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Die Pandemie und das Weltsystem
#1
Die Pandemie und das Weltsystem

Konfrontiert mit dem Unbekannten ‒ Die Pandemie und das Weltsystem

Eine ausführliche Bewertung der Weltlage in Corona-Zeiten von Ignacio Ramonet
Teil I
Für Tony Martinez
Eine soziale Tatsache
Es geht alles sehr schnell. Keine Pandemie verlief jemals so rasch und in solchem Ausmaß. Erst vor 100 Tagen ist in einer fernen, unbekannten Stadt ein Virus aufgetaucht, das bereits die ganze Welt erobert hat und Milliarden von Menschen in ihre Häuser zwingt. Etwas, das nur in den post-apokalyptischen Fiktionen vorstellbar gewesen ist…
Inzwischen ignoriert niemand die Tatsache, dass die Pandemie nicht nur eine Gesundheitskrise ist. Sie stellt etwas dar, was die Sozialwissenschaften als ein "gesamtgesellschaftliches Ereignis" beschreiben, in dem Sinne, dass sie alle sozialen Beziehungen und alle Akteure, Institutionen und Werte erschüttert.
Die Menschheit macht ‒ voller Angst, Leid und Ratlosigkeit ‒ eine völlig neue Erfahrung. Wir stellen konkret fest, dass jene Theorie vom "Ende der Geschichte" ein Trugschluss ist… wir entdecken, dass die Geschichte tatsächlich unvorhersehbar ist. Wir sind mit einer rätselhaften Situation konfrontiert. Beispiellos1. Niemand kann diesen seltsamen Moment einer solchen Undurchsichtigkeit interpretieren und erhellen, in dem unsere Gesellschaften in ihren Grundfesten erzittern, als würden sie von einer kosmischen Katastrophe erschüttert. Und es gibt keine Zeichen, die uns den Weg weisen könnten... Eine Welt bricht zusammen. Wenn alles vorbei ist, wird das Leben nicht mehr dasselbe sein.
Noch vor wenigen Wochen gab es Dutzende von Protesten in der Welt, von Hongkong bis Santiago de Chile, über Teheran, Bagdad, Beirut, Algier, Paris, Barcelona und Bogotá. Das neue Coronavirus hat einen nach dem anderen erstickt, während es sich schnell und heftig in der ganzen Welt ausbreitete... Den Szenen fröhlicher Massen, die Straßen und Plätze besetzten, folgten die ungewohnten Bilder von leeren, stummen, gespenstischen Straßenzügen. Stille Sinnbilder, die für immer die Erinnerung an diesen seltsamen Moment prägen werden.
Wir erleiden in unserer eigenen Existenz den berühmten "Schmetterlingseffekt": Jemand auf der anderen Seite des Planeten isst ein seltsames Tier, und drei Monate später befindet sich die Hälfte der Menschheit in Quarantäne... Ein Beweis dafür, dass die Welt ein System ist, in dem jedes Element, aus dem sie sich zusammensetzt, so unbedeutend es auch erscheinen mag, mit anderen interagiert und am Ende das Ganze beeinflusst.
Verängstigt wenden die Bürger ihre Augen der Wissenschaft und den Wissenschaftlern zu ‒ wie in der Vergangenheit der Religion ‒ und flehen um die Entdeckung eines rettenden Impfstoffs, dessen Entwicklung viele Monate dauern wird. Denn das menschliche Immunsystem braucht Zeit, um Antikörper zu produzieren, und einige gefährliche Nebenwirkungen brauchen Zeit, um sichtbar zu werden...
Die Menschen suchen auch Zuflucht und Schutz beim Staat, der nach der Pandemie zum Nachteil des Marktes verstärkt eingreifen könnte. Generell gilt: Je traumatischer die kollektive Angst, desto größer der Wunsch nach dem Staat, nach Autorität, nach Lenkung. Auf der anderen Seite sind internationale und multilaterale Organisationen aller Art (UNO, Internationales Rotes Kreuz, G7, G20, IWF, Nato, Weltbank, OAS, WTO usw.) der Tragödie durch ihr Schweigen oder ihre Unstimmigkeiten nicht gewachsen. Der Planet entdeckt verblüfft, dass es keinen Kommandeur an Bord gibt... Diskreditiert wegen ihrer strukturellen Komplizenschaft mit den Pharmamultis2, hat selbst die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht genügend Autorität, um die Führung im weltweiten Kampf gegen die neue Geißel zu übernehmen, wie sie es eigentlich sollte.
Währenddessen sind die Regierungen hilflos Zeugen der unaufhaltsamen Ausbreitung dieser neuen Pest auf allen Kontinenten3. Gegen die es weder einen Impfstoff noch ein Medikament noch eine Heilung noch eine Behandlung gibt, die das Virus aus dem Organismus eliminiert4 ... Und das wird andauern5 ... Solange der Keim in irgendeinem Land präsent ist, werden Neuinfektionen unvermeidlich und zyklisch sein. Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Epidemie nicht gestoppt werden kann, bevor der Mikroorganismus etwa 60 Prozent der Menschheit infiziert hat.
Was als Gegenbild einer Utopie und als typisch für Science-Fiction-Diktaturen schien, ist "normal" geworden. Menschen werden mit einer Geldstrafe belegt, wenn sie ihr Haus verlassen, um sich die Beine zu vertreten oder mit ihrem Hund spazieren zu gehen. Wir akzeptieren, dass unser Mobiltelefon uns überwacht und uns bei den Behörden meldet. Und es wird vorgeschlagen, dass jeder, der ohne sein Telefon auf die Straße geht, mit Gefängnis bestraft wird.
Der seit langem bestehende neoliberale Autismus wird breit kritisiert, insbesondere wegen seiner verheerenden Politik der völligen Privatisierung der öffentlichen Gesundheitssysteme, die sich als kriminell erwiesen und sich als absurd herausgestellt hat. Wie Yuval Noah Harari sagte: "Die Regierungen, die in den letzten Jahren durch Kürzungen bei den Gesundheitsdiensten Geld gespart haben, werden jetzt wegen der Epidemie sehr viel mehr ausgeben6." Die Schmerzensschreie der Tausenden von Kranken, die gestorben sind, weil es keine Betten auf den Intensivstationen (ICU) gibt, verurteilen die Fanatiker der Privatisierung, der Kürzungen und der Sparpolitik für lange Zeit.
Es wird nun offen von Verstaatlichung, Rückverlagerung, Reindustrialisierung, von pharmazeutischer und gesundheitlicher Souveränität gesprochen. Es wird wieder ein Wort benutzt, das die Neoliberalen stigmatisiert, in die Ecke gedrängt und verbannt haben: Solidarität. Die Weltwirtschaft wird durch die erste globale Quarantäne der Geschichte gelähmt. Überall auf der Welt gibt es gleichzeitig eine Krise von Angebot und Nachfrage. Etwa 170 Länder (von den 195 existierenden) werden im Jahr 2020 ein Minuswachstum aufweisen. Mit anderen Worten, eine schlimmere wirtschaftliche Tragödie als die Große Rezession von 1929. Millionen Unternehmer und Arbeitnehmer fragen sich, ob sie an dem Virus oder an Bankrott und Arbeitslosigkeit sterben werden.
David Beasley, Leiter des Welternährungsprogramms (WFP), hat vor der sich anbahnenden katastrophalen Situation gewarnt: "Wir stehen am Rande einer 'Unterernährungspandemie'. Die Zahl der Menschen, die unter schwerem Hunger leiden, könnte sich bis Ende des Jahres verdoppeln und die Zahl von 250 Millionen Personen übersteigen...7" Niemand weiß, wer sich um das Land kümmern wird, ob die Ernten verloren geht, ob es an Nahrungsmitteln fehlen wird, ob wir zur Rationierung zurückkehren werden... Die Apokalypse klopft an unsere Tür.
Der einzige Lichtblick ist, dass die Umwelt eine Atempause bekommen hat, da der Planet im Pausenmodus ist. Die Luft ist klarer, die Vegetation üppiger, die Tierwelt freier. Die Luftverschmutzung, die jedes Jahr Millionen Menschen tötet, ist zurückgegangen. Plötzlich sieht die Natur, vom Dreck der Umweltverschmutzung reingewaschen, wieder so schön aus ... Als ob das Ultimatum an die Erde, das uns das Coronavirus stellt, auch eine verzweifelte letzte Warnung auf unserem selbstmörderischen Weg zum Klimawandel wäre: "Vorsicht! Nächster Halt: Zusammenbruch."
Auf der geopolitischen Ebene hat der spektakuläre Angriff eines unbekannten Akteurs ‒ des neuen Coronavirus ‒ das Schachbrett des Weltsystems völlig durcheinander gebracht. An allen Kriegsfronten ‒ Libyen, Syrien, Jemen, Afghanistan, Sahel, Gaza usw. ‒ wurden die Kämpfe ausgesetzt. Die Seuche selbst, mit mehr Autorität als der Sicherheitsrat selbst, de facto eine Pax Corona durchgesetzt…

weiterhttps://amerika21.de/analyse/239652/die-...weltsystem
 
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#2
Die Pandemie und das Weltsystem - Teil II

Zweiter Teil der ausführlichen Bewertung der Weltlage in Corona-Zeiten von Ignacio Ramonet
Teil II
Die Seife und die Nähmaschine
Es besteht kein Zweifel daran, dass die Lokalisierung und das Tracking der Mobiltelefonie zusammen mit der Verwendung von Prognosealgorithmen, hochentwickelten digitalen Apps und der computergestützten Untersuchung sehr zuverlässiger statistischer Modelle zu einer gewissen Kontrolle der Infektionen beigetragen haben. Aber es ist auch wahr, dass diese massive Anwendung futuristischer Technologien, ungeachtet dessen, was Byung-Chul Han sagt, nicht ausreichend und ausschlaggebend war, um die Ausbreitung von Covid-19 zu bekämpfen. Nicht einmal in Südkorea, China, Taiwan, Hongkong, Vietnam oder Singapur...
Der relative Erfolg dieser Länder gegen Covid-19 erklärt sich vor allem aus der Erfahrung, die sie zwischen 2003 und 2018 in ihrem langen Kampf gegen SARS und MERS gesammelt haben, den beiden vorhergehenden Epidemien, die auch durch Coronaviren verursacht wurden. SARS ‒ das erste tödliche Virus, das durch die Hyperglobalisierung befördert wurde ‒ sprang von Zibetkatzen, einem weiteren Säugetier, das auf den Märkten in China verkauft wurde, auf den Menschen über. Dieser Mikroorganismus verbreitete sich durch globalisierte kommerzielle Flüge über die ganze Welt und kam in etwa dreißig Länder. Während der Epidemie ‒ gegen die es auch keinen Impfstoff und keine therapeutische Behandlung gab ‒ wurden etwa 10.000 Menschen als infiziert bestätigt und fast 800 starben1. Im Jahr 2012, gerade als diese Länder mit der SARS-Epidemie fertig wurden, tauchte MERS auf, verursacht durch ein anderes Coronavirus, das im Nahen Osten von Kamelen auf Menschen übersprang.
Keine dieser beiden Seuchen erreichte Europa oder die USA. Dies erklärt zum Teil auch, warum die europäischen und US-amerikanischen Regierungen spät und schlecht auf die Pandemie reagiert haben. Es fehlte ihnen an Erfahrung... Während China, Taiwan, Hongkong, Singapur und Vietnam dem grausamen Ausbruch von SARS erlitten hatten... Und Südkorea war 2015 zudem mit einem besonders schwerwiegenden Ausbruch der MERS-Epidemie konfrontiert2...
In einer Situation absoluter Dringlichkeit und ohne dass ihnen irgendeine westliche Macht zu Hilfe kam, begannen diese asiatischen Nationen sofort, mit digitalen Technologien zu experimentieren, um die Ansteckungen zu stoppen. Sie nutzten frühere Bestimmungen zur öffentlichen Gesundheit, die die Epidemiologen gut kannten, weil sie wie gesagt angesichts zahlreicher Epidemien bereits seit dem Mittelalter wirksam eingesetzt worden waren... Seit dem 14. Jahrhundert fanden Maßnahmen wie Quarantäne, soziale Isolation, Sperrgebiete, Grenzschließungen, Straßensperren, Sicherheitsabstände und Kontaktverfolgung jedes Infizierten unverzüglich Anwendung... Ohne auf digitale Technologien zurückzugreifen, stützten sich die Behörden auf eine sehr einfache Überzeugung: Wenn wie durch Zauberei alle Einwohner vierzehn Tage lang dort bleiben würden, wo sie sich befanden, eineinhalb Meter voneinander entfernt, würde die ganze Pandemie sofort aufhören.
Von da an verbreitete sich die Verwendung von Masken in ganz Asien. Und Dutzende Fabriken wurden errichtet, die sich auf die Massenproduktion von Schutzmasken spezialisierten... Die Fieberkontrollen mit digitalen Infrarot-Thermometern in Form einer Pistole wurden zur Routine. In den Städten der betroffenen asiatischen Länder ist es seit 2003 üblich, vor dem Betreten eines Busses, eines Zuges, einer U-Bahn-Station, eines Bürogebäudes, einer Fabrik, einer Diskothek, eines Theaters, eines Kinos oder sogar eines Restaurants die Temperatur der Leute zu messen... Auch das Händewaschen mit gechlortem Wasser3oder Seife wurde zur Pflicht. In Krankenhäusern wurden ‒ wie im 19. Jahrhundert ‒ die Bereiche in "saubere" und "schmutzige" Zonen unterteilt, und die Ärzteteams gingen nicht von einer in die andere. Es wurden Trennwände eingebaut, um ganze Flügel voneinander zu trennen; das Gesundheitspersonal betrat den Raum an einem Ende mit Schutzanzügen und verließ ihn unter der Aufsicht von Hygiene-Personal desinfiziert am anderen Ende.
Diese ganze Region Ostasiens erlebte also zum ersten Mal, was wir jetzt auf planetarischer Ebene erleben. Dort, vor allem in Südkorea, entstanden nicht zufällig einige der besten post-apokalyptischen Filme zum Thema der rasch verlaufenden Ansteckung: Virus (2013) von Kim Sung-soos und Train to Busan (2016) von Yeon Sangho's .
Mit SARS und MERS haben die Regierungen dieser Länder gelernt, vorsorglich riesige Mengen an Schutzausrüstung (Masken, Gesichtsschutz, Handschuhe, Helme, Desinfektionsgel, Kittel usw.) zu lagern. Sie wussten, dass sie im Falle einer neuen Epidemie schnell und aggressiv handeln mussten4. Das taten sie in diesem Januar, als die Verbreitung von Covid-19 begann. China hat schnell eine strenge Quarantäne verhängt. Es isolierte die Infizierten und ihre Kontakte in hermetisch abgeschlossenen Bereichen. Südkorea und Japan taten dies zwar nicht, verlangten aber einen Sicherheitsabstand und das Tragen von Hygienemasken. Und vervielfachten die Screening-Tests massiv.
Beispielhaft in Südostasien ist Vietnam. Es war eines der Länder, das 2003 am schnellsten und entschiedensten gegen SARS handelte. Und es hat die Lektion gelernt. Als sich das neue SARS-CoV-2-Virus in der Region auszubreiten begann, wendeten die Behörden in Hanoi ‒ bei nur sechs infizierten Personen ‒ sofort strengste Eindämmungs- und Isolationsmaßnahmen an. Und im Februar 2020 haben sie bekannt gegeben, dass die Pandemie eingedämmt sei5. Vietnam war das erste Land der Welt, das das neue Coronavirus besiegte6. Alle Infizierten wurden gesund. Kein einziger Patient starb.
All dies zeigt, dass digitale Technologien zur Lokalisierung und Identifizierung trotz ihrer Bedeutung nicht ausreichen, um das Coronavirus einzudämmen. Außerdem verhindert die weit verbreitete Verwendung von Hygienemasken den effektiven Einsatz von biometrischen Gesichtserkennungssystemen. Von den ersten Wochen an stellten China, Südkorea, Hongkong, Taiwan und Singapur fest, dass ihr Bio-Monitoring-System mit Videokameras aufgrund des massiven Einsatzes von Masken und Brillen nicht effektiv war.
Mit anderen Worten, die spektakuläre technologische Vormachtstellung, mit der wir uns so sehr brüsteten, mit unseren hochmodernen intelligenten Telefonen, den futuristischen Drohnen, Science-Fiction-Robotern und innovativen Biotechnologien, hat, wie wir bereits sagten, wenig dazu beigetragen, die ersten Auswirkungen der Pandemieflut einzudämmen.
Für drei sehr dringende Anliegen ‒ unsere Hände desinfizieren, Masken herstellen und den Vormarsch des Virus aufhalten ‒ musste die Menschheit auf Produkte und Techniken zurückgreifen, die mehrere Jahrhunderte alt sind. Die Seife, die von den Römern vor unserer Zeitrechnung entdeckt wurde; die Nähmaschine, die von Thomas Saint um 1790 in London erfunden wurde; und vor allem die Anwendung der Ausgangssperre und der sozialen Isolation, die in Europa seit dem 5. Jahrhundert gegen Dutzende aufeinanderfolgende Pestwellen verfeinert wurde...7 Was für eine Lektion in Bescheidenheit!
Diejenigen opfern, die "zu alt" sind
Dies sind auch Zeiten mangelnder Solidarität. Nationale Egoismen haben sich mit überraschender und brutaler Geschwindigkeit manifestiert. Nachbar- und befreundete Staaten haben nicht gezögert, einen "Krieg der Masken"8zu beginnen oder sich wie Piraten medizinische Geräte anzueignen, die für ihre Partner bestimmt sind.
Wir haben Regierungen gesehen, die den doppelten oder dreifachen Preis für medizinische Geräte zahlen, um die Produkte zu erhalten und zu verhindern, dass sie an andere Nationen verkauft werden.
Die Medien haben gezeigt, wie auf den Start- und Landebahnen von Flughäfen Container mit Schutzmasken aus Frachtflugzeugen gerissen wurden, um sie an andere Ziele umzuleiten. Italien beschuldigte die Tschechische Republik, die in China gekauften Maskenlieferungen gestohlen zu haben, die in Prag zwischenlandeten. Frankreich prangerte die USA für die gleiche Sache an. Spanien beschuldigte Frankreich... Asiatische Hersteller informierten afrikanische und lateinamerikanische Regierungen, dass sie ihnen vorerst keine medizinischen Geräte verkaufen könnten, weil die USA und die Europäische Union höhere Preise zahlten9.
Im Alltag haben Misstrauen und Verdächtigungen zugenommen. Viele Ausländer oder Außenseiter oder einfach ältere und kranke Menschen10, die im Verdacht stehen, das Virus einzuschleppen, sind diskriminiert, verfolgt, gesteinigt, vertrieben worden... Es stimmt, dass die älteren Menschen die Gruppe mit der höchsten Sterblichkeitsrate darstellen11. Wir wissen nicht, warum. Einige ultraliberale Fanatiker haben gleich schonungslos die Eliminierung der Schwächsten gefordert.
Ein stellvertretender Gouverneur in den USA erklärte: "Die Großeltern sollten sich opfern und sterben, um die Wirtschaft zu retten"12. In derselben vernichtenden Art forderte der neoliberale Analyst des US-Senders CNBC, Rick Santelli, zum "Gesundheits-Darwinismus" auf und verlangte, "die gesamte Bevölkerung mit dem Virus zu impfen. Das würde den unvermeidlichen Verlauf nur beschleunigen… Aber die Märkte würden sich stabilisieren"13.
In den Niederlanden, wo der ultraliberale Premierminister Mark Rutte ebenfalls für "Herdenimmunität"14 eintritt, erklärte der Leiter der Epidemiologie am Medizinischen Zentrum der Universität Leiden, Frits Rosendaal, dass "Menschen, die zu alt oder zu schwach sind, nicht auf Intensivstationen aufgenommen werden sollten15".
Das sind Drohungen, die Exterminatoren aus Comics würdig sind... Und außerdem absurd, denn, wie eine Krankenschwester erklärt: "Covid-19 ist tödlich. Und ich kann sagen, dass es nicht nach Altersgrenzen unterscheidet. Nicht nach Farbe. Nicht nach Größe. Nicht nach Herkunft. Nicht nach sozialer Klasse. Nach gar nichts. Das Virus wird jeden angreifen."16
Covid-19 unterscheidet nicht, das stimmt, aber die ungleichen Gesellschaften tun dies sehr wohl. Denn wenn Gesundheit eine Ware ist, sind arme, diskriminierte, marginalisierte und ausgebeutete soziale Gruppen der Infektion viel stärker ausgesetzt.
Dies ist zum Beispiel in Singapur der Fall, wo es ‒ wie wir gesehen haben ‒ den Behörden zunächst gelang, die Epidemie unter Kontrolle zu bringen. In diesem opulenten Stadtstaat gibt es jedoch eine Minderheit von Hunderttausenden Migranten aus armen Ländern, die in den Bereichen Bau, Transport, Hausarbeit und Dienstleistungen beschäftigt sind.......

mehrhttps://amerika21.de/analyse/239682/die-...-teil-zwei

weiter im Text dann:

Mit der allgemeinen Panik, die durch die Pandemie ausgelöst wurde, und mit Millionen Menschen, die verzweifelt auf ihren Bildschirmen nach Daten über das unbekannte Coronavirus suchten, fanden die "Desinformationsblasen" ein perfektes Ökosystem vor, um sich bis ins Unendliche zu vervielfachen. Alles wurde zudem noch dadurch vereinfacht, dass im Jahr 2016 die wichtigsten Unternehmen für soziale Netzwerke die Algorithmen der Nachrichtenhierarchie verändert hatten. Seither geben sie Mitteilungen von Freunden und Bekannten zu Lasten von Nachrichten von Organisationen oder den Medien den Vorrang.
Auf jeden Fall können wir nicht länger naiv sein. Und unschuldig alles glauben, was über soziale Netzwerke auf unsere Bildschirme kommt. In diesem Zusammenhang ist das Momentum Coronavirus auch ein Wendepunkt. Angesichts der überwältigenden Menge an Falschmeldungen muss von nun an jeder Bürger die verschiedenen Verifizierungsplattformen kennen, die uns kostenlos zur Verfügung stehen, zum Beispiel: Maldita.es und Newtral.es in Spanien ; FactCheck.org, NewsGuard und PolitiFact.com in den USA; oder die Allianz #CoronavirusFacts, die vom International Fact-Checking Network (IFCN) des Poynter-Instituts37 gefördert wird und mehr als 100 Verifikationsplattformen in siebzig Ländern und vierzig Sprachen umfasst38; oder LatamChequea, die etwa zwanzig Medien aus fünfzehn lateinamerikanischen Ländern vereint.
Darüber hinaus gibt es im Internet viele kostenlose Tools zur Überprüfung der Echtheit von Fotos, die in sozialen Netzwerken veröffentlicht wurden: Zum Beispiel TinEye, Google Reverse Image Search, FotoForensics, die wichtige Überprüfungen ermöglichen, wie die Kenntnis der Originalquelle des Bildes, ob es schon einmal veröffentlicht wurde, welche anderen Medien es bereits gebracht haben, ob es manipuliert wurde und ob das Original retuschiert wurde.
Um auch die so weit verbreiteten gefälschten Videos aufzuspüren, können wir InVid verwenden, das für die Browser Google Chrome und Mozilla Firefox verfügbar ist und mit dem wir manipulierte Videos entschlüsseln können39. Auch auf der Reverso-Website ‒ einem Gemeinschaftsprojekt von Cheque40, AFP Factual41, First Draft42 und Pop-Up Newsroom43 ‒ können wir gefälschte virale Videos im Internet aufspüren44. Es gibt keine Ausrede mehr dafür, sich täuschen zu lassen. Zumindest dafür wird uns diese Pandemie gute Dienste geleistet haben.
Auf dem Weg zu einem digitalen Kapitalismus?
Eine weitere Konsequenz für die Kommunikation: Mit mehr als der Hälfte der Menschheit wochenlang in ihren Wohnungen eingesperrt, hat die digitale Vergöttlichung ihren bisherigen Zenit erreicht... Nie waren die Internet-Galaxie und ihre vielfältigen Angebote auf dem Bildschirm (kommunikativ, ablenkend, kommerziell) zeitgemäßer und invasiver.
In diesem Zusammenhang haben sich soziale Netzwerke, mobile Messaging- und Microblogging-Dienste ‒ Twitter, Mastodon45, Facebook, WhatsApp, Messenger, Instagram46, Youtube, LinkedIn, Reddit, Snapchat, Amino, Signal, Telegramm, Wechat, WT:Social47 usw. ‒ definitiv als das dominierende Mittel der Information (und Desinformation) durchgesetzt. Sie sind auch zu einer viralen Quelle der Ablenkung geworden, denn trotz des Schreckens der Gesundheitskrise waren Humor und Lachen, wie es in diesen Fällen oft vorkommt, die absoluten Protagonisten in den sozialen Netzwerken, der bevorzugten Verbindung mit der Außenwelt und mit Familie und Freunden.
Wir verbringen mehr Stunden als je zuvor vor den Bildschirmen unserer digitalen Geräte: Mobiltelefone, Computer, Tablets oder intelligente Fernseher...48 Wir konsumieren alles: Informationen, Serien, Filme, Memes, Lieder, Fotos, Telearbeit, Beratungen und Verwaltungsverfahren, Online-Unterricht, Videoanrufe, Videokonferenzen, Chats, Konsolenspiele, Mitteilungen... Die tägliche Zeit, die wir im Internet verbringen, ist in die Höhe geschossen49. In Spanien zum Beispiel ist der Internetverkehr seit dem 14. März letzten Jahres, als der Alarmzustand und die soziale Isolation ausgerufen wurden, um 80 Prozent gestiegen50. Dieser starke Anstieg ist vor allem auf den außergewöhnlichen Verbrauch von Videostreaming zurückzuführen, nicht nur von Video-on-Demand-Diensten, sondern vor allem auf das für diese Zeit charakteristischste Kommunikationsphänomen: Videoanrufe über Skype, WhatsApp, Webex, Houseparty51 und Zoom.
Die bisher wenig bekannte Anwendung für Videoanrufe Zoom hat in den letzten zwei Monaten ein in der Geschichte des Internets nie gekanntes Wachstum erlebt... Seit Beginn der Pandemie ist sie die am häufigsten heruntergeladene App für das iPhone. Im vergangenen März betrug die tägliche Traffic-Zunahme 535 Prozent... Führungspersonen der Welt nutzen Zoom für ihre Videokonferenzen; Unternehmen, um Telearbeit zu organisieren; Universitäten, um Online-Kurse anzubieten; Musiker und Sänger, um in Gruppen ihre Corona-Clips zu kreieren; Freunde und Familien, um während der Ausgangssperre virtuell zusammen zu bleiben…
Die Zahlen sind überwältigend. Zoom hatte Ende 2019 10 Millionen aktive Nutzer, Ende März waren es über 200 Millionen... Um eine Vorstellung zu bekommen, was das bedeutet, erinnern wir daran, dass Instagram mehr als drei Jahre gebraucht hat, um auf diese Nutzerzahl zu kommen. Vor der Ausbreitung des Coronavirus kosteten die Zoom-Aktien 70 Dollar. Am 23. März waren sie 160 Dollar wert, in anderen Worten, eine Gesamtkapitalisierung von über 44 Milliarden Dollar. Das Virus ist global, aber seine Auswirkungen sind nicht für alle gleich... Insbesondere für den Hauptaktionär von Zoom, Eric Yuan, der nun mit einem geschätzten Vermögen von 5,5 Milliarden Dollar auf der Liste der "reichsten Personen der Welt" steht...52
Ein weiterer "Gewinner" dieser Krise ist die bei jungen Leuten sehr beliebte App TikTok, die ebenfalls einen phänomenalen Anstieg der Nutzer verzeichnet. TikTok wurde von der chinesischen Technologiefirma ByteDance entwickelt und ist eine Social-Media-App ähnlich wie Likee oder MadLipz, mit der man kurze Videos von 15 bis 60 Sekunden in einer Schleife (also in einer Schleifenwiederholung wie GIFs 53) aufnehmen, bearbeiten und teilen kann, mit der Möglichkeit, musikalische Hintergründe, Klangeffekte und Filter oder visuelle Effekte hinzuzufügen.
Die weltweite Quarantäne bedroht überall auf der Welt das wirtschaftliche Überleben unzähliger Unterhaltungs-, Kultur- und Freizeitunternehmen (Theater, Museen, Buchhandlungen, Kinos, Stadien, Konzerthallen usw.). Auf der anderen Seite erleben digitale Riesen wie Google, Amazon, Facebook oder Netflix, die den Markt bereits beherrschten, einen grandiosen Moment des kommerziellen Erfolgs54. Die gewaltige Injektion von Geld und vor allem von Makrodaten, die sie erhalten, wird es ihnen ermöglichen, ihre Kontrolle über die algorithmische Intelligenz exponentiell zu entwickeln55. Um die digitale Kommunikationssphäre im globalen Maßstab noch stärker zu dominieren.
Diese gigantischen technologischen Plattformen sind in wirtschaftlicher Hinsicht die absoluten Gewinner dieses tragischen Moments der Geschichte. Dies bestätigt, dass im Kapitalismus nach der Ära von Kohle und Stahl, der Ära der Eisenbahnen und der Elektrizität und der Ära des Öls die Zeit der Daten, dem neuen dominierenden Rohstoff in der Ära nach der Pandemie, gekommen ist. Willkommen im digitalen Kapitalismus...

(danke für die Informationen)
 
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