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Die 25 blödesten Medienphrasen
#1
So geht entspanntes Nichtmehrlesen:

die 25 blödesten Medienphrasen


Noch ist das Jahr jung. Für die meisten Redaktionen gäbe es die Chance, 2020 zumindest die albernsten Textbausteine auszusortieren – und zwar in eigenem Interesse. Andererseits, wenn ein Ratschlag aus der falschen Ecke kommt, wird das eher nicht passieren. Beides hätte seine Reize.
Entweder verschwindet tatsächlich die eine oder andere Sprachschabracke, was der Auflage der Qualitätsorgane nur nützen würde. Oder der „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (J. Habermas) kommt weiter voran. Wie auch immer: Die Liste der 25 dümmsten Mediendeutsch-Wendungen von A bis Z führt zwingend zu einer Win-Win-Situation.
 
„Achtung, Spoiler“
Schreibt, glaube ich, mittlerweile nicht mal mehr Sascha Lobo, sondern nur noch die Kompetenzebene drunter.
 
„Alle/wir alle/wir“
Beispielsatz: „Alle müssen Verzicht über/ihr Verhalten ändern/schmerzhafte Kompromisse machen.“ Wer so schreibt und sendet, entlarvt sich schon von ganz allein als ausgepichter Heuchler.
Wichtig ist festzuhalten: nicht alle Journalisten sind so.
 
„Er ist/war ein Menschenfänger“
Leitet sich bekanntlich von dem berühmten Fängerring ab, den der Papst trägt. Wer nicht bibelfest ist, sollte seine Metaphern woanders suchen. Gilt auch für Hiobsbotschaften und Fingerindiewundelegen. Darauf ruht kein Segen.
Auf den meisten weltlichen Metaphern der Presse allerdings auch nicht.
 
„Er/sie fand klare Worte“
„X. fand klare Worte“, aber auch schon mal: „Klare Worte fand X“ – das ist der Fanfarenstoß, mit dem ein Medienmitarbeiter darauf hinweisen will, dass jetzt etwas Bedeutsames von jemand anderem kommt. Bei vielen Politikeräußerungen ist das nötig; ohne das Tätärätä bliebe die sog. Kernaussage – vor allem die – von Laien unbemerkt.
Wer diese Wendung gebraucht, macht sich als Ausrufer, Mitglied im Troß beziehungsweise Nomenklator nützlich, also als subalterner Begleiter der Macht.
 
„Experte“
Eine Rangstufe unter ‚Journalist’.
 
„Hass und Hetze“
Medienschaffende, die eine Publikumsansprache als Nazisau oder den Vorschlag, Chemnitz mit Napalm zu bombardieren, für ein wohlerwogenes Urteil, eine Satire oder irgendetwas anderes Gutgemeintes halten, sollten die H & H-Wendung schon im eigenen Interesse nicht mehr benutzen.
Andererseits wüssten viele Journalisten gar nicht, was sie stattdessen schreiben sollten. In manchen Redaktionen gibt es auf der Tastatur schon eine eigene H & H-Taste.
 
„Habecks Wuschelkopf“
Auch Habecks Gesichtsbehaarung, Habecks Kleidung inkl. Socken: Augen und Finger weg. Es wird zwar nicht passieren, aber: Wem die Auflage des eigenen Mediums ein kleines bisschen am Herzen liegt, der sollte Habeckporträts grundsätzlich von alten heterosexuellen Auftragskillern Männern erledigen lassen. Noch besser: die nächsten zwölf bis zwanzig Runden aussetzen. „Was macht eigentlich Robert Habeck?“ darf 2034 wieder von Jana Hensel gefühlt, gesungen und auf einen Sack Reis geschrieben werden.
 
„Hallo?“
Aufmerksamkeitsfördernde Interjektion, die vor allem darauf aufmerksam machen soll, dass hier jemand Junggebliebenes schreibt oder sendet. Sehr gern gemischt mit Proseminarprosa. Anwendungsbeispiel: „Da sitzen sieben weiße Cis-Personen in der Talkshow. Ich meine: hallo? Wir haben 2020.“
Oft handelt es sich bei der Hallo-Ruferin (mehrheitlich sind es Frauen) um eine Redakteurin, die ihre Uli-Stein-Kaffeetasse bei Redaktionssitzungen grundsätzlich mit beiden Händen umfasst.
Hallo? Klischees entstehen nicht grundlos.
 
„Jetzt wird es eng“
„Neunundneunzig Prozent aller Journalisten würden ihr Kind am liebsten Impeachment nennen“ (Wolfram Ackner). Für das Verhältnis zwischen Donald Trump (Orban, Kurz, Johnson) und den allermeisten Journalisten gilt: Tausendmal enggeführt/tausendmal ist nichts passiert. Mal sehen, welche Medien bzw. Medienschaffende Ende 2024 noch da sind, um zu melden, dass Trumps Tage jetzt wirklich gezählt sind.
 
„Kann Kanzler/Partei“ etc.
„Sie können singen. Sie können frech“ (Der WDR über seinen Kinderchor). Bzw: „Kann Habeck Kanzler?“ Journalisten können. Können Müntefering. Können Grönemeyer. Können sich demnächst in ganz andere Sachverhalte einarbeiten, wenn die Auflagenentwicklung so weiter geht.
 
„Kurzsichtig“
Kurzsichtig ist die Draußenwelt, übel und dumm. Kurzsichtig ist der Ami seit 1776, kurzsichtig ist seit mehr als sechzig Jahren jeder israelische Premierminister. Kurzsichtig sind die Manager der Energie- und der Autoindustrie, die anders als deutsche Leitartikelschreiber und demonstrierende Freitagskinder nicht wissen, wie die Zukunft aussieht. Ein wohlmeinender deutscher Journalist weiß schon, wie der Frieden im Nahen Osten herzustellen wäre, wie die Stromversorgung in zwanzig Jahren klappt und wie das Auto der Zukunft aussieht, das gehört praktisch zur Grundausbildung, Näheres wird in den Teeküchen der Redaktionen täglich neu ausgehandelt.
Weniger kloßbrühenklar ist, warum die weitsichtigen Journalisten nicht einfach selbst blühende Unternehmen gründen oder wenigsten Medien mit einer wachsenden Zahl von Lesern.
Gerade auch mit Blick auf die nächste Sparrunde ihrer Verlagsleitung.
 
„Die Stimme ihrer Generation“
Kinder und junge Jugendliche – bis auf ganz rare Ausnahmen, um die es hier nicht geht – geben wieder, was ihnen Erwachsene vorher gesagt haben. Das ist ersteren nicht vorzuwerfen. Etwas anderes ist es, wenn Erwachsene mit politischen Anliegen den Kindern, von denen wir die Erde bekanntlich nur geborgt haben, ihrerseits die eigenen Parolen verleasen, um dann zu behaupten, sie kämen direkt aus dem Prophetenmund. In „Die Linke und der Kitsch“ schrieb Gerhard Henschel schon vor Jahr und Tag das Passende dazu:
„Diese Kitschform verdanken sich dem haltlosen Gedanken, dass Kinder die besseren Menschen seien und von Natur aus, bevor sie von der Gesellschaft verdorben und vergiftet würden, aus dem Stegreif Politikern Ratschläge erteilen und mit Singsang, Malerei und Faxenmachen die heile Welt rekonstruieren könnten.
Die Breitenwirkung dieser Wahnvorstellung beweist der Erfolg des Grönemeyer-Songs ‚Kinder an die Macht’. Den Politikverdrossenen und Billigprotestliebhabern wäre die Verwirklichung dieser Trotzköpfchen-Vision durchaus zu gönnen.
Je nachdem, was ihnen die von verschwommenen linken Idealen beseelten Kitschiers eingeflüstert haben, quaken die Kurzen; klassenbewusst im Kinderladen der frühen 70er Jahre, kleistrig friedvoll zwanzig Jahre später.“
Über die Jungen lässt sich egal zu welcher Epoche immer sagen, dass sich aus ihnen schlecht eine amorphe Generation basteln lässt. Und wenn irgendjemand auch noch behauptet, eine Figur sei die Stimme ihrer Generation, gar die authentische, dann ist das samt und sonders gelogen.

weiter hier > https://www.publicomag.com/2020/01/so-ge...enphrasen/
 
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