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Von oben arrangiert
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Von oben arrangiert

Die Schuld für den Aufstieg der sogenannten Rechtspopulisten soll bei den verblendeten Unterklassen liegen – die Verantwortung der Eliten wird negiert

Von Michael Klundt
Die soziale Frage ist in der Bundesrepublik inzwischen so präsent wie nie zuvor. Allerdings wird sie stärker von nationalistischer als von solidarisch-internationalistischer Seite thematisiert. Und wer für den weltweiten Aufstieg der rechten Bewegungen verantwortlich ist, scheint allzu klar: In der Diskussion stehen die angeblich dummen, fremdenfeindlichen Unterklassen, der Beitrag der ökonomischen, politischen, wissenschaftlichen, medialen und anderen gesellschaftlichen Eliten gerät kaum in den Blick der bürgerlichen Öffentlichkeit.

Schon nach den großen Aufständen in den Pariser Banlieues während des Jahres 2005 und nach der sogenannten Unterschichtendebatte in Deutschland 2006 fragten sich Sozialwissenschaftlerinnen wie Jutta Allmendinger und Christine Wimbauer besorgt, ob die hiesige Klassengesellschaft auch bald »französische Verhältnisse« erwarten lasse. »Kann die verfestigte Ungleichheit in Deutschland über die individuelle Betroffenheit hinaus eine kollektiv wahrgenommene Unterprivilegierung erzeugen – und damit einen Ausgangspunkt für so etwas wie Klassenbewusstsein? Werden auch in Deutschland Banlieues entstehen, brennende Vorstadtviertel wie in Paris?« Trotz der doch recht mechanistischen Vorstellung von Klassenbewusstsein und dem martialischen Verständnis von Klassenkampf (der ganz offenbar auf brennende Autos reduziert wird) scheint gerade die Furcht vor solchen Umständen eine Triebkraft der deutschen Unterschichtendebatte gewesen zu sein. Bis in die bürgerlich-konservativen Eliten hinein wird spätestens seitdem nicht mehr ausschließlich abwehrend auf die bislang als »dogmatisch-ideologisch« diffamierte Terminologie von »Klassen« und »Klassengesellschaft« reagiert.
(....)
Kernaufgabe vergessen
Zurück zu den heutigen »Strongmen«. Für den US-Philosophen Richard Rorty ließ sich schon 1997 voraussehen, dass nach der Wahl eines »starken Mannes« die Fortschritte im Umgang mit Schwarzen, Latinos und Homosexuellen wieder verlorengehen würden: »Die als Scherz getarnte Verachtung von Frauen wird wieder Mode werden, am Arbeitsplatz wird man wieder das Wort ›Nigger‹ hören. Der Sadismus, den die akademische Linke ihren Studenten austreiben wollte, wird wiederkehren.« (zit. n. Die Welt, 7.11.2016)
Rorty warnte die Linke davor, eine ihrer Kernaufgabe zu vergessen, den Kampf gegen Armut und Ungleichheit. Während die postmoderne Linke sich ausschließlich um die ebenfalls wichtige Anerkennung von Minderheiten gekümmert habe, bestehe die Gefahr, dass sich ein rechter »Strongman« dieser Fragen annehme, mit verheerenden Folgen für die Minderheiten. Die Sozial- und Arbeitsverhältnisse sind inzwischen so sehr aus dem Lot geraten, dass sich ein bedeutender Teil des von der Soziologie seit Jahrzehnten rhetorisch beerdigten Proletariats von rechts habe kapern lassen, wie Leggewie feststellt. »Der von Ulrich Beck und anderen dargelegte Fahrstuhl, der eine Zeit lang die Unterschichten mitnahm, ist bei niedrigen Wachstumsraten, Privatisierungen des öffentlichen Dienstes, dem Schwinden von Normalarbeit, eingeschränkter Sozialstaatlichkeit und auf Grund eines nicht mehr gleichheitsförderlichen technischen Fortschritts außer Betrieb« (Frankfurter Rundschau, 6.12.2016).
Leggewie bezieht sich u. a. auf Didier Eri­bons Buch (»Rückkehr nach Reims«). Eribon stellt sich die Frage, wie aus kommunistischen Arbeitermilieus Hochburgen des extrem rechten Front National werden konnten. Dabei konzentriert Leggewie sich jedoch vorschnell auf, die »xenophoben Energien im französischen Kommunismus« (Frankfurter Rundschau, 6.1.2017). Über die von Eribon ausdrücklich genannte Verantwortung linksliberaler und bürgerlicher Intellektueller, Regierungspolitiker und Journalisten für gesellschaftliche Verhältnisse, die Zunahme standortnationalistischer Ressentiments begünstigten, spricht Leggewie nicht. Dabei müssten doch auch die von Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot seit Jahren untersuchten sozioökonomischen Gewaltverhältnisse zwischen Reich und Arm, berücksichtigt werden. Die früheren Direktoren des »Centre national de la recherche scientifique« sprechen in ihrer 2013 veröffentlichten soziologischen »Chronik der sozialen Zerstörung« von der »Gewalt der Reichen«. Die neoliberale Umstrukturierung der letzten Jahrzehnte werfe Menschen buchstäblich auf den Müll, zerstöre sie, schreibe die Entwertung und Verachtung in ihre Körper und Köpfe ein. Derweil wüchsen Resignation und Ressentiment. Fern davon, das Werk eines gesichtslosen Gegners zu sein, habe diese Klassengewalt Akteure, Strategien und Orte – und politisch Verantwortliche in der Regierung. Pinçon und Pinçon-Charlot halten eine Kritik des »Bourgeoisismus« daher für dringend geboten.
Es fällt auf, dass diese Kritik vielen linksliberalen und/oder exlinken Intellektuellen schwerer fällt als die Kritik des zweifellos existierenden Nationalismus und Rassismus in Teilen der Arbeiterklasse bzw. des Proletariats. Das lässt sich auch gegenwärtig wieder an der hegemonialen wissenschaftlichen, politischen und medialen Berichterstattung über die Bewegung der »Gelbwesten« in Frankreich beobachten.
Lechts und Rinks?
Ein nicht unbedeutender Teil der Intellektuellen, Journalisten, Politiker und Wissenschaftler hat jahrelang gepredigt, arbeitnehmerfeindliche Politik sei »progressiv« (Wohnungsprivatisierungen als sogenannte fortschrittliche Entstaatlichung), die Kürzung und Privatisierung der Renten »generationengerecht«, »nachhaltig« und »sozial-ökologisch« (demagogische Demographisierung); völkerrechtswidrige Angriffskriege wirkten befreiend und seien »antifaschistisch«; die Zerstörung der Arbeitslosenversicherung sei »modern«; und nur diejenigen seien »weltoffen-europäisch«, »fortschrittlich« und »links«, die für konstitutionellen Marktradikalismus und die Europäische Union eintreten. Angesichts dessen haben sich offenbar manche gedacht: Wenn das alles ›links‹ und ›weltoffen‹ sein soll, was Demokratie, Sozialstaat, Rechtsstaat und Völkerrecht sowie die alltäglichen materiellen Lebensbedingungen zerstört, dann kann ›rechts‹ und ›nationalistisch‹ nicht soviel schlimmer sein! Und, anlehnend an Bertolt Brecht: Die Schafe, unzufrieden (berechtigterweise!) mit ihrem Schäfer, wählten sich zur Abwechslung eine angebliche Alternative, den Metzger.....

> https://www.jungewelt.de/artikel/346707....giert.html

das kolossale Versagen der Linken, die bald nur noch aus dem Kampf gegen Rechts bestehen.Die ihre Kern-Klientel durch Minderheiten und Migranten ersetzt hat und sich dann wundert, wenn die zu den Rechtspopulisten überläuft.
 
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