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Medien und Blogs zum Thema
MAI 6, 2018 UM 8:20 AM UHR

Ein Jahr nach dem Anschlag am Breitscheidplatz gab sich die ZEIT noch recht kritisch und berichtete von „Acht Ungereimtheiten im Fall Amri“:
https://www.zeit.de/politik/deutschland/...tag-fragen
Darunter brisante Fragen wie „Hat ein V-Mann Amri angestachelt?“, bei der die Rolle von „VP-01“ namens „Murat“ thematisiert wird: „Die Behörden wollen seine Identität auf keinen Fall preisgeben, sie verweigern jede Aussage zu ihm und seinen Aktivitäten. Sogar im Prozess gegen den Islamisten Abu Walaa darf er deswegen nicht aussagen. Die Polizei argumentiert, er sei eine wichtige Quelle und müsse geschützt werden.“
„Doch die Rolle von VP-01 ist umstritten. Es gibt Hinweise, dass Murat in der islamistischen Szene mehrfach dazu aufgerufen hat, in Deutschland Anschläge zu begehen.“
Inzwischen quälen die ZEIT anscheinend keine staatskritischen Zweifel mehr – Der Breitscheidplatz dient ihr nur noch als Beispiel im Teaser, um einen Germanisten „über die Sprache von Verschwörungstheoretikern“ schwadronieren zu lassen,
https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitges...ren-stumpf
Nur noch die Leserkommentare erinnern daran, dass es ja auch tatsächliche Verschwörungen „von oben“ gab und gibt – und sowohl bei „guten“ wie auch bei „bösen“ Staaten: die weiße Rose, die Hitler-Attentäter des 20. Juli 1944, Watergate, VW-Dieselskandal, Stasi-Unterstützung für die RAF, Geheimdienst-Unterstützung für den NSU. Aktuell wäre noch der Fall Skripal zu erwähnen, wo die verbohrten Verschwörungstheoretiker mit den fehlenden Beweisen auf den Regierungsbänken sitzen, aber von den Mainstream-Medien nur mit Samthandschuhen angefasst werden – Hofberichterstattung eben.
 
Antworten
Zur Zeit liegt das Thema auf Eis, aber aus irgendeinem Grund brachte die Welt heute diesen ausführlichen Artikel mit ein paar Fragestellungen. Die Infos zu Walid S., Abed W., Bilel Ben Ammar usw. sind allerdings nicht ganz neu, im Dezember letzten Jahres berichteten die Zeitungen des Redaktions Netzwerk Deutschland (RND) schon ausführlich.

https://www.welt.de/politik/deutschland/...isser.html
Artikel vom 15.05.2018

Amris Freunde
Stand: 08:19 Uhr
Von Florian Flade

[Bild: title.jpg]
Der Attentäter und sein Freund: Anis Amri (2. v. r.) und Bilel B. A. (l.) posieren mit dem erhobenen Zeigefinger – Symbol für den islamischen Monotheismus - Quelle: DW

Anis Amri gilt als Einzeltäter. Kurz vor seinem Anschlag im Dezember 2016 traf er jedoch eine Reihe von Islamisten. Gab es vielleicht doch Mitwisser? Und warum wurde ein wichtiger Zeuge so kurz nach der Tat außer Landes gebracht?


Wer den arabischen Imbiss in der Pankstraße im Berliner Stadtteil Wedding betritt, riecht gleich das gebratene Fleisch, das Frittierfett, die Gewürze. Aus dem Lautsprecher in der Ecke tönen arabische Popsongs. „Nächste bitte“, sagt der Mann hinter der Theke. Sechs Euro kostet das halbe Brathähnchen. Dazu gibt es Pommes oder Hummus, dicke Knoblauchcreme und roten Krautsalat. Ein Schnellrestaurant, wie man es kennt.
Am 18. Dezember 2016, einem Sonntagabend um kurz nach 21 Uhr, tritt dort jemand durch die Tür, der nur einen Tag später ein brutales Verbrechen begehen wird. Die Überwachungskameras filmen, wie sich zwei Männer an einen der hinteren Tische sitzen. Sie stecken die Köpfe zusammen. Es sind zwei Tunesier. Der eine heißt Anis Amri. Der andere Bilel B. A. Was sie an jenem Abend besprechen, ist bis heute unklar.
Keine 24 Stunden später wird Amri zum Mörder. Er erschießt einen polnischen Lkw-Fahrer. Mit dessen tonnenschwerem Koloss rast der Islamist dann in die Menge auf dem Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz. Insgesamt zwölf Menschen sterben, fast 60 weitere werden verletzt. Es ist der schwerste islamistische Terroranschlag in der Bundesrepublik.
Bei seiner Tat und anschließenden Flucht soll Amri keine Helfer gehabt haben. Ein Einzeltäter also. Die Behörden zeichnen das Bild eines „einsamen Wolfes“. Eines Radikalen, der sich durch Hassprediger, Moscheen, über Internetkontakte radikalisierte.


Recherchen von WELT zeigen jedoch: Der Tunesier traf in den Tagen und sogar Stunden vor seinem Anschlag gleich eine Reihe von Personen – nicht einfach so, sondern absichtlich. Sie gingen zusammen essen, fuhren mit U- und S-Bahn durch Berlin, telefonierten miteinander. Es wirkt wie eine Abschiedstour. Gab es also auch Mitwisser in Berlin, nicht nur bei der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Ausland?

Gegen mehrere Islamisten aus Amris Berliner Umfeld wird sogar wegen Terrorverdachts ermittelt – allerdings nicht mit Blick auf den Anschlag. Sie sollen vielmehr Dschihadisten zum Flughafen gefahren haben, die dann weiter ins syrische Kriegsgebiet gereist sind. Oder sie hatten Kontakt mit Terrorverdächtigen, die angeblich Attentate planten. Bei vielen tauchen in den Akten zudem Straftaten wie Drogenhandel, Körperverletzung oder Asylbetrug auf. Ein diffuses Milieu aus Kleinkriminalität und Extremismus.


Das Bundeskriminalamt (BKA) und das Berliner Landeskriminalamt (LKA) haben zahlreiche Kontaktpersonen von Anis Amri vernommen. Alle bestreiten, von dem mörderischen Plan gewusst zu haben. Hier und da habe man sich zufällig getroffen. In der Moschee oder auf der Straße. Niemand will mit dem Tunesier wirklich vertraut gewesen sein. Ein flüchtiger Bekannter, mehr nicht.

Daran aber gibt es erhebliche Zweifel. Immer wieder, das zeigen die Vernehmungsprotokolle, verstricken sich die Bekannten des Terroristen in Widersprüche. Sie leugnen Treffen, machen falsche Orts- oder Zeitangaben. Hinzu kommen SMS, Chat-Nachrichten und Telefonnummern, die offenbar aus Handys gelöscht wurden.

Die Erklärungen dafür, die die Ermittler zu hören bekamen, klangen teils abenteuerlich: Er habe wegen möglicher Probleme mit dem Jobcenter nicht gleich alles richtig erzählt, soll ein Bekannter Amris der Polizei gestanden haben. Der LKA-Beamte war angeblich außer sich: „Wir ermitteln hier aber nicht für das Jobcenter!“ Es gehe um einen Terroranschlag.
Wichtige Informationen zu möglichen Mitwissern von Amris Attentat lieferte sein Mobiltelefon. Das Handy der Marke HTC lag am Tatort, direkt vor dem Lastwagen. 56 Kontakte waren darin gespeichert: Nummern aus Deutschland, Tunesien, Frankreich, Belgien und Italien. Viele davon konnten Kleinkriminellen zugeordnet werden, andere wiederum Islamisten.

Noch mehr konnten die Ermittler mit Amris Googlemail-Konto anfangen. Unter dem Namen Napoli Roma war er permanent eingeloggt. Dadurch wurden die Geodaten des Mobiltelefons gespeichert. Das BKA konnte auf einer Landkarte nachzeichnen, wo der Extremist wann gewesen war. So kamen sie darauf, dass Amri am Tag vor dem Anschlag mit B. A. in dem Weddinger Imbiss saß. So erfuhren sie auch, wo sich Amri am 19. Dezember aufhielt.

Gegen 14.14 Uhr, etwa sechs Stunden vor dem Attentat, verlässt Amri seine Wohnung in der Freienwalder Straße. Er läuft zum U-Bahnhof Pankstraße und fährt mit der U8 bis zur Osloer Straße in Wedding. Auf dem Parkplatz eines Möbelgeschäfts trifft er zwei Leute. Darunter: Walid S., ein Bekannter aus der radikalen Fussilet-Moschee.

Eine halbe Stunde gehen die Männer spazieren, dann essen sie in einem Imbiss in der Buttmannstraße. Amri bezahlt, dann geht’s zum Alexanderplatz. Dort bleiben sie eine Viertelstunde. Danach sitzen sie wieder in der Bahn, dieses Mal geht es in Richtung Süden nach Neukölln.

Zunächst verschweigt er das Treffen mit Amri

Hier trennt sich die Gruppe: Amri fährt allein weiter, zurück nach Berlin-Moabit. Für kurze Zeit verschwindet er in der Fussilet-Moschee und geht dann zum Friedrich-Krause-Ufer, wo er den Lastwagen kapert.

Walid S. verschwieg zunächst das Treffen mit Amri. Später behauptet er: Er habe an diesem Nachmittag nichts Besonderes bei Amri festgestellt. Der Tunesier habe freundlich gewirkt, erinnert sich der 19-jährige Deutsch-Iraker. Auf die Frage, ob es etwas Neues gäbe, soll Amri geantwortet haben, es gäbe Erfreuliches. Die Beamten haken nach, sie wollen wissen, ob S. von Amris Plänen gewusst habe. Er verneint vehement.

Aber kurz nachdem Amri den Sattelschlepper in den Weihnachtsmarkt steuerte, kontrollierten Polizisten am Tatort verdächtige Personen. Dazu gehörten auch Walid S. und dessen Freund Abed W., ein 19-jähriger Deutsch-Tunesier. Auch er kannte Amri.


Abed El-Rahman W. wohnt nur wenige Gehminuten vom Breitscheidplatz entfernt. Zuerst behauptete er, Amri nur sporadisch in der Moschee getroffen zu haben. Am Tatort sei er gewesen, weil er um die Ecke wohne und wissen wollte, was dort geschehen sei.

Erst später gab er zu: Er hatte Amri noch eine Woche zuvor getroffen. Am Gesundbrunnen-Center habe er religiöse Flyer für den Islam verteilt. Amri soll ihm daraufhin vorgeworfen haben: Du verteilst hier Flyer, und die werfen Bomben auf unsere Länder!
Amri, der Extremist – und sein Bekannter nur religiöser Missionar? Abed W. gilt selbst als stark radikalisiert. Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen Terrorunterstützung: Im November 2016 soll W. drei Islamisten aus dem Umfeld der Fussilet-Moschee zum Flughafen gefahren haben. Das Trio reiste dann über die Türkei nach Syrien.

Erst vor wenigen Wochen stürmten Spezialeinheiten der Polizei die Wohnungen von Abed W. und Walid S. Sie hatten sich auffällig für die Strecke des Berliner Halbmarathons interessiert. Beide werden vom Berliner Staatsschutz als Gefährder geführt. Man traut ihnen zu, einen Terrorakt zu begehen.

Und was ist mit Bilel B. A., jenem Mann, mit dem sich Anis Amri am Vorabend seiner Todesfahrt im Weddinger Hühnchengrill getroffen hatte?

Die Terrorfahnder kannten den Asylbewerber aus Bizerte in Nordtunesien bereits vor dem Anschlag. Er spielte in zwei anderen Verfahren eine Rolle. Im Herbst 2015 ermittelte das BKA gegen drei Tunesier, die in Sachsen lebten. Sie wurden verdächtigt, einen Bombenanschlag geplant zu haben. Ein Attentat, mit dem „die Säulen der Bundesrepublik Deutschland“ zerstört werden sollten, wie die Ermittler erfuhren. B. A. hatte Kontakt zu ihnen. Das Verfahren trug den Namen „Eisbär“. Beamte stürmten Wohnungen in Leipzig und Berlin. Der Verdacht gegen die Clique erhärtete sich jedoch nicht.
Wenig später interessierte sich auch das Berliner LKA für Bilel B. A. Der Vorgang hieß „Filter“. Es ging um einen Koffer, der von Tunesien auf dem Weg nach Berlin sei. Die Staatsschützer befürchteten, es könnte sich ein Sprengsatz darin befinden. Die Rede war von einem Anschlag auf Züge in Dortmund. Der Trolley sollte in der Seituna-Moschee in Charlottenburg übergeben werden, wo sich auch Amri später öfter aufgehalten hat.

Am 26. November 2015 herrschte wegen dieses Koffers Terroralarm in der Hauptstadt. Es gab mehrere Durchsuchungen in Wohnungen und der Moschee; aus Angst vor Sprengstoff wurden ganze Straßen abgesperrt. Ein Spezialeinsatzkommando stoppte zudem das Auto des Kofferkuriers im Süden der Stadt. Dieser – der 48-jährige Kamel A., der spätere Vermieter von Amri – erklärte, er habe den Koffer an einen „Bilel“ übergeben sollen. Gemeint war B. A. Die Bombenwarnung erwies sich als Fehlalarm. Im Gepäck aus Tunesien befanden sich Gewürzpaste, Honig, Datteln und Rosenwasser.

Ein Jahr später dann der Anschlag auf dem Breitscheidplatz. Es dauert zwei Wochen, bis die Ermittler B. A. finden. Erst am 3. Januar 2017 wird er in Berlin festgenommen. Der Generalbundesanwalt, der unter dem Aktenzeichen 2 BJs 235/16-3 ein Verfahren einleitete, ermittelt zunächst auch gegen Amris Freund. Im Verhör beteuert er jedoch, nichts von den Terrorabsichten seines Landsmannes geahnt zu haben. Er habe mit Amri nur über Tunesien und über Asylangelegenheiten gesprochen. Und er habe von ihm ab und an Drogen gekauft.
Auf dem Handy von B. A. macht das BKA dann aber einen brisanten Fund: Fotos vom Breitscheidplatz, aufgenommen am 6. Februar und am 11. März 2016, also Monate vor dem Attentat. Das BKA findet es merkwürdig, dass keine Sehenswürdigkeiten fotografiert wurden, sondern vor allem mögliche Schwachstellen, etwa Bereiche an denen keine Poller stehen. Vielleicht habe B. A. den Ort ausgekundschaftet.

Noch etwas Verdächtiges befindet sich auf dem Handy – ein Video mit dem Dateinamen 20161207_200607.mp4. Es zeigt dem Vernehmen nach eine Szene aus einer Asylunterkunft: Drei syrische Kinder spielen mit einem Plastikschwert eine Enthauptung nach. Im Hintergrund sei B. A. zu hören. „Hiermit wird die Enthauptungsstrafe vollstreckt!“, rufe er. „Allahu akbar!“

Das BKA kommt in seiner Bewertung im Januar 2017 zu dem Schluss, dass sich B. A. dem IS „verbunden fühlt“. Tatsächliche Anhaltspunkte für eine Terrormitgliedschaft oder Unterstützung gebe es allerdings nicht. Die Kontakte zu Amri, die Bilder auf dem Handy, die Erkenntnisse aus den Verfahren „Eisbär“ und „Filter“ – all das reiche nicht aus, um den Tunesier länger in Haft zu lassen.
Als Zeuge sei B. A. ebenfalls kaum brauchbar. Doch gleichzeitig stufen die Ermittler ihn als Gefährder ein. Was also tun? Wie soll man mit einem gefährlichen Extremisten umgehen, dessen Freund gerade einen Terroranschlag verübt hat?
Antworten
Schon wieder die WELT.....

Artikel vom 16.05.2018

https://www.welt.de/politik/deutschland/...Waffe.html


Amris Waffe

Anis Amri verübte seinen Anschlag in Berlin mit einem Lastwagen. Zuvor jedoch erschoss er den polnischen Fahrer in seiner Kabine. Vieles über den Anschlag ist mittlerweile bekannt. Die Pistole des Attentäters gibt noch immer Rätsel auf.


Das Dorf Banie liegt wenige Kilometer hinter der Grenze zu Polen. 2000 Menschen leben hier. Es gibt eine Kirche, eine Apotheke, einen Friseur. Da, wo der Ort schon fast wieder endet, umschließen Bäume den kleinen Friedhof. In der letzten Reihe, ganz links, ein Grab mit schwarzer Marmorplatte. Darauf steht ein Bild, Kerzen umringen es. Es zeigt einen Mann. Und seinen Lastwagen. „Lukasz Urban“, steht auf dem Stein. „†19.12.2016“.
Lukasz Urban starb nicht hier, in Banie, seinem Heimatort südlich von Stettin. Er starb drüben in Deutschland. In Berlin, in seinem Lkw.
Der Tunesier Anis Amri schoss dem polnischen Fernfahrer zuerst kaltblütig mit einer Pistole in den Kopf. Dann kaperte er den Sattelschlepper und raste in den Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz. Dort löscht Amri elf weitere Menschenleben aus. Fünf Männer und sechs Frauen. Amris erstes Opfer aber war Urban.

Der Terroranschlag hat ein Behördenversagen offengelegt: Zahlreiche Stellen – Polizeibehörden aus Bund und Ländern, diverse Staatsanwaltschaften, Ausländerämter, Geheimdienste – hatten sich seit Monaten mit dem Islamisten befasst. Amri galt als gefährlich. Seine Kontakte in die dschihadistische Szene, zu Terrorkämpfern in Nordafrika und zu inländischen Hasspredigern waren den Sicherheitsbehörden hinlänglich bekannt. Und dennoch konnte Amri zum Mörder werden.

Heute, mehr als ein Jahr später, sind längst nicht alle Fragen im Fall Amri geklärt. Gab es doch Mitwisser oder gar Unterstützer bei dem mörderischen Plan? Ahnten Freunde, die Amri in den Tagen und Stunden vor seiner Bluttat traf, tatsächlich nichts? Manche gelten selbst als islamistische Gefährder, einer wurde außergewöhnlich schnell ins Ausland abgeschoben.

Und dann gibt es noch eine andere, oft vergessene Frage: Woher hatte Amri die Pistole, mit der er Lukasz Urban erschoss? Die Frage mag banal klingen, aber sie ist wichtig. Im Fall der rechtsextremistischen Terrorzelle NSU, die zehn Menschen ermordet hat, beschäftigten sich Ermittler und Untersuchungsausschüsse überaus lange mit der Herkunft der Tatwaffe. Und bei Amri? Er benutzte die Pistole, um den Sattelschlepper in seine Gewalt zu bringen. Fraglich, ob ihm dies überhaupt ohne die Pistole gelungen wäre. Auch juristisch ist das wichtig: Wer die Waffe beschafft hat, könnte wegen Beihilfe zu zwölffachem Mord angeklagt werden.
Die Spur der Pistole, das zeigen WELT-Recherchen, führt zurück in die 1990er-Jahre, in die Schweiz und auf den Balkan. Es geht um illegalen Waffenhandel, lasche Gesetze und das kriegerische Chaos im ehemaligen Jugoslawien. Irgendwann landet die Waffe dann in den Händen von Anis Amri.
Am frühen Abend des 19. Dezember 2016 beschließt Amri endgültig, zum Mörder zu werden. Schon in den Wochen zuvor lief er immer wieder das Friedrich-Krause-Ufer in Berlin-Moabit entlang. Dort parken oft Lastwagen. Ihre Fracht lagern sie in den Hallen am Westhafen ab. Wie ein Raubtier soll Amri mehrmals an den tonnenschweren Kolossen vorbeigestreift sein. Ein Zeuge beobachtet den Tunesier, wie er versucht, die Türen von geparkten Lkws zu öffnen. „Abklinken“ nennen die Ermittler dieses Austesten. Der Tunesier weiß, wie man einen Lkw fährt. In seiner Heimat soll er einmal einen Lastwagen gestohlen haben.
Amri ist auf der Suche nach einer Waffe. Er will mit einem Lastwagen einen Anschlag begehen. So wie Mohamed Lahouaiej-Bouhlel einige Monate zuvor in Nizza. 80 Tote gab es dort. Ein Bekennervideo hat Amri schon längst gedreht. Irgendwann zwischen dem 31. Oktober und dem 1. November 2016 soll es entstanden sein, an den Bäumen hängen noch Blätter. Amri filmt sich, während er auf der Kieler Brücke am Nordhafen von Berlin-Moabit steht. Es ist nebelig und kalt. „Wir kommen zu euch, um euch zu schlachten, ihr Schweine!“, sagt er auf Arabisch in die Handykamera.

An der Laterne Nr. 16 findet Amri am 19. Dezember dann, wonach er sucht. Einen Sattelschlepper der Marke Scania, Modell R 450. Der Wagen hat 25 Tonnen Stahlträger geladen. Amri dreht noch einmal ab, geht ein letztes Mal in die Fussilet-Moschee in der Perleberger Straße, nur wenige Minuten entfernt. Was er dort eine halbe Stunde lang macht, ist bis heute nicht klar.

Um 19.30 Uhr, so hat das BKA rekonstruiert, ist Amri zurück am Friedrich-Krause-Ufer. Er zieht die Tür des Lkw auf. Lukasz Urban, der polnische Fahrer, liegt zu diesem Zeitpunkt vermutlich im Schlafbereich hinter der Fahrerkabine. Der 37-Jährige trägt ein blaues T-Shirt und eine dunkle Jogginghose. Überrascht zieht der Pole wohl noch den Vorhang zur Seite. Dann blickt er in den Lauf der Pistole.

Amri drückt ab und schießt Urban aus kurzer Distanz in den Kopf. Die Kugel trifft das Opfer in die linke Schläfe. Es ist vermutlich kein lauter Knall, eher ein „tok“ oder „pak“. Die Mordwaffe hat ein kleines Kaliber. Niemand reagiert auf den Schuss.

Dann steigt Anis Amri in die Fahrerkabine des Lkw und schließt die Tür. Er zückt sein Handy und macht ein Foto. Auf dem Bild, das Ermittler später entdecken, sieht man das Armaturenbrett und die Frontscheibe des Lasters. Amri schickt die Aufnahme über ein Chatprogramm an seinen Mentor bei der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Dann tippt Amri im Navigationsprogramm des Mobiltelefons sein Ziel ein: Hardenbergstraße. Er fährt durch Berlin. Neben ihm liegt der Erschossene.

Um 20.02 Uhr rast Amri mit dem entführten Sattelschlepper in den Weihnachtsmarkt. Er walzt Holzbuden und Glühweinstände nieder, überrollt und zerquetscht Menschen. Erst das automatische Bremssystem stoppt das Fahrtzeug nach mehr als 60 Metern. Elf Tote liegen am Boden, der Attentäter Amri überlebt. Er springt aus der Fahrerkabine und flieht.

Lukasz Urban, der Fernfahrer, bleibt zurück. Seine Leiche ist eingekeilt zwischen den Sitzen und dem Fußraum. Mit einer Decke, die sie um den Körper wickeln, wuchten die Rettungskräfte den Polen aus dem Lastwagen. Sie versuchen noch, Urban zu reanimieren. Vergeblich. Zuerst glauben die Sanitäter, dass der Fahrer einen schweren Unfall hatte. Dann merken sie: Die Leiche hat eine Schussverletzung am Kopf.

Anis Amri flieht derweil durch halb Europa. Von Berlin nach Nordrhein-Westfalen, über die Grenze in die Niederlande, nach Belgien, durch Frankreich bis nach Italien. In Sesto San Giovanni, einem Vorort von Mailand, wollen Polizisten den Tunesier kontrollieren. Amri zieht die Pistole aus seinem Rucksack und schießt. Ein Polizist wird verletzt. Die Beamten feuern zurück und töten Amri.

Neben seinem Leichnam finden sie die Pistole, mit der er Lukasz Urban in Berlin erschoss: Eine Waffe der Firma Erma, Modell EP 552, Kaliber 22. Sie ist 14,5 Zentimeter lang, wiegt 425 Gramm und trägt die Seriennummer: 012030.

Das BKA hat versucht, die Herkunft der Pistole zu klären. Fest steht, dass die Waffe 1990 von der Firma Erfurter Maschinen- und Werkzeugfabrik (Erma) im bayerischen Dachau produziert wurde. Der Hersteller lieferte die Pistole dann an die Wischo Jagd- und Sportwaffen KG in Erlangen, die wiederum verkauft sie am 30. Januar 1992 an das Fachhändler Frankonia in Würzburg. Es ist nicht unüblich, dass derartige Kleinwaffen von Händler zu Händler wandern.

Eine Spur führt in die Schweiz

Am 12. Oktober 1992, das zeigen die Verkaufsunterlagen, gelangte die Waffe dann mit mehreren modellgleichen Pistolen an das Geschäft Waffen-Gehmann in Konstanz am Bodensee. Den Laden gibt es heute nicht mehr. Früher residierte er in der Kreuzlinger Straße. Nur einen kurzen Fußweg entfernt verläuft die Grenze zur Schweiz – das sollte wichtig werden.

Zwischen September und Dezember 1992 besuchte der Schweizer Rudolf Z. mehrfach das Waffengeschäft in Konstanz. Fünf Mal soll er dort eingekauft haben: Insgesamt zehn Revolver und vierzehn Pistolen der Marke Erma. Als Schweizer durfte Z. in Deutschland Waffen erwerben, wenn er sie danach in die Schweiz mitnahm. Das machte er auch, ganz legal: Am Grenzübergang verzollte Z. die Pistolen und Revolver sogar jedes Mal ordnungsgemäß. Der Schweizer kaufte die Waffen allerdings nicht für sich selbst.

Er gilt als Strohmann für einen Mann aus dem damaligen Jugoslawien. In der Schweiz gab es damals ein kurioses Gesetz: Jugoslawischen Staatsangehörigen war es verboten, in dem Alpenland Waffen zu erwerben oder zu tragen. So wurde Rudolf Z. zum Zwischenhändler. Der eigentliche Käufer aber soll Joza P. gewesen sein, der die Pistolen und Revolver wiederum auf den Balkan brachte. P. stammt aus einem kleinen Dorf im heutigen Serbien. Im kosovarischen Bürgerkrieg soll er in einer Partisanentruppe gekämpft haben. Fotos zeigen einen freundlich lächelnden Mann mit Glatze, goldener Uhr und dickem Goldring.
Im September 1994 verurteilte ein Schweizer Gericht Rudolf Z., Joza P. und einen weiteren Schweizer wegen des Waffenhandels zu Gefängnis- und Geldstrafen, teilweise auf Bewährung. Die Waffen, so sagte Joza P. damals den Staatsanwälten, habe seine Familie auf dem Balkan zur Selbstverteidigung benötigt. Die Richter glaubten ihm nicht, immerhin ging es um 35 Faustfeuerwaffen.


1. "Ein Zeuge beobachtet den Tunesier, wie er versucht, die Türen von geparkten Lkws zu öffnen." 
Ein Zeuge konnte ihn also beobachten und wusste gleichzeitig, dass es Amri war?  Der Zeuge war izufäööllig anwesend?

2. "Er zückt sein Handy und macht ein Foto. Auf dem Bild, das Ermittler später entdecken, sieht man das Armaturenbrett und die Frontscheibe des Lasters." 
In den bisherigen Artikeln hörte es sich eher nach 'Selfie' an. Also doch kein Beweis, dass er sich in der Fahrerkabine befand. 
Antworten
16.5.

ANSCHLAG BREITSCHEIDPLATZ

Verfassungsschutz hatte einen V-Mann in Amris Moschee

Das Bundesamt für Verfassungsschutz führte eine Quelle im Umfeld des späteren Attentäters. Das wirft die Frage auf, ob die Behörden doch schon vor dem Anschlag in Berlin mehr über die Pläne des IS-Terroristen gewusst haben.
Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) hat vor dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz offenbar mindestens einen Informanten, eine sogenannte V-Person, im Umfeld des späteren Attentäters Anis Amri geführt. Das zeigen Recherchen von WELT.

Das Bundesamt wollte sich auf Anfrage dazu nicht äußern. In der Vergangenheit hatte die Behörde erklärt, man habe „keine eigenen Erkenntnisse“ zu dem Islamisten gehabt. Die Causa Amri sei ein reiner „Polizeifall“ gewesen. Die neuen Erkenntnisse werfen hingegen Fragen auf: Stimmen die bisherigen Aussagen? Wusste die Verfassungsschutzquelle von den Anschlagsplänen? Und falls ja: Warum hat der V-Mann nicht gewarnt?
Der Verfassungsschutz führte den Recherchen zufolge mindestens eine Quelle in der islamistischen Berliner Fussilet-Moschee – und zwar auch zu einer Zeit, in der Amri als einer der gefährlichsten Islamisten in der Hauptstadt galt. Wie WELT aus Sicherheitskreisen erfuhr, wurde die V-Person nach dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz mehrfach zu Amri und dessen Terroranschlag befragt....

weiter > https://www.welt.de/politik/deutschland/...schee.html
 
Antworten
Es geht weiter....die WELT lässt seit vorgestern den 5. Artikel vom Stapel. Bekannte Informationen, nochmals im Rahmen des 'Storytelling' aufgearbeitet, mit ein paar neuen Details, hier: der in der Fussilet Moschee eingesetzte V-Mann des Verfassungsschutzes. 

https://www.welt.de/politik/deutschland/...schee.html
Artikel vom 17.05.2018

Amris Moschee


Stand: 08:38 Uhr | Lesedauer: 8 Minuten
Von Florian Flade

In Berlin verkehrte Anis Amri oft in der Fussilet-Moschee. Einem bekannten Treffpunkt radikaler Islamisten. Der Verfassungsschutz hatte dort einen Spitzel platziert. Was wusste der V-Mann?


Es ist 19.08 Uhr am 19. Dezember 2016, als Anis Amri das letzte Mal die Fussilet-Moschee in der Perleberger Straße Nr. 14 verlässt. Amri tritt aus der Tür in den dunklen Berliner Abend. Er wird dabei beobachtet. Eine Kamera filmt den Eingang von der anderen Straßenseite aus. Sie ist versteckt im Fenster eines Polizeireviers, das gleich gegenüberliegt.
Weniger als eine Stunde danach verübt Amri den bisher schwersten islamistischen Terroranschlag in der Geschichte der Bundesrepublik. Am nahe gelegenen Friedrich-Krause-Ufer tötet er einen Lkw-Fahrer. Mit dem Lastwagen fährt der Tunesier durch den Tiergartentunnel unter dem Regierungsviertel. Um 20.02 Uhr rast Amri auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz und ermordet elf weitere Menschen.
Die Aufnahmen der Videokamera vor der Moschee guckt sich an diesem Abend niemand an. Sie werden erst später ausgewertet – zu spät.
Was Amri vor dem Anschlag in der Moschee machte, weiß man auch heute noch nicht. Vielleicht besuchte er seine Glaubensbrüder und verabschiedete sich von ihnen, vielleicht hatte der Islamist dort die Pistole versteckt, mit der er den polnischen Fahrer erschoss. Die Moschee wurde ein paar Wochen später geschlossen, der Verein verboten. Doch was in ihren Räumen geschah, wer dort ein und aus ging, das wird jetzt, eineinhalb Jahre danach, noch einmal wichtig.


Wenn man an eine Moschee denkt, stellt man sich vielleicht ein einzelnes Gebäude vor. Diese hier aber lag im unteren Teil eines vierstöckigen Wohnhauses mit heller Fassade. „Fussilet 33 e.V.“ lautete der genaue Name. Fussilet heißt die 41. Sure im Koran. In Vers 33 heißt es: „Und wer spricht bessere Worte, als wer zu Allah ruft, rechtschaffen handelt und sagt: Gewiss doch, ich gehöre zu den Allah Ergebenen?“

Diese Sätze mögen harmlos klingen. Die Worte aber, die in den Räumen gesprochen wurden, hatten es in sich: Es ging oft um den Hass auf Andersgläubige. Und um die Pflicht zum Kampf, um den Märtyrertod.


Die Moschee galt Sicherheitsbehörden lange schon als Treffpunkt radikaler Salafisten. Zu den Gästen gehörten gewaltbereite Extremisten, denen in anderen Moscheen der Hauptstadt der Zutritt oftmals verweigert wurde. Auch Anhänger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) waren in der Perleberger Straße – manche von ihnen reisten später ins Kriegsgebiet nach Syrien.

Immer wieder gab es Razzien und Festnahmen. Führende Kader kamen vor Gericht und mussten ins Gefängnis. Die Terrorfahnder hatten den Verein im Blick. Die Kamera im Haus gegenüber war eines ihrer vielen Hilfsmittel. Recherchen von WELT zeigen nun: Der Staat war noch näher dran als bislang bekannt.

Demnach führte das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) mindestens eine Quelle, einen sogenannten V-Mann, in der Salafisten-Moschee. Und das zu jener Zeit, als sich Anis Amri dort oft aufhielt. Das wiederum wirft Fragen auf: Wusste der V-Mann von Amris Terrorplänen? Falls ja: Warum hat er nicht davor gewarnt?
Die neuen Informationen sind auch politisch heikel: Bislang hieß es stets, die Causa Amri sei ein reiner „Polizeifall“ gewesen. Und tatsächlich: Die Landeskriminalämter in Nordrhein-Westfalen und Berlin waren intensiv mit dem Gefährder beschäftigt. Auch das Bundeskriminalamt war involviert. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hingegen habe „keine eigenen Erkenntnisse“ zu Amri gehabt, so lautet bislang die offizielle Erklärung.

Das BfV hätte sehr wohl zu eigenen Erkenntnissen gelangen können. Zumindest im Nachgang zu Amris Attentat hat das Bundesamt seine Quelle aus der Moschee befragt. Auf Anfrage wollte sich das BfV nicht zu dem Sachverhalt äußern.

Für die Moschee, in der Anis Amri monatelang immer wieder auftauchte, teilweise sogar nächtigte, interessierten sich die Sicherheitsbehörden schon lange vor dessen Anschlag.

Der Fussilet 33 e.V. war im November 2010 gegründet worden, damals residierte er noch im Ortsteil Gesundbrunnen. Dann gab es Ärger mit dem Vermieter, die Salafisten trafen sich vorübergehend in Privatwohnungen. Schließlich zogen sie in die Perleberger Straße Nr. 14. Die Moschee umfasste mehrere Zimmer, verteilt über zwei Etagen. Unten trafen sich die Frauen, oben die Männer. Es gab Waschräume für die rituellen Gebetswaschungen. Die Fenster zur Straße waren abgeklebt.

Zu den Besuchern zählten Salafisten unterschiedlichster Herkunft. Anfangs waren es vor allem Türken und Kaukasier, Islamisten aus den russischen Teilrepubliken Tschetschenien und Dagestan. Aber auch Marokkaner, Tunesier, Bosnier, Afrikaner und deutsche Islam-Konvertiten kamen vorbei.
Als Kopf der radikalen Gemeinde galt Ismet D., seine Anhänger nannten ihn „Emir vom Wedding“. Er stammt aus der Türkei, im Februar 1996 reiste er nach Deutschland, angeblich weil er keine Lust auf den Wehrdienst in seiner Heimat hatte. Eine Ehe mit einer Deutschen sorgte dafür, dass der Islamist in der Bundesrepublik bleiben durfte.

Die Sicherheitsbehörden hielten den Türken für eine „richtungsweisende Führungspersönlichkeit“ der salafistischen Szene in Berlin. Ismet D. habe „ein Leben in einem Kalifatstaat“ erhofft, so die Einschätzung. Seine „rechte Hand“ in der Fussilet-Moschee war Emin F., ein ehemaliger Friseur, ebenfalls aus der Türkei.

Im Januar 2015 wurden Ismet D. und Emin F. festgenommen. Sie sollen Ausrüstungsgegenstände und Geld für eine Terrorgruppe in Syrien beschafft haben. Beide sitzen heute im Gefängnis.

Anfang 2016 verlegte Anis Amri seinen Lebensmittelpunkt nach Berlin. Der Tunesier hatte zuvor in Nordrhein-Westfalen gelebt, mal in einer Asylunterkunft, dann bei Islamisten in Dortmund. Amri kannte die Fussilet-Moschee von vorherigen Besuchen.

Er wusste: Hier würde er Gleichgesinnte finden, junge Salafisten mit ähnlich unstetem Lebensstil – heute Drogendealer, morgen islamistischer Fanatiker. In der Fussilet-Moschee wankten viele zwischen den Welten. Dschihad-Gangster, so werden sie von Terrorismus-Forschern genannt.
Die Fotos und Videos, die BKA-Ermittler auf Amris Handys sicherstellten, vermitteln einen Eindruck, wie es in der Moschee zuging. Man sieht junge Männer, manche in langen traditionellen Gewändern. Andere mit Kapuzenpullovern und Sneakers. Sie lachen, lesen im Koran oder machen Kampfsport. Auch Anis Amri ist immer mal wieder zu sehen. Mal trägt er eine gehäkelte Gebetsmütze, dann posiert er mit langen Schwertern und Pistolen.

Eine Zeit lang gab es eine WhatsApp-Chatgruppe, in der auch Amri Mitglied war. Sie hieß „Masjid al Tawba“. Darin organisierten die Fussilet-Anhänger den Alltag in der Moschee. Wer putzt, wer räumt auf, wer kauft Lebensmittel.

Eigentlich machten sie es den Fahndern nicht schwer. Wie gesagt: Die Polizeistation liegt keine 50 Meter entfernt auf der anderen Straßenseite. Und trotzdem: Die Staatsschützer vom Berliner Landeskriminalamt (LKA) wussten oft nicht, was sich in der Moschee abspielte.

Die deutsche Sicherheitsarchitektur sieht eine Aufgabenverteilung vor: Die Polizei ermittelt gegen Straftäter. Sie wird außerdem tätig, wenn eine unmittelbare Gefahr droht, etwa ein Terroranschlag. Für die Beobachtung von Extremisten, von Netzwerkstrukturen, Organisationen oder Vereinen ist der Verfassungsschutz zuständig. Heißt: Das LKA interessierte sich zwar für einzelne Besucher der Fussilet-Moschee, auch für Amri. Die islamistische Gemeinde selbst aber beobachteten Verfassungsschützer. Einen ernsthaft koordinierten Ansatz gab es wohl nicht.

Bekannt ist heute, dass das Berliner LKA nach Amris Umzug aus Nordrhein-Westfalen in die Hauptstadt eine umfassende Überwachung anordnete. Die Beamten wussten, dass der Tunesier gerne in die Fussilet-Moschee ging. Deshalb installierten sie gegenüber die versteckte Kamera.


Beim Berliner Innensenator reifte damals der Wunsch, den radikalen Moscheeverein gänzlich zu verbieten – was im Februar 2017, kurz nach Amris Anschlag, dann auch geschah. Das Berliner Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) wurde damals beauftragt, Material zusammentragen, um ein solches Verbot möglich zu machen. Die Nachrichtendienstler nahmen die Salafisten daraufhin ins Visier. Sie machten Fotos auf der Straße. Die Bilder sind wesentlich schärfer und deutlicher als jene der Polizeikamera.




Eine andere Behörde auf Bundesebene jedoch unternahm noch mehr: Das Bundesamt für Verfassungsschutz führte mindestens einen V-Mann in der Moschee. Bereits im August 2015 berichtete der Informant über den Besuch des Hildesheimer Hasspredigers Ahmad Abdulaziz A. alias Abu Walaa. Nach dem Seminar seien einige Teilnehmer in die Kellerräume gegangen. Zuvor habe jeder sein Handy abgeben müssen. Präzise, detaillierte Berichte aus dem Innersten der Moschee.

Sieben Mal war Amri Thema bei den Runden im Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum (GTAZ) in Berlin. Mit dabei: das Bundesamt für Verfassungsschutz. Die Behörde, die dem Bundesinnenministerium unterstellt ist, war also gut darüber informiert, was Länder wie NRW und Berlin über Amri zusammengetragen hatten. Man wusste von angeblich geplanten Terroranschlägen, von Kontakten zum islamistischen Netzwerk um Abu Walaa und den Warnungen des marokkanischen Geheimdienstes.
Nach dem Anschlag am Breitscheidplatz hat der V-Mann-Führer die Quelle aus der Fussilet-Moschee zu Amri befragt. Das erste Mal wenige Tage nach dem Attentat. Ja, er habe Amri zuletzt häufiger in der Moschee gesehen, soll der V-Mann berichtet haben. Sogar als Imam habe Amri manchmal gepredigt. Andere Islamisten habe er ideologisch gedrillt, zeitweise eine „Aqidah-Gruppe“ geführt. Aqidah meint: Glaubenslehre. Man könnte sagen: Es waren ideologische Schulungen.
Bereits im vergangenen Jahr erklärte ein Vertreter des Bundesamtes für Verfassungsschutz in vertraulichen Runden, es habe in der Tat „Zugänge“ in der Moschee gegeben. Allerdings seien die nicht wegen Amri dort gewesen. Das aber führt zu der Frage: Warum eigentlich nicht?
V-Personen werden von einem VP-Führer geführt. Das heißt: Sie werden auf ein bestimmtes Ziel angesetzt. Im Fall der Moschee in der Perleberger Straße war dieses Ziel dem Vernehmen nach nicht Amri. Aber: Wie hätte eine Person wie Anis Amri für den Spitzel nicht von Interesse sein können? Amri war nicht irgendwer. Er galt schon damals als einer der gefährlichsten Islamisten in der Hauptstadt.
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Und der Staat sah zu von Frederik Bombosch, Andreas Förster, Andreas Kopietz, Kai Schlieter
Als Anis Amri am 6. Juli 2015 seine Finger- und Handabdrücke zur erkennungsdienstlichen Behandlung in Freiburg im Breisgau abnehmen lässt, ist er scheinbar nur ein weiterer Flüchtling unter Tausenden. Doch dieser Mann reist unter falschem Namen ein: „Anis Amir“ steht im Protokoll der Beamten. Fast 900.000 Menschen kommen binnen eines Jahres nach Deutschland. So viele wie nie zuvor. Die langfristigen politischen Folgen dieser Flüchtlingskrise sind noch gar nicht absehbar. Und das Getriebe der deutschen Bürokratie bekommt 2015 eine Unwucht.

Das nutzt ein junger Mann, der nach vier Jahren Haft in sechs italienischen Gefängnissen vor allem eines ist: agil, aggressiv, desintegriert und ohne Vorstellung von einem besseren Leben. Anis Amri, geboren am 22. Dezember 1992 in Tunesien, unternimmt keinen Versuch, sich eine redliche Existenz aufzubauen. Er ermordet in Berlin zwölf Menschen. Und ruiniert die Leben vieler anderer. Die Angehörigen und die Freunde der Toten, die verletzten Überlebenden und ihre Familien und Freunde, die Helfer auf dem Breitscheidplatz – sie alle wird diese Tat nie wieder loslassen.

Wer den Fall des Terroristen Anis Amri rekonstruiert, stößt auf Abstimmungsprobleme unter den Ermittlern, auf Ressort-Blindheiten, auf Oberflächlichkeit, auch auf Behörden, die personell überfordert sind. Recherchen der Berliner Zeitung legen nahe, dass Anis Amri seit seiner Einreise auf einen Anschlag hinarbeitete und dabei ständig im Visier der Behörden blieb.
Amri konnte sich bereits kurz nach seiner Einreise auf ein bundesländerübergreifendes islamistisches Netzwerk stützen. Die immer wieder geäußerte Annahme, Anschläge radikaler Einzeltäter seien nicht oder kaum zu verhindern, trifft hier nicht zu. Wir dokumentieren diesen Fall ausführlich anhand von Originaldokumenten.

Das Verwirrspiel des Kriminellen

Über 500 Tage dauert die Reise des Anis Amri durch Deutschland. Während dieser Reise legt er sich eine Vielzahl von Identitäten zu. Er meldet sich am 7. Juli 2015 bei der Erstaufnahme in Karlsruhe, lässt sich aber nicht als asylsuchend registrieren.
Zwei Wochen später meldet er sich als Asylsuchender in Ellwangen, und eine Woche später ist er in Berlin, wo ihm die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAA) eine Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchender (BüMA) ausstellt – unter dem Namen: Mohammad Hassa. Das Behörden-System EASY weist ihn einer Erstaufnahmeeinrichtung in Nordrhein-Westfalen zu.....

weiter > https://story.berliner-zeitung.de/akte-amri/
 
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Artikel vom 18.05.2018
https://www.heise.de/tp/features/Da-ware...51931.html

Da waren es schon drei: V-Leute im Umfeld von Anis Amri
18. Mai 2018  Thomas Moser

"Zur Meldung, das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) habe im Umfeld des späteren mutmaßlichen Attentäters Anis Amri, eine eigene nachrichtendienstliche Quelle gehabt (siehe Welt vom 17.5.2018), äußerten sich am Donnerstag mehrere Obleute des Amri-Untersuchungsausschusses im Bundestag. Danach kann man davon ausgehen, dass es diese Quelle tatsächlich gab. Aber auch, dass das im Parlamentarischen Kontrollgremium, das in geheimen Sitzungen die Belange der Geheimdienste kontrollieren soll, seit über einem Jahr bekannt ist.

Die jetzt bekannt gewordene V-Person hatte das BfV in der Fussilet-Moschee in Berlin platziert, wo Amri, der den LKW-Anschlag auf dem Breitscheidplatz begangen haben soll, ein- und ausging. Damit hat sich die Zahl der Spitzel mit Kontakt zu dem Tunesier auf drei erhöht. Schon länger bekannt ist die V-Person "Murat", genannt "VP 01", des Landeskriminalamtes von Nordrhein-Westfalen,...." 
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Die Strategie der Spannung

„Terroranschläge“ sollen Krieg im Innern und Außen rechtfertigen.

Elias Davidsson analysiert seit dem Ereignis des 11. September 2001 Terroranschläge. Er empfiehlt die Errichtung einer unabhängigen Untersuchungskommission für die Aufklärung der sogenannten Anschläge der letzten zwei bis drei Jahre in Deutschland, darunter jene von München, Würzburg, Ansbach, Berlin und Münster. In seinem Buch „Der gelbe Bus“, das im April 2018 erschien, beschäftigt er sich mit den Ereignissen auf dem Berliner Weihnachtsmarkt im Dezember 2016. Ullrich Mies befragte den Autor nach seiner Motivation, dieses Ereignis genauer unter die Lupe zu nehmen.

Herr Davidsson, zum Berliner Ereignis beinhalten einige Ihrer Fragen Behauptungen, die mir eher seltsam erscheinen. So fragen Sie beispielsweise: „Warum will der Bundestag die Tatumstände des Massenmordes nicht untersuchen?” Der Bundestag hat doch einen Untersuchungsausschuss wegen des Berliner Anschlages errichtet. Ist Ihnen das nicht bekannt?
Ja, natürlich ist mir das bekannt und zwar sehr gut. Meine Frage muss aber richtig gelesen werden. Der Bundestag will die Tatumstände nicht klären, sondern geht davon aus, dass diese schon geklärt sind. Der Bundestag will nur die mutmaßlichen Versäumnisse der Geheimdienste aufklären, die die Schuld von Anis Amri voraussetzen. Aus meiner Sicht ist jedoch nichts von den Tatumständen geklärt, weder ob ein LKW durch den Weihnachtsmarkt gefahren ist, noch aus welcher Richtung und wann genau er kam, wie schnell er fuhr, wer ihn gesteuert hat, wo und wann der polnische Fahrer starb, wann und wo seine Leiche gefunden wurde, wer die Opfer am Tatort gesichtet hat, wer ihren Tod feststellte und so weiter. Ohne eine eindeutige Antwort auf diese Fragen kann niemand behaupten, das Ereignis in Berlin wäre bereits ausreichend ermittelt oder aufgeklärt. Die Mitglieder des Bundestags wollen nicht einmal die Umstände der Tötung von Anis Amri untersuchen lassen, obwohl seine Tötung die Angehörigen ihres Rechts beraubte, ein Gerichtsurteil gegen den Verdächtigen zu bewirken. Der frühere Innenminister Thomas de Maizière sagte unmittelbar nach der Tat, er wäre durch die Tötung Amris „erleichtert“. Das kann ich gut verstehen, denn ein toter Amri kann nichts mehr über seine V-Leute aussagen.....

weiter > https://www.rubikon.news/artikel/die-str...r-spannung
 
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