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Die Sekundär-Beteiligten
#1
Thyssenkrupp

Netanjahus deutsche U-Boot-Affäre
Zitat:Der Kauf dreier weiterer deutscher U-Boote ist in Israels Militär sehr umstritten. Kam der Deal nur zustande, weil sich das Umfeld des Premiers bereichern wollte? Die Staatsanwaltschaft prüft.
..
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#2
Die polnische Spedition
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#3
Der pakistanische Verdächtige Naved B:

Keine Hinweise auf islamistische Verbindungen

Zitat:Islamabad. Der nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt zunächst festgenommene und später wieder freigelassene Pakistaner ist für seine Familie anscheinend nicht mehr erreichbar.
Der Vater des 23-jährigen Flüchtlings sagte der pakistanischen Zeitung „Dawn“,
sein Sohn habe ihn nach der Freilassung am Dienstag nicht kontaktiert.

Westdeutsche Zeitung

Zitat:Freigelassener Verdächtiger von Berlin spurlos verschwunden

Der nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt zunächst festgenommene und später wieder freigelassene Pakistaner ist für seine Familie anscheinend nicht mehr erreichbar.

Islamabad - Der nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt zunächst festgenommene und später wieder freigelassene Pakistaner ist für seine Familie anscheinend nicht mehr erreichbar.

Der Vater des 23-jährigen Flüchtlings sagte der pakistanischen Zeitung "Dawn", sein Sohn habe ihn nach der Freilassung am Dienstag nicht kontaktiert. Ein in Berlin lebender pakistanischer Aktivist namens Wajid Baloch aus Baluchistan, der Heimat des jungen Mannes, sagte der Zeitung, der junge Mann sei auch nicht in seine Flüchtlingsunterkunft zurückgelehrt. Er selbst stehe mit dem Leiter der Unterkunft in Kontakt, das Telefon des 23-Jährigen sei aber ausgestellt. Auch das britische Boulevardblatt "Daily Mail" berichtete, der Mann sei für sein Umfeld nicht erreichbar und habe sein Telefon offenbar ausgeschaltet.

Die Berliner Polizei verwies auf Anfrage auf die Bundesanwaltschaft, die für eine Stellungnahme zunächst nicht erreichbar war.

TAG24

Germany releases Pakistani held over Berlin attack

Naveed Baloch gibt Interview dem Guardian

Navid B wohl über Passau eingereist
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#4
https://www.tag24.de/nachrichten/berlin-...ote-194617

[Bild: 825fe43f2467c86bbd84.jpg]

Gab es dieses Bild aus einem Zeitungsartikel vom 20.12.2016, 7.23 Uhr schon hier?
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#5
(06.09.2017, 07:27)fhh schrieb: Gab es dieses Bild aus einem Zeitungsartikel vom 20.12.2016, 7.23 Uhr schon hier?

Hier das (die) dazugehörige(n) Periscope-Video(s)
https://www.periscope.tv/w/1kvJpdzWLLkJE
https://www.periscope.tv/w/1YpJkqPEplYKj
                                                        
„Es gibt eine Form der Elitenverwahrlosung, die ist systemrelevant.“ (Gabor Steingart)
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#6
Langer Artikel über die Geschichte von Naveed Baloch 

http://www.sueddeutsche.de/politik/ansch...-1.3777807
Artikel vom 07.12.2017

7. Dezember 2017, 17:05 Uhr
Anschlag auf dem Breitscheidplatz
"Am falschen Ort"

[Bild: 640x360?v=1512397669000]

Vor einem Jahr steuerte der Attentäter Anis Amri einen Lkw in den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin. Zwölf Menschen starben. Direkt nach der Tat wurde zunächst ein Unschuldiger festgenommen: Naveed Baloch. Sein Name und sein Bild gingen um die Welt. Dann wurde er vergessen - so wie das Schicksal seines Volkes.

Von Lea Wagner, SZ-Magazin

Ein Mann und eine Frau sitzen im Wohnzimmer. Es ist der 19. Dezember 2016, in Berlin ist es 21 Uhr, bei ihnen schon nach Mitternacht. Sie sehen fern. Ihr Tag war lang, wie jeder ihrer Tage. Damit es für sie und ihre neun Kinder zum Überleben reicht, müssen sie viel arbeiten. Ihnen gehört ein wenig Land mit Tomatenpflanzen darauf. Und ein paar Dutzend Ziegen, Schafe und Kühe. Der Mann und die Frau können weder lesen noch schreiben. Ihre Kinder auch nicht.

Ein Gesicht flackert über den Bildschirm. Ein schwarzhaariger junger Mann mit Segelohren, etwas schiefem Gesicht, dunklen Augen, buschigen Augenbrauen und einer markanten Unterlippe. Der Nachrichtensprecher sagt: "Belutschischer Terrorist in Berlin festgenommen." Die Frau murmelt: "Lieber Gott, mach, dass das nicht wahr ist."

Es ist das Gesicht ihres Sohnes. Naveed Baloch, zu dem Zeitpunkt 23 Jahre alt [Naveed sieht mind. 10 Jahre älter aus]. Seit gut zwei Jahren hat seine Familie ihn nicht gesehen. Seine Flucht war nicht geplant. Überstürzt, ohne Gepäck, brach er eines Morgens auf, nachdem der pakistanische Geheimdienst sein Elternhaus durchsucht hatte. Naveed Baloch war vorsichtig genug, dort nicht mehr zu wohnen, seitdem kurz zuvor zwei seiner Verwandten, ein Onkel und ein Cousin, ermordet worden waren. Wahrscheinlich vom Geheimdienst. Ihr Vergehen: in einer Partei gewesen zu sein, die für die Unabhängigkeit von Belutschistan kämpft, friedlich laut Menschenrechtsorganisationen. Baloch ist in derselben Partei, dem Baloch National Movement.

Das erzählt Naveed Baloch in einem Berliner Café neben dem Luxuskaufhaus KaDeWe. Wir treffen ihn zusammen mit einem Dolmetscher an einem Vormittag im August dieses Jahres zum ersten Mal. Eigentlich ist Baloch untergetaucht auch noch acht Monate nachdem eine Verwechslung sein Leben verändert hat. Dreimal hat er in diesen acht Monaten die Handynummer gewechselt, so sehr fürchtet er den pakistanischen Geheimdienst. Eigentlich dürfte er seine Unterkunft in Berlin nicht verlassen, ohne Papiere. Die, die er hatte, sind vor rund zwei Monaten abgelaufen. Warum sie nicht verlängert werden, weiß niemand. Baloch scheint vergessen worden zu sein. Es ist Sommer. Urlaubszeit. Ein Bekannter hat ihm eine Anwältin vermittelt, aber die ist für mehrere Wochen verreist. Ohne sie traut er sich nicht zur Ausländerbehörde. Er fürchtet, man könnte ihn abschieben. Vielleicht nicht nach Pakistan, aber zumindest nach Bayern, über das er eingereist ist. Er kennt dort niemanden. Sommer heißt für Baloch auch: Schlaflosigkeit, Angst, Kopfschmerzen. Das Antidepressivum ist ihm ausgegangen. Für Nachschub bräuchte er einen Arzttermin. Die Sozialarbeiterin, die den für ihn arrangieren könnte, ist auch im Urlaub.
Baloch trinkt Chai, schwarzen Tee mit Zucker. Den Regen vor dem Fenster mag er. Weil es da, wo er herkommt, nur an zwei Tagen im Jahr regnet, erklärt er. Alles, was er auf Deutsch sagen kann, ist "alles gut" und "nichts gut", dazu geht sein Daumen hoch oder runter. Baloch spricht Belutschisch, eine mit dem Persischen verwandte Sprache, gesprochen in Belutschistan, einem Land, das kein Staat ist, aber gern einer wäre. Belutschistan erstreckt sich über Teile von Pakistan, Iran und Afghanistan. 22 Millionen Belutschen leben laut der Gesellschaft für bedrohte Völker auf der Welt. Belutschistan war bis 1947 unter britischer Kolonialherrschaft. Als sich die Briten zurückzogen, erklärte Belutschistan seine Unabhängigkeit. Die währte nicht lange: 1948 wurde Belutschistan von Pakistan annektiert. Seitdem kämpfen die Belutschen darum, wieder unabhängig zu sein. Der pakistanische Teil Belutschistans ist der größte: Er macht 42 Prozent der Fläche des Landes aus und könnte reich sein. Es gibt einen strategisch wichtigen Hafen sowie Erdgas in großen Mengen. Doch die Bevölkerung hat davon so gut wie nichts Belutschistan gilt als Armenhaus Pakistans. Balochs Leben als Hirte war einfach, aber das störte ihn nicht. Er strahlt, wenn er von den Picknicks mit seinen Freunden erzählt, in den Bergen, wo sie ein Lamm schlachteten, es über dem Feuer rösteten, Bier tranken und Musik hörten. Das erzählt er im Café. Es ist so weit weg. Anders als dieser Tag vor einem Jahr. Der ist noch so nah.

Es ist ein Montag und bereits dunkel. Bis Heiligabend sind es noch fünf Tage, die Berliner Innenstadt ist voller Menschen, die Geschenke kaufen oder auf dem Weihnachtsmarkt Glühwein trinken. Baloch hat den ganzen Tag Schlange gestanden am Landesamt für Flüchtlinge. Baloch wollte wie jeden Monat sein Geld abholen. 160 Euro. Kost und Logis muss er davon nicht bezahlen, alles andere schon. 800 Euro schuldet er einem Mann noch, der ihm für die Flucht nach Europa 1000 Euro lieh. 5000 Euro hat die insgesamt gekostet. Seiner Familie wollte er längst etwas schicken. Als er das Geld hat, will er noch Freunde treffen. Auch sie sind geflohene Belutschen, 400 sind schätzungsweise in Deutschland, zwanzig in Berlin, die wohnen aber in anderen Unterkünften als Baloch, der in einem Stockbett im stillgelegten Flughafen Tempelhof schläft. Oft treffen sie sich, auch im Winter, am Alexanderplatz, wo sie am Springbrunnen sitzen. Reden, rauchen, trinken. In den Heimen ist Alkohol verboten.

Am 19. Dezember 2016 verabreden sie sich für den Tiergarten, weil am Alex zu viel los ist. Zu viele Polizeikontrollen. Muss nicht sein, auch wenn man nichts Verbotenes tut. Im Tiergarten ist um diese Uhrzeit, kurz vor acht am Abend, kaum jemand, nur ein paar Jogger, Stricher, Freier und Hunde. Der Tiergarten ist fast dunkel. Es sind drei Grad über null, ein schwacher Wind bläst aus Südost. Baloch bibbert vor Hunger, Kälte und Müdigkeit. Er will keinen Wodka, nur nach Hause, heiß duschen, etwas essen und ins Bett.

[Bild: 640x360?v=1516636986000]
Naveed im Berliner Tiergarten, in der Nähe des Ortes seiner Festnahme. Im Tiergarten treffen sich viele Geflüchtete.
 (Foto: Tobias Kruse/Ostkreuz; Tobias Kruse)

Als er den Wodka ablehnt, protestieren seine Freunde. Na gut, dann ein paar Schluck Bier. Seine Freunde, fünf, sechs Männer zwischen zwanzig und dreißig, sind angeheitert. Sie trinken seit Stunden. Baloch hat mit Alkohol kein Problem, auch wenn er Muslim ist. In den zehn Monaten, die er damals schon in Deutschland lebt, war er erst einmal in einer Moschee. Er glaubt, es war eine türkische. Er betet lieber für sich, einmal am Tag. Er respektiere alle Religionen, sagt er.

Irgendwann lässt sich Naveed Baloch an diesem Abend vor einem Jahr nicht mehr aufhalten, zu groß ist der Hunger. Er geht durch den Tiergarten, vorbei an der Siegessäule, geradeaus in Richtung U-Bahn-Station Hansaplatz. Vom Eingang trennt ihn eine dicht befahrene, mehrspurige Straße. Ampel oder Zebrastreifen gibt es nicht. Baloch überquert die Fahrbahn. Ein Wagen rast auf ihn zu. Baloch rennt, um nicht überfahren zu werden. Auf dem Mittelstreifen verschnauft er. Ein Auto hält direkt vor ihm. Stopp, Polizei! Baloch versteht nicht, was der Polizist sagt. Er zieht seine Papiere aus der Hosentasche, es ist nicht das erste Mal, dass er kontrolliert wird. Auf seiner Aufenthaltsgestattung ist sein Nachname falsch geschrieben. Hat ein Freund bemerkt, der lesen kann. Wobei es gar nicht sein echter Nachname ist. In seiner Heimat hat man nur einen Vornamen, dem man den Namen des Vaters hinzufügt. In Europa wählen viele Belutschen das "Baloch", um sich als verfolgte Minderheit kenntlich zu machen. Balochs Geburtsdatum ist auch falsch: 1.1.1993 steht da. Das Jahr stimmt, der 1.1. aber nicht. Wann er wirklich geboren wurde, weiß er nicht.

Der Polizist notiert Balochs Personalien und spricht etwas in sein Funkgerät, dann lässt er ihn laufen. Baloch überquert die Straße. Nach wenigen Sekunden ruft der Polizist erneut nach ihm, "Hey you, come back!" Mit der Polizei scherzt man nicht. In Balochs Heimat foltert und mordet sie im Auftrag von Geheimdienst und Regierung. Baloch wird auf den Rücksitz des Polizeiautos gedrückt. Mit Blaulicht rast es durch Berlin. Auf den Straßen ist viel los, überall Blaulicht, Krankenwagen, Sirenen. Immer wieder kommen Durchsagen. Die Polizisten wirken angespannt. Es muss etwas passiert sein, denkt Baloch. Hätte er die Straße nicht überqueren dürfen?
Auf der Wache nimmt man Baloch Blut und Fingerabdrücke ab, sein Urin wird kontrolliert. Baloch wird vermessen und fotografiert - nachdem er sich ganz ausziehen musste. Es ist ihm peinlich. Er versucht, mit der Hand wenigstens sein Gesicht zu verdecken. Ein Ermittler biegt seinen Arm nach unten und schlägt Baloch in den Nacken. Das sagt er wenige Tage später der Londoner Tageszeitung Guardian. Die Polizei Berlin sieht sich gezwungen zu reagieren. Ihr Pressesprecher Winfried Wenzel sagt: "Ein fester, robuster Griff, wie er in dieser Situation angezeigt ist, kann als sehr unangenehm empfunden werden. Aber geschlagen worden ist Herr Baloch nicht." Außerdem, sagt Baloch, bohren zwei Polizisten ihre Absätze in seine Fußrücken, während sie ihm die Beine spreizen. Wenzel sagt: "Das ist eine gängige Praxis der Fixierung im Rahmen der Durchsuchung eines Festgenommenen. Das kann schon mal wehtun, ist aber zu seinem und vor allem zum Schutz der Einsatzkräfte erforderlich."

In den Wochen nach Balochs Festnahme tauchen noch einige Diskrepanzen auf zwischen dem, was er laut eigener Aussage erlebt hat, und dem, was die Polizei schildert. Der Sprecher der Polizei führt das auf Sprachprobleme zurück. In der Nacht wird Baloch zur Vernehmung an einen anderen Ort gebracht. Ein Video, das zeigt, wie Polizisten ihn aus dem Auto in einen Hauseingang schieben, ein weißes Tuch über seinem Kopf, geht um die Welt. Am Abend von Balochs Festnahme gibt es in ganz Berlin keinen vereidigten Übersetzer für Belutschisch. Urdu versteht Baloch nur bruchstückhaft. Urdu spricht aber der von der Polizei organisierte Dolmetscher. Persisch wäre näher an Balochs Muttersprache.

Der Dolmetscher sitzt bei der Vernehmung vor Baloch und fragt immer wieder: "Bist du es gewesen?" Nach mehreren Anläufen versteht Baloch, worum es geht. Ein Lastwagen soll in eine Menschenmenge auf einem Weihnachtsmarkt gefahren sein, es soll Tote und Verletzte gegeben haben. Baloch ist fassungslos. Er erklärt, dass er nicht Auto fahren kann, er weiß gar nicht, wie man den Motor startet. Er kann nicht mal Rad fahren. Was hat er mit all dem zu tun?

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Naveed Baloch auf der Straße des 17. Juni im Tiergarten -- an der Stelle, wo er von der Polizei festgenommen wurde. (Foto: Tobias Kruse/Ostkreuz; Tobias Kruse)


Der Polizeipressesprecher Wenzel sagt heute: "Was mich auch im Nachhinein noch verwundert, ist, warum Herr Baloch bei seinem Alibi so vage blieb. Wenn mir ein derart starker Verdacht angelastet wird, versuche ich doch, möglichst detailliert zu schildern, was ich zum Zeitpunkt der Tat gemacht habe. Herr Baloch war ziemlich verschlossen. Aber natürlich ist es legitim, von seinem Recht zu schweigen Gebrauch zu machen."

Erst am Tag nach dem Anschlag stellt sich heraus, dass der Zeuge den angeblichen Lkw-Fahrer aus den Augen verloren hatte


In den frühen Morgenstunden, nach einem langen Verhör, wird Baloch in eine Zelle gebracht. Er friert. Die Zelle hat keine Heizung, und er trägt nur ein T-Shirt, keinen Pullover. Alles, was er anhat, gehört der Polizei. Seine Kleidung und Schuhe behält die Spurensicherung ein. Ausziehen musste er sich nicht nur für die Fotos, sondern auch, weil sie seinen Körper auf Schmauchspuren untersucht haben, die er haben müsste, wenn er jemanden erschossen hätte, den Lkw-Fahrer zum Beispiel.

Baloch sitzt in seiner Zelle und findet keinen Schlaf. Die Holzpritsche hat keine Matratze, Kissen und Decke gibt es nicht. Er weiß nicht, wie er sich mit Handschellen hinlegen soll. Auf die Toilette darf er erst, nachdem er mit Gesten angedroht hat, seine Notdurft sonst in der Zelle zu verrichten. Toilettengänge seien immer ein Risiko, sagt der Pressesprecher. Auf dem Klo würden einige versuchen, sich das Leben zu nehmen. Deswegen sitze bei Verdächtigen wie Naveed Baloch auch rund um die Uhr jemand vor ihrer Zelle. Baloch hat den ganzen Tag noch nichts gegessen. Man bringt ihm kalten Tee und Kekse. Er trinkt nur den Tee. Der Sprecher sagt, Essen gebe es zu den normalen Essenszeiten, vergleichbar mit denen im Krankenhaus.
Balochs Herz rast, seine Gedanken kreisen wie verrückt, er kriegt immer schlechter Luft. Schon einmal war er eine Nacht lang in Untersuchungshaft, aber das war anders, da warf man ihm nicht vor, elf Menschen totgefahren zu haben. Es war der Christopher Street Day 2016 - Baloch sagt der Name nichts, für ihn war es "irgendeine Versammlung von feiernden und tanzenden Menschen", in die er geriet, während er mal wieder mit seinen Freunden am Alex war. Sie waren zu dritt, seine Freunde tanzten mit, er hielt sich lieber am Rand. Dann packte ihn jemand von hinten an den Schultern. Es war ein Polizist. Der Vorwurf: Er und seine Kumpels hätten Frauen angetanzt und am Po angefasst. So will es ein Wachschutzmitarbeiter beobachtet haben, der dann auch Anzeige erstattet haben soll. Damals ließ die Polizei Baloch nach einer Nacht frei.
Diesmal behandeln die Polizisten ihn anders, härter, und Baloch fürchtet sich immer mehr. Nicht vor weiteren Schlägen, sondern davor, keine Zukunft in Deutschland mehr zu haben. Einen Anwalt hat er zu dem Zeitpunkt nicht. Sein Handy liegt in seiner Unterkunft, er hat es am Morgen, als er zum Landesamt für Flüchtlinge fuhr, nicht mitgenommen, der Akku war leer. Wenige Kilometer entfernt stürmen nun mehr als 200 Polizisten seine Unterkunft, den Hangar 6 auf dem stillgelegten Flughafen Tempelhof. Es ist etwa vier Uhr früh. Balochs Mitbewohner werden befragt und seine Sachen konfisziert, unter anderem sein Handy, von dessen Auswertung sich die Ermittler neue Erkenntnisse erhoffen. Dass Baloch festgenommen wurde, hat in der Unterkunft schon die Runde gemacht. Einer seiner Freunde, die er am Abend im Tiergarten getroffen hatte, hat seine Verhaftung mit angesehen. Durch die Medien geht der Name "Naveed B.", dazu das Foto, das pakistanische Journalisten vermutlich auf der Facebookseite eines Freundes gefunden haben. Es ist das Foto, das seine Eltern noch am Abend des Attentats im Fernsehen sehen. "Ich dachte, mein Sohn ist wenigstens in Deutschland sicher", sagt die Mutter später zu einem Bekannten von Baloch am Telefon.

Die ganze Nacht über gehen Anrufe bei der Berliner Polizei ein, von Augenzeugen, die zum Zeitpunkt des Attentats am Breitscheidplatz waren. Mehrere Hundert sind es. Ein Anrufer meldete sich bereits wenige Minuten nach dem Attentat. Er wollte gesehen haben, wie der Lkw-Fahrer in Richtung Tiergarten gerannt sei. Der Anrufer blieb am Telefon, während er dem vermeintlichen Täter hinterhereilte, seine Koordinaten gab er live durch. Er beschrieb einen dunkelhaarigen, rennenden jungen Mann. Dass Baloch noch nie am Breitscheidplatz war, auch nicht an diesem Abend, konnte der Anrufer nicht wissen. Erst am Tag nach dem Anschlag stellt sich heraus, dass der Anrufer den angeblichen Lkw-Fahrer aus den Augen verloren hatte, ihm also nicht lückenlos gefolgt war. Man müsse sich die Panik in der Bevölkerung vor Augen halten, heißt es bei der Polizei.

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Am Breitscheidplatz wird an die Opfer vom 19. Dezember 2016 erinnert. Baloch besucht den Ort zum ersten Mal. Dieses Jahr möchte er auf den Weihnachtsmarkt.  (Foto: Tobias Kruse)

Draußen wird es hell, Baloch hat in seiner Zelle noch immer nicht geschlafen. Er hat Angst vor dem neuen Tag. Vor neuen Beschuldigungen. Vor Fragen, die er nicht versteht. Vor einer Abschiebung. Und davor, dass seiner Familie etwas zustößt. "Sippenhaft und Sippenfolter von Belutschen sind in Pakistan an der Tagesordnung, auch bei friedlichen Aktivisten, die ohne Waffen für die Unabhängigkeit kämpfen", sagt Ulrich Delius von der Gesellschaft für bedrohte Völker. Um die Mittagszeit am Tag nach dem Attentat sagt der Polizeipräsident Klaus Kandt, dass sie wahrscheinlich den falschen Mann haben. Der wirkliche Täter laufe eventuell noch frei herum. "Wir sind wachsam. Seien Sie es auch", twittert die Berliner Polizei.

Baloch wird weiter festgehalten, die Ermittlungen laufen noch. Bis Mitternacht kann ihn die Polizei bei dringendem Tatverdacht einbehalten, spätestens dann müsste er einem Haftrichter vorgeführt werden. Zwischen 17 und 18 Uhr begleiten ihn Polizisten zum Ausgang und setzen ihn erneut in ein Auto. Seine Schuhe und Kleidung behält die Polizei. Die Polizisten bringen ihn in eine neue Unterkunft. In seiner alten drohe ihm Lebensgefahr. So viel versteht er immerhin. Lebensgefahr, weil es womöglich Leute gibt, die ihn noch für den Täter halten. Und weil er für viele Pakistaner der Feind ist. Jemand, der den Namen ihres Landes verunglimpft. Für die pakistanische Regierung sind die Beschuldigungen gegen Naveed Baloch ein weiterer Anlass, Belutschen als Terroristen zu brandmarken und damit das harte Vorgehen gegen sie zu rechtfertigen. Unabhängig davon, ob sie bewaffnet sind oder nicht. Regelmäßig werden Menschen entführt, manchmal vor den Augen ihrer Kinder. 22 000 Menschen seien in den vergangenen zehn Jahren verschwunden, schätzt Ulrich Delius. Die meisten dürften tot sein, sagt er. Dazu kämen mehr als 8000 Morde. Amnesty International geht von den gleichen Zahlen aus.

Als Naveed Baloch am Abend des 20. Dezember 2016, einen Tag nach seiner Verhaftung, vor seiner neuen Unterkunft ankommt, legen ihm die Polizisten erneut einen großen weißen Schal über Kopf und Schultern, um seine Identität in der neuen Unterkunft nicht gleich preiszugeben. Sie dirigieren Baloch durch den Eingangsbereich, vorbei an Arabisch sprechenden Männern, in den Aufzug, hoch in sein Zimmer, wo er zunächst allein wohnt. Sie sagen noch etwas, er versteht nicht, was. Dann sind sie weg. Die Angst nicht. Auf der Wache haben sie ihm eingeschärft, bei Verlassen der Unterkunft die Polizei zu benachrichtigen. "Es bestand keine Meldepflicht", sagt der Pressesprecher. "Das war vielmehr ein Angebot zu seinem Schutz, falls er sich bedroht fühlen sollte." Wie Baloch sich hätte verständlich machen sollen, wenn er die 110 gewählt hätte, weiß auch der Sprecher nicht.

Baloch weiß nicht, dass er wieder frei ist und alles nur ein Irrtum war, ein blöder Zufall, ein Fehler von jemandem, der wohl nur helfen wollte. Weil Baloch Sorge hat, draußen erneut festgenommen zu werden, bleibt er die folgenden zehn Tage durchgehend in seinem Zimmer, nur zu den Essenszeiten geht er kurz runter in den Speisesaal, auch dabei hat er Angst. Vor den Wachmännern, unter denen einige Pakistaner sind, und vor den vielen arabischen Geflüchteten, die glauben könnten, dass er etwas mit dem IS zu tun hat - auch, als der auf der Flucht in Italien von Polizisten erschossene Tunesier Anis Amri längst als Attentäter vom Breitscheidplatz feststeht. Vor dem IS hat Baloch ebenfalls Angst: dass der ihn, einen moderaten Muslim, als Ungläubigen brandmarken könnte. Er ist einsam wie nie zuvor, und da ist niemand, der seine Sprache spricht.

Nach zehn Tagen im Heim sieht er am Mittag im Speisesaal ein bekanntes Gesicht. Es ist ein Dolmetscher, der nicht nur hier, sondern auch im ehemaligen Flughafen Tempelhof für Geflüchtete arbeitet. Er freut sich, Baloch zu sehen: "Was machst du denn hier?" Baloch erzählt ihm von seiner Verhaftung, seiner Angst, seinen Kopfschmerzen. Der Dolmetscher verspricht, jemanden zu holen, der helfen kann. Eine Therapeutin. Vor der Flüchtlingskrise half sie vor allem psychisch kranken Berlinern. Bis immer mehr Geflüchtete nach Berlin kamen. "Da wurde mir klar: Ich muss helfen. Ich kam selbst als Kind von italienischen Gastarbeitern nach Berlin und weiß, wie man sich fühlt, wenn man erst selbst nicht die Sprache versteht und dann für seine Eltern dolmetschen muss." Ihren Namen soll die Öffentlichkeit nicht erfahren. Sie hat zwar im November 2017 bei ihrem damaligen Arbeitgeber gekündigt, aber sie fürchtet auch nachträglich Konsequenzen des Heimbetreibers, sollte sie ihren Namen oder den des Heimes in der Presse nennen. Hier soll sie Carla Weidner heißen. Dreimal pro Woche hat sie damals eine offene Sprechstunde in Balochs Unterkunft. "Wie ein Häufchen Elend sah der aus", sagt sie heute. Blass sei er gewesen, "fast grau". Weidner, eine große, kräftige Frau mit dunklen Locken, etwas verrauchter Stimme und Augenringen, sagt: "So was habe ich in meinem ganzen Berufsleben noch nicht gesehen." Sie ist heute noch entsetzt, dass sich niemand um ihn gekümmert hat, so hilflos wie er war.



In der ersten Sitzung zeigt ihr Baloch Fotos auf seinem Handy, von Hinrichtungen in der Heimat. Eine der Leichen sei die eines Freundes. Baloch klagt über "Stress im Kopf". Schmerzen, so stark, dass er seine geliebte Musik nicht mehr ertrage. Weidner fordert ihn auf, alle Bilder von Hinrichtungen sofort zu löschen. Baloch braucht dringend professionelle Hilfe, stellt sie fest. Sie ist Soziotherapeutin, das heißt Sozialarbeiterin mit einer Zusatzqualifikation. Sie darf aber weder Medikamente verordnen noch Psychotherapien durchführen. Dafür schreibt sie ihm die Nummer eines Psychiatriezentrums auf, das auf Geflüchtete spezialisiert ist. Baloch muss ihr versprechen, bald einen Termin zu vereinbaren. Macht er. Ein Freund hilft ihm. Zurück kommt Baloch mit einem Antidepressivum und einem Neuroleptikum. Er ist mit der Einnahme überfordert, irrt sich in der Dosierung, nimmt mal die doppelte Dosis, mal tagelang nichts. Weidner sagt rückblickend: "Das war eine totale Katastrophe. Die Sachen so durcheinander zu nehmen, ist gefährlich. Dann lieber gar nichts nehmen."

Baloch kommt anfangs jede Woche in Carla Weidners Sprechstunde. Manchmal ist er genervt und ungeduldig. Er versteht nicht, warum ihm niemand hilft. Gern würde er zu seinen Freunden, anderen belutschischen Asylbewerbern, nach Marzahn ziehen. Weidner spricht mit ihrem Chef, dem Heimleiter, und versucht, eine Verlegung zu beantragen. Der Chef verspricht, sich zu kümmern. Wochen vergehen, dann Monate. Sie hakt nach. Manchmal sagt der Chef: "Ja, ja, mach ich." Bis er ihre Anrufe nicht mehr beantwortet. Nach einem halben Jahr im Job überlegt sie zu kündigen, bleibt aber zunächst. Baloch und viele andere brauchen sie. Eine Kollegin fleht sie an zu bleiben. Die Kollegin wendet sich auch an uns mit einer E-Mail. Sie klagt über Missstände im Heim und bittet uns, die E-Mail sofort zu löschen. Anfragen des SZ-Magazins an das Heim bleiben unbeantwortet.
"Wenn man eine posttraumatische Belastungsstörung nicht gleich behandelt, droht sie, chronisch zu werden", sagt Carla Weidner. Baloch kommt damals immer seltener zu ihr. "Irgendwann müssen Taten folgen, sonst verlieren die Geflüchteten das Interesse." Bei Baloch folgen keine Taten. Zu seinen Leuten in Marzahn hat er immer weniger Kontakt. Die Fahrt ist weit, und ohne Genehmigung darf er nicht bei ihnen übernachten. Sein Arzt im Psychiatriezentrum bietet ihm keine Psychotherapie an, nur die Tabletten, obwohl der Arzt erzählt ein Freund von Baloch, der ihn zur Untersuchung begleitet hat - sich sehr besorgt zeigt ob Balochs desaströsen Zustands. Warum Baloch keine Therapie angeboten wird, lässt sich nicht klären. Die Klinik will die Anfrage des SZ-Magazins nicht an den Arzt weiterleiten. Manchmal ist Naveed Baloch die ganze Nacht lang wach, steht auf, geht die Treppe runter, kurz vor die Tür, Luft schnappen, dann die Treppe wieder hoch. Wenn er doch schläft, weckt ihn regelmäßig die laute Musik seines neuen Mitbewohners. "Der ist auf Kokain", sagt Baloch. Er habe ihn am Alex betteln gesehen. Hände habe der keine mehr. "Haben Taliban abgehackt", sagt Baloch.

[Bild: 640x360?v=1512397964000]
Einige Monate lang besaß Naveed Baloch in diesem Jahr keine gültigen Papiere und konnte auch die öffentlichen Verkehrsmittel nicht nutzen.  (Foto: Tobias Kruse)

Am 1. Juni 2017 läuft Balochs Aufenthaltsgestattung aus. Ab dem Tag darf Baloch seine Unterkunft nicht mehr verlassen. Eine Fahrkarte hat er auch nicht mehr. Einen Deutschkurs kann er ohne Papiere nicht belegen. Noch schlimmer: Er erhält kein Geld mehr. Das Landesamt für Flüchtlinge erklärt sich für nicht mehr zuständig. Dort sagt ihm ein Mann, sein Fall sei nun ein "spezieller". Und dass er sich bitte an die Ausländerbehörde wenden solle, mehr dürfe er nicht sagen, Anweisung von oben. Der Mann weigert sich, mit Balochs Anwältin zu telefonieren. Die Ausländerbehörde verweist an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, kurz BAMF; dort sagt man, die Ausländerbehörde sei zuständig. Dann streiten sich Berlin und Bayern, wer den Fall übernehmen soll. Fast vier Monate vergehen. Erst als ein Arzt dem BAMF schreibt, Baloch sei eine Verlegung psychisch nicht zuzumuten, übernimmt das Land Berlin den Fall.

Die belutschischen Freunde, mit denen sich Baloch früher am Alex traf, geben ihm in dieser Zeit ab und zu etwas Geld. Hier zehn Euro für Tabak, da einen Zwanziger fürs Telefonguthaben. Die Freunde stecken selbst, teils seit Jahren, im Asylverfahren. Sigrid Krieg, Pakistan-Expertin von Amnesty International, sagt, viele Mitarbeiter des BAMF seien schlecht bis gar nicht über Belutschistan informiert. Sie berichtet von Anhörungen im Schnellverfahren, in denen eine jahrelange Fluchtgeschichte vorgetragen werden müsse, mitunter noch in einer fremden Sprache, weil das BAMF den falschen Dolmetscher einbestellt habe.

Der Dolmetscher, der Baloch auch durch unsere Recherche immer häufiger trifft, übernimmt zunehmend Verantwortung für ihn. Er begleitet ihn auf Ämter, zur Bank, zum Arzt. Dafür schwänzt er manchmal seine Arbeit, wodurch er seinen Ausbildungsplatz aufs Spiel setzt. Er wartet seit viereinhalb Jahren auf Asyl. Baloch und der Dolmetscher sind fast gleich alt und könnten unterschiedlicher kaum sein. Der Hirte und der Politikstudent, der eine vom Land, der andere aus der Stadt. Buchstaben beherrscht Baloch nicht, aber Zahlen einigermaßen. Die hat er gelernt, als er einmal zwei Monate lang zur Schule ging, da war er 14. Er sagt: "Ich war mit Abstand der Älteste, die Kinder haben mich alle ausgelacht." Auf Whatsapp kann er nur per Sprachnachricht kommunizieren. Nummern speichert er nicht ab, er merkt sich die letzten drei Ziffern von wichtigen Handynummern, so erkennt er sie, wenn er angerufen wird. Sein Internetkonsum beschränkt sich auf Bilder und Videos. Dennoch beschreiben ihn seine Freunde als politisch aktiv, in der Heimat wie in Berlin, keine Demo für die belutschische Sache lasse er aus.

Im September 2017, neun Monate nach seiner Verhaftung, geht es endlich ein wenig bergauf für Naveed Baloch. Plötzlich erhält er wieder Geld. Mehr als 1000Euro. Es ist die Nachzahlung dessen, was ihm in der Zwischenzeit zugestanden hätte. Baloch ist besser gelaunt. Er geht bei H & M einkaufen, mit seinem Freund, dem Dolmetscher. Unter anderem kauft er ein elegantes, nachtblaues Hemd, das er zu einem unserer nächsten Treffen trägt. Und einen schwarz-roten Rucksack. Für den Deutschkurs, den er bald zu besuchen hofft. Außerdem zahlt er Schulden zurück, bei den Freunden und bei der Bank, wegen der Kontogebühren, die sich angestaut haben. Vom Rest des Geldes kauft er ein neues Smartphone. Mittlerweile hat er wieder zu seiner Familie Kontakt. In den Wochen nach dem Anschlag baten ihn seine Angehörigen, sich erst mal nicht mehr zu melden. Weil der Geheimdienst bei ihnen angerufen hatte. Erst durch seine Verhaftung und die daraus entstandene mediale Aufmerksamkeit habe der von seiner Flucht erfahren, sagt Baloch. Sein Vater fühlte sich nicht mehr sicher und ist untergetaucht.
Im Oktober steht ein Termin für eine Anhörung in Balochs Asylverfahren fest. Baloch bereitet sich jeden Tag darauf vor, wird immer nervöser, schluckt plötzlich die doppelte Dosis an Tabletten. Am 7. November 2017 wird Baloch zum ersten Mal detailliert zu seiner Fluchtgeschichte befragt. 21 Monate nachdem er Deutschland betreten hat - im Durchschnitt sind die Verfahren bei Pakistanern ein halbes Jahr kürzer. Für das BAMF ist Baloch zunächst Pakistaner. Er sagt in der Anhörung, dass er Belutsche sei. Aber das sei eine freiwillige Angabe, heißt es beim BAMF. Offiziell würden nur Nationalitäten erhoben.

Die Anhörung lief gut, meint Baloch. Wann es ein Ergebnis gibt, ist ungewiss. Im November beginnt er einen Deutschkurs. Das Lernen fällt ihm schwer. Der Kurs geht erst mal bis Januar. Bis Mai 2018 gilt seine Aufenthaltsgestattung. Baloch macht Pläne. Vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben. Ganz dringend will er in eine neue Unterkunft. Eine, in der er kochen kann und nicht mehr auf die Pampe angewiesen ist, die dort ausgegeben wird und die er nicht verträgt. Er sehnt sich nach Chicken Masala und Tandoori-Brot. Baloch geht zweimal zum Landesamt für Flüchtlinge, das sich nun doch wieder zuständig fühlt. Beim zweiten Mal sagt er: "Ich gehe hier nicht weg, bevor ich umziehen darf!" Wieder übersetzt ein Freund, die Berliner Belutschen wechseln sich mittlerweile mit den Behördengängen für Baloch ab. Und tatsächlich: Die Behörde findet eine neue Unterkunft. Nicht bei den Freunden, aber in ihrer Nähe, ebenfalls in Marzahn. Auch in dieser Unterkunft kann sich Baloch mit niemandem unterhalten, kochen darf er auch nicht. Immerhin hat er nach langem Bitten nun ein Einzelzimmer. Das wollte die Heimleitung zunächst nicht gestatten: Zu gefährlich, man stuft Baloch wohl als suizidgefährdet ein. Baloch geht nun wieder öfter vor die Tür. An einem grauen Sonntag demonstriert er vor dem Brandenburger Tor für ein unabhängiges Belutschistan. Gegen die Folter und Ermordung unschuldiger Menschen. Kaum ein Passant bleibt stehen.

Wenn er in Deutschland bleiben darf, würde Naveed Baloch gern Altenpfleger werden. Alte Menschen mag er. Vorerst wäre er auch mit einem Nebenjob zufrieden. Wie in seiner vorigen Unterkunft, wo er zweimal pro Woche Waschpulver an andere Geflüchtete ausgab. Geld erhielt er dafür nicht, aber die Zeit verging so etwas schneller. Eines Tages möchte Baloch heiraten und eine Familie gründen, sagt er. Am liebsten mit einer Belutschin, auch wenn er nicht weiß, wo er die finden soll. Vor seiner Flucht war da eine, er kannte sie kaum, die Familien hatten die Verlobung arrangiert, aber schön war sie schon. Er überlegt lange, bis ihm ihr Name einfällt: Banary. Sein größter Traum? Zurückzukehren nach Belutschistan, eines Tages, wenn es unabhängig ist. Er weiß, dass das unwahrscheinlich ist. Aber was ist schon wahrscheinlich in seinem Leben.

Die Therapeutin Clara Weidner sagt: "Niemand würde Naveed abschieben, wenn nur der Arzt ein Attest schriebe, dass er mehrfach traumatisiert ist." Aber ein solches Attest existiert nicht. "Ich erlebe das oft", sagt Weidner. "Ich weiß nicht, warum das so schwer ist!" Sie, die so viel Kraft der Sache der Geflüchteten widmet, klingt zunehmend hilflos. Der Menschenrechtsaktivist Ulrich Delius sagt: "Wer einmal dem Baloch National Movement angehört hat, ist bei seiner Rückkehr eindeutig in Lebensgefahr. Ein Zurück kann es für Herrn Baloch eigentlich nicht geben."

In diesen Tagen herrscht Unruhe unter den Berliner Belutschen. Viele warten auf die Asylentscheide. Im Jahr 2016 wurden von 73 Asylanträgen von Belutschen in Deutschland bisher nur vier positiv entschieden, 2017 von 19Anträgen drei. Manche von Balochs Bekannten, die lange gehofft hatten, dass seine spezielle Geschichte der speziellen Sache aller Belutschen zu mehr Aufmerksamkeit verhilft, sagen nun, man solle bloß nicht glauben, dass Baloch politisch aktiver sei als sie selbst. Sie fürchten, seine Bekanntheit könnte ihm im Asylverfahren einen Vorteil verschaffen. Die Freunde haben das Gefühl, ihr Schicksal schon lange nicht mehr in der Hand zu haben. In ihrer Welt kann jeder Zufall, selbst ein so trauriger wie der vom 19. Dezember 2016, alles zerstören oder die letzte Hoffnung sein.
Zwei Belutschen, die Baloch auf der Flucht nach Deutschland kennengelernt hat, sind 2016, vom Stillstand hier verzweifelt und in Sorge um ihre Familien, freiwillig zurückgekehrt. Sie bestiegen ein Flugzeug nach Pakistan, die Angehörigen warteten dort, doch die Männer waren nicht unter den Passagieren, die den Flughafen verließen. Hat der Geheimdienst sie abgefangen? Keiner weiß es. Die Angehörigen sagen, die Männer seien bis heute nicht angekommen.
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