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Normale Version: Grundsätzliches zum "Terror"
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hr wisst schon genug. Ich auch. Nicht an Wissen mangelt es uns.
Was fehlt, ist der Mut, begreifen zu wollen, was wir wissen, und daraus die Konsequenzen zu ziehen.
Sven Lindqvist


Ein paar grundlegende Überlegungen:
Terror war noch nie Selbstzweck. "Terror" zur Bekämpfung von Besatzungsarmeen diente der Vertreibung der Besatzungsarmeen. Terror der Besatzungsarmeen diente der Einschüchterung der Menschen in dem besetzten Land. Dann gibt es noch den Terror z.B. der RAF um dem "Staat die Maske des Rechtsstaates" wegzureißen. Usw. usw. Es gibt immer Gründe. Und ein Grund ist nicht: Terror als Selbstzweck. Aber nichts anderes wäre es, falls man Unsicherheit und Angst verbreitet (=Terror verübt) um Hass und Gewalt auszulösen (=Terror auszulösen).

Und noch Anmerkungen zum unterschiedslosen Töten – wie die angeblichen islamisch begründeten Anschläge in Würzburg und Nizza. Töte ich unterschiedslos, laufe ich gerade in unseren gemischten Gesellschaften Gefahr, einen gläubigen Moslem umzubringen. Und dies bringt mit Sicherheit keine 25 Jungfrauen ein, eher (um es mit einer katholischen Metapher zu beschreiben) 25.000 Jahre Fegefeuer.
Unterschiedsloses Töten entspricht m.E. wesentlich eher dem Denken eines Teils der westlichen Eliten. Ich erinnere an Massenvernichtungswaffen, Flächenbombardierungen, die Erfindung von äußerst grausamen Waffen, wie Napalm, Clusterbomben, Uranmunition usw. usw. Diese Waffen und Strategien wurden nicht nur im Westen erdacht, sondern bisher fast ausschließlich durch den Westen eingesetzt (falls man Deutschland, Italien und Japan in den Weltkriegen auch zum „Westen“zählen).

Auch die Idee, namenlose Angst zu verbreiten, ist eine westliche. Angewendet z.B. beim NATO-Krieg gegen Jugoslawien 1999, bei dem Jugoslawien angedroht wurde, entweder bedingungslos zu kapitulieren, andernfalls würde die NATO die Lebensgrundlagen des Landes zerstören. So wurde in der Nacht vom 2. zum 3. Mai durch die Bombardierung von Umspannwerken mittels spezieller Graphitbomben die Stromversorgung lahmgelegt und die Wärmekraftwerke in Obrenovac und Kostolac attackiert. NATO-Pressesprecher Jamie Shea sagte damals: „Die Tatsache, dass die Lichter in 70 Prozent des Landes ausgingen, zeigt, denke ich, dass die NATO jetzt in Jugoslawien ihre Finger am Lichtschalter hat, und dass wir den Strom abstellen können, wann immer wir müssen, wo immer wir wollen.

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Und noch ein Gedanke: es ist schon sehr lange Tradition, die „eigenen“ Taten der Gegenseite zu unterstellen. Da die „eigene“ Seite die Taten begeht, sind sie nicht unplausibel. Hierzu ein paar Beispiele aus der Vergangenheit:
  • Beim MauMau Aufstand in Kenia wurde durch britische Propaganda verbreitet, die Aufständischen (=Terroristen) wären böse, kämpften nur unter Drogen, wollten weiße Frauen vergewaltigen, veranstalteten Sex-Orgien und wollten alle Weißen abstechen bzw. den Hals abschneiden. Vergewaltigt wurden aber nur schwarze Frauen, teilweise mit Flaschen. Genau die Gräuel, die man den Schwarzen vorgeworfen hat, wurden nur an Schwarzen verübt.
  • Anfang der 90ger Jahre habe ich im Guardian gelesen, dass ein Untersuchungsausschuss im britischen Parlament festgestellt hätte, dass die „Bedrohungslage“ durch die Sowjetunion immer durch westliche Kreise aufgebauscht wurde. Dies ging so weit, Ideen für neue Waffensysteme „unserer“ Rüstungsindustrie als tatsächliche Rüstungsprojekte der Sowjetunion darzustellen, und jetzt leider, leider eine „Lücke“ festgestellt werden müsse, die durch eigene Aufrüstung „ausgeglichen“ werden müsse. Als „Beweise“ wurden Zeichnungen und Berechnungen genannt, die durch unsere Spionage entdeckt wurden. die aber in Wirklichkeit Blaupausen der „eigenen“ Waffenindustrie waren.

Ein weiterer Vorteil bei dieser Strategie ist, dass sie dem eigenen Volk plausibel scheinen. Schlicht und ergreifend weil sie „unseren“ Denkmustern entsprechen. Hierzu auch ein Beispiel, dieses mal zu den Anschlägen des 11.September: Mohamed Atta erwähnt in seinem Gebet seine Familie. Der britische Journalist Robert Fisk weist zurecht darauf hin, dass kein Moslem - und sei er noch so ungebildet - dies tun würde. Aber das Erwähnen der Familie passt gut zu unseren Denkmustern.

Drittens gibt es immer die Möglichkeit, grausame Taten aus der Vergangenheit, die von der „eigenen“ Seite oder von Dritten begangen wurden, dem „Feind“ zuzuschreiben. Auch hierzu nur ein Beispiel: Ende des 19ten, Anfang des 20ten Jahrhunderts wurden in der westlichen Presse (die damals wesentlich vielfältiger war, als heute – aber das nur nebenbei) ausführlich über die Gräuel im „Kongofreistaat“ von König Leopold berichtet. Unterschiedsloses Morden, Abhacken von Händen, Babys zur Abschreckung an Wände nageln usw. usw. Die Berichte endeten um 1908, als die Privatkolonie von König Leopold an den belgischen Staat gegeben wurde (Belgisch-Kongo). Als dann 1914 deutsche Truppen in Belgien einmarschierten, verbreitete die britische Propaganda, dass die deutschen Truppen in Belgien genau die Gräuel begangen haben, die ein paar Jahre vorher im Kongo begangen wurden. Und es hat geklappt, die britische und US-amerikanische Öffentlichkeit glaubte die Propaganda, weil sich alle an die Zusammenhänge erinnerten: Belgien, Baby an die Wand nageln etc. Hab ich schon einmal gehört, es passt also, da wird ja etwas dran sein.