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Europa, die Türkei und der Deep State
#1
Europa, die Türkei und der Deep State

19.3.17

Wenn Politiker Spannungen verschärfen und sich gegenseitig hochschaukeln, haben auf den ersten Blick alle etwas  davon, denn man kann sich vor der jeweiligen Wählerschaft als tough und werteorientiert präsentieren. Es ist sehr viel Heuchelei bei den meisten europäischen Politikern im Spiel, wenn sie im türkischen Premier Erdogan den Diktator des Tages sehen, ihre Karawane also von Putin und Trump zur nächsten Station weitergezogen ist. Solange man immer einen Außenfeind hat und dafür vom Mainstream gelobt wird, muss man sich den Schattenseiten im eigenen Land nicht stellen. Darin sind sich Erdogan und seine Gegner wohl auch weit ähnlicher, als sie anzunehmen bereit sind.

Und das Publikum kann via Social Media immer live dabei sein und einander in Pauschalierungen und Gehässigkeiten überbieten. Es ist kaum zu glauben, wie oft bislang vermeintlich Vernünftige Begriffe wie „der Türke“ verwenden; vor „dem Russen“ scheinen sie gerade noch zurückgezuckt zu sein. „Der“ Türkei wird gerne Erpressungspotenzial zugesprochen, weil sie ja „den Flüchtlingsdeal“ mit der EU aufkündigen und alle über ihre Grenzen lassen könnte. EU-Politiker, die sich dafür wappnen, sammeln bereits Gutpunkte, ohne dass sie den „Mut“ haben, die Urheber dieses Deals zu benennen. Dabei müsste man auf George Soros verweisen und den Begriff des Deep State verwenden, der aus der Türkei stammt und auf dem Umweg über die USA inzwischen auch bei uns gelandet ist.
(...)
Die deutsche Regierung weist aber jede Verantwortung für Auftrittsverbote von sich, weil diese Sache der Bundesländer bzw. der Kommunen sind. Die Türkei bringt Deutschland auch mit den Gezi Park-Protesten 2013 in Verbindung, die jedoch ein klasisches Beispiel dafür sind, wie berechtigter Widerstand gekapert wurde, da wie zu erwarten auch der Name George Soros auftaucht. Türkische Medien berichteten darüber ganz offen und erwähnten auch Soros-Aussagen und stellen einen Konnex zu Otpor her– aber halt, es gibt in der Türkei ja keinerlei Pressefreiheit, im Gegensatz zu uns. Denn bei uns bekommt Srdja Popovic von Otpor (heute Canvas) breite Bühne, der „Berufsrevolutionär“ von Soros‘ und Stratfors Gnaden, der im Interview zur Ukraine und zu Gezi Park Stellung nehmen darf.

Nun heuchelt dieTürkei natürlich ebenso wie EU-Staaten, denn wer ließ es zu, dass Terroristen über seine Grenzen nach Syrien einsickerten und Nachschub erhielten? Aber wenn etwa Österreich das große Wort zu führen versucht und Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit für sich vereinnahmt, lenkt dies von nach wie vor gedeckten Massenverbrechen gegen Kinder, Jugendliche und Justizopfer ab. Und heuchlerische Solidaritätsorgien für den „Welt“-Schreiber und Deutschlandhasser Deniz Yücel lassen sich damit vereinbaren, dass in NATO-Staaten, aber auch im „neutralen“ Österreich auch Journalisten vogelfrei sind, wenn sie sich dem deep state verweigern. Apropos NATO, da sind wir derzeit Zeugen eines Eiertanzes, weil die Türkei ja Mitglied ist (ergo auch formal Grundwerten verpflichtet ist), sich aber zunehmend Russland annähert.
(...)
Da ich (krankheitsbedingt) zwei Tage offline war, aber die eine oder andere Zeitung überflogen habe, kann ich besser nachempfinden, wie es denen geht, die keinen alternativen Informationszugang haben. Natürlich kommt mir dabei mein Wissen in die Quere, aber dennoch nehme ich deutlicher wahr, wie es ist, wenn man nur angeblich so freien Mainstream zur Verfügung hat. Dass dieser eifrig darum bemüht ist, den deep state wegzuerklären, ist ein neuer verzweifelter Versuch, die Deutungshoheit wieder zu gewinnen. Denn deep state ist als Staat im Staat am einfachsten anhand von Geheimdiensten darzustellen, wie es Dirk Pohlmann in einem aktuellen Kommentar tut. Er geht aber weit darüber hinaus und bewirkt, dass Politiker, die nicht mitspielen wollen, an die Wand gedrängt werden. Der Clash mit der Türkei hat übrigens den Nebeneffekt, dass die künstlich geschaffene Spaltung der Bevölkerung in Welcomer und Realisten ins Wanken gebracht wurde.

Und es ergibt unter deep state-Gesichtspunkten Sinn, dass ein mittelmäßig begabter Comedian wie Jan Böhmermann mit einem Erdogan-Schmähgedicht auf Sendung gehen konnte, das mit politischer Satire nichts zu tun hat. Erwartungsgemäss wurde auf diese Provokation reflexhaft reagiert und viele solidarisierten sich daraufhin ebenfalls auf der emotionalen Ebene. Seitenweise wurde darüber diskutiert, was Satire alles darf (= alles!) und zugleich der Eindruck erweckt, es gäbe freie Presse z.B. bei den Öffentlich-Rechtlichen. Wir warten aber vergeblich auf ein Obama- oder Clinton-Schmähgedicht, während Nachrichtensendungen, Talkshows und Dokumentationen voller Propaganda gegen Putin, Trump und andere Bösewichte (aus Sicht des deep state) waren und sind. Selbstverständlich soll Böhmermann, der ja längst selbst Gegenstand der Berichterstattung wurde, so weitermachen wie bisher – auch gegen Feinde im Inneren…

ganzer Text hier:https://alexandrabader.wordpress.com/201.../#comments
 
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