
Es ist ein großes Signal, dass dieser Fall mit dieser staatlichen Stärke aufgearbeitet wird. Nicht nur für mich, sondern für die ganze Welt, die auf diesen Prozess schaut."


14:45
Der Zeuge wird anschließend entlassen.


Pause
14:45
Die Richterin ruft nochmals eine Pause von 20 Minuten aus, bis dann die nächste Zeugin aufgerufen wird.


14.49 Uhr: Applaus für Aussage des Zeugen im Gerichtssaal
Er habe nach dem Anschlag sofort darüber nachgedacht, Deutschland zu verlassen, sagt der Vorbeter. „Das Erste, was ich dachte, war: Ich ziehe nach Israel, ich verlasse diese Land.“ Sein Empfinden: Du zahlst hier deine Steuern, du fährst nicht schwarz. Und trotzdem: „Du willst jüdisch sein? Das ist dein Preis. Du kannst erschossen werden.“
Doch wenige Tage später habe er von dem Ausreiseplan abgelassen, weil die Solidarität mit der Gemeinde so stark gewesen sei. Tage nach dem Anschlag hätten zahlreiche Menschen vor der Synagoge getrauert und ihr Mitgefühl bekundet. Der Zeuge wendet sich direkt an den Attentäter Stephan B.: „Ich will, dass du das weißt: Diese Straße, auf der du lang gelaufen bist, die war voll. Voller Menschen, und die wenigsten darunter waren Juden. Alt, jung, erwachsen, Hallenser. Sie haben Schalom gesungen.“
Das habe für ihn den Ausschlag gegeben, doch nicht auszureisen. „Ich wusste in dem Moment: Das ist das Deutschland, das ich kenne. Ich bleibe hier.“ Applaus im Gerichtssaal unter Zuschauern und Nebenklägern, die Richterin lässt es zu.


15:04
Die Verhandlung wird fortgesetzt.


15:05
Die nächste Zeugin ist eine 34-jährige Kommissarin vom Landeskriminalamt Sachsen-Anhalt.


15:07
Die Zeugin war mit der Spurensicherung im Bereich der Synagoge beauftragt.


15:09
"Dass die Getötete so lange dort liegengeblieben war, lag daran, dass in der Humboldtstraße noch die Sprengvorrichtungen waren und wir zuerst die Wohnhäuser in der Straße und die Synagoge evakuieren mussten. Das hat viel Zeit in Anspruch genommen."


15:15
Es werden Bilder in Augenschein genommen. Auf einigen ist der abgedeckte Leichnam von Jana L. zu sehen, der Angeklagte zeigt bei der Betrachtung keine Regung.


15:18
Neben dem Leichnam von Jana L. haben die Polizeibeamte drei Magazine für die Waffen des Angeklagten gefunden.


15:20
Die Zeugin bestätigt, dass sie mit ihrem Team die Patronen, Sprengsätze und Waffenmagazine gefunden hat.


15:23
In der Tür zum jüdischen Friedhof wurden mehrere Schrotkugeln entfernt und gesichert, berichtet die Zeugin.


15:27
Es werden verschiedene Fotos des jüdischen Friedhofes und der Wege zur Synagoge und der Humboldtstraße gezeigt. Richterin Mertens lässt die Zeugin erklären, was auf den Bildern zu sehen ist.


15.27 Uhr: „Massiver Schrotbeschuss“: Tatortexpertin des LKA im Zeugenstand
Die nächste Zeugin ist eine Expertin des Landeskriminalamts (LKA). Sie berichtet über die Tatort-Auswertung an der Synagoge – unter anderem geht es um gesicherte Patronenhülsen und Magazine auf der Humboldtstraße sowie sichergestellte Granaten, die Stephan B. auf den jüdischen Friedhof geschleudert hatte. Richterin Ursula Mertens scrollt durch Fotos mit markierten Fundorten. „Massiven Schrotbeschuss“ auf die Synagogentür haben die LKA-Experten festgestellt, sagt die Zeugin.


15:30
"Die Arbeit konnte wegen der Dunkelheit nicht abgeschlossen werden, deshalb habe ich angeregt, dass man nochmals eine Tatortbegehung macht und dann auch einen Metalldetektor zum Einsatz bringt. Zu dem Zeitpunkt war die Sicherheit in dem Bereich aber hergestellt."


15:34
Der Verteidiger hat Fragen zu der von der Zeugin angefertigten Skizze. Er möchte von der Zeugin eine Angabe, wie groß die Entfernung vom Haupttor zu der kleineren Tür ist. 
"Ich bin im Schätzen ganz schlecht", so die Zeugin. 
Es wird eine detaillierte Vermessungsskizze des LKA Berlin herausgesucht.


15:38
Der Angeklagte erklärt seinem Verteidiger im Zwiegespräch und durch zeigen auf dem Bildschirm was die Karte darstellt.


15:40
Die Verhandlung wird für 15 Minuten unterbrochen, damit die Verteidigung sich einen Überblick über die örtlichen Gegebenheiten verschafft hat.


15.41 Uhr: LKA-Beamtin berichtet von Tatort-Arbeit am 9. Oktober
Es geht um die gefährliche Wirkung der Sprengkörper, die Stephan B. auf den Friedhof warf: Das LKA habe einen kleinen Detonationskrater festgestellt, unmittelbar darin kleine Metallkugeln. „Ich habe angeregt, dass man den Friedhof mit dem Metalldetektor absucht“, sagt die LKA-Expertin. Die Tatortsuche habe am Tag des Anschlags bis etwa 23 Uhr gedauert, „zu dem Zeitpunkt hat es dann stark geregnet“, sagt die Beamtin. In einem später angelegten Bericht des Landeskriminalamts Berlin sind mehr als ein Dutzend Fundorte mit Bezug zu B.s Arsenal verzeichnet.  


15:57
Die Verhandlung wird wieder fortgesetzt.


15:58
Der Verteidiger möchte wissen, wie die Eingangstür zur Synagoge beschaffen ist. "Dazu kann ich nichts sagen."


16:00
Die Zeugin wird anschließend entlassen.


16:00
Jetzt soll das Video der Überwachungskamera der Synagoge abgespielt werden. Einzelne Nebenkläger verlassen den Saal.


16:02
Im Saal herrscht Stille, während auf die Szenen gewartet wird.


16:03
Der Angeklagte beugt sich ganz dicht zu seinem Monitor vor.


16:06
Auf den Aufnahmen ist zu sehen, wie der Angeklagte versucht die Holztür aufzuschiessen. Drei Mal legt er an und tritt anschließend mehrmals gegen die Tür. Sie hält Stand.

Der Angeklagte sieht sich regungslos sein "Versagen" an.


16:08
Immer wieder fahren Autos an dem Angeklagten während seiner Taten vorbei.


16:09
Jetzt werden die Szenen gezeigt, auf denen die ersten Polizisten die Leiche von Jana L. auf der Straße entdecken.


16:11
Jetzt ist der Angeklagte nicht mehr so interessiert an den Aufnahmen.


16.14 Uhr: Gericht sieht Überwachungsvideo der Synagoge an
Die heutigen Zeugenbefragungen sind erledigt. Ein wichtiges Beweisstück lässt Richterin Mertens aber noch in Augenschein nehmen: das Video der Überwachungskamera vor der Synagoge. Es zeigt den Eingangsbereich der gesicherten Tür, auf die Stephan B. während des Angriffs schoss. Von schräg oben filmt die Kamera die Tür, das Weitwinkel erfasst den Bürgersteig und Teile der Straße.
Der Film beginnt mit dem Mietauto, das vor dem Gotteshaus parkt. Stephan B. steigt mit Helm und Kampfmontur aus, hält eine Schusswaffe in der Hand. Mehrfach lässt er Ausrüstung fallen, dann feuert er mit seiner Schrotflinte auf die Tür, tritt dagegen. Doch sie lässt sich nicht öffnen. Gespenstisch ist die Szene aus der Überwachungskamera – sie läuft ohne Ton, wird im stillen Gerichtssaal abgespielt. Stephan B. erschießt Jana L. vor dem Gotteshaus und fährt im Mietwagen davon. Passanten finden die Tote auf der Straße.


16:15
Mittlerweile ist in dem Film der erste Streifenwagen eingetroffen.


16:17
Richterin Mertens will den Film so lange laufen lassen, bis der Angeklagte an dem Tatort vorbei fährt.


16:20
Auf dem Video ist zu sehen, wie der Angeklagte mit dem Auto mit hoher Geschwindigkeit zwischen Friedhofsmauer und dem Leichnam über den Fußweg an den Polizisten vorbeirast.


16.22 Uhr: Überwachungskamera zeigt Geschehen vor der Synagoge
Minuten später trifft ein erster Polizeiwagen vor der Synagoge ein. Eine Polizisten steigt aus und schickt Passanten weg. Noch bevor sich die eingetroffenen Beamten um die leblose Jana L. kümmern, fährt Stephan B. ein zweites Mal am Tatort vorbei, diesmal in entgegengesetzte Richtung: Der Attentäter flüchtet aus der Stadt.


16:25
Es wird gesagt, dass gegen eine Beamtin die am Tatort zuerst eingetroffen ist, ein Verfahren wegen unterlassener Hilfeleistung eingeleitet wurde.


16:27
Es gibt die nächste Unterbrechung. Die Nebenkläger, die den Saal verlassen hatten werden wieder hereingeholt um der Fortsetzung der Verhandlung beizuwohnen.


16:37
Es geht weiter.


16:39
Der Vertreter des Generalbundesanwalts, Staatsanwalt Schmidt erklärt, dass nach einer Prüfung, die Hinzuziehung von Akten gegen einen Herrn Christian Wehrmeyer bei Staatsanwaltschaft Mönchengladbach nicht zielführend ist.


16:41
Wehrmeyer wird vorgeworfen das Video, das der Angeklagte ins Internet gestreamt hat, weiterverbreitet zu haben.


16.49 Uhr: Der achte Prozesstag endet
Das war es für heute. Der Prozess wird am morgigen Mittwoch fortgesetzt - dann mit weiteren Zeugen des Anschlags in Halle.
Antworten
#27
"Verteidiger" ... hat sich bemüht darf man in seinem Zeugnis schreiben.
Aber eigentlich summa cum laude im Sinne der Obrigkeit.

Zitat:15:34
Der Verteidiger hat Fragen zu der von der Zeugin angefertigten Skizze. Er möchte von der Zeugin eine Angabe, wie groß die Entfernung vom Haupttor zu der kleineren Tür ist. 
"Ich bin im Schätzen ganz schlecht", so die Zeugin. 
Es wird eine detaillierte Vermessungsskizze des LKA Berlin herausgesucht

Und ???

Zitat:15:58
Der Verteidiger möchte wissen, wie die Eingangstür zur Synagoge beschaffen ist. "Dazu kann ich nichts sagen."

War es das? Und "Eingangstür zur Synagoge" oder die beschossene Hoftür?
Und wird da noch etwas geklärt oder ist das nun abgehakt 

THEATER !
Antworten
#28
Ticker Prozeßtag 9 (Teil 1/2)

Ticker von Volksstimme und Mitteldeutsche Zeitung
(Wie kann der Leser Volksstimme und Mitteldeutsche Zeitung unterscheiden? Erstens an der Zeitangabe: VS hat xx:yy Zeitformat; MZ xx.yy. MZ hat zudem hinter der Zeitangabe eine Überschrift)

Für die Volksstimme berichtet Martin Weigle, für die MZ Jan Schumann und Hagen Eichler.

https://www.volksstimme.de/sachsen-anhalt/attentat-von-halle-der-terror-prozess-im-liveticker-tag-4

Hervorhebungen (blau) von mir



9.00 Uhr: Gericht will weitere Zeugen aus der Synagoge hören
Am Dienstag kamen beim Prozess zum Anschlag in Magdeburg erstmals Betroffene zu Wort. Am 9. Prozesstag sollen weitere Zeugen vernommen werden, die sich am Tag des Anschlags in und um die Synagoge in Halle befunden haben. 


09:16
Wenn der Zeitplan eingehalten wird, sollte die Verhandlung in etwa einer viertel Stunde fortgesetzt werden. Die Sicherheitsbeamten, die den Angeklagten in den Saal begleiten und bewachen, haben im Flur des Gerichts schon Stellung bezogen.


09:19
Die Verteidiger, Kamerateams und Fotografen sind bereits im Saal und warten auf den Angeklagten.


09:21
Der Zuschauerbereich im Gerichtssaal ist heute voll besetzt. 


9.30 Uhr: Prozesstag 9 beginnt pünktlich 
Guten Morgen aus dem Landgericht Magdeburg! Der Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Naumburg will an diesem Mittwoch weitere Zeugen hören, die den Anschlag auf die Synagoge von Halle erlebt haben, also Teilnehmer des ganztägigen Gottesdienstes am Feiertag Jom Kippur. Der Angeklagte Stephan B. wurde wie stets mit Hand- und Fußfesseln in den Saal gebracht, die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens eröffnet die Verhandlung in diesem Moment.


Sitzung wird fortgesetzt
09:32
Richterin Mertens betritt den Saal und eröffnet den Sitzungstag.


09:33
Der erste Zeuge ist bereits im Zeugenstand und wird von der Vorsitzenden über die Wahrheitspflicht belehrt.


09:34
Der 56-Jährige ist Wachmann in der Hallenser Synagoge.


09:36
Der Zeuge spricht Russisch und seine Aussagen werden von einer Dolmetscherin übersetzt.


09:37
"Ich habe gesehen, dass gegen 12 Uhr ein Auto vor der Friedhofsmauer angehalten hat." 


09:38
"Ich wollte keine Panik auslösen und habe dann nur zu dem Gemeindevorsitzenden gesagt, dass sich ein bewaffneter Mann vor dem Gelände befinden."


09:39
"Ich habe niemals die Türen abgeschlossen, weil eine freundschaftliche Beziehung zu den anderen Anwohnern in der Straße besteht."


09:40
"Ich habe gesehen, wie der Mann Gegenstände geworfen und auf die Tür geschossen hat. Ich habe auch gesehen, wie ein Mensch erschossen wurde und ein anderer Autofahrer zu dem Körper gegangen ist."


09:42
"Ich habe auf dem Gelände eine kaputte Flasche auf dem Gelände gefunden, in der eine brennbare Flüssigkeit war und auch zwei Flaschen, die nicht zerbrochen waren. Außerdem habe ich noch einen komischen Gegenstand gefunden."


09:44
Auch der Zeuge beschreibt, wie lange die Menschen in der Synagoge bleiben mussten und wie zehrend dieser Zeitraum war.


09:45
Der Zeuge ist seit 2016 als Sicherheitsmann in der Synagoge beschäftigt, berichtet er auf Nachfrage von Richterin Mertens. Es gebe wohl regelmäßig Schulungen für Sicherheitskonzepte. Der Zeuge sagt aber aus eine solche Schulung erst nach dem Anschlag besucht zu haben.


09:46
Wer diese Schulungen organisiert, kann der Zeuge auf Nachfrage nicht sicher beantworten.


09:47
Die Richterin spricht dem Zeugen ein Kompliment aus und sagt ihm, dass er in dieser Situation besonnen und richtig reagiert habe, auch ohne Schulung.


9.47 Uhr: Wachmann erkannte die Gefahr an der ungewöhnlichen Waffe
Als erster Zeuge sagt Wladislaw R. aus, der Wachmann der Synagoge. Auf dem Monitor der Überwachungskamera habe er einen dunkel gekleideten Mann gesehen, mit einer Art Pumpgun in der Hand. „Ich wusste, dass so eine Waffe weder bei der Armee noch bei der Polizei verwendet wird“, sagt er auf Russisch. Der Attentäter hatte die verwendeten Waffen selbst hergestellt.
Um keine Panik auszulösen, habe er zunächst dem Gemeindevorsitzenden zugeflüstert, dass man die Polizei alarmieren müsse. Als klar wurde, dass der Mann auf der Straße auf die Tür feuerte, habe er der Gemeinde zugerufen, dass sich alle in Sicherheit bringen müssten.


09:48
Beim wöchentlichen Gottesdienst am Sabbat am Sonnabend sollen mindestens zehn Personen für die Sicherheit anwesend sein, sagt der Zeuge aus.


09:49
Nach dem Anschlag gebe es erhöhte Sicherheitsvorkehrungen, so müssen Besucher sich per Internet fünf Tage vorher anmelden und auch eine Ausweiskopie der Anmeldung beilegen, so der Zeuge.


09:50
"An dem Tag war alles wie immer. Ich wurde informiert, dass Studenten aus Berlin und England kommen werden. Eingelassen hat die Besucher aber ein Kollege von mir."


09:52
"Bis zu dem Anschlag konnte man ohne Anmeldung an dem Gottesdienst teilnehmen."


09:54
Derzeit geht es darum, ob das große Tor zur Humboldtstraße abgeschlossen war. 


10:00
Der Sicherheitsbeamte schildert frühere Vorfälle, die sich im Nachhinein als harmlos herausgestellt haben und wie er damals vorgegangen ist. Unter anderem einen vergessenen Koffer aus einem Reisebus, den er erst von der Polizei untersuchen lies.


10:02
"Mir wurde bewusst, dass die Situation gefährlich ist, als mir der Gegenstand in der Hand des Mannes aufgefallen ist. Er erschien mir wie eine Pumpgun."


10.03 Uhr: Die Tür zum Synagogengebäude war nicht abgeschlossen
Der Wachmann der Synagoge berichtet, wie die Sicherheitsvorkehrungen nach dem Anschlag verschärft wurden. Zum Sabbatgottesdienst müssen sich Besucher seither fünf Tage vorher unter Vorlage des Ausweises anmelden. Am Tag des Anschlags galt das nicht.
Die Tür zur Straße, auf die der Attentäter feuerte, sei abgeschlossen gewesen, berichtet der Wachmann Wladimir R. Allerdings habe der Schlüssel von innen gesteckt. Die Tür zum eigentlichen Synagogengebäude habe offen gestanden, um Luft ins Gebäude zu lassen. Als der schießende Angreifer auf dem Monitor zu sehen war, habe er alle Türen abgeschlossen.


10:05
Das Gericht zeigt ein Foto des Arbeitsplatzes des Wachmannes. Dieser befindet sich unmittelbar an der Tür zur Synagoge. Er befand sich demzufolge beim Angriff nur etwa 10 Meter vom Attentäter entfernt.


10:07
"Die Kamera wurde im Frühling 2019 neu installiert. Aber ich wusste nicht, dass die Aufnahmen der Kamera gespeichert wurden."


10:08
"Als es losging hatte ich keine Angst um mich sondern nur um die Menschen in der Synagoge, wie meine Mutter, die nicht mehr die Jüngste ist. Danach habe ich Schwierigkeiten gehabt einzuschlafen. Psychologische Hilfe hatte ich nicht. Aber ich bin jetzt in Behandlung bei einem Neurologen, der mich derzeit untersucht. Ich habe jetzt öfter Kopfschmerzen"


10:12
Der Angeklagte nimmt die Aussagen scheinbar reglos auf. 

Der Verteidiger fragt beim Gericht nach, wo die Richterin die Vermutung her hat, dass der Angeklagte zuerst an der Tür geklingelt habe, dieser weist das nämlich zurück.


10:13
Dies gehe aus der ersten polizeilichen Vernehmung des Zeugen hervor, so die Richterin. Der Zeuge habe gedacht, der Angeklagte hat geklingelt, wird dann klar gestellt.


10.15 Uhr: Wachmann hatte Angst um das Leben seiner Mutter
„Als es losging, hatte ich keine Angst um mich. Ich hatte Angst um die Menschen in der Synagoge, darunter auch meine Mutter, die nicht mehr die Jüngste ist“, berichtet der Wachmann der Synagoge. „Ein, zwei Monate nach dem Anschlag bekam ich Probleme mit dem Einschlafen. Ich bin jetzt in Behandlung bei einem Neurologen. Kopfschmerzen, die ich schon früher mal hatte, kommen jetzt häufiger.“


10:16
Es gibt Diskussionen um die Sicherheitsvorkehrungen an der Tür. Die Vertreterin des Zeugen möchte Aussagen des Zeugen dahingehend nicht zulassen, da dadurch das Sicherheitskonzept der Synagoge veröffentlicht werden könnte.


10:23
Es gibt eine lautstarke Diskussion um das Fragerecht. Eine Vertreterin der Nebenklage beanstandet die Frage des Verteidigers. Daraus ergibt sich ein Wortgefecht zwischen den Beiden. 


10:25
Die Vertreterinnen der Nebenklage werfen dem Verteidiger vor, ihnen ins Wort zu fallen.


10:26
"Warum interessieren sie sich so für das Sicherheitskonzept der Synagoge, das frage ich als Jude."

"Ich stelle gerade die Fragen und ich möchte wissen was da ist."

Dialog zwischen Zeuge und Verteidiger


10:27
Die Richterin greift ein und versucht zu vermitteln, damit "keine unnötigen Diskussionen entstehen".


10:30
Dem Verteidiger wird jetzt vom Zeugen bestätigt, dass es sich bei der "streitbaren" Linie auf der Tatort-Skizze um einen etwa mannshohen Zaun handelt. Dafür werden jetzt auch noch Bilder gezeigt.


10.32 Uhr: Wortgefecht zwischen Verteidiger und Nebenklage-Anwälten
Jetzt wird es hitzig. Der Verteidiger Hans-Dieter Weber fragt wiederholt nach, wie es hinter der Mauer der Synagoge aussieht: Gibt es dort noch einen Zaun, der den Zugang zur Synagoge versperrt? Die Nebenklage-Anwältin Kati Lang beanstandet die Frage: Der als Zeuge befragte Wachmann könne die von der Polizei angefertigte und auf dem Monitor gezeigte Skizze gar nicht bewerten.
Weber fragt erneut, Lang fällt ihm ins Wort. „Hören Sie auf, mich anzubrüllen, Frau Dr. Lang“, fordert der Verteidiger. Die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens schlichtet. Der Zeuge sagt schließlich, dass auf dem Friedhofsgelände noch einen etwa 1,70 Meter hohen Zaun gibt.


10:33
Die Richterin beschreibt jetzt zur Erklärung für den Verteidiger den Tatort und welche Bilder Details auf der Skizze darstellen.


10:34
"Das, Herr Weber, ist die Tür auf die ihr Mandant mehrfach geschossen hat."


10:37
Der Zeuge muss jetzt anhand der Bilder erklären, wie die örtlichen Begebenheiten auf dem Gelände der Synagoge sind.


10:38
Zeuge: "Für mich ist das ein Zaun."

Verteidiger: "Wenn es aus Stein gemauert ist, ist es eine Mauer."

Richterin: "Deutsch ist eine schwere Sprache, aber Russisch ist noch schwerer. So viele verschiedene Begrifflichkeiten."


10:40
Der Verteidiger müht sich nach Kräften, seine Fragen beantwortet zu bekommen. Der Angeklagte wirkt uninteressiert.


10:42
Die Dolmetscherin muss schon beim übersetzen der Fragen lachen, da sie immer wieder neu versuchen muss, die Beschreibungen des Verteidigers in Worte zu fassen.


10:44
"Die Tür zum Gelände ist immer verschlossen. Die Tür zur Synagoge war früher immer unverschlossen."


10:49
"Meine 83-jährige Mutter hat das sehr schlecht verkraftet, sie hatte Sorge um mich, weil ich an vorderster Front stand. Sie verweigert aber ärztliche Hilfe, sie sagt es reiche ihr, dass ich bei ihr bin."


10:51
"Meine Mutter wurde in ihrem Leben zwangsumgesiedelt. Wir sind 1996 nach Deutschland gekommen."


10:52
Der Zeuge hat schon Angst, das Wort "Zaun" auszusprechen. Offensichtlich hat ihn die Vehemenz des Verteidigers beeinflusst.


10:56
Wieder werden Fotos des Geländes angesehen um eine Vorstellung von dem Gelände zu bekommen.


10:57
Es wird wieder die Diskussion um "Zaun" und "Mauer" aufgenommen. 


10:59
Mit der Hilfe einer Anwältin, konnten die Unklarheiten nun geklärt werden. "Ich schalte mich jetzt hier mal ein, sonst kommen wir hier nicht weiter."


11:00
Danach wird der Zeuge entlassen und eine 15-minütige Pause ausgerufen.


11.02 Uhr: Verständigungsschwierigkeiten im Gerichtssaal
Die Kommunikation ist teils mühsam. Der Wachmann der Synagoge kam 1996 aus der Ukraine nach Deutschland, sagt aber vor Gericht auf Russisch aus und wird von einer Dolmetscherin übersetzt. Es gibt viel Hin und Her um die Frage, was genau auf gezeigten Fotos vom Synagogengelände zu sehen ist. Der Wachmann spricht hartnäckig von einem „Zaun“, auch wenn auf dem Bild deutlich eine Mauer zu sehen ist.
„Ist das gemauert?“, fragt der Verteidigr Hans-Dieter Weber. Der Zeuge bestätigt das und ergänzt: „Ich nenne das Zaun.“ Unter dem Strich zeigt sich: Wenn der Attentäter auf das Friedhofsgelände gelangt wäre, hätte er ohne Schwierigkeit die Synagoge erreichen können.


11:14
In der Pause setzt sich der Verteidiger mit einigen Zuschauern auseinander. Ihm wird vorgeworfen seine Verantwortung als Mensch nicht wahrzunehmen.


11:19
Die Verhandlung wird fortgesetzt. Die nächste Zeugin nimmt an der Zeugenbank Platz.


11:21
Die Zeugin ist eine 24-jährige Studentin der jüdischen Theologie.


11:22
Die Zeugin beschreibt, wie sie zur Jom Kippur Feier nach Halle gereist ist.


11:23
"Es hat mich etwas gewundert, dass in der Straße, wo sich die Synagoge befindet, keine Polizei war."


11:25
"Ich kannte damals nur wenige Leute aus dieser Gruppe, heut sind das alle Freunde von mir", berichtet die Zeugin.


11:27
Auch diese Zeugin berichtet, dass sie einen Knall gehört hat. "Zuerst dachte ich die Tora sei heruntergefallen."


11:29
"Während ich von der Frauen-Empore in den hinteren Bereich der Synagoge lief, haben einige andere die Tür zur Synagoge verbarrikadiert."
Es habe eine gewisse Panik unter den Leuten geherrscht und ein ziemliches Durcheinander, sagt die Zeugin. Das habe vor allem an der Unwissenheit gelegen.


11:31
"Ich erinnere mich an diesen Tag wie durch einen Nebel, es kann sein, dass sich die Dinge vermischen.


11:33
Die Zeugin beschreibt, welche Schwierigkeiten sie hatte, als die Polizei die Synagoge evakuiert hat. Die Zeugin sprach zu dem Zeitpunkt kein Deutsch und verstand nicht, was die Beamten ihr sagten.


11:35
"Ich habe mich gefühlt, wie im Krieg. Vor allem weil ich eine Nummer bekam."


11:36
"Das hat mich an die Zeit des Zweiten Weltkriegs erinnert."


11:37
Die Frau sagt, sie sei froh gewesen, dass ihr und den anderen nichts Schlimmeres passiert ist.

Der Angeklagte starrt sie an, zeigt aber keine Regung.


11:39
"Ich stand noch 24 Stunden später unter Adrenalin und konnte noch nicht fassen, was uns passiert war. Das gab sich erst als ich im Zug nach Berlin saß."


11:42
"Ich stelle mir immer wieder die Frage, ob ein solches Ereignis notwendig gewesen ist um die Gesellschaft zu wecken."


11:43
"Der Angeklagte hat seine Aufgaben im Geschichtsunterricht nicht erfüllt hat."

"Hat meine Familie während des Krieges nicht genug gelitten?"


11:44
Die Ausführungen der Zeugin rufen beim Angeklagten ein Augenrollen hervor.


11.45 Uhr: Betagte Juden in der Synagoge waren in Panik
Nach einer Pause sagt die zweite Zeugin dieses Tages aus, die 24-jährige Agata R. Die Studentin der jüdischen Theologie war am 8. Oktober mit der etwa 20-köpfigen Gruppe aus Berlin nach Halle gereist, um dort am folgenden Tag Jom Kippur zu begehen. „Ich habe einen Knall gehört und dachte zuerst, dass die Thorarolle heruntergefallen sei“, sagt sie.
Als sich die Gemeinde aus dem Saal in einen anderen Raum rettet und verbarrikadiert, habe Panik geherrscht. „Viele der älteren Leute hatten Schwierigkeiten, die Treppe hinaufzukommen. Es war auch sehr eng auf dem Flur. Wir haben einfach nicht gewusst, wie lange diese Situation andauern wird.“
Die Studentin verstand damals kein Wort Deutsch; ihre Aussage vor Gericht wird aus dem Polnischen gedolmetscht. Nach dem Attentat habe die Sirene der Rettungswagen das Gefühl von Angst hervorgerufen. „Ich habe an einer posttraumatischen Störung gelitten. Heute fühle ich mich stärker. Das Leben ist aber nicht mehr das selbe.“


11:46
Nach einem Statement der Zeugin, darüber das Antisemitismus in der Welt weiter existiert und dieser bekämpft werden müsste, gibt es auch heute Applaus aus dem Zuschauerbereich.


11:48
Die Zeugin ist nach dem Attentat in ihre polnische Heimat gefahren, da sie sich dort sicherer gefühlt habe.
"Das Attentat steht nicht meinem Traum, in Deutschland mein Studium zu beenden und hier zu leben im Wege. Deshalb bin ich wieder zurück nach Deutschland gekommen.
Dieses Ereignis hat mich in meinem Glauben und meiner religiösen Überzeugung bestärkt."


11:52
Die Zeugin berichtet, dass ihre Schwester im Oktober ebenfalls nach Deutschland kommen wird. "Meine Familie hat sich irgendwie damit abgefunden", so die Polin.


11:53
"Einen Monat nach dem Attentat habe ich eine Therapie begonnen, wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung. In den Herbst- und Wintermonaten hat mir das große Probleme bereitet, ich konnte nicht studieren und auch nicht arbeiten. Aber jetzt ist es besser.


11:55
Nach dieser Aussage ist die Zeugin entlassen. Und die Richterin ruft zur Mittagspause. Die Sitzung soll um 13.15 Uhr fortgesetzt werden.


11:56
Die Zeugin wird von anderen Zeugen und Nebenklägern im Anschluss in den Arm genommen. Es herrscht große Erleichterung und Freude bei den Beteiligten.


11.58 Uhr: Überlebende Studentin will am Judentum festhalten
Die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens fragt die Zeugin Agata R., ob sie nach dem Anschlag erwogen habe, Deutschland zu verlassen. Die jüdische Theologiestudentin war vor anderthalb Jahren nach Deutschland gekommen. „Ja, natürlich. Nach diesem Attentat bin ich erstmal nach Polen gefahren, weil ich mich dort sicherer gefühlt habe. Aber ich möchte mein Studium hier beenden, ich möchte hier leben. Das Attentat wird mich nicht daran hindern, dass ich die Synagoge besuche oder von meinem Glauben abweiche, ganz im Gegenteil.“ R. zitiert aus dem biblischen Psalm 121: „Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.“
Die Verhandlung wird nun um 12 Uhr für eine Mittagspause unterbrochen.
Antworten
#29
Ticker Prozeßtag 9 (Teil 2/2)

Ticker von Volksstimme und Mitteldeutsche Zeitung
(Wie kann der Leser Volksstimme und Mitteldeutsche Zeitung unterscheiden? Erstens an der Zeitangabe: VS hat xx:yy Zeitformat; MZ xx.yy. MZ hat zudem hinter der Zeitangabe eine Überschrift)

Für die Volksstimme berichtet Martin Weigle, für die MZ Jan Schumann und Hagen Eichler.

https://www.volksstimme.de/sachsen-anhal...cker-tag-4

https://www.mz-web.de/halle-saale/anschlag-in-halle-saale/liveticker-betagte-juden-in-der-synagoge-waren-in-panik-37277296

Hervorhebungen (blau) von mir


13.12 Uhr: Von der Corona-Leugner-Demo in den Gerichtssaal
Unter Prozessteilnehmern gibt es Empörung über das Verhalten der AfD-Politikers Robert Farle. Der Parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Landtagsfraktion hatte die Verhandlung am Vortag beobachtet. Dabei trug er den Mund-Nasen-Schutz teils unter der Nase, woraufhin er von einer Justizwachtmeisterin ermahnt wurde.
Die Zuschauerplätze im Gerichtssaal sind eng nebeneinander angeordnete, ein Mindestabstand ist dort unmöglich. Ein mittlerweile aufgetauchtes Fotos belegt, dass Farle am vergangenen Sonnabend mit mehreren anderen Parteikollegen aus Sachsen-Anhalt an der Corona-Leugner-Demo in Berlin teilgenommen hatte, ohne eine Maske zu tragen.
Gerichtssprecher Wolfgang Ehm sagte der MZ auf Nachfrage, ein Ausschluss Farles vom Prozess sei nicht möglich. Allerdings werde das Justizpersonal auch künftig darauf achten, dass die Hygiene-Anordnungen des Gerichts umgesetzt würden. Farle ist heute nicht im Saal, für den Untersuchungsausschuss des Landtags nimmt heute der Grünen-Politiker Sebastian Striegel teil.


Fortsetzung
13:16
Richterin Mertens setzt die Sitzung fort.


13:17
Die nächste Zeugin, die zur Sache aussagen soll, ist eine 30-jährige österreichische Promotionsstudentin.


13:19
Die Zeugin darf einen freien Vortrag halten und wird anschließend Fragen beantworten.


13:19
Die Zeugin lebte im Herbst 2019 in Paris. Sie lebt auch heute noch dort.


13:22
Auch diese Zeugin zeigte sich verwundert darüber, dass keine Polizeipräsenz vor der Synagoge war.
"Ich kenne das anders aus Wien und Berlin, dachte aber, vielleicht ist das hier die Insel der Glücksseligen."


13:24
Der erste Gedanke der Zeugin nachdem sie einen lauten Knall hörte: "Das ist ein Terror-Anschlag, wir müssen uns alle ducken."
Diesen hatte sie dann verworfen. "Das kann doch gar nicht sein, wie soll das hier passieren."


13:27
Die Zeugin stand neben dem Gemeindevorsitzenden als dieser die Polizei angerufen hat. Sie hörte ihn sagen, "Das ist ein Terroranschlag". Sie sagt: "Das war das erste Mal an diesem Tag, dass ich diese Worte hörte und habe noch heute Schwierigkeiten damit, sie richtig zu begreifen."


13:31
Als sie von den Erlebnissen berichtet, wie sie zuerst die leblose Person auf der Straße gesehen hat und bis zur Evakuierung durch die Polizei, bricht immer wieder die Stimme der Frau.


13:33
Immer wieder sagt sie: "Ich habe nicht verstanden was passiert."


13:34
Als sie vom Empfang im Krankenhaus spricht. Stockt ihre Stimme immer mehr.
"Die Erinnerung daran ist immer noch sehr emotional."


13:35
Sie berichtet unter emotionalen Worten von dem Anruf als sie Mutter angerufen hat und ihr mitgeteilt hat, dass sie okay sei.


13:36
Der Angeklagte freut sich anscheinend über die Ausführungen der Zeugin. Er grinst frech.


13:38
Die Zeugin berichtet ebenso wie die anderen Zeugen von einem wenig mitfühlenden Vorgehen der Polizei. "Ich habe überhaupt kein Sicherheitsgefühl davon bekommen."


13:43
"Ich musste einem Polizisten in Deutschland im 21. Jahrhundert, im Jahr 2019 erklären, was der Unterschied zwischen Isrealis und Juden erklären. Und ich finde es unglaublich, dass anscheinend der Angeklagte mehr über Jom Kippur weiß, als die deutsche Polizei oder die Verteidigung."


13:46
"Als ich kurzfristig nach Paris zurückflog, hat sich das angefühlt wie eine Flucht."


13:47
"Ich hatte Alpträume und Panikattacken, konnte mir ganz schlecht Dinge merken und ich musste mir die einfachsten Dinge aufschreiben um mir meinen Alltag zu organisieren."


13:48 Uhr: Zeugin klagt über abweisende und desinteressierte Polizisten
Eine weitere Teilnehmerin des Gottesdienstes in der Synagoge sagt jetzt aus. Christina F. war am 8. Oktober 2019 aus Paris nach Halle gekommen, um dort Jom Kippur zu feiern. Auf dem Monitor der Überwachungskamera habe sie dann gesehen, wie eine Person auf der Straße lag – es handelte sich um die erschossene Jana L. „Dann kam ein Polizeiwagen und wir haben gesehen, dass sich niemand um diese Person am Boden gekümmert hat. Das fand ich fürchterlich. Eine Katastrophe.“
Über Stunden hinweg habe sie sich widersprechende Nachrichten erhalten – mal war von einem Täter die Rede, mal von mehreren; mal hieß es, der Mann sei gefasst, mal galt er als flüchtig.
Die Kontakte mit der Polizei schildert sie als konfrontativ. Ein Beamter in Zivil habe sich nicht als Polizist zu erkennen gegeben und sie desinteressiert befragt. Einem anderen Beamten habe sie erklären müssen, dass nicht alle Juden Israelis seien. „Ich finde es ganz unfassbar, dass der Angeklagte offenbar mehr über das Judentum und Jom Kippur weiß als die Polizei“, sagt die Zeugin. Sie habe durch die Behandlung der Polizei ein Sekundärtrauma erlitten.


13:50
"Ich habe innerhalb des letzten Jahres festgestellt, ich kann nicht nach Deutschland ziehen. Das liegt vor allem an dem Anschlag, aber auch an dem unsensiblen Vorgehen der deutschen Polizei. Ich habe überhaupt kein Vertrauen in die deutschen Behörden."


13:52
"Ich fühle mich von Deutschland allein gelassen."


13:53
Der Angeklagte kann sich kaum noch zusammen reißen, ein Lachen muss er mit der Faust im Mund unterdrücken.


13:54
Die Zeugin wird nach einer sehr emotionalen Abrechnung mit den Behörden und dem Gericht von Richterin Mertens entlassen.


13:55
Jetzt wird der Angeklagte eindringlich von der Vorsitzenden ermahnt nicht mehr zu lachen. "Jeder Mensch hat Respekt verdient, das sollten sie eigentlich wissen."


Pause
13:56
Danach ist Pause bis 14.15 Uhr.


14.05 Uhr: Überlebende wirft Gericht „Unsensibilität“ vor
Die Zeugin, eine in Paris lebende Doktorandin, schildert nun die Spätfolgen des Attentats. Sie berichtet von Schlafstörungen, Alpträumen, Panikattacken. „Mein Kurzzeitgedächtnis hat nicht funktioniert, ich hatte Blackouts. Ich stand an Orten, ohne zu wissen, wie ich dorthin gekommen war.“ An ihrer Doktorarbeit habe sie monatelang nicht arbeiten können, sagt Christina F. „Jetzt habe ich seit zwei Wochen kaum geschlafen, ich bin nur noch müde.“ Die Erlebnisse mit der Polizei in Halle belasteten sie. „Jedes Mal, wenn ich einen deutschen Polizisten sehe, zieht sich etwas in mir zusammen. Ich kann hier nicht entspannt leben.“
Kritik übt F. auch am „unsensiblen Gericht, das von Beginn an die Sprache des Täters reproduziert“. Wie schon bei früheren Aussagen von Zeugen gibt es lauten Applaus von den Zuschauerbänken, Richterin Ursula Mertens nimmt es hin. Sie fragt auch nicht nach, an welchen Begriffen sich die Zeugin stört. Das Gericht vertagt sich in eine Pause.


>>> Das Folgende habe ich vom Twitter-Account von Valentin Hacken übernommen, der für Radio Corax berichtet (#13 - 28):

Das Gericht haben die Vernehmung einer weiteren Zeugin beendet, die am Tag des Anschlags in der Synagoge anwesend war, aus Paris kommend war sie mit Base Berlin nach Halle gereist. Auch sie berichtet, dass sie sich in Halle gewundert habe, weshalb keine Polizei vor der Synagoge anwesend war, was dazu führte, dass sie erst an der Synagoge vorbei lief. Dort erhielt sie die Auskunft, man bemühe sich schon lange um Polizeischutz. Sie schildert wie, als schon klar ist, dass es ein Anschlag passiert ein Freund von ihr in einen hinteren Raum der Synagoge ging, sie ihm folgte mit dem Gedanken "Der Freund von mir stirbt jetzt nicht alleine", es war zu diesem Zeitpunkt unklar, was genau passierte. Sie verbarrikadierten dann weitere Türen, erinnert sich an den Anruf bei der Polizei. 

Auf dem Monitor der Überwachungskamera konnte sie verfolgen wie die Polizei ankam, wie die Leiche von Jana Lange auf der Straße vor der Synagoge lag und die Zeugin sich fragt "Ja warum machen die nichts?" Die Polizei habe sich nicht um Jana Lange gekümmert. 

Zur Evakuierung beschreibt sie, dass sie sich wunderte in einem normalen Bus evakuiert zu werden, ohne Sicherheitsglas, große Scheiben und der Beobachtung durch die Presse ausgesetzt und getrennt von Kantor und Vorstand der Gemeinde Halle.

"Es gab keine guten Informationen", sagt sie. "Das einzig Gute was passiert ist an diesem Tag" sei das Krankenhaus gewesen, in das sie gebracht wurden. "Sie sind hier keine Patienten, sie sind hier Gäste" begrüßte sie der stv. ärztliche Leiter & Personal. Wegen eines Telefonats hörte sie eine Ansage der Polizei nicht, ein Zivilbeamter der sich nicht vorstellte, teilte ihr mit sie müsse aussagen, oder sie könne die Klinik nicht verlassen. Dabei wurde er patzig und unfreundlich, beschreibt sie. Er fragte sie auch nach ihrem Perso, ihre Antwort wegen Jom Kippur dürfe sie nicht tragen & habe ihn nicht dabei kommentierte er mit "das ist aber komisch" – "Das ist Judentum" erklärte sie dem Beamten, der sich für ihre Aussage offenbar nicht interessierte. Ihre Adresse habe sie ihm förmlich aufdrängen müssen – "einem wildfremdem Menschen von dem ich nicht wusste, ob er wirklich Polizist ist" sagte sie, und dass diese Situation sie verängstigte. Ihre Frage ob der Täter gefasst wurde, beantwortet der Beamte mit dem Satz “Das müssen sie die Kollegen fragen, die denn Mann gefasst haben”. 
Danach organisierte sie für weitere Betroffene ein Hotelzimmer, die mit ihrem Kleinkind unterkommen mussten. Als sie und die andern mit dem Bus zu einer Notschlafstelle gebracht werden sollten verlangte sie von der Polizei einen Ansprechpartner, da weiter alles unklar war und wartete daher vor dem Bus, in dem "Am Israel Chai" gesungen wurde. Ein Polizist fragte sie, was "Die da drinnen" singen und stellte erstmal klar, dass es hier nicht "die" und sie gab und übersetzte den Liedtext für den Polizisten (Das Volk Israel lebt) der ihr mit "Ja, die Israelis" ins Wort viel und belustigt reagierte, als sie ihm erklärte, warum genau das wirklich falsch ist, Jüd_innen mit der Staatsbürgerschaft des Staates Israel gleichsetzt. Deutlich beschrieb sie, dass sie keinerlei Vertrauen in die deutsche Polizei hat, sich kein Leben in Deutschland vorstellen kann "Ich lebe hier in Angst und Misstrauen", sagt sie und beschreibt damit ihr Empfinden wenn sie in Deutschland ist.

"...nicht verstehen will, dass es ein historisch gewachsenes Problem mit Antisemitismus gibt. Meine Angst bestätigt sich an der inhaltlich unreflektierten Sprache des Gerichts, dass die Sprache des Täters reproduziert.", sagt sie.

Sie kritisiert auch, dass der "Angeklagte offenbar mehr über Jom Kippur weiß als die Polizei, das Gericht..." und kritisiert auch das @BMJV_Bund für ungenügende Pauschalzahlungen an die Nebenklage um am Prozess teilnehmen zu können.

Während die Zeugin von ihren Erlebnissen am Tag des Anschlags berichtet und dabei deutlich die Polizei kritisiert, sagt, dass sie kein Vertrauen in deutsche Polizisten habe, verlässt Nebenklage-Anwalt Juri Goldstein türschlagend den Gerichtssaal. 
<<< https://mobile.twitter.com/valentinhacke...246788?p=v


14:17
Die Verhandlung wird fortgesetzt


14:18
Die nächste Zeugin ist jetzt im Zeugenstand.


14:19
Die Zeugin ist eine 43-jährige Krankenschwester.


14:20
Die Zeugin war zur Tatzeit mit der Straßenbahn unterwegs und ist gegen 12 Uhr in Halle am Wasserturm ausgestiegen.


14:22
"Als ich um die Ecke kam stand da jemand mit einem Helm, sah aus wie Bundeswehr."


14:23
"Als ich auf der anderen Straßenseite war, sah ich, wie die andere Frau erschossen wurde."


14:24
"Ich habe die Straße überquert, weil ich immer diesen Weg gehe." 


14:24
Das an dem Tag, ein hoher jüdischer Feiertag war wusste sie nicht. Das an der Stelle die Synagoge von Halle ist aber schon.


14:26
"Ich habe die Waffe schon gesehen, als ich um die Ecke gekommen bin. Es war eine sehr surreale Situation."


14:26
"Am Anfang sah das aus, als ob da ein Film gedreht wird. Als der Schuss fiel, dachte ich nur noch 'duck dich ab und lauf weg'."


14:28
"Ich weiß, dass er mich registriert hat."


14:28
"Es hat immer wieder geknallt und ich wusste ja nicht ob er jetzt kommt."

"Als ich die Polizei angerufen hab, war da besetzt."


14:32
Die Zeugin hatte von zu Hause die Polizei nochmals angerufen und konnte deshalb als Zeugin benannt werden. Zuerst wurden ihre Personalien nicht von den Beamten vor Ort aufgenommen.


14:34
"Ich wollte die Situation nicht wieder durchleben, ich habe auch jetzt wieder Schlafstörungen. Ich möchte eigentlich nicht öffentlich über diesen Tag sprechen."


14.35 Uhr: Augenzeugin sah Jana L. sterben
Als vierte Zeugin sagt nun eine Hallenserin aus, die den Tod von Jana L. miterlebt hat. Die Krankenschwester aus Halle war am 9. Oktober aus der Straßenbahn gekommen und in die Humboldtstraße eingebogen. Dort sah sie den Angeklagten mit einem Helm und einem Gewehr vor der Synagoge, ohne zu begreifen, was passierte. Sie habe die Straßenseite gewechselt und direkt gegenüber gestanden, als der Angeklagte Jana L. erschoss.
„Es sah aus wie in einem Film. Mein Kopf hat nur gesagt: duck dich ab und dann weg.“ Hinter ein Auto gekauert habe sie dann minutenlanges Knallen gehört. Als sie den Notruf wählte, war der Anschluss laut ihrer Aussage besetzt. Die Zeugin ist trotz Mikrofon kaum zu hören, sie wirkt verstört.


14:36
Der Angeklagte sagt der Zeugin, dass es ihm leid tut, dass sie das sehen musste.

"Ich möchte einfach nur mein Leben zurück", sagt die Zeugin.


14:38
Im Anschluss gibt es erneut eine 15-minütige Pause.


14.42 Uhr: Augenzeugin aus Halle hofft auf lebenslange Strafe
Anders als bei den jüdischen Zeugen zuvor meldet sich jetzt der Angeklagte zu Wort. Die Frau aus Halle hatte eben berichtet, dass sie eine posttraumatische Belastungsstörung erlitten habe, lange nicht schlafen oder essen konnte. „Ich will nur sagen, dass es mir leid tut, dass Sie wegen mir Probleme haben“, sagt Stephan B. zu Mandy R. Sie antwortet: „Ich will nur mein Leben zurück. Ich hoffe, dass dieser Mensch nie wieder einen Tag in Freiheit verbringt.“ Das Publikum klatscht.


14:56
Die Verhandlung wird fortgesetzt. Der nächste Zeuge wird gehört.


14:57
Der Zeuge ist ein 73-jähriger Rentner aus Halle.


14:59
"Ich jobbe bei einer Kurierfirma und ich war auf dem Weg vom Amt für Versorgung zum Justizzentrum."


15:00
"In der Humboldtstraße ist mir ein Mann mit Waffen aufgefallen und dachte erst, dass da ein Film gedreht wird. Dann habe ich gesehen, dass da eine Person auf der Straße liegt und ich bin ausgestiegen, weil ich dachte, dass ich Hilfe leisten könnte."


15:02
"Als ich draußen war, hörte ich eine Stimme hinter mir aus einem Fenster rufen: 'Mach die Weg! Hau ab!'. Dann habe ich gesehen, wie er auf mich angelegt hat. Dann kam nichts und ich bin zum Auto gerannt und habe versucht dort wegzukommen."


15:05
"Ich denke, ich habe das gut verkraftet. Ich war nicht in ärztlicher Behandlung. Meine Arbeit an dem Tag habe ich zu Ende gemacht und abends habe ich dann zu Hause erzählt, was los war."


15:06
"Mein Chef hat mir Kurzurlaub angeboten, als er erfahren hat, dass mir das passiert ist. Ich wollte das nicht."


15:09
"Ob die Waffe geklickt hat, kann ich nicht sagen, weil ich zu der Zeit kein Hörgerät drin hatte."


15:10
Es gibt Beifall, als ein Vertreter der Nebenklage dem Zeugen seinen Dank ausspricht, weil der Zeuge ausgestiegen ist und versucht hat der erschossenen Frau zu helfen.


15:12
Danach wird der Zeuge von Richterin Mertens entlassen


>>> Das Folgende habe ich vom Twitter-Account von Valentin Hacken übernommen, der für Radio Corax berichtet (#31)
Zuletzt wurde kurz ein weiterer Zeuge vernommen, den Bericht tippe ich später. Der Sitzungstag ist jetzt beendet. Den Bericht gibt es wie immer morgen früh im Programm von @radiocorax und online zum Nachhören als Podcast. 31/
<<< https://mobile.twitter.com/valentinhacke...474946?p=v


15:13
Die Richterin schließt die Sitzung und vertagt die Verhandlung bis nächsten Dienstag. 


Auf Wiedersehen
15:14
Wir verabschieden uns an dieser Stelle und wünschen einen schönen Abend.


15.15 Uhr: Ein einziger Autofahrer wollte Jana L. Hilfe leisten
Das Gericht hört nun einen 73-Jährigen aus Halle, der am Tag des Angriffs frühzeitig die Polizei gerufen hatte. Der Rentner war in einem Lieferwagen unterwegs, als er vor der Synagoge eine Person auf der Straße liegen sah. Es handelte sich um Jana L. die Stephan B. unmittelbar zuvor erschossen hatte. Der Zeuge berichtet, wie er angehalten habe, um nachzusehen und eventuell Hilfe zu leisten. „Aus einem Fenster im zweiten Stock rief mir jemand zu: Weg, weg! Dann sah ich, wie der Angeklagte auf mich anlegt.“
In seinem Auto flüchtete er dann um die Ecke und rief von dort aus die Polizei ein. Ein Nebenklageanwalt und die Vorsitzende Richterin loben den Zeugen für seine Hilfsbereitschaft. Das Video der Überwachungskamera zeigt, dass zahlreiche andere Autofahrer für Jana L. nicht anhielten und einfach vorbeifuhren.
Um 15.13 Uhr schließt das Gericht die heutige Verhandlung. Der Prozess wird am 8. September fortgesetzt.
Antworten
#30
„Unsensibel und fahrlässig“ : Scharfe Kritik an Behörden im Halle-Prozess
  • 02.09.20, 15:46 Uhr 

Magdeburg -
Beim Prozess um den rechtsterroristischen Anschlag von Halle hat eine weitere Überlebende aus der Synagoge den Umgang der Polizei mit den Opfern beklagt. Die Beamten seien „unsensibel und fahrlässig“ mit den Überlebenden umgegangen, sagte die 30-Jährige am Mittwoch in Magdeburg.
Der Umgang sei für viele Betroffene nach dem Anschlag ein zweites Trauma gewesen, sagte die Doktorandin. Die Polizisten hatten laut den Zeugen so gut wie keine Ahnung von jüdischen Traditionen, wären von den Überlebenden genervt gewesen und hätten sich nicht um deren Belange gekümmert.

Keine Ahnung vom Judentum - heftige Kritik an auch am Gericht
Der Grünen-Rechtsexperte Sebastian Striegel, der den Prozess im Auftrag des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses des Landtags beobachtet, kündigte an, das Thema mit in den Ausschuss zu nehmen. Das Gremium werde das Vorgehen der Polizei genau untersuchen, sagte Striegel der Deutschen Presse-Agentur.
Die 30-Jährige kritisierte am Mittwoch auch andere Behörden. So warf sie dem Gericht vor, die Sprache des Angeklagten zu reproduzieren und sich auch nicht mit dem Judentum auszukennen. Insgesamt habe der deutsche Staat sich kaum um die Überlebenden gekümmert und würde diese nun auch nicht bei der Teilnahme am Prozess unterstützen. Auch befürchte sie, dass die deutsche Gesellschaft noch immer nicht einsehe, dass es einen historisch gewachsenen Antisemitismus in Deutschland gebe.
Wie schon die Überlebenden vor ihr lobte die Frau ausdrücklich das Verhalten des Personals des Krankenhauses, in das die Menschen aus der Synagoge nach dem Anschlag gebracht worden waren. Erst dort habe sie sich sicher gefühlt. „Die einzig positive Erinnerung die ich an diesen Tag habe, ist das Krankenhaus.“ (dpa)

https://www.mz-web.de/halle-saale/anschlag-in-halle-saale/-unsensibel-und-fahrlaessig---scharfe-kritik-an-behoerden-im-halle-prozess-37281352
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