Themabewertung:
  • 0 Bewertung(en) - 0 im Durchschnitt
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
Boston Marathon: Stichtag 19.12. 2018
#1
Der 19. Dezember ist die Frist für die Berufungsbegründung der Verteidigung. Ist jetzt zweimal verlängert worden, so dass es diesmal eigentlich endlich so weit sein wollte. Bin sehr gespannt, was da kommt, ich re-poste hier einfach mal, was ich auf tp geschrieben habe:

Die Anklage behauptet, der Junge habe zusammen mit seinem Bruder Schwarzpulver aus Feuerwerkskörpern gepuhlt, in ein Behältnis gefüllt, in eine Tasche getan und habe diese Tasche dann vor dem Café abgestellt, wo die Bombe explodierte. Und die Verteidigung hat das nicht mal bestritten!

Das Problem ist, dass dieses Zeug nie und nimmer die Sprengkraft hatte, einen "pressure cooker" zum Zerbersten zu bringen und Menschen meterweit durch die Luft zu schleudern. Da musste was anderes her. Das ist elementare Festkörperphysik.

Die Verteidigung hat also soweit mitgespielt - machte dann aber in der Verhandlung, während der Befragung eines FBI-Beamten, diesen auf einmal darauf aufmerksam, dass auf einem Foto von einer Schublade mit "Bombenutensilien", die bei den Tsarnaews gefunden wurde, Spuren eines schwarzen Pulvers waren, und der FBI-Mann musste einräumen, dass die von einem nitroglyzerinhaltigen Gemisch kamen, einem sogenannten "rauchlosen Pulver", das sehr wohl hochexplosiv ist und eine Erklärung für die grossen Verwüstungen böte, die die Bombe anrichtete.

Und dann - hörte die Verteidigung auf einmal auf zu bohren und wechselte zu einem anderen Thema. Da hat sie die Anklage einmal am Wickel - denn von diesem Nitro-Pulver war nie die Rede gewesen - und dann lässt sie wieder locker. Wie soll man das bitte schön deuten?

Das ist nur erklärbar durch eine langfristige Stategie der Verteidigung, die den ganzen Prozessweg umfasst. Sie hat die Anklage kommen lassen, bis hin zur Vorstellung eines gefälschten Videos. Sie hat der Anklage sozusagen genug Seil gegeben, damit diese sich selbst daran aufhängen kann. Das Personal der Verteidigung ist komplett ausgetauscht, die neue Verteidigung könnte sogar argumentieren, die alte habe ihren Job nicht gemacht und der Prozess sei deshalb nicht fair gewesen.

Aber warum kam der Verteidiger überhaupt mit diesem Foto mit dem Nitro-Pulver an? Woher wusste er überhaupt, dass es mit diesem schwarzen Pulver etwas Besonderes auf sich hatte, was der FBI-Mann dann quasi bestätigte? Ich deute das als diskretes Signal an die Anklage, dass die Verteidigung schon mal was von unteren FBI-Rängen geleakt bekommt. Auf dass die Anklage verunsichert werde und als Reaktion Fehler mache. Gib ihnen noch ein bisschen Seil...

Der Stichtag ist, wie gesagt, der 19. 12. Weiterer Aufschub ist möglich, aber unwahrscheinlich. Ich weiss auch nicht, ob man sofort alles erfahren wird, was in der Berufungsberündung drin steht. Kann auch sein, dass die Verteidigung immer noch mauert, man ist ja schon ein paar Mal enttäuscht worden. Das wird spannend.
Antworten
#2
Kommando zurück - es gibt wieder eine Verzögerung. Das "Amtsgericht" (district court) hält noch immer zwei Akten aus dem Prozess unter Verschluss, die die Verteidigung noch nicht kennt und unbedingt sehen möchte. Das Berufungsgericht hat der Verteidigung für ihre Begründung Zeit eingeräumt bis zwei Wochen nachdem das Amtsgericht die Akten freigegeben hat und das Amtsgericht aufgefordert, dies zügig zu tun.

Ein ziemlicher Affront, nach meiner Einschätzung. Der Amtsrichter, ein gewisser George O'Toole, hatte seinerzeit der Anklage hemmungslos Vorteile eingeräumt und aus seiner Parteilichkeit keinen grossen Hehl gemacht. Insofern messe ich diesen zwei Akten eine ziemliche Bedeutung bei und glaube nicht, dass das blosse Schlampigkeit ist.
Antworten
#3
Der Amtsrichter hat schnell reagiert, so dass die Berufungsschrift bis zum 20. Dezember abgegeben werden muss.

Die Schrift umfasst insgesamt 475 Seiten. Die Verteidigung hat noch einmal extra einen Antrag gestellt, weil das die zugelassene Länge übersteigt (wird zweifellos genehmigt werden). 475 Seiten - klingt so, als ob die Verteidigung es ernst meint.

Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen.
Antworten
#4
Mit einwöchiger Verspätung ist es endlich so weit - die Verteidigung hat ihre Berufungsschrift abgegeben. Tusch!

Die ersten Meldungen waren recht kurz und klangen nicht aufregend. Sie hörten sich so an als ob die Verteidigung nur das Strafmass anfechten will, aber nicht den Schuldspruch. Hier zB AP:

Boston Marathon bomber’s lawyers want death sentence tossed

BOSTON
Attorneys for Boston Marathon bomber Dzkhokhar Tsarnaev say his death sentence should be tossed because the judge's refusal to move the case out of the city where the bombs exploded made it impossible for him to get a fair trial.

Die Meldung ist aber inzwischen aktualisiert worden - jetzt heisst es:

Boston Marathon bomber’s lawyers want death sentence tossed

BOSTON
Attorneys for Boston Marathon bomber Dzkhokhar Tsarnaev told a federal appeals court Thursday that his convictions or death sentence should be tossed because the judge refused to move the case out of the city where the bombs exploded, making it impossible for him to get a fair trial.

AHA!

Da hat die gute AP-Journalistin offenbar etwas genauer nachgeschaut. Klar, man kann in so einem tausendseitigen Wälzer bei einer flüchtigen Sichtung schon mal was übersehen. Nur - die Schlagzeile hätte sie eigentlich auch ändern sollen in "Boston Marathon bomber’s lawyers want conviction tossed", das wäre erstens korrekter und zweitens, im Gegensatz zur gewählten Schlagzeile, eine ziemliche Sensation - denn es hiess ja immer, er habe seine Schuld schon längst eingestanden.

Viel mehr erfährt man nicht. Es sind wohl auch etliche Seiten "redacted", also geschwärzt. Die nichtgeschwärzten Seiten dürften in den kommenden Tagen ins Netz kommen, erst dann lässt sich Genaueres sagen. Aber "convictions tossed" ist gleichbedeutend damit, dass die Verteidigung auf Freispruch plädiert.
Antworten
#5
Die Berufungsschrift ist jetzt online.

Meine Hoffnung, dass die Verteidigung nun endlich Butter bei die Fische tun würde, also die fallbezogenen Schwächen der Anklage angreifen, hat sich leider nicht erfüllt. Die Umstände des Falles spielen überhaupt keine Rolle, es geht nur um formale Fehler. Meine anfängliche Enttäuschung ist aber mittlerweile einem neuen Verständnis der Strategie der (alten und neuen) Verteidigung gewichen.

Die Verteidigung beanstandet Verfahrensfehler in insgesamt 15 Punkten. Die wichtigsten sind mE

-  die Nicht-Auslagerung des Prozesses in eine andere Stadt - ganz Boston war voreingenommen und so war eine objektiv eingestellte Jury nicht hinzubekommen

-  zwei Juroren haben entgegen der Auflagen vor dem Prozess mit anderen über den Fall kommuniziert, über Facebook, und dabei auch aus ihrer Abneigung gegen den Angeklagten keinen Hehl gemacht - und sie haben das gegenüber dem Richter bestritten, also gelogen

- der Richter unterliess es - obwohl zwingend vorgeschrieben -, die Juroren danach zu befragen bzw. zu untersuchen, wie tief sie sich bereits mit dem Fall beschäftigt hatten und dementsprechend voreingenommen waren

Das mag jetzt nicht so dramatisch klingen, aber im US-Recht ist eine neutral eingestellte Jury ganz zentral für einen fairen Prozess, und deshalb setzt die Verteidigung auch hier an: Tsarnaev hätte von vorneherein keine Chance gehabt.

Die Verteidigung fordert aber nun nicht nur, die Todesstrafe zu kippen, sondern auch den Schuldspruch. Für das Berufungsgericht heisst dass, das es - wenn es dem stattgibt - entweder den Fall für einen neuen Prozess zurückverweisen kann, oder auch den Schuldspruch direkt kippen, was dann einem Freispruch gleich käme.

Interessanterweise hat der Vorsitzende des Berufungsgerichts Torruella schon früher Stellung bezogen: als die alte Verteidigung einen anderen Gerichtsort beantragt hatte, wegen der besagten Probleme in Boston. Toruella war Teil eines dreiköpfigen Richtergremiums, befürwortete den Antrag, wurde aber von den beiden anderen überstimmt. In einer "abweichenden Stellungnahme" plädierte er trotzdem leidenschaftlich für eine Verlagerung, ganz im Sinne der Verteidigung. Deshalb, und weil Probleme mit der Jury im US-Recht sehr schwer wiegen, gibt es wohl gute Chancen, dass das Berufungsgericht im Sinne der Verteidigung entscheidet.

Ich denke, dass die alte Verteidigung sich wegen dieser schweren formalen Verfahrensfehler gute, sehr gute Chancen für die Berufung ausrechnete und deshalb völlig darauf verzichtete, im Prozess die fallbezogenen Widersprüche der Anklage anzugehen - sie wollten ihr Pulver trocken halten. Ich bin mir fast sicher, dass sie in Kontakt mit einigen der verletzten Opfer sind, die wissen, dass das entscheidende Video, das die Explosion zeigt, gefälscht ist, und dass diese Zeugen auch bereit sind, mit ihrem Wissen hevorzutreten, wenn es sein muss. Bis dahin versuchen sie es aber mit weniger Aufsehen erregenden Mitteln.

Die Anklage hat jetzt ein halbes Jahr Zeit, zu reagieren, und danach ist das Gericht am Zug.
Antworten


Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste