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Saubere Luft- Dieseldebatte
#19
"Neuer Reform-Furz"

08. Mai 2019  Reinhard Jellen

Winfried Wolf über Elektromobilität, Teil 1
E-Mobilität wird von Teilen der Politik als Gebot der Stunde propagiert. Winfried Wolfhält das in seinem Buch "Mit dem Elektroauto in die Sackgasse" für falsch.
 Herr Wolf, Sie schreiben in Ihrem Buch, dass es bei der E-Mobilität nicht um Umweltverträglichkeit geht. Worum geht es dann?
Winfried Wolf: Es geht im Grunde um drei Dinge. Erstens aus Sicht der Öl- und Autokonzerne um einen neuen Reform-Furz, mit dem sie ihre Glaubwürdigkeitskrise - Stichwort: Dieselgate und Feinstaub-Belastung - überwinden und einen neuen Autoboom, stark von staatlichen Subventionen gepampert, starten können. Zweitens geht es den politisch Verantwortlichen in Berlin und Brüssel darum, es der wichtigsten politischen Lobby recht zu machen und gleichzeitig in der Öffentlichkeit das Gesicht wahren zu können, indem anscheinend ein "Weg aus der fossilen Wirtschaft" beschritten wird. Drittens geht es um China beziehungsweise um die Industriepolitik der chinesischen Führung.

"Neuer Boom der Autoproduktion"

 Dann eines nach dem anderen. Was hat es mit diesem höchst anrüchigen Reformsurrorgat auf sich?
Winfried Wolf: Ich beobachte seit Mitte der 1970er Jahren, dass die Autoindustrie in allen großen Krisen - ökonomische Krisen und Glaubwürdigkeitskrisen - es immer wieder geschafft hat, ein Reformprojekt zu propagieren, das die Öffentlichkeit und meist auch ein größerer Teil der Umweltbewegung immer dankbar aufnahm - das jedoch am Ende immer auf ein- und dasselbe hinauslief: es kam zu einem neuen Boom der Autoproduktion und zu einer weiteren Steigerung der Pkw- und Kfz-Dichte.
Wir hatten da Mitte der 1970er Jahre - Stichwort: Ölkrise 1973 und Autokrise 1974/75 - die Katalysator-Debatte. Wir hatten nach der Autokrise 1980-82 die Debatte über das "Waldsterben" mit dem "Großversuch Tempo 100". In den 1990er Jahren gab es die Reformidee "Swatch-Car": der Schweizer Milliardär und Uhren-Zampano Nicolas Hajek wollte, ähnlich der lustigen bunten Swatch-Uhr, lustige bunte kleine Elektro-Autos, "swatch-cars", bauen lassen.
Querdenker wie Frederic Vester und Daniel Goeudevert (Ford) propagierten das querparken in den Citys. Und Züge, die die kleinen netten Stadtflitzer transportieren sollten (natürlich auch mit Bahnsteigen, auf denen man quer in die Züge rollen würde können). Daraus wurde dann der profane Benziner-Smart mit einer homöopathischen Dosis von Elektro-Smarts. In den Nuller-Jahren war es dann der "Bio-Sprit" - Kraftstoffe auf agrarischer Basis sollten die CO2-Belastung reduzieren - sogar der Weltklimarat ist darauf ein paar Jährchen lang hereingefallen.
 Und jetzt nach der massiven Krise der Weltautobranche 2008/2009 kam die "Elektromobilität"?
Winfried Wolf: Genau. Ich nenne das einen Reformfurz. Dieser riecht auch wirklich abgestanden. Vor 110 Jahren, als Henry Ford mit der Serienproduktion von Pkw begann, gab es weit mehr Elektroautos als Verbrenner. Der mit Benzin betriebene Pkw obsiegte - aus nachvollziehbaren Gründen. Es gab auch in den 1980er und 1990er Jahren massive Investitionen in Elektro-Pkw. Die Elektro-Pkw konnten sich aber weder vor 110 Jahren noch vor 25 Jahren durchsetzen - im Grunde aus den gleichen Gründen, die dieser Technik auch heute im Weg steht: es sind noch schwerere Autos. Sie sind deutlich teurer. Es gibt lange Ladezeiten. Es bleibt bei kurzen Reichweiten. Es kommt zu massiven neuen Abhängigkeiten von knappen Rohstoffen.
Heutzutage sieht es allerdings anders aus. Die Elektro-Autos werden sich wohl als Stadt-Autos in wichtigen Industriestaaten durchsetzen - einfach weil es eine derzeit gut verkaufbare Reformidee ist. - Und weil es den Faktor China gibt.
"Rebound- oder Bumerangeffekte"
 Ist die E-Mobilität überhaupt in einem relevanten Ausmaß umweltverträglich?
Winfried Wolf: Nein. E-Mobility in Form einer großen Zahl von Elektro-Autos wird immer umweltzerstörend, stadtbelastend und den Klimawandel beschleunigend sein. Dazu sechs Stichworte: Erstens gibt es diesen "ökologischen Rucksack": die Herstellung jedes E-Pkw ist mit massiv mehr CO2-Verbrauch verbunden als die Herstellung eines herkömmlichen Pkw. Zweitens ist der Strom-Mix in Deutschland und weltweit absehbar auf längere Zeit in erheblichem Maß von fossilen Energieträgern geprägt. Hierzulande können wir froh sein, wenn in drei Jahren, wenn die letzten AKW - hoffentlich! - vom Netz gehen, die Erneuerbaren dann soweit ausgebaut sein werden, dass sie die aktuell dreizehn Prozent Atomstrom ersetzen können. Doch es bleibt dann zunächst einmal bei 40 Prozent Braunkohle- und Steinkohle-Strom.
Drittens führt eine größere Zahl von E-Autos zu einer gesteigerten Stromnachfrage. Damit aber verschärft sich die genannte Problematik des Strom-Mixes mit hohen Anteilen von Kohlestrom. Darüber hinaus übt dies einen massiven Druck aus in Richtung Ausbau der Atomstrom-Kapazitäten. In China zum Beispiel droht die Verdopplung der Zahl der Atomkraftwerke (von knapp 40 auf rund 80). Viertens gibt es die Rebound- oder Bumerang-Effekte: E-Autos sind zu mehr als 50 Prozent Zweit- und Drittwagen. Mit ihnen wird ausgerechnet in den Städten der Autoverkehr noch mehr verdichtet. Die Krise des Öffentlicher Personennahverkehrs vertieft sich, da potentielle Öffentlicher-Personennahverkehr-Nutzer nun mit "grünem Gewissen" mit dem E-Pkw durch die City surfen, dann noch fröhlich Bus-Spuren und Gratis-Strom nutzend.....

weiter > https://www.heise.de/tp/features/Neuer-R...13769.html

Kommentare:

Schafspelz
Das ist besonders perfid. Ein Wolf im Schafspelz. Die Autoindustrie, die einen schickt, der die Autoindustrie kritisiert, um, wie sie es seit Jahrzehnten tut, weiteren Sand ins E-Getriebe zu streuen.
Merke: Kein traditioneller Autokonzern hat auch nur die geringste Motivation auf Elektroantrieb umzusteigen. Das invalidiert riesige Investitionen und jede Menge Know how. Und wenn ein Konzern etwas hasst, ist es Investitionen tätigen zu müssen.
Als ich zu dieser Behauptung kam...
die Herstellung jedes E-Pkw ist mit massiv mehr CO2-Verbrauch verbunden als die Herstellung eines herkömmlichen Pkw.
... bin ich definitiv wütend geworden. Das ist eine plumpe Lüge. Dem Mehraufwand für den Akku steht ein Minderaufwand beim Motor gegenüber. Jetzt, da die Konzerne in der Defensive sind, geben sie zu, dass die Herstellung eines E-Autos weniger aufwendig ist - natürlich nur um hervorzustreichen, dass Arbeitsplätze verloren gehen werden. Die Entwicklung der Akkus bleibt nicht stehen, sie werden jährlich effizienter. Der Wirkungsgrad eines E-Motors ist weit höher als derjenige eines Verbrenners.
Selbstverständlich sind Autos mit E-Motoren nicht die Panazea gegen die Klimaerhitzung. Aber hat das irgendwer behauptet? Schon nur, dass sie Städte ruhiger machen und zu einer besseren Luftqualität beitragen ist ein Riesenvorteil.
(Dazu: Diverse Sharing-Formen führen zu weniger Autos. Der Anteil der Autobesitzer bei den jüngeren Jahrgängen ist in den letzten Jahren kontinuierlich gesunken. Es sind die über 40- und erst recht, die über 50-Jährigen, die glauben ohne eigenes Auto seien sie gleichsam amputiert. Je älter, umso vergifteter Auto-Verteidiger.)
Dann noch ein wenig vages China-Bashing, soll wohl auf globalen Durchblick verweisen. Natürlich pusht China E-Autos nicht aus Umweltschutzgründen, sondern wegen der extremen Smog-Problematik in chinesischen Städten und logischerweise, weil China beim Erdöl zu über 70 Prozent auf Importe angewiesen ist. Das ändert aber nichts an der relativen Sinnhaftigkeit von E-Motorrädern und -Autos.
Auch die übrigen Argumente sind bestenfalls tendenziös, wenn nicht schlicht gelogen. Wenn etwa drauf hingewiesen wird, dass E-Autos bis heute hauptsächlich im sogenannten Premium-Bereich angesiedelt sind. Das hat schlicht den Grund, dass im Hochpreissegment der teure Akku relativ zum Rest des Autos günstiger ist, also weniger ins Gewicht fällt. Die Akkus werden aber sehr schnell günstiger...
Und auch die abschliessenden Unkereien bezüglich Ladestationen fallen in dieselbe Kategorie. Es stimmt schon, dass die Umstellung aufwendig und nicht problemlos ist, aber es gibt, wie schon gesagt, technische Fortschritte. Die Ladedauer wird abnehmen. In Norwegen ist der Anteil an E-Autos bekanntlich schon beachtlich, steigt auch munter weiter. Offenbar sind die Probleme lösbar. (Norwegen hat keine eigne Autoindustrie...) An der Stromproduktion liegts nicht. Deutschland exportiert kräftig Strom. Abzuschaltende Kraftwerke werden ersetzt durch neue. Auch bei Totalumstellung auf Strom würde der Mobilitätsverbrauch nicht über 20 Prozent der Produktionskapazität steigen. Und wie gesagt, die nationale Flotte muss und wird kleiner werden.
Kurz; ein extrem ärgerlicher Beitrag, dem es massiv an Wahrhaftigkeit fehlt. Will ich bei Telepolis nicht lesen.


politische Entscheidungen der Vergangenheit, welche den CO2 Ausstoß erhöht haben
- Ideologie des Wirtschaftswachstums um jeden Preis
- Reduzierung des Streckenangebots der Bahn, Ausdünnung der Fahrpläne
- Aufgabe ganzer Zuggattungen, wie etwa Nightjet, Interregio)
- Förderung des freien Warenverkehrs, LKW als Haupt-Transporteur
- Abbau von Güter- und Rangierbahnhöfen
- schleppender Ausbau von Güterstrecken
- Rückzug von Staat und Wirtschaft aus der Fläche (Arbeitsplätze, Schulen, Einkaufen), mit der Folge längerer Wege
- Duldung des Betrugs der Autoindustrie bei getürkten Verbauchswerten vor allem von Straßenpanzern
- keine Besteuerung von Flugbenzin
Und nun soll der Bürger durch noch höhere Energiepreise dazu motiviert werden, CO2 zu sparen?
Die ganze Kampagne um die EInführung einer CO2 Steuer ist doch nichts anderes als der Versuch, von der Verantwortung der Politik für die umweltpolitischen Fehlentscheidungen der letzten Jahrzehnte abzulenken.


Überflüssiger Artikel-"Furz". Mimimi, es müsste investiert und entwickelt werden
Jeder weiß, dass die Technik noch in der Entwicklung ist. Mit der Aussicht auf den Massenmarkt könnten Gelder fließen, die die Technik perfektionieren und verbilligen. So war das schon immer.
Und die immer gleiche Dumpfheit in der "Argumentation": "es gibt noch keine Ladestellen". Ach, nee. 
Vor Einführung von Verbrennungsmotoren gab es auch noch keine Tankstellen.

Typisch deutsche Erzkonservative: Statt Mut, Entwicklung und Überwindung von Problemen, depressive Unkerei, bis die Technik woanders entwicklt wurde.
Sabotage.
Und wieder werden Chinesen und Amis uns den Markt wegschnappen.
Dank an die Herren Saboteure.

Zugleich verhindern die neoliberalen Mafiosi an der Macht, dass wirklich nachhaltige Technik entwickelt wird, weil die Konzernbosse glauben, mit verknappten Rohstoffen noch mehr Geld zu verdienen.
Wieso wird das Wasserstoff-Auto nicht weiterentwickelt?


Interessanter Artikel
Auch wenn ich nicht jedes Einzelargument teile, die grundlegenden Argumentationslinien kann ich gut nachvollziehen. Die vielen Wellen und Reformen, die es schon mal in Bezug auf die Autobranche gegeben hat, hatte ich schon fast wieder vergessen.
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Nachrichten in diesem Thema
Saubere Luft- Dieseldebatte - von Rundumblick - 12.10.2018, 16:51
RE: Saubere Luft- Dieseldebatte - von Rundumblick - 08.05.2019, 07:53

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