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https://www.swr.de/swr2/leben-und-gesell...8-100.html

Zwei Überlebende - Und vier Jahre nach dem Terroranschlag in Berlin, Breitscheidplatz

Von Hans Rubinich

Weihnachten jährt sich zum vierten Mal der Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz im Jahr 2016. Sascha Klösters aus Düsseldorf war mit seiner Mutter auf dem Weihnachtsmarkt. Sie kam ums Leben, er wurde schwer verletzt und musste vorübergehend seinen Beruf als Pilot aufgeben. Sascha Klösters hält engen Kontakt zu Astrid Passin, der Sprecherin der Angehörigen. Sie macht deutlich, wie wichtig es für alle ist, sich weiter gegenseitig zu unterstützen. Der Anschlag dürfe nicht vergessen werden und es müsse weiter nachgehakt werden, was damals schieflief und wie er hätte verhindert werden können.
Sendung am Fr, 11./18.12.2020 15:05 Uhr, SWR2 Leben, SWR2


https://www.deutschlandfunkkultur.de/pro...14.12.2020

TAGESPROGRAMM Montag, 14. Dezember 2020

19:05 Uhr
Zeitfragen. Politik und Soziales
Magazin
19:30 Zeitfragen. Feature 
Terroranschläge in Deutschland
Überlebende und Angehörige berichten über die Zeit danach

Von Hans Rubinich
Von einem Tag auf den anderen Tag ändert sich das Leben von Astrid P. Ihr Vater kommt bei dem Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz ums Leben. Seit vier Jahren setzt sie sich ein für Betroffene und Hinterbliebene. Wie Sascha Klösters. .....
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Zwei Überlebende – vier Jahre nach dem Terroranschlag vom Breitscheidplatz in Berlin

Weihnachten jährt sich zum vierten Mal der Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz im Jahr 2016. Sascha Klösters aus Düsseldorf war mit seiner Mutter auf dem Weihnachtsmarkt.

Sie kam ums Leben, er wurde schwer verletzt und musste vorrübergehend seinen Beruf als Pilot aufgeben.

Sascha Klösters hält engen Kontakt zu Astrid Passin, der Sprecherin der Angehörigen. Sie macht deutlich, wie wichtig es für alle ist, sich weiter gegenseitig zu unterstützen. Der Anschlag dürfe nicht vergessen werden und es müsse weiter nachgehakt werden, was damals schieflief und wie er hätte verhindert werden können.

Audiobeitrag

Manuskript zur Sendung
https://www.swr.de/swr2/leben-und-gesell...18-102.pdf

SWR2 Leben Zwei Überlebende - Und vier Jahre nach dem Terroranschlag in Berlin, Breitscheidplatz Von Hans Rubinich Sendung: 18.12.20, 15.05 Uhr Redaktion: Rudolf Linßen Regie: Günter Maurer Produktion: SWR 2020

O-Ton 1 Sascha Klösters: 
Ich habe mir die Frage gestellt: Hab ich mir das alles eingebildet vom Breitscheidplatz? Und um diesen Abgleich zu bekommen, habe ich dann nach Bildern im Internet recherchiert. Ich habe auch viele Bilder und Bildmaterial gefunden, um dann für mich auch so einen kleinen Abschluss zu bekommen oder eine Wahrheit zu finden. Ich war wirklich vor Ort. Und ich habe das wirklich auch alles so erlebt, wie das auf den Bildern auch zu sehen ist. 

Sprecher: 
Sascha Klösters, Überlebender des Terror-Anschlags auf dem Breitscheidplatz.

O-Ton 2 Sascha Klösters: 
Es ist für mich eine Art der inneren Aufarbeitung. (..) Nichts ist so grausam wie das, was ich vor Ort live erlebt habe. Das heißt, die Bilder sind niemals so grausam wie das, was sich wirklich vor Ort abgespielt hat. 

Sprecher: 
Vor knapp vier Jahren berichtete ich über den Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz. Ich begleitete Betroffene. Einer davon war Sascha Klösters aus Neuss bei Düsseldorf. In der Zwischenzeit hat sich viel getan. So verdichten sich die Hinweise, der Anschlag hätte vielleicht verhindert werden können. Ein Verbindungsmann der Polizei in Nordrhein-Westfahlen soll die Behörden über den Anschlag informiert haben. Doch ihm wurde vermutlich nicht geglaubt. Finanziell sieht es für die Angehörigen besser aus als zu Beginn, dennoch gibt es noch viele bürokratische Hürden. Und: Der Terroranschlag spielt bei den Betroffenen in ihrem Leben weiter eine sehr große Rolle. Mit Sascha Klösters habe ich mich in den vergangenen Monaten auf Spurensuche begeben. Berichten wird auch Astrid Passin, sie ist die Sprecherin der Angehörigen. Sascha Klösters und seine Mutter standen bei dem Anschlag in Berlin vor vier Jahren an einer Glühweinbude. Es war die Glühweinbunde, in die der Lastwagen raste. 

O-Ton 3 Sascha Klösters: 
Wir hatten nur den Blick gehabt quer zur Gehrichtung des Weihnachtsmarktes. Und den LKW selber haben wir auch nicht gesehen. (..) Wir haben nur gehört, wie es geknallt hatte. Wie das immer lauter wurde. Und man hat überhaupt keine Zeit darüber nachzudenken, was das ist. Sondern da ist das schon bei uns passiert. Es ging alles ganz schnell – etwa zwei Sekunden bei uns- und die ganze Bude wurde zerstört. Man realisiert das erst mal so gar nicht, was da passiert. Auch nicht, was um einen herum passiert ist. Ich meine, es wurde unheimlich still. Die Leute, die geschrien haben, waren weg. Und die Leute, mit denen wir vorher noch Spaß gehabt hatten, die lebten nicht mehr oder lagen schwer verletzt auf der anderen Seite. Das ist sehr schwer, das überhaupt zu beschreiben. 

Sprecher: 
Seine Mutter kommt bei dem Anschlag ums Leben. 

O-Ton 4 Sascha Klösters: 
Ich hatte etwa noch 3-4 Minuten mit meiner Mutter geredet. (..)Und dann – dann wurde ich weggetragen von Helfern, weil dann auch die Schmerzen einsetzten.(..). Und dann habe ich das alles nur noch aus drei vier Metern Entfernung mitbekommen. Wie die dann anfingen mit den Reanimations-Maßnahmen. Da habe ich mir schon ausgemalt, dass das nicht gut ausgeht. Sprecher: Sascha Klöster sucht im Internet, entdeckt Bilder, die seine Mutter am Tatort zeigen. O-Ton 5 Sascha Klösters: Auf dem Bild liegt sie auf dem Boden. Wenn man genauer hin sieht, dann sieht man auch, dass halt das linke Bein fehlt. (..) O-Ton: Es ist schwierig, als ich das Bild zum ersten Mal gesehen hatte. Da bleibt einem erst mal der Atem weg. Da muss man schlucken, und das ist nicht einfach, weil genau an dieser Stelle wird dann plötzlich wieder alles präsent. Das gesamte Geschehen ist wieder vor Augen 

Sprecher: 
Sascha Klösters wird bei dem Anschlag schwer verletzt. Es wird einige Zeit dauern, bis er wieder fliegen kann. Sascha Klösters Beruf ist Pilot. 

O-Ton 6 Sascha Klösters: 
Das ist nicht so einfach gewesen mit den Verletzungen, die ich hatte. (…) Nur mit einer intensiven Reha-Maßnahme habe ich das im Endeffekt wieder zurück geschafft in meinen Beruf. Das war mir ein sehr großes Anliegen und auch mein größter Wunsch. 

Sprecher: 
Andere Betroffene haben es noch nicht geschafft. 

O-Ton 7 Sascha Klösters: 
Sie sind bis heute arbeitsunfähig geschrieben. Das betrifft nicht nur die Opfer selber, es betrifft ja auch die Feuerwehrleute, die Polizei, Leute, Polizeibeamte, die im Dienst gewesen sind an diesem Abend. Und das ist eine beträchtliche Anzahl, die bis heute nicht in der Lage sind, in ihren Beruf zurückzukehren. 

Sprecher: 
Schon sehr bald nach dem Anschlag entsteht bei den Angehörigen die Idee, sich gegenseitig zu helfen und zu unterstützen. Eine Gruppe entsteht. Astrid Passin leitet sie. Ihr Vater kam bei dem Anschlag ums Leben. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin besuchte er den Weihnachtsmarkt. 

O-Ton 8 Astrid Passin: 
Das war eine spontane Idee. Die wollten ins Theater gehen. (..) Die Frage war nur, ob sie noch reinkommen, weil sie noch keine Karten hatten. Und da das eine Veranstaltung war, die sehr gut besucht wurde, standen sie vor dem Theater und haben festgestellt: Das geht doch nicht, sie kommen nicht rein. Also Alternative – was machen wir jetzt? Wir gehen mal zum Weihnachtsmarkt. Und essen da vielleicht eine Kleinigkeit in der Nähe und das war eigentlich so das Moment, was entscheidend war.

Sprecher: 
Am nächsten Morgen ruft die Lebensgefährtin ihres Vaters sie an. 

O-Ton 9 Astrid Passin: 
Ich habe sie erst gar nicht verstanden. Sie hat nur geweint und was geschrien am Telefon. (..) Und irgendwann kam dann der Satz: Papi ist tot. Wie jetzt- Papi ist tot? Und dann hat sie mir gesagt: Wir waren gestern auf dem Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheid-Platz. (..) Das war dieser Moment, der so einschlug im Körper, wie man es nicht kennt, wie man es nicht kennen kann. Was eine absolute Ausnahme-Situation war. Gott sei Dank war ich allein. Ja –man weiß nicht wohin mit sich. (...). Und man ist so unter Spannung. Und in dem Moment war ich außer mir und bin zusammen gebrochen. Ich konnte dann auch nicht mehr weiter reden. (..)Man kann es einfach nicht fassen, dass man betroffen ist, dass jemand aus der Familie dabei ist. 

Sprecher: 
Astrid Passin wohnt in Berlin zusammen mit ihrer Tochter. Ich habe sie oft nach dem Anschlag besucht. Jetzt im Herbst haben wir uns wieder gesehen. Seit Anfang unterstützt sie die Hinterbliebenen, jetzt will sie sich ihnen noch viel mehr widmen. 

O- Ton 10 Astrid Passin: 
(..) An dem Punkt bin ich jetzt. Ich habe auch mein Geschäft aufgegeben. Meine Selbstständigkeit. Und will mich jetzt hundertprozentig auf die Sache konzentrieren Das ist jetzt für mich einfach der Punkt, wo ich sage: Ich kann jetzt einen neuen Lebensabschnitt beginnen. Für mich fängt jetzt eine neue Zeit an, weil die Arbeit, die ich bisher gemacht habe, die passt nicht mehr mit dem zusammen, was ich in mir fühle, was ich machen möchte, nämlich Betroffenen helfen, Hilfestellungen geben und die Verbindung zur Politik immer aufrecht zu erhalten, mitzuwirken an politischen Prozessen und natürlich auch zu vermitteln. Und durch die eigene Erfahrung glaube ich, dass es ein großer Vorteil ist, dass man sich da nicht erst ein Vertrauen erarbeiten muss, sondern dass es einfach da ist, Verbindung schaffen zu anderen Organisationen, die mit gleichen Themen arbeiten. 

Atmo Breitscheidplatz 

O-Ton 11 Helfer: 
Mein Name ist Gerhard Sawatzki. Ich war am 19. 12. 2016 am Breitscheidplatz. Ich war Sekunden, bevor der Lkw durchgefahren ist, noch in der Fahrbahn und war dann unmittelbar nach dem Anschlag auch Ersthelfer, um Menschen zu helfen, die dort verletzt wurden. 

Sprecher: 
Berlin, im April 2020. Sascha Klösters hat sich mit einem Helfer des Anschlags verabredet. 

O- Ton 12; Helfer: 
Herr Klösters und ich haben uns kennengelernt bei Jahrestagen, (..) sind mittlerweile sehr gut vernetzt. Wir kennen beide Astrid Passin ganz gut (..) und tauschen uns einfach aus mit unseren Erfahrungen, wie es uns geht und was wir eigentlich gemeinsam tun können, um anderen auch noch mehr zu helfen. 

Sprecher: Sascha Klösters

O-Ton 13 Sascha Klösters: 
Wir befinden uns in der Nähe vom Breitscheidplatz. Es ist recht spät geworden, das stimmt ja, aber trotzdem habe ich überlegt, nochmal eine Runde über den Breitscheidplatz zu drehen. Also noch einmal einen kurzen Blick auf die Treppenstufen, auf die Namen der Hinterbliebenen. Das ist so ein Ritual, was ich pflege, wenn ich hier in Berlin bin. 

Sprecher: 
Ein Thema an diesem Abend ist die Sorge um Sascha Klösters Vater. Er lebt nun allein in dem Haus, das er mit seiner Frau bewohnt hat. 

O- Ton 14 Helfer: 
Wir haben darüber gesprochen, dass es dem Vater nicht gutgeht. (..) Und dass es ihm natürlich schwer fällt, die Situation zu akzpetieren, und auch einen neuen Punkt im Leben zu finden. 

Sprecher: 
Beide überlegen, ob für den Vater eine neue Wohnung nicht das Beste wäre. 

O-Ton 15 Helfer: 
Ich habe gesagt, wenn dein Vater das nächste Mal in Berlin ist, bin ich gern bereit, mit ihm darüber zu reden. (..) Und Sascha weiß, dass ich es ernst meine. Wir sind so eng miteinander mittlerweile, dass es eigentlich klar ist. 

O-Ton 16 Sascha Kösters: 
Ich meine, in dem Haus, in dem er jetzt lebt, da hat vorher jemand gewohnt, der diese Räume auch mit Leben gefüllt hat. Wenn diese Person nicht mehr ist, dann wird das alles sehr still. Und das, was da passiert, macht etwas mit einem. (..)  Es ist nicht mehr das Leben, was man vorher geführt hat. 

Sprecher: 
Die beiden Anschläge der vergangen Wochen sind auch Thema an diesem Abend: Im hessischen Hanau erschoss ein Täter neun Menschen. In Volkmarsen raste ein 29jähjriger mit seinem Auto absichtlich in eine Menschenmenge, darunter waren auch Kinder. 

O-Ton 17 Helfer: 
Ich erinnere mich (..) wenn ich solche Nachrichten bekomme wie aus Hanau, natürlich exakt an das, was wir in dieser Nacht erlebt haben. Und die ganzen Bilder sind natürlich auch präsent. 

O-Ton 18 Sascha Klösters: 
Ich habe mich ja schon fast selber gesehen bei diesen Bildern. Es gibt da die Parallelen zum Breitscheidplatz. Und wenn man sich diese Bilder anschaut, die in den Medien präsentiert wurden von diesem Geschehen dort, dann fällt einem erstmal Breitscheidplatz ein, und auch die ganzen schrecklichen Momente, die man hatte. Die kommen wieder, die sind wieder präsent. Ich will jetzt nicht sagen Flashbacks. Aber dann ist man wieder voll im Thema dabei, und umso schlimmer ist das, wenn man sieht, dass Kinder dabei sind. 
Ich habe auch direkt gedacht an die Hinterbliebenen. Ich hab gedacht Mensch, wir wissen, wie wir damit klargekommen sind mit der Situation.(..) 
Wir haben quasi Wege geebnet, um Probleme zu lösen. (..) Die Entschädigung, die wurde ja aufgestockt. 
Klösters: Ich würde mit diesen Betroffenen gerne reden wollen, weil ich bereits das Paket an Erfahrungen vom Breitscheidplatz mitbringe, und ich habe das Einfühlungsvermögen, mich auf diese Ebene zu lassen. (..) Ich glaube, dass es sehr gut tut für die Hinterbliebenen über das Thema zu sprechen, dass man die Erfahrungen austauscht auf beiden Seiten. (..) Das finde ich sehr wichtig. 

Sprecher: Astrid Passin hat Kontakt aufgenommen zu Hinterbliebenen von Terrorakten. 

O-Ton 19 Astrid Passin: 
Ja – vereinzelt. Es ist jetzt nicht ein stetiger Kontakt, aber immer mal wieder. Es sind mittlerweile Betroffene von dem Anschlag in der Türkei, Tunesien, Ägypten. 7 
weiter Passin: Man ist sofort verbunden. Da gibts überhaupt keine Barriere. Man hat so ein MegaVertrauen, und man kann sich einfach über die Dinge unterhalten, ohne dass man das Gefühl hat, man überschwemmt diejenigen mit der Erfahrung, die man machen musste, sondern da wurde eben Gleiches empfunden. Und wenn da Tränen fließen, wenn da Momente sind, wo man emotional einbricht, man wird festgehalten, man wird aufgefangen. 

Sprecher: 
Sascha Klösters und ich haben uns für den nächsten Tag verabredet mit Roland Weber. Er ist der Opferbeauftragte der Stadt Berlin. Auf dem Weg dorthin erzählt er von einer guten Nachricht. In seinem Leben hat sich etwas entscheidend geändert. Er hat eine Freundin. 

O-Ton 20 Sascha Klösters: 
Ich habe sie auf jeden Fall in die ganze Thematik Breitscheidplatz eingeweiht. Für sie ist das alles sehr schwer nachzuvollziehen. Natürlich. Ich bin auch ein bisschen vorsichtig, wie das ist mit den ganzen Eindrücken, die ich erhalten habe zum Zeitpunkt des Anschlages. Man hat ja auch eine gewisse Verantwortung mit dieser Geschichte. Und ich möchte, da andere Personen, die jetzt nicht beteiligt waren, nicht einfach so herein ziehen und emotional belasten. Aber ich glaube, sie hat schon verstanden, worum es ging. 

Sprecher: 
Roland Weber ist Anwalt und hilft seit Anfang an den Hinterbliebenen des Terroranschlags. Er empfängt uns mit frischem Kaffee. Sascha Klösters holt ein Blatt Papier. Darauf stehen Fragen, die er zusammen mit Astrid Passin aufgeschrieben hat. 

O-Ton 21 Sascha Klösters: 
Ich würde gerne einsteigen, mit der sehr interessanten Frage, inwiefern die Hinterbliebenen jetzt auch finanziell abgesichert werden. (..) Da hat sich eine Menge getan, und jetzt würde mich mal interessieren: Was ist jetzt quasi umgesetzt worden? 

O- Ton 22 Roland Weber, 01:03: 
Meines Wissens nach wurde umgesetzt: Extremismus-Leistungen, die Leistungen des Bundestages, (..) wurden rückwirkend hochgefahren für die Hinterbliebenen von zehn auf 30.000 und für die Verletzten von fünf auf 15. 000 Euro. 

O-Ton 23 Sascha Klösters: 
Es soll ja auch nicht mehr bei einer Einmal-Zahlung bleiben, gerade für die Schwerstverletzten, die nach wie vor auf Hilfe und finanziellerHilfe angewiesen sind. Das ist ein Zeitrahmen von vielen, vielen Jahren. Hat sich da einiges verbessert?  

O-Ton 23 Roland Weber: 
Soweit ich das beurteilen kann, ja. Insbesondere ist der Vergleich zu Frankreich spannend und zu anderen Staaten, die ja sofort sehr viel höhere Zahlungen erbringen, aber dann oftmals danach nichts mehr. Ich hatte mich mit der OpferBeauftragten von London unterhalten, die sagte, dort wäre auch nicht alles zum Besten bestellt. (..) Insofern ist das deutsche Modell zwar etwas schwerfälliger und weckt nach außen den Eindruck, es wird deutlich weniger geleistet. Aber über die Lebenszeit betrachtet und über den oftmals langen Zeitraum, in dem Betroffene Hilfe benötigen, stehen wir unterm Strich auch nicht schlechter da. 

Sprecher: 
Sorge bereitet Roland Weber etwas anderes: In Zukunft soll ein Anwalt vor Gericht mehrere Betroffene gleichzeitig vertreten. Roland Weber: 

O-Ton 24 Roland Weber 11.25: 
Das empfinde ich im Ergebnis sozial höchst ungerecht, wer also sozial nicht über den dicken Geldbeutel verfügt oder über eine besondere Rechtsschutz, der muss sich dann vom Gericht anhören: Ihr kriegt alle zusammen einen und die, die finanziell gut gestellt sind, da kann sich jeder seinen eigenen nehmen. (..) Das steht übrigens auch im krassen Widerspruch zu dem, was die Bundesregierung noch vor einigen Jahren vertreten hatte: Das hieß es: Menschen in Ausnahmefällen müssen wir helfen. Sie müssen den Anspruch auf einen eigenen Anwalt (..) ihrer Wahl haben. Sprecher: Astrid Passin hiflt den Betroffenen, wenn sie Anträge stellen, sich mit den Behörden auseinandersetzen müssen. Nicht selten würden die Bewtroffenen allein vom Beamtendeutsch schon abgeschreckt. So gibt es etwa einen „VerschlimmerungsAntrag”. Oder eine Hinterbliebene wurde aufgefordert, einen Antrag auf SchwerBeschädigung zu stellen. 

O-Ton 25 Astrid Passin: 
Die Behördenschreiben haben immer noch den gleichen Charakter (..) Das ist wirklich nicht mehr tragbar. (..) Es war es ja vor einem Jahr im Gespräch, dass es jetzt Fallmanager gibt. Das sind (..) Personen, die sich mit den betroffenen Fällen direkt verbinden und dann halt auch über eine längere Zeit betreuen. Die müssen aber jetzt ausgebildet werden. Und wenn es zwei für ganz Berlin gibt, ist das ja auch ein bisschen mau. Für die Fehler, die der Staat hier eindeutig zu verantworten hat, dann ist der Staat wirklich dafür zuständig. Und dann hat er auch dafür zu sorgen, dass die Betroffenen nicht um ihre Mittel bitten müssen. (..) 

Sprecher NEU: 
Astrid Passin kritisiert besonders das Versorungsamt in Berlin. Gutachter würden eher im Sinne des Amtes entscheiden. Finanzielle Hilfen für die Hinterbliebenen würden daher eher gering ausfallen. Eine Betroffene, die seit dem Anschlag im Rollstuhl sitzt, müsse sich sogenanten Bedürftigkeiten-Prüfungen unterziehen. Passin: Wenn es so weitergeht wie jetzt (..) wird es weitere Opfer geben, Suizid ist da ganz ganz weit vorne. Was ich ganz klar sagen muss, dass es so schwerwiegend den Leuten aufs Herz geht, aufs Gemüt geht, dass sie da nicht mehr rauskönnen. Sie haben Beklemmungen und Angst, dass sie dadurch noch mehr belastet werden und dann irgendwan sagen: „So Leute. Jetzt, habt ihr es geschafft. Ich kann nicht mehr. Ich gebe auf.” 

Sprecher: 
Düsseldorf, 27. Juni 2020. Zum 51. Mal tagt der Parlamentarische Untersuchungsausschuss im Landtag. Seit drei Jahren befragen Abegordente aller Parteien Zeugen, Bundesanwälte, Polizeikommissare zu dem Terroranschlag am Breitscheidplatz.Der Ausschuss tagt in Düsseldorf da der Täter in NordhreinWestfahlen gemeldet war. Sascha Klösters und andere Betroffene besuchen die Sitzungen fast regelmäßig als Zuhörer. Jörg Geerling leitet von Anfang an den Ausschuss. Nach der Sitzung empängt er uns. Sascha Klösters will mehr über den Attentäter wissen. 

O-Ton 26 Sascha Klösters: 
Es gab viele Indizien dafür, dass er halt schon früher verhaftet werden konnte. (..) Aber die Frage war immer: Auf welchem Weg? Das war immer sehr schwierig, da den richtigen Moment zu erwischen, um diese Person auch zu verhaften an Ort und Stelle. 

O-Ton 27 Jörg Geerling:
Das ist die Kernfrage. Und da teile ich auch die Auffassung. Ich glaube, es hätte viele Ansätze gegeben schon eher zuzuschlagen, vielleicht auch mit einer anderen Begründung. 

O-Ton 28 Sascha Klösters: 
Was mich interessieren würde: Ist das jetzt ein einzelnes Behördenversagen? Oder spricht man jetzt in der Summe der Behördenversagen eigentlich von einem Staatsversagen? 

O-Ton 29: 
Jörg Geerling, („Amri“ immer rausschneiden, sein Name sollte in der Sendung nicht fallen) Man kann natürlich nur bis vor die Stirn gucken, glaubt man. Es gibt aber inzwischen Methoden, die auch angewendet werden, die ein Psychogramm eines potenziellen Täter sehen. Und da hätte man sehen müssen, der (..) hat alle Voraussetzungen, ein schwerer Attentäter zu sein. (..) Da waren schon mehr Anhaltspunkte. Und auch von der Flüchtlingsunterkunft von Zimmergenossen, die gesagt haben Der hat da komische Videos, der erzählt uns den ganzen Tag: Wir müssen so und so leben. Wir wissen ja auch, dass unsere Behörden vielfach solche Anschläge auch im Vorfeld verhindert haben. Es ist ja nicht so, dass da schlecht gearbeitet wird oder sowas, auch wenn es in dramatischen Fällen, in Einzelfällen. natürlich daneben gegangen ist - wie hier. Sprecher: Heute beschäftigte sich der Ausschuss mit einem wichtigen Zeugen. Er war die wichtigste Verbindung zur Polizei in Nordrhein-Westhalen. Sein Deckname war VP 01, also Vertrauensmann 01. Er beschattete auch den Täter vom Breitscheidplatz, traf ihn mehrmals. Brisant: Einige Monate vor dem Terror-Anschlag in Berlin warnte VP 01 die Behörden. Der spätetere Attentäter hätte ihm anvertraut, er plane mehere Anschläge im Namen Allahs in Deutschland. Doch die Bundesbehörden schenkten seinen Angaben keinen Glauben. Das Landeskriminalamt in Düsseldorf sah das möglicherweise anders. 

O-Ton 30 Jörg Geerling: 
Wir haben heute über einen Streit gehört in der Sitzung, wie verschiedene Behörden unterschiedlich eine Person eingestuft haben in die Glaubhaftigkeit (..) und die Glaubwürdigkeit einer Person. Das ist etwas Persönliches. (..) Glaube ich dieser Person konkret? Ist sie vertrauenswürdig und sagt sie zudem auch noch glaubhafte Dinge? Diese zwei Dinge müssen immer unterschieden werden bei einem Zeugen. Da gab es öffentlich unterschiedliche Auffassungen. Sprecher: Einige Wochen später steht VP 01 vor dem Untersuchungs-Ausschus in Düsselorf. Er wiederholt: Die Bundesbehörden hätten ihm nicht geglaubt. Einige Monate später sei er sogar abgezogen worden, den späteren Attentäter weiter zu beschatten. Er stellte seinen Kontakt ein. Die Folge: Die Ermittler verloren den Islamisten und späteren Attentäter aus den Augen. In der kürzlich erschienenen Publiaktion „Undercover“ wird die Geschichte des V-Manns erzählt. Er selbst schreibt das Vorwort 
Zitator: Wenn alles gut gegangen wäre, wären nicht so viel Menschen gestorben. (..) Aber es ist nicht alles gutgegangen. (..) Ich hatte vor ihm gewarnt. (..) Ich hielt ihn sofort für gefährlich. (..) Bis heute mache ich mir Vorwürfe: Hätte Amris Anschlag verhindert werden können? Ich hätte das gekonnt. Es war mein Job. Ich habe einen Terroranschlag auf ein Einkaufszentrum verhindert. Warum also nicht auch seinen Anschlag? (..) Ich bin schon oft mit dem Tod bedroht worden. (..) Dieses Buch ist mein Vermächtnis. Ich bin Murat. Ich habe keine Angst mehr. 

Sprecher: 
Was der V-Mann schreibt und was er vor dem Ausschuss aussagt, entsetzen Astrid Passin, Sascha Klösters und die anderen Angehörigen. 

O-Ton 31 Astrid Passin: 
Es gab ja wesentliche Hinweise im Vorfeld (..) Das ist der Fakt, der nach wie vor extrem aufwühlt und der für uns noch nicht abgeschlossen ist. Und deswegen ist dieser Zeuge von erheblicher Relevanz, weil man ihm doch Aussagen bekäme, wo man weiß, derjenige war wirklich dran an der Person. Und das muss ja einen Grund haben, warum er in dem Moment abgezogen wird. (..) 

Sprecher: 
Astrid Passin macht sich Gedanken über das Vorgehen der Behörden. 

O-Ton 32 Astrid Passin 
Und selbst wenn das Leben von ihm gefährdet wäre, sind es ja trotzdem seine Informationen, die wichtig sind nicht nur für die Behörden, sondern auch für die Bevölkerung. Ich denke schon, dass es sehr, sehr wichtig ist, hier (..) mal jemanden dazu haben, der wirklich drin war und (..) in dem Spektrum der IS-Leute sich bewegt hat, (..) teilweise mit denen zusammen gelebt hat, als wenn es eigene Familienangehörige waren oder Freunde. 

O-Ton 33 Sascha Klösters: 
Es gab halt Geschichten vom LKA NRW, die berichtet haben, dass VP 01 über die Gefährlichkeit (..) berichtet hatte. Man hätte ihn also vorher aus dem Verkehr ziehen können. Es gab genug Indizen dafür. (..) Warum man das nicht gemacht hat, ist eine der ganz großen Frage, die uns brennend interessiert. 

O- Ton 34 Astrid Passin: 
Auf der anderen Seite gibt es auch Zeugen, was wieder sehr positiv ist. die gut vorbereitet sind und die können alle Namen nennen. (..) Und bei anderen, da fragt man sich, wozu die überhaupt da sind. (..) Und dann plötzlich sind die Notizen weg, sind nicht mehr vorhanden. Das wirkt alles nicht sehr glaubwürdig, und da ist der Punkt, wo ich dann immer sage: Wenn Sie in der gleichen Situation wären wie wir, Sie würden hier sitzen und müssten sich das anhören. Da kann man wirklich nur den Kopf schütteln und sagen: „Tut mir leid, aber hier ist wirklich mal Untersuchungsausschuss, und da haben Sie zu antworten und der Wahrheit entsprechend.” 
weiter Passin: 
Aber letztendlich ist das immer wieder frustrierend, wenn man darauf zurückfällt, dass man an der gleichen Stelle steht. Und sich sagt: Was ist eigentlich passiert? Wofür mussten unsere zwölf Angehörigen sterben? Und die Frage ist nicht beantwortet.---
"O-Ton 1 Sascha Klösters:
Ich habe mir die Frage gestellt: Hab ich mir das alles eingebildet vom Breitscheidplatz? Und um diesen Abgleich zu bekommen, habe ich dann nach Bildern im Internet recherchiert. Ich habe auch viele Bilder und Bildmaterial gefunden, um dann für mich auch so einen kleinen Abschluss zu bekommen oder eine Wahrheit zu finden. Ich war wirklich vor Ort. Und ich habe das wirklich auch alles so erlebt, wie das auf den Bildern auch zu sehen ist."

Jein. Kommt auf die Definition dessen an, was dort stattfand und wie groß sein Interesse an der Wahrheit wirklich ist, die er angeblich sucht.
Fr. 18.12.2020, 06:38

https://www.radioeins.de/programm/sendun...-geht.html

Vier Jahre Breitscheidplatz-Attentat
Wie es den Opfern und Hinterbliebenen geht
Morgen jährt sich der islamistische Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz zum vierten Mal. Am 19. Dezember 2016 raste der Islamist Anis Amri mit einem gestohlenen Lkw in die Menge. Die erschütternde Bilanz: zwölf Tote und rund 120 Verletzte.

Nach dem Attentat auf dem Berliner Breitscheidplatz kämpfen die Verletzten und Hinterbliebenen bis heute mit den Folgen dieses Anschlags – vielfach auch mit den Ämtern und Behörden um ihre Ansprüche. So auch Mohammad W., der bei dem Anschlag schwer verletzt wurde und seither nicht mehr gehen kann.

Der damals 39jährige reagiert nach dem Anschlag sofort, leistet Erste Hilfe. Als er versucht, drei eingeklemmte Opfer zu befreien, stürzt ein Crêpes-Stand über ihm zusammen. Mohammed wird schwarz vor Augen, er erwacht erst wieder in der Klinik, die er für lange Zeit nicht mehr verlassen wird. Die Diagnose: Quetschung des Rückenmarks, Rollstuhl. Der gebürtige Libanese kämpft bis heute mit den Folgen des Massakers: Albträume, Panikattacken, Seh- und Hörstörungen. Dazu der permanente Kampf mit den Behörden um einen besseren Rollstuhl, ein Pflegebett, Kostenübernahme für die Psychotherapie. Sein Leben ist nach dem 19.12.2016 ein völlig anderes: Ruinierte Gesundheit, Scheidung, Verlust des Arbeitsplatzes.

Jo Goll von rbb|24 Recherche hat Mohammed W. besucht und berichtet darüber.
Download (mp3, 5 MB)

Der Beitrag ist noch bis zum 18.01.2021 verfügbar.
https://www.ndr.de/nachrichten/info/Vier...98776.html

Vier Jahre nach dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz
Sendung: Infoprogramm | 19.12.2020 | 07:08 Uhr4 Min | Verfügbar bis 26.12.2020
https://www.ekbo.de/livestream

Gedenkandacht zum vierten Jahrestag des Anschlags auf dem Berliner Breitscheidplatz
https://www.youtube.com/watch?v=Kqjd7AXC...e=emb_logo