Themabewertung:
  • 0 Bewertung(en) - 0 im Durchschnitt
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
Der Sinn von Wettbewerb
#1
Die "Wettbewerbshüter" der Bundesnetzagentur Dr. Axel Müller et. al. äußerten sich in einem Artikel in der Eisenbahn-Reveu 3/17 auf Seite 148 ungewohnt deutlich: "[die im Eisenbahnverkehr erzielbaren Erlöse] sind nicht hoch genug, um erhebliches privates Engagement und damit auch den Wettbewerb zu fördern".  Mit anderen Worten: Sind Preise und Gewinnmargen zu niedrig, gibt es kein "privates Engagement" und damit keinen "Wettbewerb". Der Zweck von "Wettbewerb" ist es daher, dem Großkapital hohe Renditen zu ermöglichen.

Danke Herr Dr. Müller für diese klarstellenden Worte.
Ihr wisst schon genug.
Ich auch.
Nicht an Wissen mangelt es uns.
Was fehlt, ist der Mut, begreifen zu wollen, was wir wissen und daraus die Konsequenzen zu ziehen.
Sven Lindqvist
Antworten
#2
Wettbewerb ist gut. Ohne Wettbewerb gibt es nur Misswirtschaft. Nur Gesellschaften, bei denen Wettbewerbsfreiheit herrscht (dass Freiheit nicht "herrschen" kann, sollte klar sein) arbeiten effizient.
So jedenfalls der öffentlich dargestellte „Konsens“ der von den Qualitätsmedien, der Einheitspartei CDUSPDCUSGRUENEFDPAFD und allen gesellschaftlich relevanten Kräften immer wiederholt wird.

Aber: Ist dem auch so?
Zunächst fällt auf, dass der Begriff „Wettbewerb“ keinesfalls klar ist. Auf was bezieht sich „Wettbewerb“? Auf einen Wettbewerb der Ideen? Was sind die Optimierungsziele?
Ist es nicht vielmehr so, dass der offiziell propagierte „Wettbewerb“ alleine ein Wettbewerb um das Kapital ist? So kommt es zu dem absurden Ausspruch des obersten "Wettbewerbshüter" der Bundesnetzagentur Dr. Axel Müller, der sich in einem Artikel in der Eisenbahn-Reveu 3/17 auf Seite 148 ungewohnt deutlich äußerte: "[die im Eisenbahnverkehr erzielbaren Erlöse] sind nicht hoch genug, um erhebliches privates Engagement und damit auch den Wettbewerb zu fördern". Mit anderen Worten: Sind Preise und Gewinnmargen zu niedrig, gibt es kein "privates Engagement" und damit keinen "Wettbewerb". Der Zweck von "Wettbewerb" ist es daher, dem Großkapital hohe Renditen zu ermöglichen.
Dies erkennt man auch, wenn man sich die Quasi-Monopole von z.B. Microsoft oder Apple anschaut. Selbst große Unternehmen müssen die Geschäftsbedingungen und die Preise dieser Marktbeherrscher akzeptieren. Wobei selbstverständlich deutsches Recht nicht gilt. Eine derartige Ausnutzung von Marktmacht steht aber nicht im Fokus der „Wettbewerbshüter“.
Oder man frage sich, welchen Sinn die Megafusionen multinationaler Konzerne haben. Mehr Wettbewerb? Unsinn, es geht einzig darum Bedingungen zu schaffen, die maximale Kapitalrenditen für Konzerne (=Großkapital) ermöglichen. Was wiederum im Klartext bedeutet: Die angebotenen Produkte der Großkonzerne sind zu teuer, beruhen auf Ausbeutung der Arbeitenden und / oder auf minimalen Umweltstandards. Bezahlen muss also der „Normalbürger“.

Die einseitige „Optimierung“ von Unternehmen hinsichtlich Kapitalrendite hat aber noch eine andere Folge: Innovationsarmut. Und letztlich: Ineffizienz hinsichtlich der eingesetzten Rohstoffe / Energie. Also so ziemlich genau das Gegenteil von dem, was uns gepredigt wird.
Dies möchte ich anhand folgender Beispiele zeigen:
1. Hinsichtlich der herrschenden Wettbewerbsdoktrin sind die Pharmakonzerne weltweit die „effizientesten“ Weil sie Kapitalrenditen von über 30% „erwirtschaften“. Kapitalrenditen wie sie sonst nur im Waffen- und Drogenhandel erzielt werden, also von der organisierten Kriminalität. Auf der anderen Seite haben die Pharmakonzerne die letzten Jahrzehnte praktisch keine neuen Entdeckungen gemacht (sieht man einmal von Viagra ab …). Weil: Echte Forschung ist zu teuer. Daher geben die großen Pharmakonzerne vier mal so viel für Werbung, als für die (Alibi)forschung aus. Hier hat also das Wirtschaftssystem die gesamte Branche hin zu Kapitalrenditen zu Lasten von möglichen Innovationen optimiert.
2. Der „Wettbewerbsdruck“ führt dazu, dass in der Produktion immer mehr Personal „abgebaut“ wird. Dies führt dazu, dass ein Arbeiter immer mehr Anlagen betreuen muss. Natürlich ist es so, dass er dabei von Technik unterstützt wird, und so auch tatsächlich produktiver ist. Aber der Personalabbau geht wesentlich weiter. Während noch vor 10, 15 Jahren zahlreiche Großbetriebe ihre eigenen Werkstätten hatten, die zahlreiche Störungen beseitigen konnten, wurden diese Aufgaben an Dritte abgegeben. Diese haben wesentlich längere Anfahrwege, verbrauchen alleine dafür mehr Energie. Und es werden immer mehr Großteile einfach nur getauscht, weil dies billiger ist, als sie zu reparieren. Dies bedeutet: erhöhter Ressourceneinsatz.
Oder im Bereich der Landwirtschaft (s.o.). Hier sind die Betriebe teilweise so groß, dass sie nur noch mit gigantischen Energieaufwand und / oder mit prophylaktisch eingesetzten Chemikalien bzw. Arzneimitteln bewirtschaftet werden können. Ist dies im Sinne des Ressourcenschutzes effizient?
3. Hinzu kommt ein weiterer Fakt: Die Industrie kündigt „veraltete“ Technik in immer kürzeren Fristen ab. Dies bedeutet, dass ab einem Stichtag keine Ersatzteile mehr geliefert werden. Was wiederum dazu führt, dass grundsätzlich funktionierende Technik weggeworfen werden muss, um durch neuere, keinesfalls bessere ersetzt zu werden. Hat dies etwas mit „Ressourceneffizienz“ zu tun?
Oder die bekannt gewordenen Fälle, bei denen in der Software maximale Lebensdauern eingebaut wurden (bei Fotokopierern z.B.), so dass technisch einwandfreie Geräte durch neue ausgetauscht werden müssen.

Hinzu kommt: Was bedeutet die Ideologie des „Wettbewerbs“ für unser Zusammenleben? Wettbewerb unterstützt nicht unbedingt Solidarität und Kooperation. Im Gegenteil: Im Kollegen, im Nachbarn wird eher der „Feind“ gesehen, der die eigene Arbeitsposition streitig macht. Als einzelner Arbeitender ist man immer getrieben, sich fortzubilden, damit man „im Wettbewerb bestehen“ kann. Dies kann eine ganze Gesellschaft vergiften, und ich wage zu behaupten, diese Geisteshaltung hat unsere Gesellschaft bereits vergiftet. Solidarität gilt als veraltet, verpönt. Kooperationen werden nur noch aus taktischen Gründen eingegangen.
Alleine der Gedanke, dass man Schwache schützen soll, dass auch weniger leistungsfähige Menschen einen Anspruch auf Glück haben, ist heute weiter als der Mond vom allgemeinen Bewusstsein entfernt.

Um meine Aussagen zusammenzufassen: Die Ideologie des Wettbewerbs mit ihrer einzigen Optimierungsgröße „Kapitalrendite“ führt zu einer hinsichtlich Rohstoff- und Energieeinsatz ineffizienten Wirtschaft, untergräbt die Solidarität der Menschen untereinander und dient ausschließlich dem Großkapital.
Ihr wisst schon genug.
Ich auch.
Nicht an Wissen mangelt es uns.
Was fehlt, ist der Mut, begreifen zu wollen, was wir wissen und daraus die Konsequenzen zu ziehen.
Sven Lindqvist
Antworten


Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste